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Rauschenberg (Kreis
Marburg-Biedenkopf)
mit Betziesdorf (Stadt Kirchhain), Bürgeln und Schönstadt (Gemeinde Cölbe)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Rauschenberg bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück, wenngleich erst im 19. Jahrhundert eine selbständige
jüdische Gemeinde entstand. 1604 gab es drei "Schutzjuden" in
der Stadt, 1660 16 jüdische Einwohner. Nach einer Verordnung von 1681
sollten nicht mehr als zwei jüdische Familien in der Stadt aufgenommen
werden. Im 18. Jahrhundert waren drei bis vier jüdische Familien in
Rauschenberg (1723 und 1744 je vier Familien mit ca. 14 Personen, 1776 drei).
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1810 jüdische Einwohner (1,3 % von insgesamt 1.178 Einwohnern),
1812 22, 1819 36 (3,0 % von 1.210), 1835 34, 1858 42, 1861 66 (4,4 % von 1.498),
1871 50 (3,9 % von 1.298), 1885 48 (4,0 % von 1.201), 1895 73 (6,7 % von 1.089),
1905 78 (7,5 % von 1.047). Zur Gemeinde gehörten bis um 1885 auch die im den
Orten Betziesdorf, Schönstadt und Bürgeln lebenden jüdischen
Einwohnern.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule
(von 1873 bis 1925 eine Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad
und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein
Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.
Von 1839 an war Lehrer Aron Luß (Luhs) in der Gemeinde tätig (zuvor
Lehrer in Gemünden an der Wohra). Er konnte nach 37 Jahren
in Rauschenberg 1876 sein 50jähriges Dienstjubiläum feiern (siehe Bericht
unten). Von 1895 bis 1925 war Menko Schirling (geb. 1876, gest. 1936) jüdischer
Elementarlehrer in Rauschenberg. Nach Auflösung der Elementarschule wurde er
nach Hoof versetzt. Die Gemeinde gehörte zum Provinzialrabbinat Oberhessen mit
Sitz in Marburg.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Max Katten (geb.
12.8.1897 in Rauschenberg, vor 1914 in Geestemünde wohnhaft, gef.
30.9.1918).
Um 1924, als etwa 60 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (5 %
von insgesamt etwa 1.200 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Isaac Plaut.
Als Lehrer war noch der bereits genannte Menko Schirling tätig. Er erteilte
fünf schulpflichtigen jüdischen Kindern den Unterricht. An jüdischen Vereinen
gab es die Wohltätigkeitsvereine Gemilus Chessed (beziehungsweise Chewro;
1924 unter Leitung von Michael Plaut mit 15 Mitglieder, 1932 unter Leitung von
Arthur Katten) und der Israelitische Frauenverein (1932 Vorsitzende Bertha
Stiefel). 1932 war Gemeindevorsteher Isaak Plaut II, Schriftführer war
Isidor Stiefel. Im Schuljahr 1931/32 erhielten drei Kinder aus der Gemeinde
Religionsunterricht.
Seit 1919 war mit Dr. Julius Oppenheimer ein jüdischer Arzt in Rauschenberg
tätig. Er war ein mit EK I und II ausgezeichneter Weltkriegsteilnehmer. In
Rauschenberg wurde er in den Stadtrat gewählt. Bereits 1926 starb er (in
Marburg beigesetzt).
1933 lebten noch acht jüdische Familien mit etwa 40 jüdische Personen
in der Stadt. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (letzteres gelang 27
Personen). Sieben jüdische Einwohner wurden deportiert und ermordet: Isaak
Katz-Stiefel, Bertha Katz-Stiefel, Anna Katz-Stiefel, Moses Plaut, Regina Plaut,
Sally Stiefel und Ella Stiefel. .
