Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Gau-Odernheim (VG Alzey-Land, Landkreis Alzey-Worms) 
Jüdische Geschichte / Synagoge   
   

Übersicht:   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 

In der im Mittelalter freien Reichsstadt Gau-Odernheim (bis 1896 gewöhnlich nur Odernheim genannt) lebten Juden bereits im Mittelalter. In den 40er-Jahren des 14. Jahrhunderts war der Binger Jude Abraham von Kreuznach mit der Einziehung der Judensteuer von Odernheim für den Mainzer Erzbischof beauftragt. Von der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 waren auch die hier lebenden Juden betroffen. Danach sind jüdische Personen erst wieder seit 1403 oder spätestens seit 1418 nachweisbar. Eine Vertreibung der Juden aus der Stadt ist nicht nachzuweisen. 1530 wird die Aufnahme eines Juden berichtet. 
  
Auch im 17. Jahrhundert sollen Juden in der Stadt gelebt haben. Um 1804 wohnten jedoch nur noch 14 Juden am Ort. 
   
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1861 82 jüdische Einwohner (4,5 % von insgesamt 1.813 Einwohnern), 1880 106 (6,2 % von 1.700), 1900 76 (4,3 % von 1.758), 1905 76, 1910 64 (3,8 % von 1.697). Zur jüdischen Gemeinde Gau-Odernheim gehörten im 19. Jahrhundert zeitweise auch die in Köngernheim lebenden jüdischen Personen. In den 1920er-Jahren waren diese der Gemeinde Hahnheim zugeteilt. Die bekanntesten jüdischen Familiennamen waren Maier, Rothschild, Haas, Maas, Heumann, Köhler, Trum u.a.m.  
    
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibung der Stelle von 1889 unten).     

1925 wurden noch 55 jüdische Einwohner gezählt (3,0 % von insgesamt 1.822 Einwohnern). 1932 waren die Gemeindevorsteher Adolf Trum, Adolf Hermann und Josef Köhler. Den jüdischen Religionsunterricht besuchten im Schuljahr 1931/32 noch sechs Kinder.
 
1933 lebten noch 37 jüdische Personen in Gau-Odernheim. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien sind in den folgenden Jahren fast alle von ihnen ausgewandert (insbesondere in die USA) oder in andere Orte verzogen. Fünf Personen sind noch in Gau-Odernheim verstorben. Auch der Vorsitzende der Gemeinde Adolf Trum, verstarb noch in Gau-Odernheim. Ab 1935 war sein Nachfolger Josef Köhler. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge demoliert.    
       
Von den in Gau-Odernheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna Allmeyer geb. Köhler (1880), Hedwig David geb. Trum (1900), Emma Gottschalk geb. Haas (1876), Mathilde Grünewald geb. Köhler (1887), Karoline Haas (1887), Lina Heimann geb. Vogel (1867), Jakob Heumann (1872), Mathilde Grünewald geb. Köhler (1887), Bertha Koch geb. Köhler (1864), Theodor Köhler (1880), Mathilde Levy geb. Heumann (1867), Philippine Lyon geb. Rothschild (1859), Berta Maier (1907), Johann Maier (1935), Ludwig Maier (1906), Anna Neu geb. Falkenberg (1877), Cäcilie Rothschild geb. Wolf (1863), Fanny (Hanni) Rüb (1874), Sophie Rüb (1882), Else Trum (1903), Hedwig Trum (geb. ?), Hermann Trum (1876), Rosalie Trum geb. Trenn (1909), Bernhard Vogel (1869).
  
Auf dem allgemeinen Friedhof der Gemeinde befindet sich ein Gedenkstein mit einer Menora und der Inschrift: "Der jüdischen Gemeinde und allen Opfern des Faschismus in Gau-Odernheim - Gegen das Vergessen".   
    
