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"Synagogen im Kreis Hersfeld-Rotenburg"
Baumbach (Gemeinde
Alheim, Kreis Hersfeld-Rotenburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Hinweis: Von der früheren AG-Spurensuche an der
Jakob-Grimm-Schule Rotenburg an der Fulda wurde unter Heinrich Nuhn eine
Dokumentation "Juden in Baumbach um das Jahr 1930" erstellt: Link
zu dieser Dokumentation.
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Baumbach bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. 1744 und 1776 wurden jeweils vier jüdische Familien im Ort
gezählt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1835 40 jüdische Einwohner, 1861 77 (10,9 % von insgesamt 708
Einwohnern), 1871 71 (11,9 % von 595), 1885 78 (12,6 % von 620), 1895 79 (13,8 %
von 572), 1905 73 (13,2 % von 554), 1910 66 (11,6 % von 568). Verbreitete
jüdische Familiennamen waren in Baumbach u.a. Neuhaus, Wallach und Jaffa, wobei
der letztgenannte Name auf eine sephardische Herkunft der Familie hinweist. Von
der Familie Wallach waren vier Generationen Kleinbauern, ein Samuel Wallach nahm
an den Freiheitskriegen 1813-14 teil, ein anderer Samuel Wallach war 1870-71
Soldat in der Kompanie des Jungen Leutnants Hindenburg (zu letzterem siehe
Mitteilung von 1928 unten).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische
Schule (1881-1932 öffentliche Israelitische Elementarschule / Jüdische
Volksschule), ein rituelles Bad
und einen Friedhof. Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. Erster jüdischer Elementarlehrer war Nathan
Jaffa (1865 genannt, Quelle). Die Schule hatte 1871 13 Schüler, 1882 18, 1888 18, 1891 23, 1899 18,
1905 14, 1911 8, 1912 2 Schüler. Unter den jüdischen Familien bestand die
Tendenz, die Kinder zur höheren Schule nach Rotenburg zu schicken. Bereits 1917
sollte die jüdische Volksschule aufgelöst werden, da die Zahl der Schüler
nach dem Ersten Weltkrieg wieder zunahm, blieb sie bestehen. Ein weiterer Antrag
zur Aufhebung der Schule erfolgte im Oktober 1931, jedoch blieb die Schule bis
1934 bestehen. Die Gemeinde gehörte innerhalb des Kreises
Rotenburg an der Fulda zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in
Kassel.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Samuel Neuhaus (geb.
12.2.1882 in Baumbach, gef. 31.3.1916). Außerdem ist gefallen: Gefreiter
Siegfried Lotheim (geb. 22.2.1892 in Baumbach, vor 1914 in Homberg Bezirk Kassel
wohnhaft, gef. 12.4.1918). Der Name von Samuel Neuhaus steht auf dem Denkmal
für die Gefallenen der Weltkrieg im alten Teil des Gemeindefriedhofes in
Baumbach.
Um 1924, als zur Gemeinde noch 65 Personen gehörten (9,5 % von insgesamt
682 Einwohnern), war Gemeindevorsteher Josef Rosenbaum II. Als Kantor und Lehrer
war Benjamin Stiefel angestellt (er war bereits in der Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg Lehrer in der Gemeinde). Er unterrichtete an der Jüdischen
Volksschule damals zehn Kinder. An jüdischen Vereinen gab es den
Wohltätigkeitsverein Chewro Gemiluth Chassodim (Verein der
Wohltätigkeit; gegründet 1860; 1924/32 unter Leitung von Josef Rosenbaum
II mit 15/16 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Krankenfürsorge,
Unterstützung mit Geld und Lebensmitteln, Bestattungswesen) und den Israelitischen
Frauenverein (gegründet 1930, 1932 unter Leitung von Sara Neuhaus mit 14
Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger). 1932
war Gemeindevorsteher weiterhin Josef Rosenbaum II. Lehrer Stiefel hatte im
Schuljahr 1931/32 noch fünf Kinder an der Jüdischen Volksschule zu
unterrichten. Die Jüdische Volksschule wurde 1932 aufgelöst (vgl. Bericht).
Unter den jüdischen Haushaltsvorstehern gab es noch bis nach 1930 mehrere
Kleinbauern mit einem Nebenerwerb (Viehhändler, Schuster, Schneider).
