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Jüdische Geschichte / Synagoge
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| Neu (Dezember 2011):
Onlineplattform zum jüdischen Leben in Thüringen |
| Der Förderverein Alte und Kleine Synagoge Erfurt e.V. wird mit Hilfe des Leo-Baeck-Programms der Stiftung
"Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sowie des Thüringer Kultusministeriums ein Onlineportal zum jüdischen Leben in Thüringen schaffen. Ziel sei es, künftig einen gemeinsamen Veranstaltungskalender, wissenschaftliche Publikationen sowie Bild- und Tonarchive einzubinden. Ein besonderer Fokus soll auf ehrenamtlich agierenden Initiativen vor Ort
liegen. Mit den Jüdisch-Israelischen Kulturtagen in Thüringen hat der Förderverein in den vergangenen Jahren seine Netzwerkfähigkeit unter Beweis stellen können.
Weitere Informationen zum geplanten Netzwerk gibt es im Internet unter
www.synagogenverein-erfurt.de. |
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In der ehemaligen freien Reichsstadt Nordhausen bestand eine jüdische Gemeinde
bereits im Mittelalter. Erstmals werden
Juden in der Stadt 1290 genannt, doch dürfte die erste Ansiedlung von
Juden in der Stadt schon längere Zeit zurückliegen. 1290 bestimmte Rudolf von
Habsburg, dass die in Nordhausen wohnhaften Juden dem König Steuern in einer Höhe
zu zahlen hätten, die von den Bürgern festgesetzt würde. Die jüdischen
Familien bewohnten um 1300 einige ihnen gehörende Häuser in der (vermutlich
erst nach 1324 sogenannten) "Jüdenstraße", doch lassen sich auch
Juden in anderen Straßen der Stadt nachweisen. Spätestens nach 1324 lag in der
"Jüdenstraße" auch die Synagoge (siehe unten). Ein jüdischer
Friedhof lag außerhalb der Stadt am Frauenberg. Die Nordhausener Juden lebten
überwiegend vom Geldverleih.
Während der Judenverfolgung in der Pestzeit wurde die Gemeinde zerstört.
Anfang Mai 1349 wurden die Juden - nach einer wohl legendenhaften
Darstellung in einem alten Wormser Gebetbuch (s.u.) - auf ihrem Friedhof
verbrannt. Unter den Märtyrern war auch der damalige Rabbiner Jakob. Der Besitz
der ermordeten Juden wurde vom König dem Reichsvogt von Nordhausen - Graf
Heinrich von Hohnstein und Sondershausen - sowie den Grafen Heinrich und Günther
von Schwarzburg geschenkt. Von ihnen wiederum erwarb die Stadt das
"Judengut" durch eine Zahlung von 400 Mark Silber.
Nach der Judenverfolgung in der Pestzeit konnten seit 1350 wieder
einzelne Juden in der Stadt zuziehen (u.a. aus Arnstadt, Erfurt, Frankfurt, Mühlhausen,
Saalfeld, Mainz und anderen Städten). Nach 1360 gab es vermutlich vier jüdische
Familien in der Stadt, Mitte des 15. Jahrhunderts etwa sechs Familien. Weiterhin
lebten die jüdischen Familien vom Geldhandel, bis Mitte des 15. Jahrhunderts
der Geldhandel der Juden vom Rat der Stadt untersagt wurde und die sie nun im
Pferde-, Tuch- und Leinwandhandel aktiv wurden. Zu einer erneuten
Judenverfolgung kam es beim Ausbruch einer Pestepidemie 1438/39. 1447 oder kurz
danach vertrieb der Rat die Juden. Doch konnten sie nach kurzer Zeit (1450 oder
spätestens 1454) wieder zurückkehren. Zur "endgültigen" Vertreibung
der Juden aus der Stadt kam es 1559. Außer einer kurzfristigen
Niederlassung im 17. Jahrhundert war bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine jüdische
Ansiedlung in Nordhausen verboten.
Im 19. Jahrhundert entstand wieder eine jüdische
Gemeinde. Seit 1808 - damals gehörte die Stadt vorübergehend zu dem vom französischen
Kaiser Napoleon Bonaparte geschaffenen Königreich Westphalen - war der Zuzug in
der Stadt wieder möglich; der erste in der Stadt aufgenommene Jude hieß Meyer
Ilberg (bzw. Meyer Abraham). Im Laufe der nächsten 100 Jahre entwickelte sich
die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1809 fünf jüdische
Familien, 1817 14 Familien (mit 74 Personen), um 1825 etwa 100 jüdische
Einwohner, um 1830 etwa 165 (in 30 Familien), 1900 474, 1910 452 jüdische
Einwohner. Eine Neugründung der jüdischen Gemeinde Nordhausen war 1813
erfolgt. Der erste Vorsteher der Synagogengemeinde war bis zu seinem Tod 1826
Meyer Abraham. Der Zuzug jüdischer Familien erfolgte vor allem aus den
Landgemeinden Ellrich, Sülzhayn, Werne und Immenrode.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche jüdische
Geschäfte in der Rautenstraße und in der Töpferstraße. Jüdische
Fabrikanten, Rechtsanwälte, Kaufleute, Ärzte und Künstler hatten bis nach
1930 einen großen Anteil an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung
Nordhausens. Dr. Oscar Cohn, an den heute die Oscar-Cohn-Straße
erinnert, war von Beruf Rechtsanwalt und SPD-Reichstagsabgeordneter gewesen.
1915 hatte er im Reichstag gegen die Bewilligung der Kriegskredite gestimmt und
kämpfte fortan entscheiden gegen den Aufstieg der Nationalsozialisten. Er starb
1934 im Schweizer Exil.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
(Religionsschule) und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde waren zwischen 1875 und 1925 ein
Rabbiner, der auch als Lehrer und Prediger der Gemeinde tätig war. Ansonsten
(zeitweise auch zusätzlich) war ein Lehrer am Ort, der auch als Vorbeter
(Kantor) und Schochet tätig war.
Folgende Rabbiner waren in Nordhausen tätig:
- 1875 bis 1883 Rabbiner Dr. David Leimdörfer (geb. 1851 in Hlinik,
Ungarn, gest. 1922 in Hamburg): studierte nach dem Besuch mehrerer Jeschiwot in
Wien; war seit 1875 Rabbiner, Prediger und Religionslehrer in Nordhausen und
zugleich Rabbiner im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt; seit 1883/84 erster
Prediger (seit 1907 mit dem Titel Rabbiner) am Israelitischen Tempelverein in
Hamburg.
- 1883 bis 1889 Rabbiner Dr. Siegmund Gelbhaus (geb. 1850 in
Tysmenytsya, Galizien, gest. 1928 in Baden bei Wien): studierte in Berlin; ab
1877 Rabbiner in Karlstadt (Karlovac) Kroatien, ab 1883 Rabbiner in Nordhausen,
ab 1884 auch in Immenrode als Landesrabbiner von Schwarzburg-Rudolstadt; ab 1889
Rabbiner und Prediger in Prag, ab 1893 in Wien.
- 1889 bis 1909 Rabbiner Dr. Philipp Schönberger (geb. 1867 in
Tardosked, Ungarn, gest. 1908 in Nordhausen): studierte in Berlin; seit 1880
Rabbiner in Dessau, danach Bezirksrabbiner in Belovar, Kroatien; 1888 Rabbiner
in Pasewalk, 1889 bis 1908 Rabbiner in Nordhausen.
- 1909 bis 1925 Rabbiner Dr. Alfred Levy (geb. 1880 in Wingersheim,
gest. 1934 in Bonn): studierte in Breslau; 1909 bis 1925 Rabbiner in Nordhausen,
1926 bis 1934 Rabbiner in Bonn.
- 1927 Rabbiner Dr. Gustav Pfingst (geb. 1900, gest. 1957 in
Aberdeen, Schottland): studierte in Berlin, 1927 Rabbiner in Nordhausen, 1928
Rabbiner in Oppeln (Opole), Oberschlesien; 1934 bis 1937 nach einem
Nervenzusammenbruch bei seinen Schwiegereltern in Nordhausen wohnhaft; Ende 1938
nach England emigriert; zuletzt als Rabbiner in Aberdeen tätig.
- 1933 Rabbiner Dr. Heinrich Lemle (geb. 1909 in Augsburg, gest.
1978 in Rio de Janeiro): studierte in Breslau, Berlin und Würzburg, Nach
Ablegung seines Rabbinerexamens war er kurze Zeit als Prediger in Nordhausen tätig,
danach als Jugendrabbiner in Mannheim, 1934 bis 1938 in Frankfurt, Ende 1938
nach England emigriert, 1940 nach Brasilien, zuletzt Professor in Rio de
Janeiro; in zahlreichen jüdischen Organisationen von großer Bedeutung.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Leopold Bachmann
(geb. 26.5.1884 in Gleicherwiesen, gef. 14.5.1916), Gefreiter Hans Heinemann
(geb. 29.4.1896 in Nordhausen, gef. 4.6.1919), Nathan Lewin (geb. 14.7.1898 in
Nordhausen, gef. Nov. 1919), Karl Plaut (geb. 9.7.1891 in Nordhausen, gef.
4.8.1915), Felix Scheyer (geb. 30.8.1885 in Berlin, gest. an der
Kriegsverletzung 1.9.1919), Siegfried Stern (geb. 22.6.1894 in Beilstein, gef.
9.10.1917), Simon Walter (geb. 3.12.1888 in Kelbra, gef. 27.7.1915). Gefreiter
Richard Warburg (geb. 24.4.1890 in Nordhausen, gef. 20.11.1917). Außerdem sind
gefallen: Leutnant Erich Heilbrunn (geb. 22.7.1890 in Nordhausen, vor 1914 in Nürnberg
wohnhaft, gef. 21.3.1918), Julius Heilbrunn (geb. 31.12.1888 in Nordhausen, vor
1914 in Pforzheim wohnhaft, gef. 14.6.1915), Felix Katz (geb. 5.1.1890 in
Nordhausen, vor 1914 in Gladbeck wohnhaft, gef. 19.11.1916), Vizefeldwebel Ernst
Kuhn (geb. 8.7.1893 in Nordhausen, vor 1914 in Andernach wohnhaft, gef.
4.4.1918), Unteroffizier Samuel Kurt Schlesinger (geb. 28.6.1886 in Nordhausen,
vor 1914 in Saarbrücken wohnhaft, gef. 26.8.1914).
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde etwa 450 Personen gehörten, waren
die Gemeindevorsteher Sanitätsrat Dr. Stern (Hallesche Straße), Louis Jonemann,
Hermann Collin, Louis Kleimenhagen, Eli Neufeld und Oscar Blumenthal. Mitglieder
der Repräsentanz waren: Emil Hirsch (Hagenstraße), Eduard Mautner, Georg Cohn,
Sanitätsrat Dr. Frohnhausen, S. Blach, Walter Eisner, Heinrich Pinthus, J.
