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Korbach (frühere
Schreibweise: Corbach, Kreis
Waldeck-Frankenberg)
mit Goddelsheim (Stadt Lichtenfels, Kreis Waldeck-Frankenberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Korbach bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück.
Bereits zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert gab es einzelne Niederlassungen
jüdischer Personen / Familien. Ab 1760 erhielten Juden in beschränktem
Umfand Niederlassungsrecht in der Stadt. 1782 wurden 65 jüdische
Einwohner in der Stadt gezählt. Fürst Friedrich von Waldeck stellte 1788
allerdings fest, dass "ehe die Judenschaft im Lande auf 20 Familien ausgestorben oder
sonst vermindert sein würde, kein Jude mit Schutz versehen werden solle".
Durch diese restriktive Anweisung ging die Zahl der jüdischen Familien in der Stadt bis Anfang des 19. Jahrhunderts
wieder zurück. 1791 wurden 56 jüdische Einwohner in der Stadt (in acht
Familien, alle in eigenen Häusern) gezählt.
Ende des 18. Jahrhunderts kam Meyer Moses aus Laasphe nach Korbach, wo er
es alsbald zu Wohlstand und eigenem Hausbesitz brachte. Sein Sohn Moses Mayer (geb.
1761, gest. 1822) wurde Hoffaktor des Fürsten Wittgenstein; als die Annahme
bürgerlicher Familiennamen Pflicht wurde, nahm er unautorisiert den Namen Moses
Mayer Wittgenstein an. Zeitgenössische Quellen berichten: "dafür wurde er vom Fürsten mit Stockschlägen
bedacht!".
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1826 33 jüdische Einwohner, 1847 27, 1871 80 (3,4 % von insgesamt 2.445
Einwohnern), 1880 151 (5,6 % von 2.671), 1895 128, 1910 112 (2,5 % von
4.424). Die jüdischen Familien lebten zunächst vom Vieh- und Produktenhandel
sowie vom Handel mit Kleintextilien. Seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts eröffneten mehrere von ihnen offene Handlungen und Läden in der
Stadt, die teils von großer Bedeutung für Stadt und Umgebung wurden. So wurden
bis um 1900 16 Geschäfte durch jüdische Gewerbetreibende gegründet.
| Zur jüdischen Gemeinde in Korbach gehörten
auch die in Goddelsheim lebenden
jüdischen Personen/Familien. Sie hatten vor Ort einen eigenen Friedhof.
Um 1905 gab es am Ort noch 12 jüdische Einwohner; die letzte in
Goddelsheim ansässige Familie Wolf ist 1926 nach Holland verzogen. |
1849 werden im Bürgerbuch der Stadt Korbach erstmals jüdische Einwohner
verzeichnet: Simson Wittgenstein (der 1788 geborene Sohn von Moses Mayer
Wittgenstein) und L. Markhoff waren die ersten, 1850 folgten Samuel und Levy
Mosheim. Die jüdischen Familien in der Stadt lebten zumeist in guten Verhältnissen.
Bekannt war in weitem Umkreis das Warenhaus von M.M. Wittgenstein. Nach
Simson Wittgenstein war Inhaber Jacob Wittgenstein (geb. 1819), der 1848
vorübergehend zum Abgeordneten und Mitglied der Landesstände gewählt wurde.
Jacob Wittgenstein verzog später nach Berlin, wo er ein bedeutendes Vermögen
erwarb. Als er 1890 verstarb, vermachte er sein Vermögen zu einem kleineren
Teil der jüdischen Gemeinde (6.000 Mark für den Bau der Synagoge), zum großen
Teil der Stadt Korbach (1/2 Million Mark), die damit ein Heim für arme, alte
Leute errichten sollte ("Jakob Wittgenstein'sche
Altersversorgungsanstalt"). Das Heim wurde in der Enser Straße 10 erbaut
und hatte zunächst 20, später 42 Plätze.
Auch L. Markhoff hatte ein Kaufhaus (am Berndorfer Platz).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(zwischen 1890 und 1900 Israelitische Elementarschule, sonst Religionsschule),
ein rituelles Bad und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war - bereits seit Ende des 18.
