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Kreis Gießen"
Hungen mit
Inheiden, Utphe und Villingen (Stadt Hungen, Kreis
Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Hungen bestand eine jüdische Gemeinde bereits im
späten Mittelalter. Schon im 14. Jahrhundert könnten Juden in der Stadt gelebt
haben, doch liegen urkundliche Nachweise erst seit 1426 vor. Damals wird eine
Familie genannt, die aus Wölfersheim (Jakob von Wölfersheim und Moses von
Wölfersheim) zugezogen war, eine andere aus Langsdorf (Moses von Langsdorf
1458). Die jüdischen Familien lebten von Einnahmen aus dem Pfandleihgeschäft.
Da 1463 ein jüdischer "scholemeister" (Schulmeister; Schule =
Synagoge) genannt wird, ist davon auszugehen, dass noch mehrere jüdische
Familien in der Stadt lebten und diese einen Betsaal oder eine Synagoge
hatten.
Auch im 16. Jahrhundert bestand eine jüdische Gemeinde mit eigenen
Einrichtungen: 1510 erteilte Graf Bernhard III. (Ortsherrschaft Grafen
von Solms) der Judenschaft das Recht auf einen Friedhof.
Einschränkungen gab es in der Zeit des Dreißigjähriges Krieges: 1623
wurde den Hungener Juden auf Grund einer Klage der Krämerzunft das Hausieren verboten; 1633
wurden auf Befehl Graf Wilhelm II. verarmte Juden ausgewiesen. 1655 gab es in
der Stadt fünf jüdische Hausbesitzer, 1666
wurden 53 jüdische Einwohner in acht jüdischen Familien gezählt. Im 18.
Jahrhundert dürften kontinuierlich acht bis zehn jüdische Familien in
Hungen gelebt haben. Damals gehörten auch die in Langsdorf lebenden jüdischen Personen
zur Gemeinde in Hungen. Nach 1765 bildeten die Langsdorfer Juden jedoch eine
eigene Gemeinde.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert
wie
folgt: 1818 62 jüdische Einwohner, 1828 54, 1861 83 (6,6 % von insgesamt
1.251 Einwohnern), 1880 105 (7,8 % von 1.350), 1900 93, 1910 85 (5,1 % von 85).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert begann der Prozess der Ab- und
Auswanderung. So sind mehrere der jüdischen Einwohner nach Nordamerika
ausgewandert.
Um 1800 lebten die jüdischen Familien noch in sehr bescheidenen
wirtschaftlichen Verhältnissen, erst im Laufe des 19. Jahrhunderts besserte
sich die Situation nach Eröffnung mehrerer Handlungen und Läden.
Zur jüdischen Gemeinde in Hungen gehörten auch die in Inheiden und Utphe
lebenden jüdischen Personen (Inheiden: 1830 13, 1905 7, 1924 6, 1932 6; Utphe:
1830 9, 1905 6, 1924 4; 1932 5).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische
Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. 52 Jahre wirkte allein (von 1842 bis 1894) der
Lehrer S. Salomonsohn.
Um 1924, als 73 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,2 % von 1.748),
waren die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Gustav Löb und Gustav Gonsenhäuser.
Als Lehrer und Kantor wirkte Jacob Höhnlein. Er hatte damals acht jüdische
Kinder in Religion zu unterrichten (1932 gleichfalls acht Kinder). An jüdischen
Vereinen bestand insbesondere der Wohltätigkeitsverein (1924 unter Leitung von
Gustav Gonsenhäuser). Seit 1929 war jüdischer Lehrer und Kantor Edwin Seelig
aus Nordhausen im Harz (bis September 1934; 1936 nach Palästina emigriert). Anfang
der 1930er-Jahre waren von den etwa 18 jüdischen Familien zwei
Getreidehändler, sieben Textilhändler, fünf Viehhändler. Außerdem gab es
einen jüdischen Arzt (Dr. Siegfried Maier) und den jüdischen Lehrer.
1933 lebten noch 63 jüdische Personen in Hungen (3,7 % von 1.800). In
den folgenden Jahren ist ein Großteil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen (insbesondere nach Frankfurt) beziehungsweise ausgewandert.
Bereits im März 1933 hatte ein SA-Trupp Gustav Gonsenhäuser in seiner
Wohnung überfallen (Kaiserstraße 27). Seit Oktober 1933 wurden die jüdischen
Viehhändler vom Viehmarkt in Hungen ausgeschlossen. Bauern, die noch mit
Juden Handel trieben, durften ihre Milch nicht mehr in der Molkerei Hungen
abliefern. Ernst Katz, der von
einem SA-Mann aus Hungen angegriffen wurden war, hatte sich gewehrt und wurde
dafür ins KZ Osthofen eingewiesen. Auf Grund eindeutiger
Zeugenaussagen wurde er jedoch wegen Notwehr freigesprochen und konnte Deutschland verlassen.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde nicht nur die Synagoge geschändet:
SA-Leute überfielen auch jüdische Häuser und Wohnungen. Vier Männer wurden
festgenommen, in das Gefängnis gesperrt und misshandelt. Unter den in das KZ
Buchenwald verschleppten Personen war der letzte Vorsteher Salomon Wiesenfelder,
der am 20. November 1938 an den Haftfolgen starb. 1939 wurden noch 13 jüdische
Einwohner in Hungen gezählt, am 31. Dezember 1940 waren es noch sieben. Am 15.