Goldstein, W. Katz, Ludwig Herzfeld und Franz Oppenheimer. Der Vorstand hatte
mehrere Kommissionen gebildet: die Armenkommission (Vorsitzender Sanitätsrat
Dr. Stern), die Schulkommission (Vorsitzender Hermann Collin), die
Kaschruthkommission (Vorsitzender W. Katz), die Finanzkommission (Vorsitzender
Eduard Mautner), die Baukommission (Vorsitzender Louis Kleimenhagen), die
Stellenverpachtungskommission (Vorsitzender Louis Kleimenhagen). Als Rabbiner,
Prediger und Lehrer war der bereits genannte Dr. Alfred Levy tätig, dazu war S.
Seelig als Schochet und Lehrer tätig. Die beiden Lehrer unterrichteten an der
Religionsschule der Gemeinde 30 Kinder; den Religionsunterricht an den höheren
Schulen erteilte Rabbiner Dr. Levy. Als Gemeindediener wird L. Altmann
genannt, als Friedhofswärter ein Herr Petri.
1932 waren die Gemeindevorsteher: Dr. Gutmann (Bahnhofstraße 7, 1.
Vors.), Hermann Collin (Wilhelm-Nebelung-Straße 9, 2. Vors.) und Louis
Kleimenhagen (Rautenstraße 7, 3. Vors.). Vorsteher der Repräsentanz waren
Eduard Mautner (Hallesche Straße 36, 1. Vors.) und Georg Cohn (Bahnhofsstraße
4, 2. Vors.). Als Lehrer und Kantor war Samuel Selig tätig (wohnt
Pferdemarkt 10). An der Religionsschule der Gemeinde erhielten im Schuljahr
1931/32 33 Kinder Religionsunterricht.
An jüdischen Vereinen gab es insbesondere: der Wohltätigkeitsverein Chewra
Gemilus Chassidim (bzw. Chewra Kadischa; gegr. 1861; 1924 unter
Leitung von Emil Hirsch, 1932 unter Leitung von H. Hecht mit 80 Mitgliedern;
Arbeitsgebiete: Krankenpflege und Bestattung), der Israelitische Frauenverein
(gegründet 1848; 1924 unter Leitung der Frau von Jos. Warburg, 1932 unter
Leitung von Lora Herzfeld, Bäckerstraße 23, mit 114 Mitgliedern; Zweck und
Arbeitsgebiet: Krankenpflege, Arbeitsnachweis, Erholungsfürsorge), eine Ortsgruppe
des Centralvereins (1924 unter Vorsitz von Rechtsanwalt Dr. Stern mit 85
Mitgliedern), eine Ortsgruppe des Hilfsvereins (1924 unter Leitung von
Willy Eisner mit 70 Mitgliedern), ein Synagogengesangverein (1924 unter
Leitung von Heinrich Pinthus mit 30 Mitgliedern), eine Zionistische
Ortsgruppe (1924 unter Leitung von Frau E. Pinthus mit 25 Mitgliedern), eine
Deutsch-jüdische Jugendgruppe (1924 unter Leitung von Kurt Kleimenhagen
mit 35 Mitgliedern), ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus (1924 unter
Leitung von Herrn Häberlein mit 160 Mitgliedern), die Jacob-Plaut-Loge
U.O.B.B. (1924 unter dem Präsidenten Heinrich Pinthus mit 75 Mitgliedern,
1932 unter dem Präsidenten Rechtsanwalt Dr. Frohnhausen) und ein Verein
Wanderfürsorge (1932 unter Vors. von D. Vogel; Zweck und Arbeitsgebiet:
Unterstützung Durchreisender). Es bestand eine Jüdische Lesehalle (Gemeindebibliothek
im Gemeindehaus bei der Synagoge, um die sich als Bibliothekar Dr. A. Levy bemühte.
1933 lebten 438 jüdische Personen in Nordhausen. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (1934 wurden noch 303
jüdische Einwohner gezählt, 1937 durch Zuzug von kleineren Gemeinden 386).
Ende Oktober 1938 wurden 43 sogenannte "Ostjuden", Mitglieder der
Familien Joschkowitz, Gottlieb und Nebenschoss nach Polen abgeschoben. Beim Novemberpogrom
1938 wurde die Synagoge geschändet und angezündet. Jüdische Geschäfte
und Wohnungen wurden überfallen, zertrümmert und geplündert. Über 100
Männer, Frauen und Kinder wurden in das Gefängnis und in den Siechenhof
getrieben. 67 Männer wurden am 10. November 1938 in das KZ Buchenwald
verbracht. Hier musste Kantor Kurt Singer ansehen, wie sein Vater grausam
misshandelt wurde. Er beging darauf Selbstmord. Neben Kurt und Eduard Singer
starben noch Hermann Bacharach, Ernst Plaut, Isidor Lewin und Rudolf Gerson in
den folgenden Wochen im KZ Buchenwald. Bis zum Beginn der Deportationen konnten
iinsgesamt etwa 180 jüdische Einwohner noch rechtzeitig emigrieren,
insbesondere nach Palästina und in die USA. Anfang 1942 lebten insgesamt 72
jüdische Einwohner zwangsweise in sogenannten "Judenhäusern": in der
Arnoldstraße 5 und 17, Sandstraße 12, Töpferstraße 25, Karolingerstraße 31,
Vor dem Kogel 12 und 26, Rautenstraße 16 und Markt 4. Zwischen April 1942 und
März 1943 wurden bei drei Transporten fast alle der jüdischen Einwohner
deportiert; nur die in sogenannter "Mischehe" lebenden Juden konnten
in der Stadt bleiben.
Von den in Nordhausen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): eine Liste
wird noch erstellt.
2004 wurden erstmals (zuletzt Oktober 2010) zur Erinnerung an jüdische (und
einzelne nichtjüdische) Einwohner der Stadt "Stolpersteine" in
Nordhausen verlegt, die nach den Deportationen in der NS-Zeit umgekommen
sind.
Hinweis: zu dem am nördlichen Stadtrand von
Nordhausen im August angelegten KZ Mittelbau - Dora (Außenstelle des KZ
Buchenwald) siehe den
Wikipedia-Artikel KZ
Mittelbau - Dora.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Allgemeine
Beiträge zur jüdischen Geschichte in Nordhausen
Über die Judenverbrennung in der Pestzeit 1349
(Artikel von 1873)
Nachstehend wird die ausführliche, wohl legendenhafte Darstellung der
Verbrennung der Juden in Nordhausen wiedergeben, die in einem alten Wormser
Gebetbuch so überliefert ist.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 18. Februar 1873: "Die Verbrennung der Juden zu Nordhausen am
5. Mai 1349. Als im Jahre 1349 eine Pest, der schwarze Tod genannt,
die Länder verheerte, glaubte man allgemein, dass die Juden durch
Vergiftung der Brunnen diese Krankheit verursacht hätten. Sie wurden
gefänglich eingezogen, gefoltert und verbrannt; im mildesten Falle ihrer
Habe beraubt und verjagt. Auch in Nordhausen fand 1349 auf Anregung des
Markgrafen Friedrich von Meißen eine solche Verfolgung statt (Förstemann's
Chronik p. 423). Eine bisher unbekannte Sage, wie die Juden hierbei zu
Tode kamen, hat uns Professor Franz Delitzsch in dem diesjährigen
Kalender fürs deutsche Reich nach einem alten Notizenbuch aus der
Bibliothek des Dr. Carmely in Frankfurt am |
Main
berichtet. Ein gewisser Eliezer ben-Samuel hat den Bericht in dieses
Notizenbuch aufgenommen, so wie er ihn in eine alte Wormser Tefillah
eingeschrieben fand. Bald nach Eingang der Aufforderung des Markgrafen von
Meißen traf der Vogt Schnetze in Nordhausen ein, und trat auf dem
Rathause, welches damals auf dem Kornmarkte stand, vor dem versammelten
Rate als Ankläger der Juden auf. Der Rat glaubte, sich der Aufforderung
des Markgrafen nicht widersetzen zu dürfen: der Rabbiner der jüdischen
Gemeinde, Rabbi Jakob, und die Gemeindevorsteher, wurden auf das Rathaus
zitiert, und es wurde ihnen hier eröffnet, dass sie der Brunnenvergiftung
angeklagt seien. Die Vorgeladenen riefen Gott zum Zeugen an, dass die
Beschuldigung unwahr sei, aber als sie der Vogt von Salza wie gemeine
Verbrecher anschnaubte, und ihnen die vielen Geständnisse anderwärts
Gefolterter herzählte, verstummten sie. Ohne weitere Untersuchung
verkündete ihnen der Rat, dass sie ihre Frevel am 5. Mai mit der
Feuertode zu büßen haben würden. So blieb ihnen nichts übrig, als sich
auf den unvermeidlichen Tod zu rüsten. Der Rabbiner und die
Gemeindevorsteher, mit denen er sich verständigt hatte, erschienen
nochmals auf dem Rathause, und legten den Ratsherren, mit Berufung auf das
gute Verhältnis, in welchem die jüdische Gemeinde bisher immer zur Stadt
gestanden hatte, die Bitte vor, dass man ihnen gestatten möchte, unter
Musik und Tanz in den Tod zu gehen. Die Bitte war seltsam, aber der Rat
fand eine Gewissenserleichterung darin, sie nicht abzuschlagen. Auf dem
jüdischen Friedhofe, auf dem Tuchrähm, beim Judenturme, wo jetzt noch
einige alte jüdische Grabsteine eingemauert sind, wurde eine tiefe, weite
Grube gegraben und darin ein Scheiterhaufen geschichtet. Über die Grabe
wurden Bretter gelegt, wie wenn im Freien zur Pfingstweihe ein Tanzboden
gezimmert wird. Der Rabbiner hatte befohlen, dass am 4. Mai, wo dies geschah,
niemand den Friedhof betreten solle, niemand solle das Blutgerüst sehen.
