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Zierenberg (Kreis
Kassel)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Zierenberg (Gründung als Stadt 1293) bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts
zurück. Doch gab es schon im Mittelalter jüdische Ansiedlungen (14.
Jahrhundert). 1646 hatte es vier jüdische Haushaltungen in der Stadt,
1664 drei, 1744 sechs, 1776 bereits zehn (als Namen werden genannt: Meyer,
David, Schmuck, Israel, Katz, Hartmann und Scheu).
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1801 61 jüdische Einwohner, 1827 84 (5,9 % von insgesamt 1.412),
1861 132 (7,4 % von 1.788, in 23 Familien), 1871 103 (6,9 % von 1.493), 1885 106 (7,1 % von
1.488), 1895 84 (3,2 % von 1.608), 1905 73 (5,3 % von 1.389). Die jüdischen
Familien lebten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor allem vom Vieh- und
Kleinwarenhandel oder waren als Metzger tätig. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts
gab es auch mehrere jüdische Handwerker (um 1850 ein Schneider, ein
Schuhmacher, zwei Buchbinder). Seit den 1880er-Jahren eröffneten mehrere
jüdische Familien Geschäfte in der Stadt, die von erheblicher Bedeutung für
das wirtschaftliche Leben in der Stadt waren.
An den Befreiungskriegen (1813-14) und am deutsch-französischen Krieg (1870-71)
nahmen auch jüdische Männer der Stadt teil. Im Krieg 1813-14 waren es drei
jüdische Einwohner (Moses Katz, Itzig Katzenstein und Johann Henrich Süß); im Krieg 1870-71 waren es von den damals 103 Gemeindemitgliedern sieben
jüdische Kriegsteilnehmer. Die Namen stehen auf einer Ehrentafel in der
Turmhalle der Evangelischen Kirche:
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| "1814.
Namensverzeichnis derjenigen Leute aus der Stadt Zierenberg und
Kolonien..., welche beim Kurhessischen Armee-Korps gegen Frankreich
dienen"; unter den Namen auch drei Namen von jüdischen Männern. |
"Zum Andenken
an die in den Jahren 1870-71 in den Feldzug gegen Frankreich
ausgedrückten Männer": auf der Gedenktafel stehen auch die Namen
von jüdischen Männern. |
Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu schweren Ausschreitungen gegen die
jüdische Bevölkerung, bei denen erheblicher Schaden angerichtet wurde.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(1837 bis 1922 Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein
Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. An der
Israelitischen Elementarschule unterrichtete im 19. Jahrhundert (möglicherweise
bereits seit 1837) Jakob A. Gutkind - er konnte 1881 sein 50jähriges
Dienstjubiläum feiern (siehe Bericht unten). Sein Nachfolger war seit 1884 Siegmund
Rosenbaum, der 46 Jahre in Zierenberg blieb und 1922 gleichfalls sein
50jähriges Dienstjubiläum feiern konnte (siehe Bericht unten). Die Schule
wurde um 1850 von fast 50 Kindern besucht, Anfang des 20. Jahrhunderts
waren es nur noch zwischen vier und zwölf Kinder. Zusammen mit dem
Dienstjubiläum von Lehrer Rosenbaum 1922 wurde die Elementarschule aufgelöst.
Rosenbaum erteilte bis zu seinem Tod 1926 (siehe Bericht unten) noch den
Religionsunterricht den schulpflichtigen jüdischen Kindern. Die jüdische
Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Samuel
Rothschild (geb. 21.8.1876 in Zierenberg, gef. 22.3.1916).
Um 1924, als 62 jüdische Einwohner gezählt wurden (3,8 % von 1.645
Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Otto Schartenberg und
Berthold Rothschild. Der bereits genannte Lehrer Rosenbaum erteilte damals noch
acht schulpflichtigen jüdischen Kindern den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen
gab es die beiden Wohltätigkeitsvereine Männerchewro (bzw. Männerverein;
1924 unter Leitung von Salli Holzapfel mit 17. Mitgliedern; 1932 unter Leitung
von Jakob Schartenberg; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung armer Juden) und
die Frauenchewro (1924 unter Leitung von Jenny Katz mit 21 Mitgliedern;
1932 unter Leitung von Frau Schartenberg; Zweck und Arbeitsgebiet:
Unterstützung armer Juden). 1932 waren die Gemeindevorsteher Leopold
Meyer (1. Vors.), Jakob Schartenberg (2. Vors.) und S. Mandelbaum (3. Vors.).