Von den in Rauschenberg geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna
Bachenheimer (1888), Ilse Cohen geb. Schirling (1907), Lina Ehrenfeld geb. Plaut
(1881), Frieda Heching (1894), Hermann Heching (1897), Jettchl Josefine Hecht
geb. Plaut (1897), Bertha Kahn geb. Stiefel (1878), Anna Katz (1921), Isaak Katz
(1883), Anna Katz-Stiefel (1921), Bertha Katz-Stiefel geb. Isenberg (1890),
Berta Oppenheimer geb. Plaut (1879), Helene Pfälzer geb. Plaut (1896), Adolf
Plaut (1876), Moses Plaut (1863), Regina Plaut geb. Katten (1866), Johanna
Schaunberg (1879), Agathe Schirling (1911)*, Paula Steinfeld geb. Ketten (1890),
Anni Stiefel (1921), Sally Stiefel (1896), Lina Wechsler geb. Plaut
(1893).
(Anmerkung: Agathe Schirling steht auch auf der virtuellen Gedenktafel: http://www.joodsmonument.nl/person-519487-nl.html)
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1893
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. April 1893: "Die
Religionslehrerstellen 1. in Breidenbach mit einem festen Einkommen
von 720 Mark, freier Wohnung und Feuerung, 2. in Rauschenberg mit einem
festen Einkommen von 700 Mark und freier Wohnung, 3. in Amöneburg
mit einem festen Einkommen von 600 Mark und freier Wohnung sind zu
besetzen. Bewerber wollen ihre Meldungen und Zeugnisse baldigst dem
Unterzeichneten einsenden. Marburg, 16. April 1893. Der Provinzialrabbiner
Dr. Munk." |
50jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Aron Luß (Luhs, 1876)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. August 1876: "Aus Hessen. Am
26. Juni (1876) feiert der israelitische Lehrer A. Luß zu Rauschenberg
sein 50jähriges Dienstjubiläum. Es verdient dieses seltene Fest umso
mehr in diesen Blättern erwähnt zu werden, als dasselbe von den
christlichen Lehrern der Stadt und der Klasse Rauschenberg veranstaltet
und in so herrlicher Weise ausgeführt wurde, dass es als ein erfreulicher
Beweis dafür, dass, trotz Dunkelmännern, in dem braven Bürgerstande
wahre Humanität enthalten ist und das religiöse Bekenntnis eine
Ausschließung in irgendwelcher Weise nicht rechtfertigt.
Am Vorabend brachte der städtische Gesangverein ein Fackelständchen,
wobei der Rektor Mans die Verdienste des Jubilars, der nun seit 37 Jahren
in der Stadt Rauschenberg die israelitische Schuljugend in treuester Weise
und aufopferndster Weise geleitet habe, gebührend hervorhob. Am Morgen
des Festtages erschienen aus allen Gesellschaftskreisen der Stadt
Gratulanten, welche neben den herzlichsten Glückwünschen größere und
kleinere Geschenke überreichten. Gegen 10 Uhr kam der würdige
Metropolitan Ruez in Begleitung des würdigen Stadtpfarrers und Bürgermeisters
und beglückwünschten den Jubilar in besonders feierlicher und
entsprechender Weise, in welcher er besonders hervorhob, dass dieses Fest
als eine Gnade Gottes betrachtet werden müsse, indem der Jubilar im
verflossenen Winter von einer sehr hartnäckigen Krankheit heimgesucht
gewesen, der Allmächtige ihn jedoch wieder genesen hat lassen, damit er
diesen Ehrentag zur Freude aller Bekannten feiern könne.
Inzwischen hatten sich der größte Teil der israelitischen Lehrer der
ehemaligen Provinz Oberhessen eingefunden und wurde auf Veranlassung des
Lehrers Lissard zu Amöneburg ein Gottesdienst abgehalten, wobei seitens
des genannten Herrn in Anlehnung an die Worte des Wochenabschnittes 4.
Mose 18,29 die Verdiente des Jubilars gefeiert wurden. Von den zwei ältesten
Lehrern wurde der Jubilar nach hause geführt und bald erschien der Königliche
Landrat aus Kirchhain und beglückwünschte im Namen der vorgesetzten
Schulbehörde. Der Herr Landrat führte dann den Jubilar in den Saal der Mädchen |
schule,
der mit Blumenkränken geschmückt war, und woselbst sich an 30
christliche Lehrer und andere Festteilnehmer gesammelt hatten.