Insgeheim hatten sie auch den Stadtmusikus mit seinen Spielleuten auf
morgen früh zur bestimmten Stunde dorthin bestellt. Auf den Abend wurde
die ganze Gemeinde mit den Frauen und Kindern, wer nur immer das Haus
verlassen konnte, durch den Schulklopfer zum Gottesdienste gerufen. Dort
blieben sie in der Nacht vom 4. zum 5. Mai beisammen. Gebet und Gesang
wechselten mit Ansprachen, durch welche Rabbi Jakob sie auf den
bevorstehenden Todesgang vorbereitete. Als die vom Rate anberaumte
Morgenstunde gekommen war, forderte der Rabbi die Gemeinde auf, mit ihm
nach dem Friedhofe zu ziehen, und dort unter Gesang und Tanz den Namen des
Herrn zu heiligen, wie einst David und das ganze Haus Israel getan, da sie
die Bundeslade nach Zion geleiteten. Die Gesetzesrollen, die
reichgestickten Vorgänge des heiligen Schreines, die goldenen und
silbernen Geräte, wurden verteilt und mitgenommen. Rabbi Jakob eröffnete
den Zug, an welchen Wöchnerinnen und Kranke, in ihren Betten getragen,
sich anschlossen, und sein Sohn Rabbi Meier schloss ihn, um zu sorgen,
dass keiner zurückbleibe. Als man auf dem Friedhofe angelangt war, wurden
die Gesetzrollen und die anderen Heiligtümer auf den bretternen Tanzsaal
zusammengelegt. Auf ein Zeichen des Rabbi begann die Musik. Gleichzeitig
intonierte der Vorsänger einen melodisch schönen, und das
Nationalgefühlt mächtige anfachenden, liturgischen Gesang. Ehegatten,
Geschwister und Freunde, umfingen sich und drehten sich, von todesmutiger
Begeisterung, zugleich aber von niederzuhaltender Todesangst getrieben,
immer stürmischer im Kreise. Die Stadtknechte hatten kurz vor Ankunft des
Zuges die Holzschicht unter den Brettern angezündet. Das Feuer begann
immer hörbarer zu knistern und zu prasseln; die Todesmutigsten aber
machten es unhörbar durch immer lauteres Singen und stürmisches
Walzen, und Rabbi Meir, des Rabbiners Sohn, umging den Rand, damit
nicht etwa einer aus Verzagtheit entweiche. Als nun aber die Bretter vom
Feuer ergriffen wurden, und die Flammen emporzuschlagen begannen, da rief
der Rabbi Jakob mit alles übertönender Stimm: Haus Jakobs! auf! und
lasset uns wandeln im Lichte des Herrn! Die Paare umschlagen sich
krampfhaft, und schwangen sich Herz an Herz auf dem immer enger werden
Raume herum, bis der Tanzboden unter ihren Füßen krachte, und dieser
ganze Menschenknäuel nebst Gesetzesrollen und Heiligtümer in die
Flammengrube stürzte. Ein Bote, den Rabbi Eleazar, ein zweiter Sohn des
Rabbiners, beauftragt hatte, meldete der außerthüringischen Judenschaft
dieses Martyrium ihrer Nordhäuser Volksgenossen. Sie verbrannten alle -
sagt die Handschrift - nicht Einer blieb übrig, aber es wurde kein Ach
und Wehe vernommen, selbst nicht aus dem Munde der
Kinder." |
Mittelalterlicher jüdischer Grabstein bei
Abbrucharbeiten entdeckt (1898)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. April
1898: "Nordhausen, 15. April (1898). Bei dem Abbruche der aus
den Zeichen zwischen 1220 und 1234 stammenden Mauer an der Stelle, an
welcher jetzt das neue Schulhaus errichtet werden soll, wurde ein
interessanter Fund gemacht, nämlich ein großer Grabstein mit
hebräischen Lettern. Zwar sind von der Inschrift fast zwei Drittel
herausgebrochen, doch ist der ganze obere Teil der letzteren so
wohlerhalten, dass er ohne Schwierigkeit wird entziffert werden können.
Der Grabstein wird entweder in das Museum gebracht, oder in die Mauer beim
Judenturme eingelassen werden. Er stammt von dem vor Jahrhunderten auf dem
Rähmen befindlich gewesenen 'Joddenkerchhoffe' und wird denselben Zeiten angehören,
wie die aus 1416 bis 1439 stammenden vier jüdischen Grabsteine, die in
den Judenturm eingesetzt sind und deren Inschriften Förstemann in seinen
'kleinen Schriften zur Geschichte der Stadt Nordhausen' in deutscher
Übertragung bringt. Der aufgefundene Stein lag oben breit auf der Mauer,
anscheinend zum Schutz derselben gegen das Eindringen von
Regen." |
Vortrag von Volksschullehrer Karl Meyer über "Die
Geschichte der Juden in Nordhausen" (1903)
Artikel
im '"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. Februar
1903: Nordhausen, 24 Januar (1903). Der Nordhäuser Geschichts- und
Altertumsverein hielt gestern Abend in Kohlmanns Restaurant seine
Januarsitzung ab, in der Volkschullehrer Karl Meyer einen interessanten,
auf urkundlichen Quellen beruhenden Vortrag über 'Die Geschichte der
Juden in Nordhausen' hielt und mitteilte, dass schon im 13. Jahrhundert
Juden in Nordhausen gewohnt haben, die ihre Synagoge in der Hütersgasse
und ihren Friedhof in der Südostecke des Rähnenplatzes gehabt haben. Die
vorhandenen Quellen berichten über die kleine Nordhäuser Judengemeinde
seit dem Jahre 1300. Im Frühling 1349 sind die hiesigen Juden erschlagen,
nach einer legendenhaften Erzählung am 5. Mai 1349 auf ihrem Friedhofe
auf dem Rähmen verbrannt worden. Seit dem Anfang des 14. Jahrhunderst
befand sich die zweite Synagoge im 3. Hause (von oben) in der Jüdengasse
bis 1344, wo sie der Rat verkaufte. König Karl IV. hat das Gut der in Nordhausen
1349 erschlagenen Juden dem Grafen Heinrich von Hohnstein-Sondershausen
verliehen und dieser hat es für 400 Mark lötigen Silbers an den Rat der
Reichsstadt Nordhausen abgetreten. Von 1350 an kamen wieder einige Juden
nach Nordhausen, die aber, wie die Juden im ganzen deutschen Reiche, unter
König Wenzel um 1391 eine arge Bedrückung erfuhren. Aus dem 15.
Jahrhundert sind vier Grabsteine mit hebräischen Inschriften, die von dem
Judenfriedhof auf dem Rähmen stammen, an dem auf dem Rähmen stehenden
sog. 'Judenturm' eingemauert. Bis zum Jahre 1544 saß in dem Judenhause in
der Jüdengasse der Ratsschutzjude, bei dem dessen von auswärts nach
Nordhausen kommende Glaubensgenossen Nachtherberge finden konnten. Im 16.
Jahrhundert suchte der Rat den Geschäftsverkehr der Juden in Nordhausen
einzuschränken, verbot ihnen das Begräbnis ihrer Toten auf dem
Judenkirchhofe zu Nordhausen und gebot ihnen das öffentliche Tragen des
Judenzeichens (eines großen gelben Ringes) am Arm. Infolge einer
leichtsinnigen Äußerung des Ratsschutzjuden Joachim Färber über Jesus
im Herbste 1550 ging der Rat, angereizt durch eine Predigt und Vorstellung
von Dr. Justus Jonas, energischer gegen die Juden vor und verschaffte sich
vom Kaiser Karl V. ein Privilegium, in dem den Juden das Wohnen in der
Stadt Nordhausen verboten wurde. Der Rat wies die Juden nun aus der Stadt
und schaffte um 1558 auch den Ratsjuden ab. Den bisherigen Judenfriedhof
übergab er den Tuchmachern als Rähmenplatz. Das dritte und letzte
Judenhaus (Synagoge) befand sich von 1544 bis 1558 in der Kiekersgasse
(neuen Straße). Kaiser Ferdinand I. gab 1559 dem Rate der Reichsstadt
Nordhausen eine Urkunde, in der das Privilegium Kaiser Karls V. bestätigt
und dahin ausgedehnt wurde, dass den Juden aller Handels- und Geldverkehr
mit den Nordhäuser Bürgern verboten wurde; Kapital und Zinsen sollen als
verwirkt dem Rate zufallen. Der Nordhäuser Rat verbot nun seinerseits den
Bürgern, Handels- und Geldgeschäfte mit den Juden, die von auswärts in
die Stadt kommen, zu treiben. Seit 1581 hatten die Juden im Nachbardorfe
Salza gewohnt. Jetzt zogen sie von Salza fort nach Sülzhayn und Werna, wo
sie unter dem Schutze des Herrn von Spiegel wohnten, und nach Immenrode,
wo sie unter dem Schutze der Grafen von Schwarzburg wohnten. Von 1558 bis
1803 haben Juden ständig in Nordhausen nicht gewohnt (nur vorübergehend
auf einige Zeit). Erst als Nordhausen eine westfälische Stadt geworden,
wurde am 1. Juli 1808 wieder ein Jude als Nordhäuser Bürger aufgenommen;
er hieß Meyer Ilberg. Seitdem sind nach und nach die Juden von Sülzhain,
Werna und Immenrode größtenteils wieder nach Nordhausen gezogen; 1822
waren in Nordhausen 150 Juden, jetzt gegen 500 (nach der Volkszählung von
1900 wohnten 474 Juden in Nordhausen). Sie erbauten sich am Pferdemarkt
eine Synagoge, die am 12. September 1845 und nach einer Renovation
abermals am 17. August 1888 eingeweiht worden
ist." |
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Ein textlich fast identischer Berichte
über
den Vortrag von Volksschullehrer Karl Meyer
findet sich in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 16. März 1903:
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Über die Judenverfolgung in der Pestzeit (Artikel von
1921)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. September
1921: "Nordhausen, 23. September (1921). Das dunkelste
Blatt in der Geschichte der Juden unserer alten, alten Stadt bildet
die schwere Verfolgung zur Zeit des Schwarzen Todes. Die Pest, die damals
ganz Europa verheerte, wurde den Juden zur Last gelegt. Dass die
Infektionskeime im Wasser vorhanden seien, ist eine Überzeugung, die zwar
auch dem Mittelalter geläufig war, nur dass man glaubte, dieses Wasser
sei künstlich vergiftet worden. Natürlich suchte man nach den Urhebern
dieses vermeintlichen Verbrechens und verfiel dabei auf die Juden, die man
für ein bequemes Ableitungsobjekt des Volkszornes hielt, umso mehr, als
sie sich nicht wehren konnten, und somit ihre Verfolgung ohne Gefahr für
den süßen Pöbel verbunden war. Charakteristisch für die Denkweise der damaligen
Zeit ist ein Brief, den während der Pest von 1439 Landgraf Friedrich der Strenge
von Thüringen, Markgraf von Meißen, an den Rat der Stadt Nordhausen
schickte. Ins Neuhochdeutsche übertragen lautet der Brief so: 'Ihr
Ratsmeister und Rat der Stadt Nordhausen! Wisset, dass wir alle unsere
Juden haben verbrennen lassen, soweit unser Land reicht, der großen
Schuld wegen, die sie der Christenheit getan haben, indem sie sie mit Gift
töten wollten, das sie in alle Brunnen geworfen haben. Darum raten wir
euch, dass ihr eure Juden töten lasst, Gott zu Lob und Ehre und zur
Seligkeit der Christenheit. Damit sie die Christen nicht schwächen
können. Wollte einer darum wider euch klage, so wollen wir euch vor
unserem Herrn dem Könige und vor allen Herren das abnehmen. Auch wisset,
dass wir Herrn Heinrich Suoze, unseren Vogt von Salza, zu euch senden; der
soll eure Juden der vorgenannten Schuld anklagen, die sie an der
Christenheit getan haben. Darum bitten wir euch fleißig, dass ihr ihm
dazu helft. Das wollen wir zu eurem Besten. Gegeben zu Eisenach am
Sonnabend nach Walpurgis unter unserem Siegel.