Seit dem Tod des Lehrers Rosenbaum (1926) erhielten die jüdischen Kinder ihren
Religionsunterricht durch Lehrer H. Löwenstein aus Meimbressen.
1933 lebten noch 53 jüdische Personen in Zierenberg (3,3 % von 1.621
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung, der
Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts weggezogen (insbesondere nach Kassel) beziehungsweise ausgewandert
(mindestens je einer nach Italien, Kolumbien und USA). Arnsberg (s. Lit. S. 445)
berichtet, dass bereits vor 1933 die Haltung vieler Bürger Zierenbergs
gegenüber Juden feindselig war. Zierenberg galt auf Grund der hohen Stimmenzahl
für die NSDAP Ende 1933 als "Adolf-Hitler-Stadt". Beim Novemberpogrom
1938 (in Zierenberg bereits in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938)
wurde die Synagoge völlig zerstört (s.u.), jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden durch
SA- und SS-Leute überfallen und verwüstet, jüdische Personen misshandelt, der
jüdische Friedhof schwer geschändet und verwüstet.
Von den in Zierenberg geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Auguste Bauer (1912),
Bernhard Holzapfel
(1881), David Holzapfel (1879), Sally Holzapfel (1884), Salli Israel (1871),
Berta Kaiser geb. Schartenberg (1890), Ilse Kaiser (1928), Gerson (Lion) Katz
(1887), Ida Katz geb. Schartenberg (1873), Else Kaufmann geb. Samuel (1891),
Henni Kaufmann geb. Schartenberg (1880), Jakob Kaufmann (1880), Rudolf Kaufmann
(1878), Wilhelmine Kugelmann geb. Schartenberg (1873), Johanna Lamm geb. Gerson
(1880), Helene Maidanek geb. Rosenbaum (1891), Manuel (Emanuel) Müller (1860),
Kurt Josef Möllerich (1919), Rosa Möllerich geb. Katz (1885), Berta Nachum
geb. Rosenbaum (1885), Rosa Rosenbaum geb. Mayer (1872), Heinz (David)
Rothschild (1923), Ricksa Schartenberg (1883), Rosa Schartenberg (1887), Carl
Adolph Waldeck (1875), Karl Waldeck (1870), Bernhardine Weinberg geb.
Schartenberg (1870).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen
Lehrer und der Schule
50jähriges Dienstjubiläum des Lehrers Jakob Gutkind (1871)
Lehrer Jakob Gutkind stammte aus Nentershausen (geb. 1800); er starb
1884 in Zierenberg und wurde im Friedhof der Gemeinde beigesetzt.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1871:
"Volkmarsen (Hessen) im August (1871). In der israelitischen Gemeinde
Zierenberg wurde am 3. dieses Monats eine seltene und sehr schöne
Festlichkeit begangen, das 50jährige Dienstjubiläum des dortigen Lehrers
J. Gutkind. Die dem greisen Jubilar erwiesenen Ehrenbezeugungen sind
Zeugnisse seiner Würdigkeit und der allgemeinen Achtung, deren er sich
erfreut. Von Nah und Fern waren Freunde, ehemalige Schüler und
Schülerinnen, eine beträchtliche Anzahl jüdischer und christlicher
Lehrer, der Oberschulinspektor Herr Pfarrer Karff von Obermeiser, der
Ortsgeistliche, der Bürgermeister etc. zur Teilnahme erschienen.