September 1942 wurden die letzten drei jüdischen Einwohner Hungens
deportiert. Aus Inheiden wurden 16 jüdische Personen deportiert, darunter das Ehepaar Meier und Rosa Steinhauer sowie Frieda Steinhauer, die bis
Oktober 1941 in Hungen gewohnt hatten und dann in ein "Judenhaus" in
Inheiden ziehen musste (Haus der Familie Katz Seestraße 21).
Von den in Hungen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Anna Gallinger geb.
Hess (1875), Samuel Gerendasi (1886), Gustav Gonsenhäuser
(1869), Paula Gonsenhäuser geb. Steinheiner (1874), Florenze Grünebaum geb.
Kahn (1900), Alexander Hirsch (1901), Bertha Kahn geb. Kaufmann (1871), Hermann
Kahn (1895), Julius Kahn (1867), Milli Martha Kahn (1887), Simon Kahn (1863),
Gerda Kaufmann geb. Sulzbach (1909), Emma Mannheimer geb. Stern (1861), Rosalie
Nelkenstock geb. Kahn (1870), Helene Oppenheimer geb. Klebe (1855), Hermann
Oppenheimer (1881), Ida Oppenheimer geb. Grünebaum (1884 oder 1885), Johanetta
Oppenheimer geb. Eichel (1881), Katharina (Karola) Oppenheimer (1915), Karoline
Oppenheimer (1891), Ruben Oppenheimer (1883), Berta
Saalberg geb. Katz (1864), Amalie Seckbach geb. Buch (1870)*, Johanna Stahl geb.
Cahn (1888), Frieda Steinhauer (1886), Meier (Moritz) Steinhauer (1884), Rosa
Steinhauer geb. Klein (1879), Susanne Steinhauer (1893), Lina Stern geb. Katz
(1865), Clementine Strauss geb. Stern (1882), Alfred Sülzbach (1877), Gertrud(e)
Wassermann geb. Meyer (1897), Salomon Wiesenfelder (1875).
*) Frau des Architekten Max
Seckbach.
Von den in Inheiden geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosalie Joseph geb. Wallenstein (1881), Julius
Katz (1886), Levy Katz (1862), Recha Katz geb. Simon (1888), Emma Kuttner geb.
Gutmann (1874), Julius Kuttner (1876), Marta Kuttner (1912), Paula Löwenberg
geb. Katz (1890), Elfriede
Löwenstein geb. Katz (1914), Jennie Löwenstein (1941), Otto Löwenstein
(1909), Hilda (Henel) Simon geb. Eckstein (1861).
Nach 1945 kam ein jüdisches Ehepaar aus Theresienstadt nach Hungen
zurück: Jeremias Oppenheim und seine Frau Hedwig geb. Wiesenfelder. Herr
Oppenheim starb bereits 1946, seine Frau starb in Frankfurt am Main im September
1991.
Am 26. August 1990 wurde am jüdischen Friedhof in Hungen ein Mahnmal
zur Erinnerung an die jüdischen Einwohner von Hungen, Bellersheim, Obbornhofen
und Utphe eingeweiht. Auf dem Denkmal stehen die Namen der "in der Zeit der
Gewaltherrschaft 1933 bis 1945 ermordeten, vertriebenen und gedemütigten
jüdischen Bürger". Auf Grund der Forschungsarbeit der "Arbeitsgemeinschaft
Spurensuche" in Hungen konnte die Zusammenstellung vorgenommen
werden.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schochet 1862 / 1870 /
1875 / 1894 /
1901/ 1915 / 1921 (Hilfsvorbeter) / 1923 / 1925
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. August 1862:
"Für einen braven, tüchtigen Religionslehre rund Vorsänger ist
eine sehr empfehlenswerte Stelle in meinem Rabbinate: zu Hungen in
der Wetterau, offen mit 250 Gulden fixem Gehalt, freier Wohnung und
Akzidenzien, und nehme ich portofreie Bewerbungen um dieselbe gern
entgegen. Gießen, den 4. August 1862. Rabbiner Dr. Levi." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juli 1870: "Konkurrenz-Eröffnung.
Die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters bei der israelitischen
Gemeinde zu Hungen, mit einem jährlichen Gehalt von 350 Gulden nebst
freier Wohnung und Akzidenzien ist zu besetzen. Konkurrenzfähige Bewerber
wollen sich unter Vorlage ihrer Zeugnisse binnen sechs Wochen bei dem
unterzeichneten Vorstand melden. Hungen (Oberhessen), den 4. Juli
1870.
Der Vorstand. S. Salomonsohn". |
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Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 14. September 1875: "Die Religionslehrer- und
Vorbeter-Stelle in der israelitischen Gemeinde zu Hungen ist zu
besetzen. Gehalt bei freien Wohnungsräumen 700 Reichsmark. Bewerber
wollen sich alsbald unter Beifügung ihrer Zeugnisse bei uns melden.