Friedrich." |
Publikation von Dr. Heinrich Stern über die
"Geschichte der Juden in Nordhausen" (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni
1927:
"Geschichte der Juden in Nordhausen. Von Dr. Heinrich Stern.
Nordhausen 1927. Selbstverlag des Verfassers.
Auch hier eine gut ausgestattete Festschrift, entstanden anlässlich der
Tausendjahrfeier der 'freien Reichsstadt', Vorteilhaft und anziehend
wirken vor allem auch die zahlreich eingefügten Illustrationen und
Faksimilien von 'kaiserlichen Verordnungen', Privilegien usw. An der Hand
der Urkunden des Stadtarchivs und der Akten der jüdischen Gemeinde sind
die buntbewegten Schicksale der Gemeinde dargestellt. Eine Art
Schächtverbot gab es für die Nordhäuser schon 1400: doch nicht so
schlimm! Gegen Zahlung von 12 Groschen an die Innung konnte der
'Knochenbauermeister' schächten lassen. Zuzugsverbot, Gewerbeverbot,
Gebot des Judenzeichens, Denunzierungen, Ausweisungen sind auch für
Nordhausen die Schatten vergangener Jahrhunderte. Die Synagoge steht seit
1845. Von S. 63 an ist eine Aufzählung der Gemeindemitglieder in den
zwanziger und dreißiger Jahren des 10. Jahrhunderts, zugleich mit Angabe
des Alters und Geburtsortes. Ein glücklicher Griff ist auch die
Aufzählung der Amtspersonen der jüdischen Gemeinde seit Anfang des
vorigen Jahrhunderts, mit 1817 beginnend. Gegenwärtig zählt die
Nordhäuser jüdische Gemeinde etwa 450 Seelen." |
Aus der Geschichte des
Rabbinates in Nordhausen
Zur Trauerfeier für Kaiser Friedrich wird die Predigt
von Rabbiner Dr. Siegmund Gelbhaus publiziert (1888)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
12. Juli 1888: "Aus allen Gegenden des Deutschen Reiches kommen uns
Berichte über die mit außergewöhnlicher Teilnahme in den Synagogen
vollzogene Trauerfeier beim Hinscheiden des Kaisers Friedrich zu. Außer
dem badischen israelitischen Oberrat hatte auch das Rabbinat zu Gießen
(Dr. Levi) durch ein Zirkular an die Vorstände der Gemeinden der Provinz Oberhessen
die Trauerfeier angeordnet und für die Gemeinden ohne Rabbiner ein sehr
tief empfundenes, die Predigt ersetzendes Gebet eingeschlossen. Im Drucke
erschienene, bei diesen Trauerfeierlichkeiten gehaltene Predigten sind uns
bis jetzt zugekommen: von Bezirksrabbiner Dr. M. Landsberg in
Kaiserslautern, Dr. S. Gelbhaus zu Nordhausen, zwei Reden zum
Gedächtnisse der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. von Dr. M.
Silberstein in Wiesbaden, dem Großherzoglichen Landrabbiner Dr.
Landsberger in Darmstadt und Rabbiner Dr. Vogelstein in
Stettin..." |
25-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Philipp Schönberger (1905)
Artikel
im '"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. November
1905: "Nordhausen, 18. November (1905). Der hier seit 15 Jahren
amtierende Rabbiner Dr. Schönberger - vorher Rabbiner in Dessau, Bellovar
(Kroatien) und Pasewalk - feiert am 20. dieses Monats sein 25-jähriges
Amtsjubiläum." |
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Anzeige von Kantor Warenheim (1873)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Februar
1873: "Zur selbstständigen Führung eines leichten noblen
Haushaltes empfiehlt sich, gestützt auf vorzügliche Zeugnisse, eine
erfahrene Dame pro 1. März oder 1. April dieses Jahres.
Näheres beim Kantor Warenheim in Nordhausen".
|
Gedächtnisfeier für den verstorbenen Rektor A.
Horwitz (1882)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September
1882: "In dem Hörsaal der Knabenschule der jüdischen Gemeinde
fand am 25. dieses Monats (August) eine Gedächtnisfeier für den vor
einem Jahre verstorbenen Rektor A. Horwitz, den Leiter der
genannten Anstalt statt. Um 11 Uhr versammelten sich die Schüler der
Knabenschule, die Zöglinge des Lehrerseminars, welches letztere dem
Verstorbenen seine Entstehung verdankt, sowie die Lehrerkollegien beider
Anstalten. Nach einleitendem Gesang hielt der interimistische Leiter der
Anstalten, Dr. Simon, die Gedächtnisrede, worauf abermaliger Gesang die
Feier beschloss". |
Ausschreibung der Stelle des Predigers und
Religionslehrers (1883)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Februar
1883:
"In unserer Gemeinde wird zum 1. April dieses Jahres die Stelle eines
Predigers und Religionslehrers vakant.
Wir wünschen dieselbe baldigst wieder besetzt zu sehen und bitten
Reflektanten sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse und eines curriculum
vitae bis zum 15. März diesen Jahres an unterzeichneten Vorstand zu
melden.
Die Stelle ist mit einem festen Einkommen von Reichsmark 2.600 pro anno -
exkl. Akzidenzien - dotiert.
Nordhausen, den 20. Februar 1883.
Der Vorstand der Synagogengemeinde. Im Auftrag Moritz Eisner."
|
Berichte aus
dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Örtliche Ferienkolonie für die Kinder der Gemeinde -
geschaffen von der Jacob-Plaut-Loge (1911)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. September
1911: "Nordhausen, 1. September (1911). Die hiesige
Jacob-Plaut-Loge hatte während der großen Ferien eine höchst
anerkennenswerte Einrichtung für die Kinder der hiesigen Gemeinde aus
allem Schichten getroffen, welche von uns Müttern den herzlichsten Dank
verdient hat. Unsere Kleinen machten täglich vor- und nachmittags unter
Leitung und Aufsicht einer Lehrerin und junger Mädchen kleine Ausflüge
und Spaziergänge in die nähere Umgebung unserer schonen Heimat, wobei
ihnen Milch, Obst und andere Erfrischungen verabreicht wurden und reizende
Spiele unsere Lieblinge erfreuten. Solche leicht einzurichtenden,
örtlichen Ferienkolonien verdienen die größte Nachahmung besonders für
kleinere Gemeinden. Wenn bedürftige Kinder zur Erholung weggeschickt
werden, so kommt es unter großen Geldopfern nur wenigen zugute, während
unsere Kolonie vier Wochen lang täglich 18 bis 24 Kinder unter verhältnismäßig
geringen Kosten erfrischt und erfreut hat. Und welche Erholung und ruhige
Ferien für uns Mütter, da wir unsere Kinder unter solch guter Aufsicht wussten
und täglich die Freude genossen, die Kinder abends entzückt und
begeistert zu empfangen. Wir sind für diese segensreiche Einrichtung
unendlich dankbar, ebenso der Lehrerin und den jungen Mädchen aus allen
Kreisen der Gemeinde, die sich mit großer Hingabe und unendlicher Geduld
unserer Kleinen widmeten, und geben der Hoffnung Ausdruck, dass dieser
erstmalige Versuch, der sich so glänzend bewährt hat, zu einer dauernden
Institution werden möge!" |
Ergänzungswahlen der Repräsentantenversammlung (1913)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Oktober
1913: "Aus Nordhausen wird uns geschrieben: Am 22. vorigen
Monats fanden unter Leitung des Wahlkommissars Bürgermeister Becker
die Ergänzungswahlen für die Repräsentantenversammlung statt. Gewählt
sind auf sechs Jahre: Rentier Jos. Warburg, Fabrikant Ed. Mautner,
Fabrikant Georg Cohn, Rechtsanwalt Dr. Frohnhausen, Kaufmann
W. Katz, auf drei Jahre (als Ersatz für Kaufmann Collin)
Bankdirektor a.D. Jak. Ballin; als Stellvertreter auf drei Jahre
Bankier Blach, Kaufmann M. Marcuse, Kaufmann L. Herzfeld".
|
Feier des Lag BaOmer in Nordhausen (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Mai
1915: "Nordhausen, 2. Mai (1915). Den (Feiertag) Lag
BaOmer ist hier ein vaterländischer Unterhaltungsabend zugunsten der
Kriegsfürsorge von dem 'Moses Mendelsohn-Verein' und dem 'Verein der
weiblichen jüdischen Jugend' veranstaltet worden. Der Abend ist von dem
jüdischen Publikum reichlich besucht worden und hat für den bestimmten
Zweck guten Erfolg gehabt." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod des Arztes Dr. Moritz August Wessely (1850)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
1. April 1850: "Nekrolog. Nordhausen, 10. März (1850).
Die Allgemeine Zeitung des Judentums hat es sich stets zur Pflicht
gemacht, über Leben, Wirken und Schicksale berühmter Zeitgenossen
israelitischen Glaubens getreulich Bericht zu erstatten, und so erfüllen
wir denn durch dies weitverbreitete Organ auch von hier aus die
schmerzliche Pflicht, den Tod eines Mannes anzuzeigen, dessen Hinscheiden
in engeren und weiteren Kreisen mit Recht als ein großer, unersetzlicher
Verlust tief empfunden wird. Am 7. dieses Monats starb nach längerem
Leiden der hiesige königlich preußische Sanitätsrat, herzoglich
nassauische geheime Hofrat und praktische Arzt Dr. med. Moritz August
Wessely, Großneffe unseres berühmten Hartwig Wessely im noch nicht
vollendeten 50. Lebensjahre. Er war am 15. Oktober 1800 in Bleicherode
geboren, woselbst sein Vater als ein verständiger, geschickter Arzt in
hoher Achtung stand und sich einer ausgebreiteten Praxis erfreute. Unter
seiner Aufsicht und unter der Leitung einer edeln, tugendhaften Mutter verstrichen
unserem Wessely die ersten Jahre seiner Kindheit und seines Knabenalters,
und schon früh entwickelte sich in seinem Feiste und seinem Herzen der
Sinn für alles Gute und Schöne, sowie jenes innige, menschenfreundliche
Gemüt, das er bis zum letzten Lebenshauche nicht verleugnete. Die
Vorbereitung zu seinen Studien empfing er auf dem Gymnasium hiesiger
Stadt, wo ihm im Hause seines Oheims, des Herrn Hofagenten S. Schönfeld,
die liebevollste Pflege zuteil wurde, und er sich durch regen Fleiß und
Wohlverhalten die Zufriedenheit seiner Lehrer zu erwerben wusste. Nach
redlich vollendeter Schulzeit bestimmte er sich für den Beruf seines
Vaters und bezog die Universität Göttingen, wo er unter Leitung des
berühmten Himly den Grund zu seiner nachmaligen Tüchtigkeit im Gebiete
der Augenheilkunde legte. Zur Vervollständigung seiner Studien, und um
sich schon in seinen Jugendjahren einen höhern Grad praktischer Erfahrung
anzueignen, ging er, durch die Munifizenz seiner Oheime, der Herren
Gebrüder Benedicks in Stockholm, mit den erforderlichen Mitteln versehen,
nach Paris, wo er während eines Aufenthaltes von fünf Jahren in dem
Umgange mit den hervorragendsten Ärzten und in den großartigen
öffentlichen Heilanstalten der berühmten Weltstadt zur Erweiterung
seines medizinischen Wissens und Könnens die günstigste Gelegenheit
fand. Ganz besonders aber war es der in der medizinischen Welt
hochberühmte Baron Dupuytren, Direktor des Hôtel Dieu in Paris und
erster Chirurg Frankreichs, dessen vertrauter Schüler und Freund unser
Wessely wurde, und durch dessen Lehre und Vorbild er sich zu einem
anerkannt tüchtigen und geschickten Operateur ausbildete. Die
schmeichelhaftesten Lobeserhebungen, welche Dupuytren in seinen Briefen an
Wessely's Eltern aussprach und die Glückwünsche, die er ihnen zu dem
Besitze eines so talentvollen Sohnes zurief, waren ganz geeignet, das Herz
der treuen Eltern mit gerechter Freude und frohen Hoffnungen zu erfüllen.