Die Festrede hielt Herr Dr. Stein, Seminarlehrer von Kassel in
erbaulichster und entsprechendster Weise; derselbe überbrachte dem
Jubilar gleichzeitig eine Beglückwünschungs-Adresse vom Preußischen
Vorsteheramte zu Kassel, dem eine Gratifikation von 20 Taler beigefügt
war. Die Gemeinde widmete einen kunstvollen silbernen Pokal und das
Festkomitee namens sämtlicher Schüler etc. ein Ehrengeschenk: 100 Taler
Wertpapiere und ein kurhessisches 40-Taler-Los, dem außerdem noch andere
sehr schöne Geschenke folgten. Am Festessen nahmen über 100 Personen
teil. Herr Landrat Weber von Wolfhagen behändigte dem Jubilar ein
Gratulationsschreiben von Hoher Königlicher Regierung und den von Seiner
Majestät unserem Allergnädigsten Kaiser und König verliehenen
Verdienstorden mit der Zahl 50. Es ist dies soviel mir bekannt, der erste
jüdische Lehrer in der Provinz Hessen, dem eine solche Auszeichnung
zuteil geworden.
Es ist dies ein Fortschritt, welcher den israelitischen Lehrern die
Hoffnung gibt, dass sie einer zeitgemäßen und ihnen rechtmäßig
gebührenden Stellung von Seiten hoher Staatsbehörde gewürdigt werden
und wird hoffentlich der Wahlspruch bald einmal zur Geltung kommen:
'Gleiche Pflichten - gleiche Rechte!' - In der Würdigung dieses längst
ersehnten Zeitpunktes hat aber umso mehr bei allen Wirren und Gefahren,
welche den Boden und die Pflanzstätte des israelitischen Lehrer, wie das
Judentum überhaupt zu erschüttern drohen, der Lehrer die heiligste
Pflicht: im Triumph das Panier nicht für die zu tragen, welche mit einem
irrigen und trügerischen Geiste zu blenden sich bestreben. Eingedenk des
Prophetenwortes 'die Lehrenden werden strahlen wie der Glanz der
Himmelshöhe' müssen wir Lehrer gerade in der Würdigung und treuen
Erfüllung unseres Berufes unseren Stolz darin suchen, unsere ganze
physische Kraft und geistiges Bestreben daran setzen, ... das lautere
Gotteswort, den echten, reinen und unverfälschten Glauben, die
angestammte Religion unserer Väter, samt den heiligsten und uns lieb
gewordenen Pflichten nach dem Sinne unserer Ahnen zu lehren und den
jugendlichen Seelen unerschütterlich und für alle Ewigkeit einzuprägen:
'alle Worte, die ich euch befehle, sollt ihr einhalten, sie zu befolgen
- und weicht nicht von ihnen ab." J. Wertheim,
Lehrer." |
50jähriges Dienstjubiläum von
Lehrer Siegmund Rosenbaum (Lehrer in Zierenberg seit 1880)
Siegmund Rosenbaum stammt aus Baumbach (bei Rotenburg/Fulda,
geb. 1857)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1926:
"Zierenberg, 1. August (1926). Am heutigen Tage sind es 50 Jahre,
seitdem der hiesige Lehrer S. Rosenbaum sein Lehramt angetreten hat.
Nachdem er 4 Jahre in Raboldshausen gewirkt hatte, kam er hierher. Es war
nicht zuletzt sein Verdienst, dass hier eine neue Synagoge und eine Schule
erbaut wurde. Als am 1. Oktober 1922 die Schule aufgelöst wurde, ward
Rosenbaum in den Ruhestand versetzt. Er blieb dann weiter als
Religionslehrer, Vorsänger und Schochet hier tätig. Rosenbaum erfreute
sich immer in seiner Gemeinde, bei der vorgesetzten Behörde und bei
seinen jüdischen und christlichen Kollegen allgemeiner Wertschätzung. Da
der Jubilar zurzeit kränklich ist, musste eine Feier seines Jubiläums
unterbleiben. Wir wünschen ihm gute Gesundheit bis 120 Jahre." |
Zum Tod von Lehrer a.D. Siegmund Rosenbaum (Oktober 1926)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Oktober 1926:
"Zierenberg, 17. Oktober (1926). Im 69. Lebensjahre verstarb hier
nach schwerem Leiden der Lehrer a.D. Siegmund Rosenbaum, der seit 1880 bis
zuletzt als Volksschullehrer und Kultusbeamter segensreich gewirkt hat.