   
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers, Vorbeters und Schochet 1889 

Gau-Odernheim Israelit 24061889.jpg (29913 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24.6.1889: "Bis spätestens 1. August dieses Jahres soll die hiesige Kantor- und Religionslehrerstelle wieder besetzt werden. Musikalische, seminaristisch gebildete Bewerber wollen sich unter Einreichung ihrer Zeugnisse bei dem Unterzeichneten melden. Zugleich Schochet ist angenehm. Das fixe Gehalt, welches sich später steigern kann, beträgt 800 Mark, 300 Mark Heizungsvergütung und freie Wohnung. Nebenverdienste 2-300 Mark. Die Schechita bringt jährlich 300 Mark ein. 
Gau-Odernheim (Rheinhessen), im Juni 1889. A. Stern, Lehrer."

   
Zwei Artikel zu Lehrer Klingenstein in Odernheim (wahrscheinlich Gau-Odernheim gemeint)
Es könnte auch Odernheim am Glan gemeint sein, doch lebten dort um 1860 nur noch etwa 15 jüdische Personen in höchsten fünf Familien.

Odernheim AZJ 18061861.jpg (97995 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Juni 1861 - Buchvorstellung: "'Der Unterricht im Hebräischen. Methodische Anleitung für israelitische Lehrer und die es werden wollen. Von J. Klingenstein, Lehrer in Odernheim. Oppenheim am Rhein und Darmstadt. 1861.' Diese Schrift soll eine Art Methodologie für den Unterricht im Hebräischen und den israelitischen Schulen sein und bringt hierüber manche gute Ansicht, sowie eine systematische Aufstellung. Obgleich wir nicht glauben, dass jeder Lehrer nach diesem Schema seinen Unterricht zuschneiden möge, da hierbei auch die Lokalität, Schulzeit usw. mitsprechen, so wird doch die Lesung dieser Schrift auf jeden Lehrer anregend wirken und die Herbeiführung einer methodischen Unterrichtsweise, die an den meisten Orten noch immer auf sich warten lässt, wesentlich fördern."     
   
Odernheim Israelit 17061863.jpg (89239 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1863: "Zum Schlusse ein Kuriosum: Es sind gerade heute acht Tage, da kamen Landsleute zu uns mit folgender rituellen Anfrage: die betreffende Landgemeinde habe seit langer Zeit keinen eigenen Vorsänger; da habe der Vorstand derselben einen Lehrer in der Nähe zur Abhaltung des Sabbat-Morgen-Gottesdienstes für 70 Gulden jährlich engagiert; der komme morgens um 10 Uhr, nachdem er in seiner Gemeinde vorgebetet habe, und bete dann noch einmal vor, Schacharith und Mussaph. Die Anfragenden fühlten sich in ihrem Gewissen beschwert und fragten bei uns an, ob denn das so erlaubt und in Ordnung sei. Dieser fromme Lehrer, der wenn er es bezählt bekömmt, sogar zweimal Schacharith und zweimal Mussaph betet, ist Herr Klingenstein aus Odernheim, derselbe, der so sehr gegen den Formalismus eifert. Was würde Herr Klingenstein noch tun, wenn er es - bezahlt bekäme?".  

     
     
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Antijüdische Stimmung am Ort (1848)
   
Anmerkung: als Ort im Kreis Worms wird "Obenheim" genannt, wobei wohl (verschrieben) Gau-Odernheim gemeint ist, das bis 1896 nur Odernheim hieß.     