Und sie wurden nicht getäuscht, diese Hoffnungen. Ausgestattet mit einem
reichen Schatze wissenschaftlicher und praktischer Erfahrungen kehrte
Wessely in seinen Geburtsort (sc. Bleicherode)
zurück, wo er sich an der Seite seines Vaters durch glücklich
ausgeführte Kuren Achtung und Vertrauen in der ganzen Umgegend erwarb.
Nachdem er auch den vorschriftsmäßigen medizinischen Kursus in Berlin
durchgemacht und glänzend überstanden hatte, vermählte er sich mit
Fräulein Adelheid Franck aus Breslau, einer Dame von hoher Bildung, mit
welcher er bis zu seinem Tode in einer durch gegenseitige Achtung, Liebe
und Treue geglückten Ehe lebte. Nach seiner Verheiratung nahm er seinen
Wohnsitz hier in Nordhausen. Hier erwarb er sich in einer Reihe von
16 Jahren durch seine ausgezeichnete praktische Befähigung am
Krankenbette, durch die mit wahrer Humanität verbundene Entschiedenheit
und Vertrauen erweckende Sicherheit, mit welcher er seine Patienten
behandelte, durch seinen emsigen Fleiß, mit welchem er den Fortschritten
und neuen Entdeckungen auf dem Gebiete seiner Wissenschaft folgte (Anm.:
seine 4 bis 5000 Bände starke Bibliothek, in welcher die vorzüglichsten
medizinischen und chirurgischen Werke älterer und neuerer Zeit nciht
fehlen und zu deren Vervollständigung er kein Opfer scheute, ist eine
kostbare Hinterlassenschaft), durch seine rastlose, unermüdliche
Tätigkeit in seinem Berufe, noch mehr aber durch sein edles, wohltätiges
Herz und seinen biedern Charakter die allgemeinste Anerkennung und
wohlverdiente Auszeichnung sowohl in den Palästen der
Hochgestellten |
und
Reichen, als auch in den Hütten der Armen, denen er nicht nur als
ärztlicher Beistand, sondern oft auch als Helfer in materieller Not
erschien. Auch an hohen und höchsten Stellen blieben seine Leistungen auf
dem Gebiete der praktischen Heilkunde nicht ohne Anerkennung. So wurde er
von des Königs von Preußen Majestät zum Sanitätsrat und von
Seiner Hoheit dem Herzoge von Nassau zum geheimen Hofrat ernannt.
Seit vorigem Jahre war er auch Begründer und Hauptredakteur der hier
erscheinenden 'Neuen Zeitung für Medizin und Medizinalreform'. So
im fortwährenden, rastlosen Wirken für Wissenschaft und Menschenheil
ereilte ihn der Tod zwar nach längerem Leiden, aber doch nach
menschlicher Berechnung viel zu früh für seine Gattin und seine drei
unmündigen Kinder, viel zu früh für seine zahlreichen Freunde und
Verehrer, viel zu früh für die hiesige israelitische Gemeinde, welcher
er eine Zierde war, für unsere Stadt und Umgegend, wie überhaupt für
die leidende Menschheit. Er starb am 7. dieses Monats abends 9 Uhr in
Folge einer Gehirnlähmung. Die Liebe und hohe Achtung, welche sich der
Dahingeschiedene zu erfreuen hatte, zeigte sich in erhebender Weise bei
seiner heute in früher Morgenstunde stattgehabten ehrenvollen Beerdigung.
Ein überaus langer Zug, bestehend aus den Mitgliedern der israelitischen
Gemeinde, und aus den angesehensten christlichen Einwohnern, worunter sich
viele Gelehrte, Ärzte, Gerichtspersonen und mehrere evangelische
Geistliche im Ornat befanden, folgte der irdischen Hülle des teueren
Entschlafenen bis zum israelitischen Friedhof, wo der Prediger Cohn mit
tief empfundenen Worten den großen Verlust beklagte, welchen die Gattin,
Kinder und Angehörige, die Wissenschaft und die leidende Menschheit,
durch den Tod dieses hochverdienten Mannes erlitten haben; wobei er
zugleich tröstend hervorhob, wie ja das ganze Leben des Verstorbenen dem
Dienste der Menschheit gewidmet, also im wahren Sinne des Worts ein
immerwährender Gottesdienst gewesen sei, und dass nach einem so
segensreichen Wirken der verklärte Geist gewiss die Palme des ewigen,
seligen Friedens errungen habe. Wir schließen dieses Referat mit den
Worten des Nachrufes, welchen ihm sein Mitarbeiter, Herr Dr. Bloedau in
No. 20 seiner medizinischen Zeitung gewidmet hat: 'Ein liebvoller
Familienvater, ein treuer, zu jeder Aufopferung fähiger und bereiter
Freund, ein menschenfreundlicher, uneigennütziger, unermüdlicher Arzt,
wird unser Wessely schmerzlich genug vermisst werden. Er war ebenso durch
seine praktische Tätigkeit, zumal auch in operativer Hinsicht
ausgezeichnet, wie durch seine gründliche und wissenschaftliche Bildung,
die er rastlos weiterzuführen bemüht war. Wer unsern Verstorbenen näher
gekannt hat, wird mit uns sein Andenken hoch und heilig
halten.'" |
| |
| vgl. Artikel
zu Moritz August Wessely in wikisource und der Deutschen
Biographie (hier findet sich die Angabe von einem Übertritt zum
Christentum Wesselys, was jedoch schwer zu der Anmerkung passt, dass er
für die israelitische Gemeinde in Nordhausen "eine Zierde
war". |
| Literatur: Rolf R. A. Hecker:
Wessely 1630 - 1988. 4 Generationen als Handelsleute in Amsterdam - Wesel
- Glückstadt - Hamburg - Kopenhagen; 5 Generationen als Ärzte in
Bleicherode - Nordhausen - Berlin - München. Ein heimat- und
medizingeschichtlicher Beitrag. 1992. 28 S. |
Das
von Bankier Jakob Plaut an die Stadt
Nordhausen gestiftete Altersheim der "Jacob-Plaut-Stiftung" für
Bedürftige aller Konfessionen wird
eingeweiht (1881)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. November
1881: "Nordhausen. Am Tage der Feier der goldenen
Hochzeitsfeier unseres verehrten Kaiserpaares, am 11. Juni 1879,
überreichte Herr Jacob Plaut, ein Kind unserer Stadt, der im Jahre 1852
nach Leipzig übersiedelte, aus Anhänglichkeit an seine Vaterstadt, zu
Händen des Oberbürgermeisters Riemann ein Geschenk von 300.000 Mark zur
Stiftung einer Alter-Versorgungsanstalt mit der ausdrücklichen
Bestimmung, dass arme und würdige, über 50 Jahre alte, hilflose Personen
unserer Kommune, ohne Unterschied des Geschlechtes, der Religion und des
Standes in dieser Anstalt eine Zufluchtsstätte finden mögen. Schon vorher
hatte Herr Jacob Plaut, mit Rücksicht auf seine hier verlebte Jugendzeit
und die erfreuliche Tatsache, dass der Grund zu den nachherigen
ausgedehnten Geschäftsunternehmungen des Bankhauses Plaut hier in
Nordhausen gelegt worden ist, (Inhaber des früher Plaut'schen Bankgeschäftes
ist jetzt sein Schwager S. Fränkel hier) unsere Stadt in Gemeinschaft mit
seinen zwei Brüdern in hochherziger Weise mit verschiedenen Legaten zu
milden Zwecken bedacht. Betreffs der Alterversorgungsanstalt genannt
Plaut'sche Stiftung |
bestimmt
Herr Plaut ein Kuratorium von fünf Personen, bestehend a) aus einem
Magistratsmitgliede, welches den Vorsitz führt, zur Zeit Herr
Oberbürgermeister Riemann, b) aus einem Mitgliede der Familie des Stifters,
vorläufig dem Herrn Bankier Samuel Frenkel, c) einem christlichen
Geistlichen, zur Zeit Herr Oberprediger Dr. Haase, d) dem jeweiligen
Rabbiner der jüdischen Gemeinde, zur Zeit Herrn Rabbiner Dr. Leimdörfer
und e) einem Bürger der Stadt Nordhausen, zur Zeit Buchdruckereibesitzer
und Herausgeber der 'Nordhäuser Zeitung' Herr Theobald Müller, nach
dessen Ableben die Stadtverordneten die Wahl vorzunehmen haben. Ferner
wünschte der Stifter, dass die Familie des Stifters über ein Fünftel
der Stimmen vorzugsweise zu bestimmen habe, und dass aus den nach
Vollendung des Baues übrig bleibenden Mitteln außer freier Wohnung auch
ganz oder teilweise Verpflegung zu gewähren sei. Dieser hochherzigen
Schenkung schloss sich der Schwager des Stifters, Herr Samuel Frenkel in
rühmlicher Weise an durch Schenkung eines an der Halle'schen Chaussee gelegenen
Areals von ca. 5 Morgen zum Bauterrain. Am 6. August 1879 erteilte Seine
Majestät der Kaiser und König zur Errichtung der Stiftung seine
Genehmigung, am 21. Juni vorigen Jahres fand die feierliche
Grundsteinlegung statt. In dem Grundstein wurden eingefügt die
vidimierten Abschriften der Stiftungsurkunde, der allerhöchste Erlasse
der Bestätigungsurkunde, Notizen über die Plaut'sche Familie, ein
Verzeichnis der jüdischen hiesigen Mitbürger, ein Gedicht des Herrn Dr.
Leimdörfer, ein Verzeichnis der Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung,
ein Exemplar des Adressbuches von 1880 und beide hiesigen Zeitungen vom
vorhergehenden Tage. Der Bau schritt unter Leitung des Herrn Baumeisters
Kämmerer so rüstig vorwärts, dass am 18. August vorigen Jahres das
Richtfest auf dem Bauplatz begangen werden konnte. Gemäß den Intentionen
des Stifters ist das Gebäude massiv, einfach, um Kapital für die
Verpflegung zu sparen, ohne außergewöhnlichen Schmuck, aber solide ausgeführt.
