Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Rauschenberg (Kreis Marburg-Biedenkopf)
mit Betziesdorf (Stadt Kirchhain), Bürgeln und Schönstadt (Gemeinde Cölbe)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Rauschenberg bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück, wenngleich erst im 19. Jahrhundert eine selbständige jüdische Gemeinde entstand. 1604 gab es drei "Schutzjuden" in der Stadt, 1660 16 jüdische Einwohner. Nach einer Verordnung von 1681 sollten nicht mehr als zwei jüdische Familien in der Stadt aufgenommen werden.  Im 18. Jahrhundert waren drei bis vier jüdische Familien in Rauschenberg (1723 und 1744 je vier Familien mit ca. 14 Personen, 1776 drei).

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1810 jüdische Einwohner (1,3 % von insgesamt 1.178 Einwohnern), 1812 22, 1819 36 (3,0 % von 1.210), 1835 34, 1858 42, 1861 66 (4,4 % von 1.498), 1871 50 (3,9 % von 1.298), 1885 48 (4,0 % von 1.201), 1895 73 (6,7 % von 1.089), 1905 78 (7,5 % von 1.047). Zur Gemeinde gehörten bis um 1885 auch die im den Orten Betziesdorf, Schönstadt und Bürgeln lebenden jüdischen Einwohnern.

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule (von 1873 bis 1925 eine Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Von 1839 an war Lehrer Aron Luß (Luhs) in der Gemeinde tätig (zuvor Lehrer in Gemünden an der Wohra). Er konnte nach 37 Jahren in Rauschenberg 1876 sein 50jähriges Dienstjubiläum feiern (siehe Bericht unten). Von 1895 bis 1925 war Menko Schirling (geb. 1876, gest. 1936) jüdischer Elementarlehrer in Rauschenberg. Nach Auflösung der Elementarschule wurde er nach Hoof versetzt. Die Gemeinde gehörte zum Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Marburg
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Max Katten (geb. 12.8.1897 in Rauschenberg, vor 1914 in Geestemünde wohnhaft, gef. 30.9.1918).       
 
Um 1924, als etwa 60 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (5 % von insgesamt etwa 1.200 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Isaac Plaut. Als Lehrer war noch der bereits genannte Menko Schirling tätig. Er erteilte fünf schulpflichtigen jüdischen Kindern den Unterricht. An jüdischen Vereinen gab es die Wohltätigkeitsvereine Gemilus Chessed (beziehungsweise Chewro; 1924 unter Leitung von Michael Plaut mit 15 Mitglieder, 1932 unter Leitung von Arthur Katten) und der Israelitische Frauenverein (1932 Vorsitzende Bertha Stiefel). 1932 war Gemeindevorsteher Isaak Plaut II, Schriftführer war Isidor Stiefel. Im Schuljahr 1931/32 erhielten drei Kinder aus der Gemeinde Religionsunterricht. 

Seit 1919 war mit Dr. Julius Oppenheimer ein jüdischer Arzt in Rauschenberg tätig. Er war ein mit EK I und II ausgezeichneter Weltkriegsteilnehmer. In Rauschenberg wurde er in den Stadtrat gewählt. Bereits 1926 starb er (in Marburg beigesetzt). 
  
1933 lebten noch acht jüdische Familien mit etwa 40 jüdische Personen in der Stadt.
In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (letzteres gelang 27 Personen). Sieben jüdische Einwohner wurden deportiert und ermordet: Isaak Katz-Stiefel, Bertha Katz-Stiefel, Anna Katz-Stiefel, Moses Plaut, Regina Plaut, Sally Stiefel und Ella Stiefel. .
  
Von den in Rauschenberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):   Johanna Bachenheimer (1888), Ilse Cohen geb. Schirling (1907), Lina Ehrenfeld geb. Plaut (1881), Frieda Heching (1894), Hermann Heching (1897), Jettchl Josefine Hecht geb. Plaut (1897), Bertha Kahn geb. Stiefel (1878), Anna Katz (1921), Isaak Katz (1883), Anna Katz-Stiefel (1921), Bertha Katz-Stiefel geb. Isenberg (1890), Berta Oppenheimer geb. Plaut (1879), Helene Pfälzer geb. Plaut (1896), Adolf Plaut (1876), Moses Plaut (1863), Regina Plaut geb. Katten (1866), Johanna Schaunberg (1879), Agathe Schirling (1911)*, Paula Steinfeld geb. Ketten (1890), Anni Stiefel (1921), Sally Stiefel (1896), Lina Wechsler geb. Plaut (1893).
  