Jahrhunderts - ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle
unten). Als Lehrer werden u.a. genannt: um 1850 Gabriel Landauer, um 1893
Abraham Heilbronn (geb. 1846,
aus Wichmannshausen); um 1920 David Köln (geb. 1887 in Ritschenwalde, Ehefrau
Frieda geb. Katz aus Korbach, nach Deportation umgekommen; David Köln war ab
1923 bis 1941 Lehrer in Paderborn); um 1926 Louis Meyer (geb. 1880 in
Hildesheim); seit 1927 Moritz Goldwein (geb. 1884 in Breuna; mit Frau 1942 nach
Kassel verzogen und deportiert).
Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk
Kassel.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde David Theodor Katz
(geb. 12.2.1892 in Korbach-Eisenberg, gef. 1.8.1915), Joseph Löwenstein (geb.
4.2.1892 in Korbach, gef. 13.1.1915), Leonhard Löwenstern (geb. 6.8.1894 in
Korbach, gef. 25.5.1916), Ludwig Löwenstern (geb. 12.7.1892 in Korbach, gef.
7.7.1915) und Julius Weiler (geb. 8.10.1885 in Sachsenhausen, gef.
17.7.1915). Außerdem ist gefallen: Burghard Löwenstern (geb. 28.3.1887
in Korbach, vor 1914 in Beckum wohnhaft, gef. 14.3.1915). Aus Berndorf
ist gefallen: Max Gottlieb (geb. 1.12.1892 in Usseln, gef.
15.12.1914).
Um 1924, als zur Gemeinde 114 Personen gehörten (2,0 % von insgesamt 5.678
Einwohnern; dazu zwei jüdische Einwohner in Berndorf), waren die Gemeindevorsteher
Edmund Mosheim und Jakob Löwenstern II. Die damals neun jüdischen Kinder in
der Religionsschule der Gemeinde erhielten ihren Religionsunterricht durch
Lehrer Julius Cohn in Warburg. An jüdischen Vereinen gab es den Israelitischen
Männerverein (gegründet 1890, 1924/32 unter Leitung von Gustav
Löwenstern mit 1932 20 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung
Hilfsbedürftiger und Kranker) und den Israelitischen Frauenverein
(gegründet 1877, siehe Bericht zum 50-jährigen Jubiläum 1927 unten; 1924
unter Leitung von Hedwig Katz), den Jugendverein (1932 unter Vorsitz von
Manfred Kohlhaben) und den Jüdischen Literaturverein (1932 unter Vorsitz
von Manfred Kohlhagen). 1932 waren die Gemeindevorsteher Edmund Mosheim
(1. Vors.), Siegmund Stahl (2. Vors.), Adolf Löwenstern II (Schriftführer).
Vorsitzender des Friedhofsausschusses der Gemeinde war Edmund Mosheim. Als
Lehrer und Kantor war Moritz Goldwein angestellt (wohnt Klosterstraße 14). Im
Schuljahr 1931/32 hatte er 17 Kindern der jüdischen Gemeinde den
Religionsunterricht zu erteilen.
1933 lebten 127 jüdische Personen in Korbach (1,9 % von insgesamt 6.665
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist der Großteil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (vor allem nach Kassel) beziehungsweise ausgewandert.
Nach den Ergebnissen der Arbeitsgemeinschaft Spurensicherung des Kommunalen
Jugendbildungswerkes konnten von 122 jüdischen Einwohnern (1933) bis Dezember
1939 76 Personen auswandern, andere verstarben noch am Ort oder verzogen
innerhalb von Deutschland (nach Arnsberg sind mind. 16 Personen in die USA
emigriert, 21 nach Südamerika, je drei nach Palästina und Australien, zwei nach Frankreich,
drei nach Holland, vier nach England). Beim Novemberpogrom 1938 wurden die
Synagoge und das jüdische Schul- und Gemeindehaus zerstört; jüdische Häuser
und Wohnungen wurden demoliert, die meisten der jüdischen Männer in das KZ
Buchenwald verschleppt. Bei Kriegsbeginn 1939 wurden noch 39 jüdische Einwohner gezählt.