Hungen in Oberhessen, im August 1875. Der Vorstand der
israelitischen Religions-Gemeinde dasselbst." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1894: "Die Stelle
eines Lehrers, Kantors und Schochets an hiesiger Gemeinde ist per alsbald
zu besetzen. Tüchtige Bewerber wollen sich schriftlich unter Beifügung
ihrer Zeugnisse an unterzeichneten Vorstand wenden.
Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Hungen.
B. Stern." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1901:
"Wir suchen zum alsbaldigen Eintritt für hiesige israelitische
Religionsgemeinde einen Lehrer, Kantor und Schochet, mit einem
fixen Gehalt von 1.000 Mark nebst Schächterdienst, welcher ungefähr 300
Mark einbringen kann. Ebenso ist ein dauernder Nebenverdienst mit mehr als
200 Mark zu erwarten. Bewerber wollen gütigst unter Beifügung ihrer
Zeugnisse sich an den unterzeichneten Vorstand wenden.
Hungen, Oberhessen, 16. März.
Der Vorstand: H. Stern." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Oktober 1901:
"Da unser seitheriger Lehrer unerwartet zur Absolvierung seiner
Militärzeit einberufen worden, so suchen wir möglichst per sofort einen Religionslehrer,
der zugleich Vorbeter und Schochet ist, mit einem
Jahresgehalt von Mark 1.000 nebst Schechita, welche mindestens 200
Mark einbringt, nebst freier Wohnung etc. Bewerbungen mit Lebenslauf und
Zeugnisse erbitten wir bald. Hungen, Oberhessen, 17. Oktober.
Der Vorstand: Heinemann Stern." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1915:
"Infolge Berufung unseres Lehrers Herr Isak, der 10 Jahre in unserer
Gemeinde amtierte, nach Limburg a. Lahn ist die Stelle als Lehrer,
Kantor und Schochet für alsbald neu zu besetzen. Der
Grundgehalt beträgt 1.200 Mark, Nebeneinkommen ca. 1.000 Mark.
Reisekosten werden jedem zur Probe berufenen vergütet. Meldungen nebst
Zeugnisabschriften von seminaristisch gebildeten, stimmlich begabten
Herren erbeten an den
Vorstand der israelitischen Religions-Gemeinde Hungen. Salomon Kahn." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921: "Die
Israelitische Religionsgemeinde Hungen sucht für die hohen Feiertage
respektive für Rausch Haschonoh und Jom Kippur einen Hilfsvorbeter
gegen freie Station und freie Verpflegung. Bewerber wollen sich mit ihren
Gehaltsansprüchen an den Unterzeichneten werden.
Salomon Kahn, 1. Vorsteher." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. März 1923: "Die hiesige
israelitische Religionsgemeinde sucht per 1. März dieses Jahres eventuell
etwas später einen Lehrer und Schochet. Gehalt nach Übereinkunft.
Reisekosten bei Vorstellung wird vergütet.
Israelitische Religionsgemeinde Hungen (Oberhessen). J. Kahn." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April 1923: "Religionslehrer,
Kantor und Schochet zum alsbaldigen Eintritt für unsere Gemeinde gesucht.
Gehalt unter Zugrundelegung von Gruppe 7 der Staatsbeamten. Reichsdeutsche
mit seminaristischer Ausbildung und guter Stimme wollen
Bewerbungsschreiben unter Beifügung von Zeugnissen und Lebenslauf richten
an Israelitische Religionsgemeinde, Hungen (Kreis Gießen in
Oberhessen)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. April 1925:
"Infolge Berufung unseres seitherigen Lehrers an die Präparandenschule
Höchberg ist die Stelle eines orthodoxen Lehrers, Vorbeters und
Schochet per sofort neu zu besetzen. Gehaltsgruppe VII der
Staatsbeamten. Meldungen erbeten an den Vorstand der israelitischen
Religionsgemeinde Hungen (Oberhessen)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1925:
Infolge Berufung unseres seitherigen Lehrers an die Präparandenschule
Höchberg ist die Stelle eines Lehrers, Vorbeters und Schochets neu
zu besetzen. Gehalt nach Gruppe 8 sowie größeres Nebeneinkommen.
Angebote an den Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde Hungen,
Gustav Löb." |
50jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Salomonsohn (1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1892: "Hungen
(Oberhessen). Allen Freunden, Schülern und Gönnern unseres allverehrten
Lehrers Herr S. Salomonsohn, diene zur Nachricht, dass derselbe in Kürze
nicht nur seinen 80. Geburtstag zurücklegt, sondern auch auf eine
segensreiche 50jährige Dienstzeit zurückblicken kann. Ein halbes
Jahrhundert der Arbeit und des Kampfes, der Erfolge und Verdienste,
welch’ eine riesige Spanne Zeit! Und doch hat Herr Salomonsohn mit
kurzen Unterbrechungen ausgefüllt im Dienste seiner Gemeinde Hungen, im
Dienste des Judentums, im Dienste der gesamten Menschheit und dabei die
Liebe und Achtung aller kreise zu erringen gewusst. Zahlreich werden die
Sympathieäußerungen sein, die ihm an seinem Jubiläumstag
entgegengebracht werden. Seine dankbare Gemeinde hat deshalb auch
Vorbereitungen getroffen, diesen Tag, es ist der 4. August dieses Jahres
in festlicher Weise zu begehen. Über den Verlauf der Feier werden wir später
berichten." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1892: "Hungen, 5.