Das Gebäude enthält: 28 Zimmer für je eine Person bewohnbar, sämtliche
Zimmer werden durch Zentralbeheizung (Heißwassersystem) geheizt, 16
Zimmer für je 2 Personen, sodass also 60 Personen untergebracht werden
können. Nachdem im Laufe der verflossenen Woche die sämtlichen
Aufgenommenen ihren Einzug gehalten, fand heute Vormittag punkt 11 Uhr die
feierliche Einweihung der Stiftung in dem einfach und dem ernsten Zweck
entsprechend ausgeschmückten Erbauungssaal der zweiten Etage statt. Nur
eine kleine Anzahl Leute konnte dieses Zimmer aufnehmen und mit Rücksicht
darauf mussten auch die Einladungen beschränkt werden. Es waren zugegen
die Mitglieder des Magistrates und der Stadtverordneten, die Mitglieder
des Kuratoriums und sämtliche Insassen. Nach dem Vortrage eines Chorals
auf dem Harmonium hielt zuerst Herr Oberbürgermeister Riemann eine
Ansprache an die Versammelten, in welcher er mit Hinweis auf die heftigen
Wellen, welche der Wahlkampf geschlagen, den Beitrag zu einer friedlichen
Lösung der sozialen Frage pries, welchen Menschenliebe in dem Institute
geschaffen, zu dessen Einweihung die Anwesenden sich hier vereinigt hatte,
jener friedlichen Lösung, welche anzustreben eine schöne Aufgabe der
Begüterten sei. Herr Oberbürgermeister Riemann gab hierauf einen Rückblick
auf die Entstehungsgeschichte der Anstalt, welcher im Wesentlichen die
Daten enthielt, die wir bereits oben angeführt haben. Namens der Stadt sprach
er sodann herzlichen Dank dem Stifter, Herrn Jakob Plaut, ferner dem
Spender des Grundstückes, Herrn Samuel Frenkel und dem Baumeister
Kämmerer aus, der das Gebäude dem Plane gemäß in schöner, gediegener
Weise ausgeführt hat und schloss mit dem Wunsche, dass die Stiftung sich
immer mehr zu dem entwickeln möge, was ihr Begründer geplant, zu einem
friedlichen Daheim des hilflosen Alters, und dass das hier gegebene
Beispiel noch Nachahmung finden möge zu jeder Zeit. Herr Superintendent
Haase hielt darauf die Weiherede, welche auf die anwesenden Pfleglinge des
Stifts sichtlich den tiefsten Eindruck machte und in welcher er die schon von
dem Vorredner ausgeführte Idee, dass man in dem verdienstlichen Werke
echter Humanität, wie es Jakob Plaut geschaffen, eine Ergänzung der staatlichen
Bestrebungen zur Lösung der sozialen Frage anzuerkennen habe, weiter
ausführte. Sein eindringliches Schlusswort an die Insassen des Instituts,
in welchem er versuchte, den mannigfaltigen Gefühlen, welche dieselben
heute bewegen, Deutung zu geben, erweckte bei vielen Zuhörerinnen Tränen
der Rührung, welche davon Zeugnis ablegten, wie tief auch sie die
Bedeutung des Tages mitempfangen und wie lebhaft die Dankgefühle sind,
welche sie gegen den hochherzigen Stifter hegen. An diese Feier schloss
sich ein gemeinsames Diner, an welchem die Insassen der Anstalt, die
Hausverwalter und einige Mitglieder des Kuratoriums teilnehmen. Herr
Rabbiner Dr. Leimdörfer brachte dabei den ersten Toast auf den Kaiser
aus, wobei er auf die Menschenliebe, die Toleranz und den Patriotismus des
Stifters der Anstalt hinwies. Hierauf folgten noch weitere Trinksprüche
auf Jakob Plaut und die Familie Frenkel, auf das Kuratorium und die
Pfleglinge der Anstalt. (Nordhäuser
Zeitung)." |
Zum Tod des Gemeindeältesten Lazarus Schönheim (1882)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September 1882
"Man schreibt uns aus Nordhausen vom 23. August (1882): Heute
wurde unser Gemeindeältester, der Rentier Herr Lazarus Schönheim
nach vollendetem 82. Lebensjahre zur Erde bestattet. Über ein halbes
Jahrhundert stand er im Dienste der Gemeinden Bleicherode und Nordhausen,
die Ehrenämter eines Vorbeters, Repräsentanten und Zedoko-Verwalters
bekleidend. Er war vielleicht der erste Abonnent auf die Literaturwerke
des Instituts zur Verbreitung der jüdischen Wissenschaft, wie er oft
erzählte. Eine große Anzahl jüdischer und nichtjüdischer Freunde
folgte seiner Bahre, die ganze Gemeinde Nordhausen, Deputationen aus
Bleicherode, der Männerbildungsverein, die Gesangvereine Concordia und
Orpheus, deren langjähriges Mitglied der Verblichene gewesen, sie alle
kamen, letztere mit den Vereinsfahnen, um dem würdigen Veteranen das
letzte Geleit zu geben. Am Grabe sprach Rabbiner Dr. Leimdörfer über den
Text Jesaja 46,5 und schilderte in ergreifender Weise Leben und Wirken des
in der Geschichte unserer Gemeinde eine hervorragende Rolle spielenden
Mannes, der im Geburtshause eines weltberühmten Hebräers (Wilhelm
Gesenius) verstorben sei. Vor und nach der Leichenrede stimmten die
christlichen Gesangvereine erhebende Choräle an. Des verdienten Mannes
Andenken sei uns zum Segen." |
Stiftungen des Bankiers Jakob Plaut (1884)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Mai
1884: "Nordhausen, 24. April (1884) (Magdeburger Zeitung). Der
Bankier Jakob Plaut in Leipzig, beziehungsweise in Italien, der unserer Stadt
bereits 300.000 Mark und 30.000 Mark geschenkt, hat jetzt 15.000 Mark der
Synagogengemeinde zum Neubau eines Hauses für Rabbiner und Kantor
bewilligt." |
Goldene Hochzeit von Bankier Samuel Frenkel und seiner
Frau geb. Plaut und Spenden zu diesem Anlass (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni
1891: "Nordhausen, 3. Juni (1891). Der hiesige Bankier Samuel
Frenkel und Frau, geborene Plaut, welche heute das Fest ihrer goldenen
Hochzeit feierten, schenkten aus diesem Anlasse der J. Plaut'schen
Stiftung ein Kapital von 20.000 Mark, der Freimaurerloge 'Zur gekrönten
Unschuld' 1.000 Mark, dem Armenverein 500 Mark usw. Die Plaut-Stiftung ist
im Jahre 1879 von dem früheren Bankier Jakob Plaut zu Berlin zum
Gedächtnis an seine Eltern, sowie in Veranlassung des kaiserlichen
goldenen Ehejubelfestes am 11. Juni desselben Jahres mit einem Kapital von
300.00 Mark ins Leben gerufen. In dem Stiftsgrundstücke, zu dem Herr
Samuel Frenkel damals den Grund und Boden schenkte, sind 50 Personen, ohne
Unterschied des Glaubens, auf ihre alten Tage untergebracht." |
Zum Tod des Fabrikanten und langjährigen
Gemeindevorstehers Adolf Eisner (1911)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17.
Februar 1911: "In Nordhausen ist der Vorsitzende des
Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Herr Adolf Eisner, nach kurzer
Krankheit gestorben. Der Verblichene war ein wahrhaft liberaler Jude,
dessen Wirksamkeit der Gemeinde zum Segen
gereichte". |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. März
1911: "Nordhausen, 21. Februar (1911). Am Sonntag, den 11.
dieses Monats erlag der langjährige Vorsitzende unseres
Gemeinde-Vorstandes, Herr Fabrikant Adolf Eisner, einer tückischen
Krankheit im 51. Lebensjahre. In tiefstem Schmerze betrauert unsere
Gemeinde in ihm einen unersetzlichen Führer, der mit klugem Scharfblick
die Interessen unserer Gemeinde erkannte, und das schwere Werk
vollbrachte, alle Parteien, auch die, die seine Überzeugung nicht
teilten, zu gegenseitiger Duldung und gemeinsamer friedlicher Arbeit
zusammenzuführen. Von der allgemeinen Wertschätzung, deren sich der so
früh Verstorbene in weiten Kreisen unserer Bürgerschaft erfreute, legten
die Trauerfeier und das Leichenbegängnis beredtes Zeugnis ab. In der
Synagoge war der Sarg aufgebahrt, dich übersät und umgeben von Palmen,
Kränzen und Blumenschmuck. An der Trauerfeier beteiligten sich offiziell
außer den Vorständen und Repräsentanten der israelitischen Gemeinde die
städtischen Körperschaften fast vollzählig, zahlreiche Angehörige der
Loge und sonstige Leidtragende, sodass das in Trauerschmuck stehende
Gotteshaus auf allen Plätzen dicht gefüllt war. Feierliche Klänge des
Synagogenchors mit Orgelbegleitung sowie ein Gebet des Herrn Kantors
Seelig leiteten die würdige Feier ein. Die Trauerrede hielt Herr Rabbiner
Dr. Loevy, in welcher er mit ergreifenden Worten das Lebens- und
Charakterbild Adolf Eisners vor uns hinstellte, sein schlichtes und dabei
großzügiges Wirken schilderte als 1. Vorsitzender der Synagogengemeinde,
als Mann des öffentlichen Lebens in der Kommune und in der Politik, als
werktätiger Pflichtmensch in den Berufskorporationen, auf dem Gebiete der
Wohltätigkeit, wo er besonders zuletzt sich hohe Verdienste erwarb um die
israelitische Wanderfürsorge, und dann in der Familie, seinem
Allerheiligsten. Überall hat er sich ein unvergängliches Denkmal
gesetzt, sein Geist wird weiter leben. Herr Sanitätsrat Dr. Stern rief
alsdann warme Abschiedsworte dem unvergesslichen Freunde und Führer nach
namens der Repräsentanten und des Synagogenvorstandes, Herr Emil Hirsch
namens des israelitischen Wohltätigkeits- und Frauenvereins. Unter
Trauergesängen des Chors trug man dann die irdische Hülle Adolf Eisners
hinaus aus dem Tempel zur Grabstätte auf dem israelitischen Friedhofe,
gefolgt von einem nach Hunderten zählenden, großen Trauergefolge! Dort
wurde mit dem üblichen Gebet der Sarg beigesetzt, und das Grab schloss
sich für immer über den Überresten eines wahrhaft guten
Menschen." |
Patriotisches Gedicht von Jenny Bergmann (1916)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15.
Januar 1915:
Zum Lesen des Gedichtes bitte Textabbildungen anklicken.
Anmerkung der Redaktion: "Die Verfasserin der nachstehenden Lieder
ist von Geburt blind und seit vielen Jahren taub. Sie ist die Tochter
eines angesehenen Fabrikanten in Nordhausen und steht jetzt etwa im 40.