(Anmerkung: Agathe Schirling steht auch auf der virtuellen Gedenktafel: http://www.joodsmonument.nl/person-519487-nl.html
     
  
  

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde    
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schoche
t 1893  

Amoeneburg Israelit 20041893.jpg (58493 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. April 1893: "Die Religionslehrerstellen 1. in Breidenbach mit einem festen Einkommen von 720 Mark, freier Wohnung und Feuerung, 2. in Rauschenberg mit einem festen Einkommen von 700 Mark und freier Wohnung, 3. in Amöneburg mit einem festen Einkommen von 600 Mark und freier Wohnung sind zu besetzen. Bewerber wollen ihre Meldungen und Zeugnisse baldigst dem Unterzeichneten einsenden. Marburg, 16. April 1893. Der Provinzialrabbiner Dr. Munk." 

    
50jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Aron Luß (Luhs, 1876) 

Rauschenberg Israelit 09081876.jpg (140254 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. August 1876: "Aus Hessen. Am 26. Juni (1876) feiert der israelitische Lehrer A. Luß zu Rauschenberg sein 50jähriges Dienstjubiläum. Es verdient dieses seltene Fest umso mehr in diesen Blättern erwähnt zu werden, als dasselbe von den christlichen Lehrern der Stadt und der Klasse Rauschenberg veranstaltet und in so herrlicher Weise ausgeführt wurde, dass es als ein erfreulicher Beweis dafür, dass, trotz Dunkelmännern, in dem braven Bürgerstande wahre Humanität enthalten ist und das religiöse Bekenntnis eine Ausschließung in irgendwelcher Weise nicht rechtfertigt. 
Am Vorabend brachte der städtische Gesangverein ein Fackelständchen, wobei der Rektor Mans die Verdienste des Jubilars, der nun seit 37 Jahren in der Stadt Rauschenberg die israelitische Schuljugend in treuester Weise und aufopferndster Weise geleitet habe, gebührend hervorhob. Am Morgen des Festtages erschienen aus allen Gesellschaftskreisen der Stadt Gratulanten, welche neben den herzlichsten Glückwünschen größere und kleinere Geschenke überreichten. Gegen 10 Uhr kam der würdige Metropolitan Ruez in Begleitung des würdigen Stadtpfarrers und Bürgermeisters und beglückwünschten den Jubilar in besonders feierlicher und entsprechender Weise, in welcher er besonders hervorhob, dass dieses Fest als eine Gnade Gottes betrachtet werden müsse, indem der Jubilar im verflossenen Winter von einer sehr hartnäckigen Krankheit heimgesucht gewesen, der Allmächtige ihn jedoch wieder genesen hat lassen, damit er diesen Ehrentag zur Freude aller Bekannten feiern könne.
Inzwischen hatten sich der größte Teil der israelitischen Lehrer der ehemaligen Provinz Oberhessen eingefunden und wurde auf Veranlassung des Lehrers Lissard zu Amöneburg ein Gottesdienst abgehalten, wobei seitens des genannten Herrn in Anlehnung an die Worte des Wochenabschnittes 4. Mose 18,29 die Verdiente des Jubilars gefeiert wurden. Von den zwei ältesten Lehrern wurde der Jubilar nach hause geführt und bald erschien der Königliche Landrat aus Kirchhain und beglückwünschte im Namen der vorgesetzten Schulbehörde. Der Herr Landrat führte dann den Jubilar in den Saal der Mädchen
Rauschenberg Israelit 09081876a.jpg (148558 Byte)schule, der mit Blumenkränken geschmückt war, und woselbst sich an 30 christliche Lehrer und andere Festteilnehmer gesammelt hatten. 
Herr Landrat Rohde beglückwünschte nochmals und erteilte nun dem ältesten Lehrer der Stadt, Herrn Konrektor Imsen das Wort zur Festrede. In schwungvoller Weise erwähnte dieser die Verdienste des Jubilars um Gemeinde und Schule. Besonders hob er hervor, wie Jubilar, obgleich in sehr beschränkten Vermögensverhältnissen, sich armer Kinder angenommen und zu würdigen Gliedern der Gesellschaft erzogen habe. Einen speziellen Fall wollte er nicht vergessen. Der Jubilar habe einen verwahrlosten fremden Knaben, der von Christen und Juden gemieden wurde, zu sich genommen und in Gemeinschaft mit seiner würdigen Gattin derart erzogen, dass derselbe schon seit Jahren als Lehrer tätig sei. Diese einzige Tat bezeichnete Redner als eine solche, die allein die heutige Auszeichnung und Anerkennung verdiene. Namens der versammelten Lehrer überreichte Redner einen prachtvollen Ruhesessel als Geschenk. 
Die sehr kleine, aus nur 8 Familien bestehende israelitische Gemeinde überreichte einen schönen silbernen Pokal mit Inschrift, die Filialgemeinde Betzesdorf 3 silberne Löffel, und die Gemeinde Gemünden, woselbst Jubilar früher 13 Jahre tätig gewesen, ließ durch Lehrer Spier von da ein Wertlos überreichen mit dem Wunsche, dass dasselbe sich durch einen Gewinn tausendfach vermehren möge. Von Privatleuten, früheren Schülern und sonstigen Freunden wurden vielerlei, teil sehr wertvolle Geschenke in Silber, mehrere Kisten mit Wein und dergleichen überbracht.
Ein gemeinschaftliches Mahl, woran über 50 Personen teilnahmen, vereinigte die Festgenossen bis zum Abend und wurden viele Toaste auf seine Majestät den Kaiser, den Jubilar, hohe Behörden und die Veranstalter des Festes ausgebracht. Möge dem Jubilar ein recht freudiger Lebensabend beschieden sein und er die Früchte seines Wirkens zu herrlicher Saat reifen sehen. L."