August (1892). Die gestrige Feier des 50jährigen Dienstjubiläums unseres
verehrten Lehrers, Herrn Salomonsohn, verlief in sehr würdiger Weise.
Nach dem Festgottesdienste, während welchem Herr Rabbiner Dr. Levi die
Festrede hielt und in warm empfundenen Worten das Leben und die Verdienste
des Jubilars schilderte, begab man sich zur gemütlichen Feier in das
Hotel zur Traube. Bis spät in die Nacht blieben die Teilnehmer zusammen.
Der Jubilar wurde in der mannigfachsten Weise geehrt. Abgesehen von den
zahlreichen Glückwünschen und Huldigungen, die ihm zuteil wurden, hatten
ihm viele seiner Schüler, Freunde und Gönner ein Ehrengeschenk, seine
Kollegen respektive der israelitische Landeslehrerverein Hessens eine
prachtvolle Gedenktafel gewidmet. Möge es dem Jubilar vergönnt sein,
alle die Wünsche, die ihm entgegen gebracht wurden, auch in Erfüllung
gehen zu sehen." |
Zum Tod von Lehrer Salomonsohn (1894 - 52 Jahre Lehrer in Hungen)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1894: "Hungen im
Oktober (1894). Am 7. dieses Monats starb Herr Lehrer Salomonsohn, der
Senior der jüdischen Lehrer Hessens, im Alter von 82 Jahren. 52 Jahre
lang hat er in hiesiger Gemeinde als Lehrer amtiert und gleichzeitig auch
als Vorsteher während eines langen Zeitraumes seine Dienste ihr gewidmet.
Wenn auch ursprünglich dem Handwerkerstand zugehörig, hatte der
Verblichene trotzdem im Laufe der Jahre ein reiches Wissen gesammelt und
stand mit seinen Ansichten über Erziehung und Unterricht, sowie in seiner
Amtsführung überhaupt, vollkommen auf der Höhe unserer Zeit. Von der
Saat, die er in hiesiger Gemeinde gesät und von der warmen Verehrung und
Anerkennung, die man seinem Wirken zollte, legte sein vor wenigen Jahren
begangenes 50jähriges Jubiläum das beredteste Zeugnis ab, indem die
Beteiligung aus dem Kreise seiner Schüler, Freunde und Bekannte eine sehr
große war. Wenn auch von harten Schicksalsschlägen nicht verschont,
hatte der Dahingeschiedene sich doch eine seltene Körper- und
Geistesfrische bewahrt, und mit staunenswertem Eifer kam er noch im hohen
Alter bis vor 4 Monaten seinen Berufspflichten nach, wo er in würdiger
Anerkennung seiner Wirksamkeit von der Gemeinde mit vollständigem Gehalt
in den Ruhestand versetzt wurde. Möge der wackere Lehrer, der Kinder und
Kindeskinder erzogen und gebildet, seiner Gemeinde unvergessen bleiben. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Antisemitische Äußerungen des Hungener Amtsrichters
(1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. September 1901: "Aus
Hessen, 10. September (1901). Zur der Notiz in Ihrer Nr. 71 des
'Israelit' betreffs Gebrauches eines ungeziemenden Ausdruckes
'Judenschule' seitens eines den Vorsitz führenden Gerichtsassessors in
einer rheinischen Stadt, wird uns als Gegenstück Folgendes mitgeteilt: In
dem oberhessischen Landstädtchen Hungen hatte sich der jüdische
Lehrer vor Gericht zu verantworten weil er angeblich in der Amtstracht der
evangelischen Geistlichen die Leiche 'des Juden G. Kahn' begleitete. In
Gemäßheit des Paragraphen 300 (8) des Strafgesetzbuches wurde der
Angeklagte zu einer Geldstrafe von 5 Mark verurteilt. Die seinerzeit gegen
das Urteil eingelegt Berufung musste aus formalen Gründen abgelehnt
werden, sodass das Erkenntnis die Rechtskraft erhalten hat. (In Rosenberg
sprach die dortige Strafkammer den jüdischen Kultusbeamten von einer
ähnlichen Anschuldigung frei.)