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter"  vom 8. September 1848: "Großherzogtum Hessen. Vor Kurzem ist mir die Nachricht geworden, dass im Kreise Worms, in Odenheim (gemeint wohl: Gau-Odernheim), die Israelitischen von ihren Mitbürgern nicht nur bei Tag, sondern auch bei Nacht viele Plackereien und Unbilden zu erdulden hatten. Da sie nun durch solche Vorfälle und Veranlassungen ihre Ruhe gefährdet sahen und für ihre Sicherheit und Leben besorgt waren, so suchten sie darum nach, dass ihnen eine Schutzgarde gewährt würde, welche auch wahrscheinlich bewilligt worden ist. Du vielgepriesene deutsche Eintracht, Freiheit und Brüderlichkeit! Wann wird dieses alles eine Wahrheit werden? So lange man noch einzelne Bürger beunruhigt und durch militärische Hilfe erst ihnen Sicherheit gewähren kann, so lange wird die deutsche Brüderlichkeit nur ein Ideal sein".    

  
Antisemitische Umtriebe - Schlägerei zwischen "Agenten der Antisemitenpartei" und jüdischen jungen Leuten (Oktober 1891) 

Woerrstadt Israelit 09111891.jpg (103298 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1891: "Alzey, 3. November (1891). Das amtliche Organ des Kreisamts für den Kreis Alzey schreibt in seiner Nummer vom 1. November: Die antisemitischen Hetzereien der letzten Wochen beginnen ihre Früchte zu tragen: In Wörrstadt störte antisemitischer Pöbel ein harmloses Tanzvergnügen, das anlässlich der jüdischen Feiertage stattfand. Die Gesellschaft musste das Lokal verlassen, um Gewalttätigkeiten aus dem Weg zu gehen. Zwischen nach Odernheim entsandten Alzeyer Agenten der Antisemitenpartei und einigen israelitischen jungen Leuten kam es zu einer nicht unerheblichen Schlägerei. Es ist keine Agitation zu denken, welche einerseits tiefer verletzt, andererseits die rohesten Instinkte der Menschennatur mehr aufstachelt, als diese antisemitisch-anarchistische Hetze. Wenn auch schon die Anrüchigkeit der meisten Führer der Partei - der 'nationalen' wie der lokalen - ein Übergreifen der Bewegung auf weitere bürgerliche Kreise ausschließt, so begreifen wir doch die Behörde nicht, die, sonst so tatkräftig, hier mit verschränkten Armen zuschaut, wie Aufruhr und Gewalt gepredigt und schließlich in die Tat umgesetzt wird. Wohin soll das führen?"  

   
      
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
  
Lehrer A. Stern empfiehl den Wein von Weinbergbesitzer W. Racky (1889)      

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1889: 
"Ia Rheinwein, weiß 50, 60 und 70 Pfennig, rot 80 und 100 Pfennig à Liter. 
W. Racky,
Weinbergbesitzer, Odernheim (Rheinhessen). Vorstehenden Wein kann bestens empfehlen. 
A. Stern
, israelitischer Religionslehrer, Odernheim."     

   
    

Zur Geschichte der Synagoge  

Ein Betsaal war vermutlich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorhanden. 1868 wurde eine neue Synagoge in einem heute noch erhaltenen Gebäude in der Mainzer Straße eingerichtet. Der Betsaal hatte mehrere hohe Rundbogenfenster, die auf einem Foto von 1965 teilweise noch sichtbar sind. 
    
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge demoliert. 1939 sollte das Gebäude als "Landarbeiterlager für Mädels" verwendet werden, wurde jedoch zu einem Wohnhaus umgebaut. 
  
Eine Gedenk- oder Hinweistafel ist noch nicht vorhanden. Die Restaurierung des Gebäudes wurde in den letzten Jahren immer wieder angedacht. Zur aktuellen Entwicklung (2010/11) Informationen im nachfolgenden Bericht von Heiner Illing:   