Sie wurden in "Judenhäuser" eingewiesen (Haus Löwenstern in der
Kirchstraße 13, Haus Katz in der Lengefelder Straße 11, Haus Lazarus in der
Grabenstraße 3, Haus Lebensbaum in der Hagenstraße 12 und Haus Mosheim in der
Prof.-Kümmell-Straße 13). Vor Beginn der Deportationen starben noch zwei Frauen
und ein Mann, die auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurden; drei weitere
konnten noch wegziehen. Am 26. September 1941 wurden 14 Personen -
Mitglieder der Familien Katz, Kaufmann, Löwenstern, Mosheim, Strauß und
Weitzenkorn - über ein Sammellager in Wrexen in die Vernichtungslager im Osten
deportiert. Im Juli 1942 wurden 15 weitere Personen über Kassel
deportiert.
Von den in Korbach geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berni van Geldern geb.
Winter (1920), Lothar Goldberg (1934), Moritz Goldwein (1884), Rosa (Rosalie)
Goldwein geb. Schellenberg (1883), Emma Hirsch geb. Katz (1882), Ida Kaiser geb.
Löwenstern (1879), Delvin (Delwin, Theodor) Katz (1887), Hedwig Katz geb. Plaut
(1888), Johanna Katz geb. Mosheim (1855), Margarete (Grete) Katz (1885),
Siegfried Katz (1879), Rosalie Katzenstein geb. Weizenkorn (1870), Henni
Kaufmann geb. Schartenberg (1880), Rudolf Kaufmann (1878), Friederike (Frieda)
Köln geb. Katz (1890), Emma Kohlhagen geb. Appel (1874), Fanny Kohlhagen
(1874), Friederike (Rickchen) Helene Kugelmann (1888), Louis (Ludwig) Lazarus
(1871), Paula Levy geb. Mosheim (1885), Rosalie (Rosa) Löwenstein (1866),
Siegfried Löwenstein (1899), Bernhard Löwenstern (1915), Elias Emil
Löwenstein (1871), Goldine Löwenstein geb. Goldschmidt (1873), Hermine
Löwenstern geb. Horwitz (1881), Julius Löwenstein (1882), Klara Löwenstern
(1904), Max Löwenstern (1867), Rosa Löwenstern geb. Neuhaus (1877), Willy
Löwenstern (1873), Willy Löwenstern (1873), Alma Löwy geb. Lebach (1868),
Frieda Meyer geb. Schönthal (1879), Edmund Mosheim (1883), Feodora Mosheim geb.
Behrendt (1892), Hariett Mosheim (1889), Hedwig Henriette Mosheim geb. Gompertz
(1889), Jenny Mosheim geb. Katz (1861), Julius Mosheim (1855), Ludwig Mosheim
(1891), Elsa (Else) Oppenheim geb. Neuhaus (1881), Anna Rothschild geb. Lebach
(1866), Hermine Rothschild geb. Katz (1877), Else Salberg (1876), Emma Salberg
(1868), Berta Schiff geb. Hirsch (1875), Meta Schönthal (1883), Rosa Schönthal
geb. Löwenstern (1902), Friedel Straus (1925), Hermann Straus (1890), Jenny
Straus geb. Levi (1893), Ella (Eleonore) Strauss geb. Reinberg (1895), Hugo
Strauss (1891), Hedwig Weitzenkorn (1885), Siegmund Weitzenkorn (1879), Toni
(Tony) Weitzenkorn geb. Freudenstein (1888), Johanna Wertheim geb. Kohlhagen
(1896).
Aus Berndorf ist umgekommen: Marta Hirschberg geb. Fromm (geb. in
Berndorf, später in Berndorf und Frankfurt am Main
wohnhaft).
Aus Goddelsheim sind umgekommen: Amalie Frank (1861), Carl Haas (1889),
Marta Jacob (1881), Helene Nachmann geb. Haas (1890).
Auf einem bereits 1947 errichteten Gedenkstein "Den Opfern der Verblendung
1933-1945" auf dem jüdischen Friedhof
der Stadt finden sich die Namen von 42 Korbacher Jüdinnen und Juden, die in
der NS-Zeit ermordet wurden.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1856 /
1873 / 1878 / 1884
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Februar 1856:
"Lehrer-Gesuch.
Bei hiesiger israelitischer Gemeinde soll zu Ostern dieses Jahres die
Stelle eines geprüften unverheirateten Religionslehrers, mit Thaler 100
Gehalt und freier Wohnung, besetzt werden. Hierauf Reflektierende wollen
sich dieserhalb an hiesigen Vorstand wenden. Anfragen werden franko
erbeten.