An der ganzen Sache wäre jedoch nicht sonderlich viel gelegen, wenn nicht
die Begründung des Urteils eine derartige wäre, die, was Form und
Ausdruck anbelangt, geradezu Unerhörtes leistet und wahrlich nicht den
Anforderungen entspricht, die man sonst an einen deutschen Richter zu
stellen gewöhnt ist. Das angezogene Urteil spricht sich zunächst in
einer solch' beleidigenden Weise gegen den gesamten jüdischen Lehrstande
aus, dass es Wunder nehmen muss, dass hiergegen noch keine energischen
Maßnahmen unternommen worden sind. Das Urteil sagt wörtlich von den jüdischen
Lehrern: 'Ihre Vorbildung und ihre soziale Stellung ist niedrig', Man
glaubt des Ferneren einer antisemitischen Versammlung beizuwohnen, wenn
man die Ausdrücke wie 'Judenbestattung', 'Judenlehrer', 'Jude' liest.
'Der evangelischen Kirche kann es', so wird in dem Urteil ausgeführt,
'nicht gleichgültig sein, ob ein jüdischer Vorleser, Kantor oder Lehrer
von einer niederen Bildung und sozialer Stellung, der auch gleichzeitig
das Amt eines Schächters versieht, sich die beregten Eingriffe in die
Rechte des Geistlichen straflos gestatten darf.'
Gegen dieses Urteil, das auch in anderen Beziehungen höchst
charakteristisch ist, und noch zahlreiche andere Angriffspunkte enthält,
wurde bei dem Landgerichtspräsidenten in Gießen Beschwerde erhoben;
dieser jedoch ja entschieden, dass zum disziplinarischen
Einschreiten gegen den betreffenden Amtsrichter keine Veranlassung
vorläge. In dem Antwortschreiben des Landgerichtspräsidenten wird
alsdann des Weiteren ausgeführt:
'Da indessen einzelne Stellen der Urteilsbegründung, wie die Eingabe
zeigt, zu irrigen Schlussfolgerungen Anlass gegeben haben, so habe er dem
betreffenden Richter empfohlen, bei der Abfassung gerichtlicher
Entscheidungen Ausdrücke und Wendungen tunlichst zu vermeiden, die unter
Umständen Anlass zu Missdeutungen oder als polemische, über den Rahmen
der zu treffenden Entscheidungen hinausgehende Erörterungen angesehen
werden könnten.'
Ob diese 'Empfehlung' des Gießener Landgerichtspräsidenten genügen
wird, dass der Hungener Amtsrichter in Zukunft derartige Ausdrücke und Redewendungen,
welche geeignet sind, den ehrenwerten Stand israelitischer Lehrer in der
Öffentlichkeit herabzuwürdigen und u beleidigen, vermeidet, müssen wir
bezweifeln. Von viel heilsamerer Wirkung wäre eine wirksame Bestrafung
des Richters gewesen, dessen Ausdrucksweise auf das Schärfste gegeißelt
und zurückgewiesen werden muss. Wenn der Antisemit Böckel, ein Landsmann
des Richters in Hungen, derartige Redewendungen gerbacht, wie sie das
angezogenen Urteil enthält, so ist das mit seiner Gesinnungs-tüchtigkeit
zu entschuldigen, bei einem Richter aber muss ein Urteil, ob es einen
Christen oder Juden betrifft, in Form und Ausdruck den billigen
Anforderungen entsprechen, welche man in Deutschland an die Vorurteilslosigkeit
der weder 'sozial nieder stehenden, noch ungebildeten' Richter zu stellen
gewohnt ist. L.-" |
Streit in der Gemeinde (1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. Januar
1906: "Hungen (Oberhessen).
Unerquickliche Gemeindeverhältnisse.
Der Artikel wird nicht ausgeschrieben. Bei Interesse zum Lesen bitte
Textabbildung anklicken.
Erstaunlicherweise wurden solche Konflikte einer großen Öffentlichkeit
über die Presse bekannt gemacht. |
Antisemitische Regungen (1909)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1909: "Hungen, 20 März
(1909). Von vertrauenswerter Seite war dem Vorstand des Zentralvereins in
Berlin mitgeteilt worden, dass der Leiter der höheren Bürgerschule in
Hungen, Herr Otto Steuernagel, in den Unterrichtsstunden jüdischen Schülern
gegenüber verletzende Bemerkungen gemacht habe, die sie umso mehr
schmerzen mussten, als dies in Gegenwart der christlichen Mitschüler
geschehen war. Von der Ansicht ausgehend, dass die jüdische Jugend gegen
solche, das kindische Gemüt verbitternde Beleidigungen geschützt werden
müsse, erachtete es der Vorstand des Zentralvereins für angezeigt, die
Angelegenheit dem Großherzoglichen hessischen Ministerium des Innern,
Abteilung für Schulangelegenheiten, mit der Bitte um Abhilfe zu
unterbreiten. Darauf ist dem Zentralverein der Bescheid zugegangen, dass
der Leiter der höheren Bürgerschule zu Hungen mit aller Bestimmtheit
bestreite, die betreffende Äußerung gebraucht zu haben. Er gebe aber zu,
dass einige Ausdrücke besser unterblieben, bei ruhiger Überlegung auch
nicht erfolgt wären. Aus diesem Grunde sei vom Großherzoglichen
Ministerium des Innern der Direktor Steuernagel für die Zukunft
entsprechend belehrt worden." |
Antijüdische Maßnahmen setzen 1933 ein
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1933: "Gießen.