Lebensjahre. Nach dem Tode des Vaters, dessen blühendes Geschäft infolge
des Aufkommens der großen mechanischen Webereien zurückgegangen war,
blieb das mutterlose Mädchen mit ihren sechs Geschwistern in bedrängter
Lage zurück. Sie lebte bei ihrem Bruder zuerst in Gera, seit einigen
Jahren weilt sie mit diesem und seiner Gattin, die jüdische Lehrerin ist,
in deren Obhut in Hamburg. Trotz ihres Leidens hat sie sich Lebensmut
bewahrt und übt gern ihr hübsches poetisches Talent aus. Möchte diese
Veröffentlichung dazu dienen, der mutigen und begabten Lebenskämpferin
Freunde und Gönner zu werben. Die Red." |
|
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Tuchhandlung S. Frankenheim (1847)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Oktober 1847:
"Lehrlingsgesuch.
Ein Jüngling, welcher Lust hat die Tuchhandlung zu erlernen, kann unter
sehr annehmbaren Bedingungen sofort in die Lehre treten bei S.
Frankenheim in Nordhausen." |
Anzeige des Baumwollen- und
Leinenwaren-Fabrikgeschäftes Cusel Hamburger (1866)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Januar
1866:
"Für mein Baumwollen- und Leinen-Waren-Fabrikgeschäft suche ich zum
sofortigen Antritt einen tüchtigen soliden Reisenden (Israelit). Derselbe
muss diese Branche genau kennen, und schön längere Zeit gereist
haben.
Offerten unter Beifügung der Zeugnisse werden franco erbeten.
Nordhausen, den 10. Dezember 1865, Cusel Hamburger."
|
Anzeige des Kurz- und Eisenwarengeschäftes von S.
Frankenheim (1870)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Oktober
1870: "Zu vermieten.
Ein Laden in Nordhausen am Markt, worin seit einer Reihe von Jahren ein
Kurz- und Eisenwarengeschäft mit gutem Erfolge betrieben worden ist, sich
auch zu jedem andern Geschäft eignet, ist zum 1. Januar kommenden Jahres
zu vermieten.
S. Frankenheim". |
Anzeige von Martin Blumenthal (1873)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
27. Mai 1873: "Für einen jungen Menschen von 14 1/2 Jahren suche ich
eine Lehrlingsstelle in einer feineren Profession. Martin Blumenthal,
Nordhausen". |
Anzeige des Tuch- und Modewarengeschäftes von A. Katz
und Co. (1873)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Februar
1873:
"Für unser Tuch- und Modewarengeschäft suchen wir einen jungen
Mann, jüdischen Glaubens, (Commis) bis zum 15. März oder 1. April dieses
Jahres.
Reflektierende wollen sich direkt an uns wenden.
Nordhausen a H. A. Katz und Co."
|
Anzeige der Lederhandlung D. Hecht (1873)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Februar
1873: "Lehrlings-Gesuch.
Für meine Lederhandlung suche möglichst zum sofortigen Eintritt einen
Lehrling unter günstigen Bedingungen.
Nordhausen am
Harz. D.
Hecht." |
Anzeige des Leinen- und Baumwollwaren-Fabrikgeschäftes
Moritz Eisner (1873)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28.
Oktober 1873: "Für mein Leinen- und
Baumwollwaren-Fabrik-Geschäft suche ich zum 1. Januar 1874 einen Lehrling
mit den nötigen Schulkenntnissen ausgerüstet, womöglich einen solchen,
welcher die Sekunda einer Realschule I. Ordnung besucht hat.
Moritz Eisner in Nordhausen in Thüringen."
|
Anzeigen des Herren-Konfektionsgeschäftes Gebr. Pintus
(1873 / 1875)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. Oktober 1873: "Einen jungen Mann, flotten Verkäufer, suchen wir zum
sofortigen Antritt für unser Herren-Konfektions-Geschäft.
Nordhausen in Thüringen, den 20. Oktober 1873. Gebrüder Pintus".
|
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. August 1875:
"Für unser Herren-Konfektions-Geschäft suchen wir per 1.
Oktober einen mit dieser Branche vertrauten jungen Mann, flotten
Verkäufer. Gebrüder Pintus, Nordhausen am Harz." |
Anzeige der Geschwister Wildau (1874)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. August 1874:
"Wir suchen für unser frequentes Putzgeschäft eine in allen
Fächern des Putzfaches geübte Directrice.
Geschwister Wildau, Nordhausen a/H." |
Anzeige von L. J. Warburg (1903)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 10. August 1903: "Suche
für meinen Sohn, 16 Jahre alt, und im Besitze des Zeugnisses für
Einjährig-Freiwillige, Lehrlingsstelle in einem Geschäft der
Metall-, Droguen- oder Kolonialwarenbranche, das an jüdischen Feiertagen
streng geschlossen ist. Eintritt nach Übereinkunft.
L. J. Warburg,
Nordhausen." |
Hochzeitsanzeige von Ernst Kleimenhagen und Else geb.
Ballin (1924)
Anzeige
in der "CV-Zeitung" vom 8. Mai 1924:
"Ernst Kleimenhagen - Else Kleimenhagen geb. Ballin.
Vermählte.
Nordhausen (Harz) z.Z. auf Reisen. Bahnhofstraße 15 I." |
Anzeige der Baumwollwarenhandlung Schlesinger &
Herrmann (1924)
Anzeige
in der "CV-Zeitung" vom 8. Mai 1924: "Reisender,
jüngerer, unverheiratet, I. Kraft aus der Baumwollwarenbranche, der sehr
gut bei Detailleuren eingeführt ist, möglichst bald gesucht. Etwas
Lagerarbeit Bedingung. Meldungen mit Bild und Gehaltsansprüchen und
sonstigen Angaben.
Schlesinger & Herrmann.
Nordhausen am Harz.
Baumwollwaren en gros." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine Synagoge war bereits im Mittelalter
vorhanden. Zunächst (um 1300) befand sich sich in der Hütersgasse, Ecke
Frauenbergerstiege ("erstes Judenhaus" beziehungsweise "altes
Judenhaus"), später wurde sie in die Jüdenstraße verlegt, die danach
ihren Namen erhielt. Die Synagoge wurde als das "zweite Judenhaus"
bezeichnet; sie war im dritten Haus auf der Ostseite der Jüdenstraße, von Nord
her gezählt. Die Verlegung hängt möglicherweise mit einem Aufruhr der
Nordhausener gegen die Statthalterschaft der Domherren im Jahr 1324 zusammen.
Damals wurde die Synagoge ausgeplündert und zerstört. Auch während der
Verfolgung in der Pestzeit wurde die Synagoge vermutlich ausgeplündert und
geschändet.
Im 15. Jahrhundert wird wiederum eine
Synagoge genannt (1421: "Judenschule"), vermutlich in demselben
Gebäude in der "Jüdenstraße", in dem auch vor der Verfolgung in der
Pestzeit die Synagoge war. Zwischenzeitlich war das Gebäude als Wohnhaus
verwendet worden. Es ist nicht mehr erhalten.
Im 19. Jahrhundert konnte zunächst ein Betsaal
(Synagoge) in der Ritterstraße 4 eingerichtet werden. Anfang 1839 erhielt die
jüdische Gemeinde die königliche Erlaubnis zum Neubau einer Synagoge, worauf
der Geburtstag des Königs nach einem Bericht vom August 1839 mit besonderer
Freude begangen wurde:
Feier des Geburtstages des Königs in der Synagoge
(1839)
Anmerkung: es geht um die Feier des preußischen Königs Friedrich Wilhelm
III., geb. 3. August 1770.
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. August
1839: "Nordhausen, 4. August (1839). Die hiesige israelitische
Gemeinde hat am gestrigen Sabbat den Geburtstag Seiner Majestät des
König auf eine dem frommen Sinne Allerhöchstdesselben entsprechende
Weise begangen.
Die Synagoge war mit Blumen festlich ausgeschmückt. Während des
Vormittags-Gottesdienstes und zwar vor der Vorlesung des Bibelabschnittes
aus der Tora, waren die Psalmen 21, 61 und 72, welche von dem Herrn Kantor
und der Gemeinde Vers und Vers rezitiert wurden, eingeschaltet, Hierauf
hielt der Herr Prediger Cohn eine, auf den festlichen Geburtstag
bezügliche Predigt über das Thema: Was empfindet der preußische
Israelit am 70. Geburtstage seines Königs? - und führte dieses Thema in
4 Abteilungen (herzlichen Dank gegen Gott - innige Freude - frohe
Hoffnungen - und fromme Wünsche) als Beantwortung jener Frage aus; worauf
er das Gebet für Seiner Majestät und Allerhöchstdessen Königliches
Haus sprach.
Diese Feier beging die Gemeinde mit desto innigerer Teilnahme, als ihr zu
Anfang dieses Jahres die Allerhöchste Erlaubnis zum Neubau einer
Synagoge zuteil geworden ist; und war sie so der ungeheuchelte
Ausdruck ihrer Dankbarkeit. H." |
Die neue Synagoge wurde von 1843 bis 1845 am
Pferdemarkt errichtet und am 12. September 1845 durch den aus Ellrich
stammenden Landrabbiner Dr. Levi Herzfeld eingeweiht. Seine Einweihungspredigt
war ein Aufruf zur Durchführung von umfassenden Reformen im Judentum seiner
Zeit:
Predigt von Landrabbiner Dr. Herzfeld
zur Synagogeneinweihung (1845)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts"
vom 1. Februar 1846: "Die religiöse Reform, besprochen in einer
Predigt von Dr. Herzfeld (Nordhausen 1845 Schmidt'sche
Buchhandlung).
Unter diesem Titel hat der Landrabbiner Dr. Herzfeld in Braunschweig eine
bei der Synagogen-Einweihung zu Nordhausen gehaltene Predigt
veröffentlicht, die im hohen Grade unsere Aufmerksamkeit verdient. 'Wovon
ich - hebt er an - in dieser Stunde reden will, das ist noch ein dritter
(Anmerkung: als den zweiten hatte der Redner den Bau des Menschen
an sich selbst bezeichnet) Bau, dass Israel das verfallene Gebäude seiner
Religion wieder aufrichte. Bis auf Mendelssohn schlief das Judentum eine
Reihe von Jahrhunderten. Er erkannte, dass die äußere Lage der Juden
angebahnt werden müsse durch Verbreitung nützlicher Kenntnisse und durch
Annäherung derselben an die Völker, unter welchen sie lebten. Er
übersetzte deshalb die Bücher Moscheh's und die Psalmen ins
Deutsche, damit seine vaterländischen Glaubensbrüder Deutsch aus ihnen
lernten. - Jakobsohn betrat dann weiter den Weg der Reform, indem
er den Gottesdienst zu vereinfachen und zu veredeln begann, und durch
Einführung der deutschen Predigt eine bessere Zukunft aufschloss. Jetzt
kam die Periode der studierten Rabbinen; denn da man selbst
gebildet war, so wollte man doch auch Geistliche haben, welche Bildung
besäßen, deutsch predigten, den Christen Achtung abnötigten usw. Allmählich
sah man ein, dass in dieser Weise (nämlich durch die halben Reformen im
Gottesdienste) dem Judentum bloß ein Leichenschmuck umgehängt, aber
nicht die lebendige Kraft wiedererweckt werde, die in ihm schlummert etc.