   
  

  
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war ein Betraum in einem der jüdischen Häuser vorhanden. Eine Synagoge wurde Mitte des 19. Jahrhunderts (um 1858) erbaut. 1910 war ein Synagogenneubau oder zumindest ein -umbau geplant. Eine Kollekte wurde dazu bereits in Oberhessen durchgeführt. Offenbar ist die Synagoge damals zumindest renoviert worden.

Über Vorgänge beim Novemberpogrom 1938 ist nichts bekannt. 1939 wurde das Synagogengebäude an einen nichtjüdischen Privatmann verkauft und danach zu Wohnzwecken benutzt. auch nach 1945 bestand noch einige Zeit das Gebäude, bis es vom Besitzer abgebrochen wurde. An seiner Stelle wurden Garagen erstellt. Eine Gedenk- oder Hinweistafel ist nicht vorhanden.  
  
  
Adresse/Standort der Synagoge  Rosengasse

Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 25.3.2008)

Historische Fotos / Darstellungen sind nicht bekannt; über Hinweise oder Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite
   
     
Das Synagogengrundstück 
im März 2008
Rauschenberg Synagoge 101.jpg (86211 Byte) Rauschenberg Synagoge 102.jpg (76604 Byte)
  Die Synagoge stand auf dem Grundstück mit den heutigen drei Garagen
 

   
   
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Rauschenberg 

Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Rauschenberg (interner Link) 

Website http://www.juden-in-nordhessen.co.de: unter "Genealogien jüdischer Familien in Nordhessen" findet sich ein Stammbaum der Familie Katz in Rauschenberg (unter Forschungen Christoph Kuehn)   

Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Rauschenberg 

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 208-209. 
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 106. 
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 90 (keine weiteren Informationen).
Barbara Händler-Lachmann/Ulrich Schütt: "Unbekannt verzogen" oder "weggemacht". Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945. Marburg 1992. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 160. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 573.  
Kirchhain Lit 11.jpg (51572 Byte)Alfred Schneider: Die jüdischen Familien im ehemaligen Kreise Kirchhain. Beiträge zur Geschichte und Genealogie der jüdischen Familien im Ostteil des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf in Hessen. Hrsg.: Museum Amöneburg. 2006. 
      
  
    

   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Rauschenberg  Hesse-Nassau. Established around 1810, the community opened a synagogue in 1858, and numbered 78 (7 % of the total) in 1905. It was affiliated with the Marburg rabbinate. Of the 31 Jews living there in 1933, 22 emigrated to the United States.   
   

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 07. August 2011