Wie in Hungen, so hat, nach Wagners Süddeutschem
Nachrichtendienst, auch in Schotten
eine außerordentliche Generalversammlung der Molkereigenossenschaft
Hoherodskopf einstimmig beschlossen, jedes Mitglied aus der Genossenschaft
auszuschließen, das künftig mit Juden in geschäftliche Beziehungen
tritt." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Adolf Löb (1915)
Anmerkung: Adolf Löb ist 1837 in Wohnbach geboren, wo er von 1861
bis 1889 als Ellenwarenhändler und Handelsmann lebte (Braugasse 60). 1889 zog
er mit seiner Familie nach Hungen, wo er als Kaufmann tätig war (im Laufe der
Jahre sehr unterschiedliche Waren). Er war verheiratet mit Bettchen geb. Stern
(1837-1875), seit 1876 mit Mathilde geb. Kahn (1850-1905). Adolf Löb hatte aus
den beiden Ehe zusammen neun Kinder, von denen fünf zum Zeitpunkt seiner Todes
bereits gestorben waren. Bei den zwei im Artikel genannten verheirateten
Töchter handelt es sich wohl um Olga (geb. 1861), Soffi/Cäcilie (geb. 1877,
lebte später in Endingen - CH), Hedwig (1883) und den Sohn Gustav
(1879-1927).
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1915: "Hungen
(Oberhessen), 19. Dezember 1915. Im Alter von 79 Jahren wurde Herr Adolf Löb
unter zahlreichem Trauergefolge zu Grabe getragen. Er war der Typus eines
jüdischen Biedermannes, dessen an Kampf, Erfolg, Leid und Enttäuschung
reiches Leben getragen war von den Grundsätzen der Redlichkeit und
Rechtlichkeit, der schlichten, tief sitzenden Frömmigkeit und des unerschütterlichen
Gottvertrauens. Als langjähriger Verwalter des Unterstützungsvereins
hatte er reichliche Gelegenheit, sich der Armen und Bedürftigen
anzunehmen und ihnen sein gastliches Haus zu öffnen. Um den Toten trauern
zwei verheiratete Töchter und ein Sohn, der zurzeit an der Westgrenze
unter den Waffen steht. Am offenen Grabe verlieh der Schwiegersohn der
Verewigten, Herr Redakteur Schachnowitz, Frankfurt am Main, dem Schmerze
der Familie und der Gemeinde Ausdruck und widmete dem scheidenden Vater
und Schilderung seines Lebensganges und vorbildlichen Lebenswandels Worte
liebenden Gedenkens. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Mathilde Löb geb. Gernsheim (1922)
Anmerkung: Mathilde Löb war die Frau von Gustav Löb
(1879-1927) und damit Schwiegertochter des oben genannten Adolf Löb.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1922: "Hungen
(Oberhessen), 24. November (1922), Eine unserer besten Frauen hat uns der
Tod mitten aus blühendem Leben entrissen. Frau Mathilde Löb geb.
Gernsheim, war ein Musterbild von Treue, Tapferkeit und Tüchtigkeit,
wahre Helferin ihres Gatten, liebreiche und zielbewusste Mutter und
Erzieherin ihrer Kinder, zärtliche Verwandte und Freundin aller, die
gleich ihr geraden Wesens und offenen Charakters dem Guten und Rechten
dienten. Von ihrem kurzen 42jährigen Lebensalter gehörten 17 Jahre der
treuesten aufopferndsten Pflichterfüllung an der Seite ihres Mannes in
Haus und Geschäft. Ihren Kindern suchte sie das Beste zu geben, was eine
Mutter geben kann: Bildung und Lauterkeit der Gesinnung, den
Nebenmenschen, die ihre Freundschaft suchten oder ihrer Hilfe bedurften,
ein liebevolles, mitempfindendes Herz. So wird ihre Bild unverwischlich im
ehrenden Andenken ihres Kreises fortleben.
An der Bahre, die von einer großen Trauerversammlung aus Nah und Fern
umringt war, entwarf Herr Lehrer Stein, Hungen, ein ergreifendes
Lebensbild der Frühverstorbenen, dem noch Herr Redakteur Schachnowitz,
Frankfurt am Main, herzliche Worte letzten Dankes im Namen der Familie
anfügte. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst (16. Jahrhundert) dürfte ein Betsaal vorhanden
gewesen sein. 1673 wurde eine erste Synagoge erbaut ("Schule", später
"alte Synagoge" genannt).
Eine neue Synagoge wurde nach dreijähriger Vorbereitung in Planung und
Finanzierung 1832 eingeweiht. In der Zeit während des Baus der Synagoge
wurde das davor liegende Gebäude als Synagoge verwendet. Das Nebengebäude zur
Synagoge wurde als Badhaus mit Schule und Lehrerwohnung eingerichtet. Die
Synagoge war ein zweigeschossiges, verputztes Fachwerkhaus mit einem
geschweiften Walmdach, auf dessen Spitze ein Davidstern angebracht war. Die
Fenster- und Türöffnungen waren mit Rundbögen versehen. 1885 wurde
eine Heizung eingebaut sowie Reparaturen vorgenommen.