Korbach im Fürstentum Waldeck im Februar 1856". |
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Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 29. April 1873: "Mit dem 15. dieses Jahres wird in
hiesiger Gemeinde die Stelle eines Religionslehrers, der auch das
Vorbeteramt zu versehen hat, vakant.
Qualifizierte Bewerber wollen ihre Meldungen unter Beifügung ihrer
Zeugnisse baldigst an den unterzeichneten Vorstand richten. Korbach,
den 17. April 1873. A. Baruch." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. Mai 1878:
"Für die hiesige israelitische Gemeinde wird zum alsbaldigen
Eintritt ein Kantor und Religionslehrer gesucht. Gehalt bis zu
1.000 Mark ohne Nebeneinkünfte. Meldungen nebst Einsendung von Zeugnissen
sind an den Schulvorstand Herrn S. G. Lebach hier zu richten.
Korbach in Waldeck. Der Vorstand." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juni 1884: "Die
israelitische Gemeinde zu Korbach (Waldeck) sucht per 1. September dieses
Jahres einen Lehrer und Kantor. Gehalt Mark 1.200 ohne Nebeneinkünfte,
die sich auf ca. 3 bis 400 Mark belaufen. Nur solche Kandidaten belieben
sich zu melden, die im Besitze guter Zeugnisse sind und die die Fähigkeit
haben, einen Gottesdienst den Ansprüchen der Zeit gemäß würdig zu
leiten.
Der Vorstand Salomon Katz." |
Aus
dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Zwei Mitteilungen aus Korbach: 1. Umstrittene Konfirmation in der Gemeinde
2. Jacob Wittgenstein vermacht sein großes Erbe der Stadt Korbach und der jüdischen
Gemeinde (1892)
Anmerkung: Der Schabbat Chason geht dem jüdischen Trauer- und Fastentag
Tischa BeAw voraus; die Stimmung an diesem Schabbat wird schon vom herannahenden
Trauer- und Fastentag geprägt. Daher die Kritik des Verfassers dieser Artikel
daran, dass durch die Feier einer Konfirmation an diesem Tag die von der
Tradition vorgegebene inhaltliche Füllung dieses Schabbat zerstört
wird.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1892: "Korbach,
31. Juli (1892). Festlich geschmückt mit Kränzen und Girlanden versehen,
fanden wir gestern am Schabbos Chason unsere Synagoge; ein Mitglied
unserer Gemeinde, dessen Sohn Bar Mizwa geworden, hatte zugleich
die Konfirmation seiner älteren Tochter auf den heutigen Tag
verlegt.
Die Hälfte der Gemeindemitglieder, die noch streng an dem altererbten
Väterglauben hängt, war über dieses Gebahren entrüstet, und dies mit
vollen Recht; denn wohl auf dem ganzen Erdenrund ist es noch nicht
vorgekommen, dass gerade an diesem Sabbat die Synagoge geschmückt wird
und selbst die fortgeschrittensten Reformer haben es nicht gewagt, an
Schabbos Chason eine Konfirmation vorzunehmen.