Bericht zur aktuellen Situation um den Erhalt der ehemaligen Synagoge in Gau-Odernheim von Heiner Illing (1. Beigeordneter, Ortsgemeinde Gau-Odernheim) vom 8. Dezember 2011:      
"Die ehemalige Synagoge befand sich seit den Pogromen in der NS-Zeit in privatem Besitz.
Nachdem der letzte Besitzer verstorben war, stand das Gebäude 2010 zur Zwangsversteigerung an. Auf Initiative der SPD-Ratsfraktion beschloss der Gemeinderat, das Gebäude aus folgenden Gründen zu ersteigern: 
1. Übernahme der geschichtlichen Verantwortlichkeit und Konservierung des Gedenkens
2. Verhinderung, dass rechte Gruppierungen das Gebäude ersteigern und einem weiteren Frevel unterwerfen
3. Verhinderung , dass Immobilienfirmen das Gebäude übernehmen und abreißen
4. Langfristige Planung zur Erinnerungsstätte 
5. Rückführung in einen gemeinschaftlichen Versammlungsort. 
Unter Punkt 5 ist angedacht, den ehemaligen Betraum im ersten Stock in seiner ursprünglichen Größe wiederherzustellen und als Versammlungs- und Veranstaltungsort zu nutzen. Die unteren Räume sollen den Vereinen u.a. als Archiv zur Verfügung gestellt werden. Dies sind jedoch Gedankenspiele, zu denen es noch keine Planungen gibt. 
Für den Winter 2011/12 sind zunächst Erhaltungsmaßnahmen am Dach und an der Dachentwässerung, sowie einige "kosmetische" Arbeiten an der Fassade geplant. Im Frühjahr 2012 soll noch ein Hinweisschild angebracht werden". 

 

Adresse/Standort der SynagogeMainzer Straße 18.

Fotos
(Foto links im Synagogenbuch Rheinlandpfalz s.Lit. S. 163; Foto rechts Hahn, Aufnahmedatum 3.8.2005) 

GauOdernheim Synagoge 02.jpg (53210 Byte) GauOdernheim Synagoge 100.jpg (31560 Byte)
Auf dem 1965 entstandenen Foto sind noch drei
 teilweise zugemauerten Rundbogenfenster zu sehen.
Das ehemalige Synagogengebäude 
im Sommer 2005.

      

   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

Juni 2011: Die Restaurierung der ehemaligen Synagoge wird im Gemeinderat diskutiert     
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung" (Regional-Ausgabe) vom 17. Juni 2011 (Artikel): "Rathaus ist als erstes dran.
GAU-ODERNHEIM. RAT Gau-Odernheimer beschließen Prioritätenliste zur Gebäuderenovierung

(cbo). Längere Diskussionen gab es in der Gemeinderatssitzung bei der Festlegung einer Prioritätenliste für den Umbau beziehungsweise die Renovierung öffentlicher Gebäude in der Petersberggemeinde... Mit den Stimmen der absoluten Ratsmehrheit der SPD wurde deren Prioritätenliste für den Ausbau öffentlicher Gebäude beschlossen, deren Reihenfolge wie folgt lautet: erst Rathaus, dann Kirchturm, Wormser Straße 4 und schließlich Mainzer Straße 18..."   
   

    


     

Links und Literatur 

Links: 

Website der Gemeinde Gau-Odernheim 
Das historische Gau-Odernheim - ein Rundgang von Bernd Manz und Ernst Mayer: Link zu diesem Rundgang 
Zur jüdischen Geschichte unter Station 53     
Website der VG Alzey-Land 
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Gau-Odernheim (interner Link) 

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 270; III,1 S. 423-425. 
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bd. I S. 237. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 116. 
"...und dies ist die Pforte des Himmels" Synagogen - Rheinland-Pfalz. Saarland. Hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz mit dem Staatlichen Konservatoramt des Saarlandes und dem Synagogue Memorial Jerusalem. 2005. S. 162-163 (mit weiterer Lit.). 
Monica Kingreen: Die Gau-Odernheimer Opfer des Holocaust, in: Michael Kißener (Hg): Rheinhessische Wege in den Nationalsozialismus. Studien zu rheinhessischern Landgemeinden von der Weimarer Republik bis zum Ende des NS-Diktatur, Worms 2010 S. 180-191.    

       

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 18. Januar 2012