Die Beerdigung fand am Freitag von der Synagoge aus Staat, die kaum die
Teilnehmerschaft aus Stadt und Land fassen konnte. Lehrer Löwenstein -
Meimbressen hielt die Gedächtnisrede unter Zugrundelegung des Psalms 126:
'Wer mit Tränen sät, wird mit Jubel ernten', das Wirken des Lehrers mit
dem des Landwirtes vergleichend. Namens der Israelitischen Lehrerkonferenz
Hessens sprach dann Lehrer Perlstein - Gudensberg Worte der Anerkennung
des Wirkens des Verstorbenen, das zum Segen wurde in Schulen und
Gemeinden. Die Gemeindeältesten der jüdischen Gemeinde nahmen rührenden
Abschied von ihrem Lehrer und Führer. Im Namen des Bezirksvereins
Wolfhagen sprach Lehrer Katzenstein - Wolfhagen am Grabe. Der Verstorbene
erfreute sich auch in hiesigen Einwohnerkreisen großer Beliebtheit. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Jakob Kaufmann wird zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt
(1927)
Meldung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1927:
"Zierenberg, 14. August (1927). Herr Jakob Kaufmann, dahier, wurde
zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt." |
75. Geburtstag von Henriette Kaufmann (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1928: "Zierenberg,
20. August (1928). Ihren 75. Geburtstag beging am 18. August die Witwe
Henriette Kaufmann dahier in seltener körperlicher Rüstigkeit und
Geistesfrische. Sie ist in allen Kreisen der Stadt geachtet und
geehrt." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge ("Schule") war bereits im 17.
Jahrhundert vorhanden. Es handelte sich dabei wohl noch um die alte
Synagoge, in der bis 1899 Gottesdienste abgehalten wurden. Im Bericht über
den Abschied von dieser alten Synagoge (siehe unten) ist davon die Rede, dass es
die Stätte war, in der die jüdische Gemeinde "seit Jahrhunderten ihre
Andacht verrichtet" hatte. In der Synagoge gab es 35 Männer- und 17
Frauenplätze. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die alte Synagoge
zunehmend baufälliger. Regelmäßig waren Instandsetzungsarbeiten auszuführen.
Als Mitte der 1890er-Jahre die baupolizeiliche Schließung drohte, entschloss
sich die jüdische Gemeinde zum Bau einer neuen Synagoge, obwohl dies nur unter
schweren finanziellen Opfern für die bereits zurückgegangene Zahl jüdischer
Einwohner in der Stadt möglich war. Landrabbiner Dr. Prager unterstützte die
Gemeinde dabei durch einen persönlichen Spendenaufruf:
Spendenaufruf des Landrabbiners Dr. Prager (Kassel) zum Bau der neuen Synagoge (1895)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1895: "Die
israelitische Gemeinde zu Zierenberg, Regierungsbezirk Kassel, ist
gezwungen, ein neues Gotteshaus zu errichten. Das bisherige, welches schon
seit 30 Jahren baufällig ist, wurde bisher mühsam durch fortgesetzte
Ausbesserungen erhalten, weil die Gemeinde die Kosten eines Neubaues
scheute.
Gegenwärtig aber, von den Behörden mit der polizeilichen Schließung
ihres Bethauses bedroht, sieht sie sich vor die unabweisbare Notwendigkeit
gestellt, ein neues, in Verbindung mit einem Frauenbade und Schullokale
herzustellen.
Die anerkennenswerte Opferwilligkeit der kleinen Gemeinde, sowie ihre
Bereitwilligkeit, durch eine Anleihe neue Lasten zu übernehmen, ferner
die von den dortigen Vereinen angesammelten Fonds, endlich eine durch
Privatsammlung in der Gemeinde Kassel in Aussicht gestellte Unterstützung
haben mehr als drei Viertel des Kostenanschlages gesichert. Noch aber
fehlen etwa 3.000 Mark!
Im Vertrauen, dass dieses fromme Werk auch außerhalb unseres engeren
Bezirks wohlwollende Förderung finden werde, verbindet der Unterzeichnete
seine Bitte mit dieser Gemeinde, dass Alle, die eine so notwendige und
hochwichtige gebotene Sache mit freundlichem Herzen und offener Hand
unterstützen können, hilfreich durch größere oder kleine Beiträge das
Zustandekommen des frommen Werkes ermöglichen und dadurch einer kleinen,
aber opferwilligen Gemeinde zu Beschaffung ihrer unentbehrlichsten
Einrichtungen verhelfen möchten.