Wie Sie bereits schon früher berichtet, hatte unser Glaubensgenosse, der
vor 1 1/2 Jahren verstorbene Herr Rentier Wittgenstein aus Berlin,
die Korbach geboren, die hiesige Stadt zum Universalerben eingesetzt;
6.000 Mark wurden zum Bau einer Synagoge und 10.000 Mark für seine
nächsten Verwandten festgesetzt. Für den Rest von ca. 1/2 Million soll
eine Altersversorgungsanstalt für Anhänger aller Glaubensbekenntnisse
errichtet werden. Der Bau dieser großartigen Anstalt schreitet rasch
seiner Vollendung entgegen." |
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| Über die
Jakob-Wittgenstein-Altersversorgungsanstalt |
Die
im obigen Artikel genannte großzügige Stiftung des Jacob Wittgenstein
wurde mit dem Bau eines Altersheimes für alte, mittellose Personen in den
Jahren 1892 bis 1894 umgesetzt. Gemäß den Wünschen des Stifters
konnten in den ersten Jahrzehnten Personen aus ärmeren
Bevölkerungsschichten weitgehend unentgeltlich im Heim untergebracht
werden. Da die Stiftungsgelder während der Zeit der Inflation in den
1920er-Jahren verloren gingen, war danach keine kostenlose Unterbringung
mehr möglich. In der NS-Zeit wurde das Heim in "Städtisches
Altersheim" umbenannt; jüdische Personen durften nicht mehr
aufgenommen werden. Nach 1945 erhielt die Stiftung ihren
ursprünglichen Namen wieder zurück. Bis 1984 diente das Gebäude
als Altersheim, bis das neu eingerichtete Altersheim am Nordwall
eingeweiht wurde. Im historischen Gebäude der Wittgenstein-Stiftung ist
seitdem die Verwaltung der städtischen Hessen-Klinik und seit 1997 ein
Kindergarten untergebracht. |
Link: Seite des Regio-Wiki -
Kassel-Lexikon über "Häuser
in Korbach: Wittgenstein-Stiftung" (von hier auch das
Foto);
vgl. auch den Artikel
zur Jacob-Wittgenstein-Straße |
| Hinweis: Am Eingang des Gebäudes befindet
sich eine Gedenktafel für den Stifter; die vorbeiführende Straße ist
nach ihm benannt. |
50-jähriges Bestehen des Frauenvereins
(1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1927: "Korbach
in Waldeck, 10. Juli (1927). Das Fest seines 50-jährigen Bestehens
feierte der hiesige Frauenverein im Beisein der ganzen Gemeinde und vieler
auswärtiger Gäste. Lehrer Meyer hielt eine inhaltsreiche Festansprache.
Die einzige noch lebende Mitbegründerin, Frau Johanna Katz, und die Damen
Schönthal, Markhoff, Sofie und Emilie Löwenstern, die dem Verein über
40 Jahre angehören, wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt. Vorführungen der
Kinder und Gesangsvorträge umrahmten die stimmungsvolle Feier, die einen
sehr harmonischen Verlauf nahm." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen der Färberei L. Markhoff (1861 / 1874)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. März 1861:
"Offene Stelle.
In meiner Färberei ist die Stelle eines Gehilfen israelitischer
Konfession, der auch im Drucken geübt sein muss, offen.
L.
Markhoff. Korbach, Fürstentum Waldeck." |
| |
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 29. September 1874: "Ein Färber, der im Drucken
und Landarbeit eingeübt ist, kann in meiner Färberei unter günstigen
Bedingungen sofort Arbeit erhalten.
Corbach, Fürstentum Waldeck, im September. L. Markhoff."
|
Lehrlingssuche des Kolonial-, Eisen- und Eisenwaren- und
Brettergeschäftes (1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Februar 1903:
"Für mein Kolonial-, Eisen- und Eisenwaren- und Brettergeschäft suche zu
Ostern einen
Lehrling mit guten Schulkenntnissen. Freie Station im Hause.
Sally Mosheim, Korbach." |
Anzeige der Eisen-, Eisenwaren- und Holzhandlung
Sally Mosheim (1924)
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 31. Januar 1924:
"Für meine Eisen-, Eisenwaren- und Holzhandlung suche ich
für Ostern
einen Lehrling
mit guter Schulbildung.
Kost und Wohnung im Hause.
Sally Mosheim Corbach." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betraum in einem der Wohnhäuser
vorhanden. 1892 wird von einem "Betlokal" gesprochen, das
allerdings damals "nicht (mehr) seinem Zweck entsprach". Es befand
sich in einem Haus in der Unterstraße. Damals wurde der Bau einer
Synagoge geplant:
Für die neue Synagoge ist die Hälfte des
Betrages beisammen - der Gottesdienstbesuch im bisherigen Betsaal lässt zu
wünschen übrig (1892)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1892: "Aus
Korbach wird uns geschrieben, dass es in der 26 Mitglieder zählenden
Gemeinde am Sabbat oft an Minjan (10 Männer zum Gottesdienst)
fehlt. Obgleich die Mittel zum Neubau einer Synagoge zur Hälfte beisammen
sind und die Gemeinde meist aus wohlhabenden Mitgliedern besteht, werden
keine Veranstaltungen getroffen, den Bau auszuführen; das bisherige
Betlokal entspreche nicht seinem Zwecke." |
Die Synagoge wurde 1894/95 erbaut
und im Mai 1895 eingeweiht. Sie hatte
130 Sitzplätze und auf der Empore neben den Frauen noch 16 Plätze für die
Sänger des Synagogenchores. In der Synagoge befand sich eine
Orgel. Die Finanzierung der neuen Synagoge wurde vor allem durch die
großzügige Stiftung von Jacob Wittgenstein ermöglicht (siehe Bericht oben von
1892).