1892 beschädigten - in einer Zeit des auch in Hungen deutlich spürbaren
Antisemitismus - Jugendliche die Hungener Synagoge. 1899 wurde das
Gebäude gründlich renoviert.
Über 100 Jahre war die Synagoge Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Hungen.
1932 konnte das hundertjährigen Bestehen der Synagoge
gefeiert werden:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1932: "Hungen
(Oberhessen), 12. Juni (1932). Am vergangenen Samstag feierte unsere
Gemeinde das 100jährige Bestehen der Synagoge. Im Rahmen des
Freitagabend-Gottesdienstes begrüßte Lehrer Seelig in seiner Ansprache
Herrn Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld, Gießen sowie ehemalige Hungener
Lehrer und noch viele Gäste, die es sich nicht hatten nehmen lassen, in
alter Anhänglichkeit und Liebe den Ehrentag der Gemeinde mitzufeiern. –
Samstagmorgen nach dem Frühgottesdienst fanden sich in der schön geschmückten
Synagoge Bürgermeister Fendt als Vertreter der Behörde, Pfarrer Bock als
Vertreter der Geistlichkeit und Rektor Schaad als Vertreter der Schule
ein. Alsdann ergriff Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld das Wort zu
seiner Festpredigt, die einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer hinterließ.
Anschließend sprachen Prediger Isaak, Limburg und Lehrer Stein, Markt
Berolzheim. Sie gaben in beredten Worten ihrer Freude Ausdruck, ihrem früheren
Wirkungskreise ihre Glückwünsche persönlich übermitteln zu können.
Der erste Vorsteher, Herr S. Wiesenfelder, trug noch interessante
Eintragungen aus der Chronik vor, um zu zeigen, wie sich die jüdische
Gemeinde von jeher aufs engste mit allen Mitbürgern Hungens verbunden fühlte.
Die erhebende Feier fand mit dem Olenugebet ihren Abschluss.
Anlässlich der Hundertjahrfeier stiftete der Frauenverein trotz der Not
der Zeit unter großen Opfern unter der bewährten Leitung ihrer ersten
Vorsitzenden, Frau Paula Gonsenhäuser, ein Porauches (sc.
Toraschreinvorhang) nebst Schulchandecke (sc. Decke für den Lesepult), außerdem
wurde von Familie Katz, Hungen, eine wundervolle silberne Torakrone, von
Adolf Katz, Frankfurt am Main, ein herrliches Toramäntelchen gestiftet.
Auch der Jugendbund Hungen überreichte ein selbst angefertigtes Toramäntelchen." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute zerstört. Torarollen,
Gebetbücher wurden auf die Straße geworfen; die Möbel wurden auf dem
Marktplatz verbrannt. Ritualien sollen teilweise auf dem Rathaus abgeliefert
worden sein, sind seither jedoch verschwunden.
Die politische Gemeinde erwarb wenig später für 7.600 RM das
Synagogengebäude, zu dem auch Schule, Lehrerwohnung und im Keller das rituelle
Bad gehörten.
Nach 1945 ging das Gebäude in Privatbesitz über und wurde zu einem
Wohnhaus umgebaut.
1990 wurde eine Gedenktafel mit folgendem Text angebracht:
"Ehemalige Synagoge eingeweiht 1832 unter dem Rabbinat Oberhessen - am 10.
November 1938 unter nationalsozialistischer Herrschaft geschändet und im Innern
zerstört."
Adressen/Standorte der Synagogen:
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Alte
Synagoge: Saalgasse 3 (frühere Anschrift: Schlossgasse Gebäude Nr. 120) |
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Neue Synagoge: Blitzenstraße 38. |
Informationen zur jüdischen Geschichte vor
Ort: über die Arbeitsgruppe Spurensuche; Kontakt gegebenenfalls über
das Kulturamt der Stadt Hungen (Leiter Erhard Eller)
Fotos
(Quelle: Altaras 1988 S. 83; Altaras 1994 S. 69; Arbeitsgruppe
Spurensuche s.Lit.: Jüdisches Hungen S. 12; Fotos 2008: Hahn, Aufnahmedatum
28.3.2008)
| Historische Fotos |
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Blick zur ehemaligen
Synagoge |
Rechts die Synagoge. Der
Fraueneingang
führte über die kleine Treppe sowohl zur
Frauenempore wie
auch ins Gemeindehaus. |
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| Das zum Wohnhaus umgebaute
Synagogengebäude |
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Ehemalige
Synagoge rechts der Mitte, links
das ehemalige Schul- Gemeindehaus. Der
ehemalige Fraueneingang ist mit Glassteinen
zugemauert (Foto August 1984) |
Die 1990 angebrachte
Hinweistafel |
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Das
Synagogengebäude um 1970
(Foto Else Bender, Hungen
Quelle: Umschlagbild der Dokumentation "Judenfamilien in Hungen"
s.Lit.) |
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Das Foto wurde vom
Kirchturm
aus aufgenommen |
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| Das
Gebäude der ehemaligen Synagoge im März 2008 |
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Das ehemalige
Schule und Gemeindehaus
und anschließend die ehemalige Synagoge |
Das ehemalige
Synagogengebäude |
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Blick zur
ehemaligen Synagoge |
Die 1990
angebrachte Hinweistafel |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Januar 2009:
Auch in Hungen werden ab 2011 "Stolperstein" gelegt und weitere
aktuelle Aktivitäten der Arbeitsgruppe "Spurensuche" |
Bericht in der Gießener Allgemeinen vom 15.