1933 lebten noch 39 jüdische Personen in Baumbach (7,2 % von insgesamt 540
Einwohnern; in 14 Familien). In
den folgenden Jahren sind die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1939 wurden noch acht jüdische Einwohner gezählt.
Von den in Baumbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Sarah Selma Alexander geb.
Neuhaus (1879), Klara Boruchowitz geb. Moses (1885), Else Dannenberg geb.
Kanthal (1897), Berta Frenkel geb. Neuhaus (1884), Frieda Frenkel geb. Neuhaus
(1890), Frieda Gans geb. Sommer (1876), Rosa Grünewald geb. Neuhaus (1887),
Berta Kaiser geb. Neuhaus (1870), Benjamin Katz (1872), Bertha Katz geb. Neuhaus
(1879), Frieda Katz geb. Rosenbaum (1888), Rosa Kleeblatt geb. Neuhaus (1897),
Brunhilde Neuhaus (1924), Felix Neuhaus (1889), Frieda Neuhaus (1895), Hannelore
Neuhaus (1930), Isaak Neuhaus (1907) Jeanette (Anette) Neuhaus geb. Emmrich
(1870), Julius Neuhaus (1887), Julius Neuhaus (1899), Leopold Neuhaus (1900),
Max Neuhaus (1892), Moritz Neuhaus (1890), Moses Neuhaus (1865), Paula Neuhaus
geb. Wallach (1898), Joseph Rosenbaum (1876), Else Rosengarten geb. Neuhaus
(1909), Flora Scheier geb. Neuhaus (1892), Paula Speier (1905), Nanni Stern geb.
Rosenbaum (1905), Abraham Tannenberg (1874), Jettchen Tannenberg geb. Wallach
(1882), Goldine Wallach geb. Rosenbaum (1889), Jonas Wallach (1892), Julius
Wallach (1885), Sally Wallach (1884), Settchen Wolf geb. Rosenbaum
(1874).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Anzeige zum Tod von Lehrer Benjamin Stiefel (1945)
Todesanzeige
für Benjamin Stiefel in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift
"Aufbau" vom 9. März 1945: "Am 1. März 1945 verschied im
73. Lebensjahr nach langem Leiden mein lieber Gatte, unser guter Vater,
Schwiegervater, Großvater, Bruder, Schwager und Onkel
Benjamin Stiefel (früher Lehrer in Baumbach, Kassel)
In tiefer Trauer:
Henriette Stiefel geb. Katzenstein.
Bruno Stiefel und Frau Frida geb. Katzenstein.
Fritz Hamburger und Frau Alice geb. Stiefel.
Joseph Stiefel und Frau Stockholz. Cpl.
Herbert Stiefel., U.S. Army.
Julius J. Stiefel und Frau Flora geb. Hess, Leicester England
und 3 Enkelkinder.
529 W. 179th St., New York 33." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Goldene Hochzeit von Moses Neuhaus II und seiner Frau
(1914)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 27. März 1914: "Am 11. März begingen in voller
körperlicher und geistiger Frische die Eheleute Moses Neuhaus II
und Frau in Baumbach das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar
wurde durch viele Geschenke und Telegramme von nah und fern erfreut. Auch
aus dem Zivilkabinett des Kaisers ging ein Glückwunschschreiben und eine
Gratifikation ein." |
Goldene Hochzeit von Moses Neuhaus II und Jettchen
geb. Bloch (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1928: "Rotenburg,
14. August (1928). Heute begehen Moses Neuhaus II und Ehefrau Jettchen
geb. Blach im nahen Baumbach ihre goldene Hochzeit in bester
Rüstigkeit." |
83. Geburtstag des Kriegsveteranen Samuel Wallach (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1928:
"Rotenburg, 14. August (1928). Seinen 83. Geburtstag beging der
Kriegsveteran Samuel Wallach im nahen Baumbach in größter Frische des
Geistes und Körpers. Er ist Kriegsveteran von 1870-71." |
Hochzeit von Leopold Neuhaus und Paula geb. Wallach
(1938)
Aus
den Familien-Nachrichten im "Jüdischen Gemeindeblatt Kassel"
vom 1. Juli 1938:
"Vermählung. Baumbach: Leopold Neuhaus mit Paula
Wallach am 3.7.1938". |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war vermutlich ein Betraum vorhanden.