Bericht über die Einweihung der neuen Synagoge (Juli
1895)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Juli
1895: "Korbach, im Juli (1895). Die Einweihung der neu
erbauten Synagoge hierselbst vollzog sich vor Kurzem unter Beteiligung von
Staats- und städtischen Behörden sowie zahlreicher auswärtiger Gäste
in würdiger Weise. Am Freitagnachmittag 4 1/2 Uhr versammelten sich die
Mitglieder der israelitischen Gemeinde in ihrem alten Gotteshause, um
daselbst die Abschieds-Andacht zu verrichten. Alsdann wurde die
Gesetzesrolle in geordnetem Zuge bis zum Portal der neuen Synagoge
gebracht. Daselbst überreichte Herr Bauunternehmer Müller den Schlüssel
dem Vorstande mit dem Wunsche, dass Gott das zu seinem Ruhe errichtete
Gebäude fernerhin in seinen Schutz nehmen und vor Unheil und Gefahr
bewahren möge. Im Namen des Vorstandes übergab die Schülerin Hedwig
Kugelmann den auf seidenen Kissen ruhenden Schlüssel dem Bürgermeister
der Stadt, Herrn Alb. Steinbrück. In herzlichen Worten sicherte Herr
Bürgermeister Steinbrück die städtische Obhut zu. Nach einigen kurzen
Dankesworten seitens des Kultusbeamten Herrn Bellack für den
versprochenen Schutz, an welche derselbe Wünsche für das Wohlergehen der
gesamten Bürgerschaft dieser Stadt knüpfte, erschloss Herr Bellack die
neue Synagoge und weihte sie dem göttlichen Dienste mit den Worten:
'Öffnet euch, ihr Pforten, dass in euch einziehe Gerechtigkeit und
Friedensliebe! Möge ein Jeder, der durch euch schreitet, in Demut und Bescheidenheit
vor Gott hintreten, möge Jeder beim Weggange aus diesem Raume
Gottvertrauen und Hoffnungsfreudigkeit mit sich nehmen.' Unter den
Klängen der Orgel füllte sich nun der Gottesraum, und die Toraträger
nahmen Aufstellung zu je drei Mann zu beiden Seiten des Altars. In dem
Augenblick, als der Eröffnungs-Choral 'Es öffnen sich der Andacht
heil'ge Pforten, wir treten ein, lobsingen Gott dem Herrn etc.'* ertönte,
erfolgte die Installierung der Gesetzesrolle in das Allerheiligste. Es
folgte das Weihegebet und darauf der Choral: 'Wenn Gott der Herr das Haus
nicht bauet, vergeblich ist des Menschen Müh'n.' Die sich anreihende
Predigt des Herrn Bellack machte auf alle Anwesenden einen tiefen
Eindruck; Inhalt und Vortrag waren geradezu hinreißend. Mit Weihesegen
und Gesang schloss die schöne Feier. Am Sonnabend Morgen fand
Festgottesdienst und Einweihung der von Familie Schönthal gestifteten
Gesetzesrolle statt. - Die am Sonnabend Nachmittag auf dem Schmalz'schen
Felsenkeller arrangierte weltliche Feier verlief aufs Beste. Die Synagoge
selbst ist ein dem Zweck entsprechender, im byzantinischen Stile
errichteter, würdiger Bau. Zur Hebung der Andacht trägt ein vom hiesigen
Frauenverein gestiftetes und durch Herrn Orgelbauer Vogt hierselbst
aufgestelltes Orgelwerk wesentlich bei. Thora-, Altar- und Betpult-Decken
in prächtiger Ausstattung sind dem bekannten Atelier der Frau Jenny
Bleichrode in Berlin entnommen. Die Synagoge wird durch elektrisches Licht
erleuchtet. Das Gotteshaus ist eine Zierde der Stadt und ein ehrendes
Zeichen für die Opferwilligkeit der hiesigen
Gemeindemitglieder." |
Nur 43 Jahre war die Synagoge - eine
"Zierde der Stadt" und nach Worten des Bürgermeisters Steinbrück
unter die "städtische Obhut" genommen, Mittelpunkt des jüdischen
Gemeindelebens in der Stadt.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet, ausgeplündert
und angezündet. Auch das danebenstehende Schul- und Gemeindehaus wurde
vollständig zerstört. Die Ruinen von Synagoge und Schul- und Gemeindehaus
wurden abgebrochen.