Kassel. Der Landrabbiner: Dr. Prager.
Auch die Expedition dieses Blattes ist gerne bereit, Gaben unter Nr. 2710
in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern." |
Der Neubau der Synagoge konnte 1897/98 durchgeführt
werden. Im Dezember 1898 oder Anfang Januar 1899 wurde die neue Synagoge
eingeweiht. Es handelte sich um ein zweistöckiges Gebäude, in dem sich neben
dem geräumigen Betsaal mit einer Frauenempore auch ein Schulraum und das
rituelle Bad befanden. Über den Abschied von der alten Synagoge und die
Feierlichkeiten bei der Einweihung der neuen Synagoge liegt ein Bericht in der
Zeitschrift "Der Israelit" vor:
Einweihung der Synagoge 1899
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Januar 1899:
"Zierenberg (Regierungsbezirk Kassel). Ein sehr schönes Fest feierte
am vergangenen Mittwoch unsere Gemeinde. Schon am Schabbat zuvor
fand in dem seitherigen Gotteshaus die Abschiedsfeier durch unseren Lehrer
Herrn Rosenbaum statt, welcher zu seinem halbstündigen Vortrage den Text:
'Der Ewige wird behüten deinen Ausgang und deinen Eingang von nun an
bis in Ewigkeit' (Psalm 121,8) gewählt hatte. Die ganze Gemeinde war
angesichts des Scheidens von der Stätte, in der sie seit Jahrhunderten
ihre Andacht verrichtet, sichtlich tief ergriffen. Am Tage der Einweihung
versammelte sich die Gemeinde nochmals im alten Gotteshause, wo auch
Seiner Ehrwürden Herr Landrabbiner Dr. Prager aus Kassel Abschied von den
altehrwürdigen Räumen nahm, wurden unter Gesang die Torarollen
hinausgetragen und in einem sehr großen imposanten Zuge, woran auch die
Spitzen der städtischen Behörden teilnahmen, ging es nach der neuen
Synagoge, daselbst wurde von einem Musikchor zunächst das Beethoven'sche
Lied: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, in feierlicher Weise
vorgetragen. Alsdann überreichte eine hiesige junge Dame unter einer
poetischen Ansprache dem Herrn Landrabbiner die Schlüssel, welcher unter
ergreifenden Worten die Pforte zum Gotteshause öffnete. Nach dem Gesang
des Mah towu durch die Schulkinder unter Mitwirkung der ersten
Seminarklasse des Kasseler Lehrer-Seminars unter Leitung ihres Lehrers
Herrn Gutkind wurden die Torarollen in den Toraschrein gebracht und nach
einem Choralgesang hielt Herr Dr. Prager die alle Anwesenden begeisternde
Einweihungsrede, die ihren Höhepunkt in dem äußerst gefühlvollen
Gebete erreichte. Nach dem Anzünden des Ner tamid (ewigen Lichtes)
und einem Schlussgesang war die offizielle Feier beendet, worauf um 1 Uhr
das Mincha-Gebet verrichtet wurde.
Ein gemeinschaftliches Festmahl, bei welchem Herr Dr. Prager den
Kaisertoast ausbrachte, schloss die überaus würdige und erhebende Feier.
Am folgenden Tage wurde in ebenfalls feierlicher Weise das Lokal für die
israelitische Volksschule seiner Bestimmung übergeben und waren hierzu
neben dem Königlichen Schulverstand, auch der Vorstand der Gemeinde wie
verschiedene Mitglieder derselben erschienen. Die Festrede hielt Herr
Lehrer Rosenbaum, worauf der Vertreter des Königlichen Schulvorstandes,
der Kreis- und Lokalschulinspektor Herr Metropolitan Peter dahier
herzliche Worte an den Gemeindevorstand, an den Lehrer, wie auch an die
Kinder richtete. Nach entsprechender Deklamation der Kinder und nach dem
Liede: 'Groß ist der Herr' hatte auch diese Feier ein würdiges Ende
erreicht." |
30 Jahre nach ihrer Einweihung wurde
die Synagoge umfassend restauriert. Architekt Fritz Schüller aus dem
benachbarten Ort Niedermeiser (inzwischen in Köln tätig) leitete die
Restaurierungsarbeiten. Die Neueinweihung der restaurierten Synagoge war
am jüdischen Neujahrsfest im Herbst 1930 (23./24. September 1930).