Herr Landrat Rohde beglückwünschte nochmals und erteilte nun dem ältesten
Lehrer der Stadt, Herrn Konrektor Imsen das Wort zur Festrede. In
schwungvoller Weise erwähnte dieser die Verdienste des Jubilars um
Gemeinde und Schule. Besonders hob er hervor, wie Jubilar, obgleich in
sehr beschränkten Vermögensverhältnissen, sich armer Kinder angenommen
und zu würdigen Gliedern der Gesellschaft erzogen habe. Einen speziellen
Fall wollte er nicht vergessen. Der Jubilar habe einen verwahrlosten
fremden Knaben, der von Christen und Juden gemieden wurde, zu sich
genommen und in Gemeinschaft mit seiner würdigen Gattin derart erzogen,
dass derselbe schon seit Jahren als Lehrer tätig sei. Diese einzige Tat
bezeichnete Redner als eine solche, die allein die heutige Auszeichnung
und Anerkennung verdiene. Namens der versammelten Lehrer überreichte
Redner einen prachtvollen Ruhesessel als Geschenk.
Die sehr kleine, aus nur 8 Familien bestehende israelitische Gemeinde überreichte
einen schönen silbernen Pokal mit Inschrift, die Filialgemeinde
Betzesdorf 3 silberne Löffel, und die Gemeinde Gemünden, woselbst
Jubilar früher 13 Jahre tätig gewesen, ließ durch Lehrer Spier von da
ein Wertlos überreichen mit dem Wunsche, dass dasselbe sich durch einen
Gewinn tausendfach vermehren möge. Von Privatleuten, früheren Schülern
und sonstigen Freunden wurden vielerlei, teil sehr wertvolle Geschenke in
Silber, mehrere Kisten mit Wein und dergleichen überbracht.
Ein gemeinschaftliches Mahl, woran über 50 Personen teilnahmen,
vereinigte die Festgenossen bis zum Abend und wurden viele Toaste auf
seine Majestät den Kaiser, den Jubilar, hohe Behörden und die
Veranstalter des Festes ausgebracht. Möge dem Jubilar ein recht freudiger
Lebensabend beschieden sein und er die Früchte seines Wirkens zu
herrlicher Saat reifen sehen. L." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betraum in einem der jüdischen Häuser
vorhanden. Eine Synagoge wurde Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1858) erbaut. 1910
war ein Synagogenneubau oder zumindest ein -umbau geplant. Eine Kollekte wurde
dazu bereits in Oberhessen durchgeführt. Offenbar ist die Synagoge damals
zumindest renoviert worden.
Über Vorgänge beim Novemberpogrom 1938
ist nichts bekannt. 1939 wurde das Synagogengebäude an einen nichtjüdischen
Privatmann verkauft und danach zu Wohnzwecken benutzt. auch nach 1945 bestand
noch einige Zeit das Gebäude, bis es vom Besitzer abgebrochen wurde. An seiner
Stelle wurden Garagen erstellt. Eine Gedenk- oder Hinweistafel ist nicht
vorhanden.
Adresse/Standort der Synagoge: Rosengasse
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 25.3.2008)
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Historische Fotos
/ Darstellungen sind nicht bekannt; über Hinweise oder Zusendungen freut
sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite |
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Das Synagogengrundstück
im
März 2008 |
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Die Synagoge stand
auf dem Grundstück mit den heutigen drei Garagen |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 208-209. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 106. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 90 (keine weiteren
Informationen). |
 | Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt:
"Unbekannt verzogen" oder "weggemacht". Schicksale der
Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945. Marburg 1992. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 160. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 573. |
 | Alfred Schneider: Die jüdischen Familien im
ehemaligen Kreise Kirchhain. Beiträge zur Geschichte und Genealogie der
jüdischen Familien im Ostteil des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf
in Hessen. Hrsg.: Museum Amöneburg. 2006.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Rauschenberg
Hesse-Nassau. Established around 1810, the community opened a synagogue in 1858,
and numbered 78 (7 % of the total) in 1905. It was affiliated with the Marburg
rabbinate. Of the 31 Jews living there in 1933, 22 emigrated to the United
States.

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