Auf dem Grundstück der früheren Synagoge befindet sich seit 1956 der
städtische "Kindergarten Tempel".
Eine Gedenktafel (Texttafel) wurde im Mai 1983
angebracht mit der Inschrift: "Synagoge und jüdische Schule. Im Jahre 1895
errichtete die jüdische Gemeinde Korbach auf diesem Grundstück, auf dem sich
jetzt der städtische Kindergarten 'Im Tempel' befindet, eine Synagoge. Daneben
bestand schon seit 1893 eine jüdische Schule. Als die Verfolgung der Juden
während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im November 1938 zu der
Zerstörung jüdischer Gotteshäuser im ganzen Reichsgebiet führte, wurde am
Morgen des 10. November 1938 auch die Korbacher Synagoge niedergebrannt. Seit
dem 2. Weltkrieg gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Korbach".
1996 wurde unterhalb des Kindergartens zusätzlich ein Mahnmal
eingeweiht. Die Inschrift lautet: "Die jüdische Gemeinde in Korbach hatte
an dieser Stelle, Tempel 5, jahrzehntelang den Mittelpunkt ihres religiösen und
kulturellen Lebens. 1770 schlossen sich Korbacher Juden zu einer Gemeinde
zusammen. 1892 erwarb die Gemeinde dieses Grundstück, richtete eine
Schule ein und weihte am 24./25. Mai 1895 die im Vertrauen auf Gott und den
Schutz der Obrigkeit erbaute Synagoge. 1938 brannten am Vortag der
Reichspogromnacht nationalsozialistische Bürger Synagoge und Schule nieder. Der
Terror gegen die Juden kannte nun keine Grenzen mehr. In den Jahren 1933
bis 1942 wurden alle jüdischen Mitbürger aus Korbach vertrieben oder
deportiert. Viele von ihnen wurden in Vernichtungslagern ermordet. Zur
Erinnerung an unsere entrechteten, gedemütigten und ermordeten jüdischen
Mitbürger, zur Schärfung unserer Gewissen und als Mahnung zu Toleranz und
Menschlichkeit wurde diese Tafel aufgestellt. Kreisstadt Korbach. 1996."
Adresse/Standort der Synagoge: Tempel 5
Fotos
(Quelle des historischen Fotos: Website www.synagoge-voehl.de)
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 460-463 sowie Bd. I S. 271-272 (zu
Goddelsheim). |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 130 (Fotos des Gedenksteines auf dem jüdischen Friedhof
für Jacob Wittgenstein sowie Foto der "Jakob-Wittgenstein'schen
Altersversorgungsanstalt") |
 | Kein Abschnitt zu Korbach bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994 und dies.: Neubearbeitung der
beiden Bände. 2007. |
 | Arbeitsgemeinschaft Spurensicherung des Kommunalen
Jugendbildungswerkes der Kreisstadt Korbach:
Judenverfolgung in Korbach. - Eine Dokumentation. Hsg. von der Kreisstadt
Korbach, Kommunales Jugendbildungswerk. Korbach 1989 (144 S., zahlr. Abb.). |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 218-220. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 565-566. |
 | Karl Wilke (Bearb.): Die Geschichte der jüdischen
Gemeinde Korbach. Hrsg. vom Stadtarchiv der Kreisstadt Korbach. 1993.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Korbach
Hesse-Nassau. Numbering 65 in 1782, the Jewish community grew to 151 (over 5 %
of the total) in 1880. It was affiliated with the rabbinate of Kassel. An organ
was installed in the new synagogue built in 1895. The Nazis imposed a strict
boycott against the Jews and the nondenominational old age home war 'aryanized'
in 1935. Of the 127 Jews living in Korbach in 1933 (89 left (51 emigrating)
before Kristallnacht (9-10 November 1938), when the synagogue was burned
down. The others were mostly deported to the Lublin district (Poland) in 1942
and perished in the Holocaust.

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