Einweihung der restaurierten Synagoge (1930)
Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 17.
Oktober 1930: "Die Synagoge Zierenberg, die unter Leitung des
Architekten Fritz Schüller, Köln - Niedermeiser, restauriert wurde, wurde
am Neujahrstage ihrer Bestimmung wieder übergeben. Der Gemeindeälteste,
unser Mitglied Otto Schartenberg, sowie unser Mitglied Jakob Kaufmann
wiesen durch Ansprachen an die Gemeinde auf die Bedeutung des Tages
hin." |
Nur acht weitere Jahre wurden in der Synagoge
noch Gottesdienste abgehalten:
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SS- und SA-Leute - wie
in Bebra, Kassel und einigen anderen Orten bereits einen Tag früher als im
übrigen Reichsgebiet - aufgebrochen und völlig zerstört. Die Ruinen des Gebäudes wurden nach 1945
entfernt.
Am Standort der Synagoge wurde am 8. November 1988 eine Gedenktafel
angebracht mit dem Text: "Zum Gedenken. An dieser Stelle stand seit 1899
die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Zierenberg. Sie wurde in der Nacht vom 8.
auf den 9. November 1938 zerstört. Wir lernen nur, wenn wir nicht
vergessen."
Adresse/Standort der Synagoge: Alte
Synagoge: Lange Straße 14. Neue Synagoge: Mittelstraße 41 (Adresse
1932: Mittelstraße 105 1/2).
Fotos
(neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 17.6.2008; historisches Foto
der neuen Synagoge aus "Kibuz" s.Lit.)
Die alte Synagoge Lange
Straße 14
Rekonstruktionspläne von Th. Altaras s. Lit. |
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Rekonstruktionszeichnungen
auf Grund der Pläne von 1838-1840. Damals wurden zwei
Lösungen
durchdacht für den Einbau eines rituellen Bades im Keller des Gebäudes.
Die
Lösung links (von 1838) basiert auf einem Zulauf von einem Brunnen
(Grundwasser),
nach der Lösung rechts (von 1840) ist eine
Regenwasserzisterne vorgesehen. |
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Rechts: das Gebäude
der alten Synagoge im Juni 2008 |
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Die neue Synagoge
(1899 eingeweiht, 1938 zerstört) |
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| Standort
der neuen
Synagoge und Gedenktafel |
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Blick auf das
heutige Gebäude Mittelstraße 41, das an Stelle der Synagoge erbaut
wurde. |
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Die Gedenktafel
von 1988 mit Inschrift: "Zum Gedenken. An dieser Stelle stand seit
1899
die Synagoge der jüdischen Gemeinde Zierenberg. Sie wurde in der
Nacht vom 8. auf den 9.
November 1938 zerstört. Wir lernen nur, wenn wir
nicht vergessen. 8. November 1988". |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 444-446. |
 | Thea Altaras: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 47-48. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 88
(mit Angaben zu weiterer Literatur S. 89). |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 553-554. |
 | Zeitschrift "kibuz". Kirchliche Informationen
Burghasungen und Zierenberg. Ausgabe Erntedank 2008. U.a. mit Beitrag
von Wilfried Wicke: "Jüdische Leben in Zierenberg".
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Zierenberg
Hesse-Nassau. Established in 1600, the Jewish community maintained an elementary
school from 1837 to 1922 and numbered 132 (7 % of the total) in 1861. It was
affiliated with the rabbinate of Kassel and opened a new synagogue in 1899. Only
53 Jews remained in 1933. The Nazis destroyed the synagogue on Kristallnacht
(9-10 November 1938) and by 1939 all the Jews had left.

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