Um 1830
wurde eine jüdisches Gemeindezentrum erstellt. In ihm wurden die Synagoge, die
Schule und die Lehrerwohnung sowie das rituelle Bad eingerichtet. Das Gebäude
konnte an einer Straßenkurve der Lindengasse (dem früheren Dorfweg) erstellt
werden. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein zweigeschossiges, schlichtes
Fachwerkhaus auf einem Steinsockel. Die Synagoge befand sich in der östlichen
Hälfte des Gebäudes. Eine dreiseitige Frauenempore war eingezogen. Platz
hatten in der Synagoge (zuletzt) 40 Männer und 36 Frauen. In der westlichen
Hälfte befand sich im Erdgeschoss die Lehrerwohnung, im Obergeschoss die
Schulstube. Das rituelle Bad war ursprünglich in einem Anbau an der Südseite.
Bei einer größeren Renovierung des Synagogengebäudes 1931 wurde in
diesem Anbau die Küche der Lehrerwohnung eingerichtet und das rituelle Bad in
ein kleines Häuschen am Vorplatz neben dem Eingang zur Synagoge
verlegt.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die (Inneneinrichtung der) Synagoge nach
vorliegenden Berichten zerstört. Nähere Details werden in den vorliegenden
Darstellungen jedoch nicht angegeben.
Spätestens nach 1945 wurde das ehemalige jüdische Gemeindezentrum zu
einem Wohnhaus umgebaut. Es gab mehrere Besitzerwechsel. Insgesamt ist das
Gebäude in sehr gutem und gepflegtem Zustand. Es steht unter
Denkmalschutz. Eine Hinweistafel ist angebracht.
Adresse/Standort der Synagoge:
Lindengasse
Fotos
(Pläne: Thea Altaras s.Lit. 1988 S. 37; Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 7.4.2009)
Pläne /
Rekonstruktionen zur Synagoge
in Baumbach nach Umbauplänen
von 1930 von
Thea Altaras |
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Lage des
jüdischen Gemeindezentrums
an der Straßenkurve der Lindengasse mit
den
Einrichtungen: 1) Synagoge, 2) Küche
der Lehrerwohnung, ursprünglich
Mikwe,
3) neue Mikwe ab 1931, 4) Hof |
Nordansicht der
Synagoge (von der
Lindengasse aus gesehen) mit Eingang für
die Männer.
Die Fenster links gehörten zur
Synagoge (oben Empore), rechts zur
Lehrerwohnung, im Obergeschoss Schulsaal. |
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Grundriss des
Erdgeschosses des
Synagogengebäudes: F: Fraueneingang
mit Treppenaufgang
zur Empore;
M: Männereingang mit Zugang über
Flur zur Synagoge. |
Querschnitt A-A im
Bereich der Synagoge
(vergleiche Grundriss links); erkennbar die
Frauenempore; rechts Stufen des Eingangs
für die Männer, links am Anbau
die Tür
mit dem Eingang für die Frauen |
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| Das
Gebäude des ehemaligen jüdischen Gemeindezentrums im Frühjahr
2009 |
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| Unterschiedliche
Ansichten des ehemaligen Synagogen- und Schulgebäudes der jüdischen
Gemeinde Baumbach, jetzt Wohnhaus |
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| Hinweistafel:
"Ehemalige Synagoge. Das Gebäude von 1830 ist Kulturdenkmal aufgrund
seiner geschichtlichen Bedeutung als Synagoge. Es beinhaltete außer dem
Synagogensaal mit dreiseitiger Empore auch die im Obergeschoss
untergebrachte Schulstube und die Lehrerwohnung. Seit 1881 öffentliche
israelitische Elementarschule, aufgehoben im Jahre 1934 und später zum
Wohnhaus umgebaut." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 55. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 37-38. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 42 (ohne neue
Informationen) |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 51. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 389-390. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Baumbach
Hesse-Nassau. The community, which had a synagogue (1830) and an elementary
school (1860-1934), numbered 79 (14 % of the total) in 1895. The synagogue was
burned down on Kristallnacht (9-10 November 1938). Thirteen of the 39
Jews (1933) emigrated; at least 11 others perished in the Holocaust.

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