Januar 2009 (Artikel):
"'Spurensucher' holen 'Stolpersteine' auch nach Hungen
Hungen (us). Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hat die Arbeitsgruppe 'Spurensuche' in Hungen einiges erreicht: sie hat die Errichtung des Denkmals am jüdischen Friedhof initiiert, sie organisiert dort alljährlich am 10. November die Gedenkfeiern, und sie hat vier Broschüren herausgebracht, die vor allem das Schicksal der jüdischen Einwohner Hungens während es Nationalsozialismus in den Blick nehmen. Nun will die Gruppe ihr Arbeitsspektrum erweitern...". |
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| Mai 2009:
Publikation zu "Judenfamilien in
Hungen" wird vorgestellt. |
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 22. Mai 2009: "Schicksale und Beziehungen rekonstruiert.
"Judenfamilien in Hungen" weist Weg zu Gräbern - Reiches Archivmaterial ausgewertet - Ergänzungen früherer Werke.
HUNGEN (ivi). Es ist ein bemerkenswertes Werk, das Hanno Müller im Hungener Rathaussaal der Öffentlichkeit vorlegte. Hinter dem schlichten Titel "Judenfamilien in Hungen" verbergen sich 412 Seiten, gefüllt mit akribisch recherchierten Daten über das Leben von Juden in Hungen, Inheiden, Utphe, Villingen, Obbornhofen, Bellersheim und Wohnbach. Den Anstoß zu diesem Familienbuch hatten der Steinbacher und seine Co-Autoren Dieter Bertram und Friedrich Damrath durch die Schriften und Bücher erhalten, die der Hungener Arbeitskreis Spurensuche in den letzten Jahren über jüdische Familien in Hungen publizierte..." |
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| November 2010:
Gedenkstunde zum Novemberpogrom 1938 |
Artikel in der "Gießener
Allgemeinen" vom 1. November 2010 (Artikel):
"Gedenkveranstaltung in Hungen
Hungen (pm). Auch in diesem Jahr organisiert die Hungener Arbeitsgruppe 'Spurensuche' wieder eine Veranstaltung zum Gedenken an die
'Reichspogromnacht', die in Hungen am 10. November 1938 stattfand.
Nazihorden zertrümmerten damals systematisch das Innere der Synagoge und jüdische Geschäfte...". |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica III,1 S. 578-579. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 406-407. |
 | Friedrich Prokosch: Chronik unserer Stadt 782-1982.
Hrsg. vom Magistrat der Stadt. Hungen
1982 S. 80-94. |
 | Inge Wolter: Geschichte der Juden in Hungen. In:
Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. N.F. vol. 41. 1983 S.
253-280. |
 | dies.: Der Judenpogrom in Hungen. Hungen 1988. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 82-83. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 69. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
40-41. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 172-174. |
 | Gabriele Reber: Lasst meine Bilder nicht sterben,
Amalie Seckbach. Bruchstücke einer Biographie. Frankfurt 2006. |
 | "Arbeitsgruppe
Spurensuche": Jüdisches Hungen. Einladung zu einem Rundgang.
Reihe: Orte jüdischer Kultur. Haigerloch 2006.
Zur Vorstellung der Broschüre: Artikel
bei www.hungen.info |
 | Hanno Müller, Dieter Bertram, Friedrich Damrath:
Judenfamilien in Hungen und in Inheiden, Utphe, Villingen, Obbornhofen,
Bellersheim und Wohnbach. ISBN 978-3-940856-16-6 Hungen
2009.
Zu beziehen über den Magistrat der Stadt Hungen - Stadtarchiv -
Kaiserstraße 7 35410 Hungen E-Mail |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Hungen
Hesse. Jews lived there from the 15th century and a community was
established in 1700. Numbering 105 (8 % of the total) in 1880, it was affiliated
with the Orthodox rabbinate of Giessen, but services held in the synagogue (built
in 1832) were accompanied by an organ and choir. After Worldwar I, a local
branch of the German Zionist Organization was established. In March 1933, some
prominent Social Democratics (including a number of Jews) were arrested. The
anti-Jewish boycott won popular support, and on the 'Night of the Long Knives'
(30 June 1934) SA and SS troops beat Jews attending Sabbath services. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), Nazis vandalized the synagogue's interior and attacked
community leaders. Of the 66 Jews living in Hungen after 1933, at least 29
emigrated (mainly to the United States or Palestine) by 1939; more than 20 were
deported to the Theresienstadt ghetto in 1942.

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