Ist es (fragt der Redner) denn auch einzig und allein unser Gottesdienst,
der noch immer im Argen liegt, oder ist nicht vielmehr das ganze jüdische
Leben schwer krank? Wenn unsere späteren Religions-Schriften zehntausend
kleine Satzungen vorschreiben, und nicht bloß Leichtsinnige sie
übertreten, sondern auch wahrhafte religiöse Gemüter, so viele
derselben nicht mehr heilig finden können, weil sie auf
irrtümlichen Auffassungen beruhen, weil sie zuweilen sogar heidnischen
Ursprungs sind, weil sie oft das bessere Gefühl verletzen, soll gleichwohl
solchen Satzungen immer noch ihre Verbindlichkeit zuerkannt werden, und
sollen religiöse Gemüter sie gerner üben? ist ihre fortgesetzte Heiligerklärung
nicht eine Lüge? Ist die Aufforderung sie dann noch zu üben, nicht die
Aufforderung zur Heuchelei? Und ist die Übung derselben dann nicht ein
frevelhaftes Spielen mit Gott dem Herrn? Also das ist das Volk Gottes, das
verpflichtet wäre, von Religionswegen, von Gotteswegen, dem Heiligsten
was der Mensch hat, seiner religiösen Überzeugung fortwährend
zuwiderzuhandeln'. - Mit einem solchen Freimut spricht der würdige
Verfasser. Und jeder, dem die Wahrheit ein Heiliges ist, wird ihm darüber
die vollste Hochachtung zollen. Uns aber war es ein freudiges Geschäft,
durch diesen kurzen Auszug auf die vortreffliche Predigt selbst
aufmerksam gemacht und vielleicht dadurch beigetragen zu haben, dass
dieselbe einen ebenso großen Kreis wohlwollender Leser finde, als sie
empfängliche und begeisterte Hörer gefunden hat."
|
1867 konnte auf Grund einer Spende von Nathan Cramer
die Gasbeleuchtung in der Synagoge eingebaut werden.
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
29. Oktober 1867: "Danksagung. Dem früheren
langjährigen Mitgliede der hiesigen Synagogengemeinde, Herrn Nathan
Cramer zu Berlin, welcher jetzt unter Aufwendung einer bedeutenden
Kostensumme die hiesige Synagoge mit einer prachtvollen Gasbeleuchtung hat
versehen lassen, sprechen wir für diese Hochherzigkeit, im Namen der von
uns vertretenen Gemeinde, hierdurch den tiefgefühltesten Dank aus.
Nordhausen, den 17. Oktober 1867. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde."
|
1888 wurde die Synagoge umfassend renoviert und erweitert. Die
Neueinweihung erfolgte am 17. August 1888 durch Rabbiner Dr. Siegmund
Gelbhaus:
Die erweiterte und renovierte Synagoge wird wieder
eingeweiht (1888)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September
1888: "Man schreibt uns aus Nordhausen, vom 17. August
(1888). Am 17. dieses Monats wurde die hiesige, durch einen Vorbau
erweiterte und sonst renovierte Synagoge in üblicher und würdiger Weise
eingeweiht. Herr Rabbiner Dr. Gelbhaus fesselte und begeisterte
durch seine schwungvolle (demnächst auf allgemeines Verlangen in Druck
erscheinende) Rede die zahlreichen Hörer, worunter sich auch viele
christliche Teilnehmer befanden. Auf der wohlgeschulte Synagogen-Chor
wirkte durch seine herrlichen Gesänge. Dankbar anzuerkennen ist insonders
die eifrige Tätigkeit des Gemeindevorstandes, sowie nicht minder die
bedeutende Opferwilligkeit der Repräsentanten und der hiesigen
Gemeindemitglieder." |
Publikation der Ansprache von Rabbiner Dr. Gelbhaus zur
Einweihung der restaurierten Synagoge (1888)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. September
1888: "Die Rede, welche der Rabbiner Dr. S. Gelbhaus zur
Einweihung der renovierten und vergrößerten Synagoge zu Nordhausen am
17. August dieses Jahres gehalten, ist jetzt (Nordhausen, Kirchner 1888)
im Druck erschienen, und verdient die Veröffentlichung im vollsten Sinne,
sowohl durch den Gedankenreichtum, der darin entwickelt wird, als auch
durch die schwungreiche, doch überall die rechte Linie einhaltende
Form." |
Heinrich Stern beschrieb die Synagoge in seiner 1927
erschienenen "Geschichte der Juden in Nordhausen" wie folgt: "Die
Synagoge ist ein Salbau mit Emporen und tonnengewölbter Decke, den im Osten
eine Konche (= Nischenwölbung) abschließt. Innerhalb letzterer erhebt sich in
der Achse des Raumes das wie ein Triumphbogen ... aufgeführte, die Torarollen
bergende Allerheiligste. Die Gestalt des bei der Erneuerung 1888 im Westen
hinzugefügten Vorbaues ist im Grundzuge romanisch mit einem gewissen Anklange
an Neobyzantinisches. Die Mitte nimmt ein mächtiges, oben mit Mastwerk, unten
durch Rundbogen tragende Pfeiler gegliedertes Bogenfenster ein... Noch aus dem
siebenzehnten Jahrhundert stammen, in starkgeschweiften Firmen des Barock stehen
kupfergetrieben ein Lavoir und daneben ein Wasserkessel für die rituelle
Priesterwachsung im Vorraume..." (S. 61-62).
1895 konnte das 50-jährige Bestehen der Synagoge mit Rabbiner Dr.
Philipp Schönberger gefeiert werden:
50-jähriges Bestehen der Synagoge (1895)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. September
1895: "Nordhausen, 8. September (1895). Am Sonntag den 1.
September fand hier anlässlich des 50-jährigen Bestehens unserer
im Jahre 1888 sowohl durch Anbau vergrößerten, als auch in
architektonischer Weise wesentlich verschönerten Synagoge in
derselben eine Feier statt, die sich zu einem wahren Kiddusch haschem
(Heiligung des Gottesnamens) gestaltete und zu welcher auf ergangene
Einladung der Magistrat vollständig und eine größere Anzahl Stadtverordneter
erschienen waren. Die Feier begann mit dem vom Synagogenchor gesungenen Ma
towuo und einem Teile des von Gemeinde und dem Vorbeter abwechselnd
gesungenen Hallelgebets, worauf unser Rabbiner Herr Dr. Schönberger die
Kanzel bestieg und eine wirkungsvolle, formvollendete Rede hielt, die auf
alle Zuhörer einen großen Eindruck machte. Wann ist ein Haus
geweiht und von wem ist es geweiht? Das waren die Fragen, welche
sich der Redner als Thema vorlegte und welche er in geschickter Weise
löste, ausführend, dass ein Gotteshaus erst geweiht ist, sobald
wir uns selbst weihen, und dass es für Jeden geweiht ist, der aus
der Tiefe seines Herzens darin bete. In treffender Weise verband der
Redner damit die Erinnerung an den glorreichen Tag von Sedan. Mit Segen
für König, Vaterland und die Vertreter der Stadt, die durch ihr
Erscheinen bewiesen hätten, dass ein Gotteshaus geweiht ist für Jeden,
der darin beten will und mit dem vom Synagogenchor gesungenen Hallelujah
schloss die wahrhaft erhebende Feier. - Unser erster Herr Bürgermeister
verabschiedete sich mit Dankesworten an den Vorstand und gab dem Wunsche
Ausdruck, dass die schönen Worte des Redners von allen Festteilnehmern
beherzigt werden und ihre Früchte tragen
mögen." |
Nach diesem Jubiläum zum 50-jährigen Bestehen der Synagoge
war sie nur noch gut 40 Jahre Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in
Nordhausen.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge aufgebrochen, der Innenraum
von Männern des NSFK (NS-Fliegerkorps) mit Brandbeschleunigern versehen und
anschließend angezündet. Im jüdischen Gemeindehaus neben der Synagoge wurden
Kantor Kurt Singer und sein alter Vater aus den Betten geholt. Alle Räume des
Gemeindehauses wurden durchstöbert. Die Bücher der Gemeindebibliothek wurden
in die Flammen der brennenden Synagoge geworfen. Kantor Singer wurde auch in das
Gotteshaus hineingestoßen und die Tür hinter ihm verschlossen. Wenig später
konnte er halberstickt das brennende Gebäude wieder verlassen.
An die Synagoge erinnert seit 1988 ein Gedenkstein an ihrem Standort
Wolfstraße/Pferdemarkt. Unweit davon stehen zwei steinerne Stelen mit der
Inschrift: "Unweit dieser Stelle stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde
Nordhausen - Geweiht 1845 - zerstört unter faschistischer Herrschaft in der
Pogromnacht am 9. November 1938. Vergesst es nie!".
2005 erinnerte ein gemeinsames Projekt von Nordhäuser Vereinen an den
160. Jahrestag der Einweihung der Synagoge. Am ehemaligen Standort wurden die
ersten drei Eingangsstufen des Gotteshauses symbolisch
nachgestaltet. 2008 wurde am Standort der Synagoge für einige Zeit eine
Informationstafel mit Bildern aufgestellt.
Adresse/Standort der Synagoge: Pferdemarkt
10
Fotos
(Quelle der historischen Fotos: Heinrich Stern: Geschichte der Juden in Nordhausen.
1927; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 28.4.2011)
Erinnerungen an die
mittelalterliche
jüdische Gemeinde |
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Straßenschild
"Jüdenstraße" |
Blick in die "Jüdenstraße"
- vom Mittelalter
ist keine Spur mehr vorhanden |
Der
"Judenturm" |
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Die Synagoge in Nordhausen
- 1845 bis 1938 |
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Außenansicht mit
Eingangsportal |
Innenansicht mit Blick zum
Toraschrein |
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Haus des Betsaales in der
Ritterstraße
(1. Hälfte des 19. Jahrhunderts) |
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Das Haus des
Betsaales mit dem alten Einfahrtstor; der Betsaal lag
hinter dem Fenster rechts des Tores |
Mesusa am
Toreingang |
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| Gedenken an die zerstörte
Synagoge |
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Mahnmal /
Gedenkstein unweit des Synagogenplatzes am Pferdemarkt mit Abbildung der
Synagoge und der Inschrift:
"Unweit dieser Stelle stand die Synagoge
der Jüdischen Gemeinde Nordhausen, geweiht 1845, zerstört unter
faschistischer Herrschaft
in der Pogromnacht am 9. November 1938. Vergesst
es nie!" |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Juli / November
2008: Ein von Jugendlichen erstelltes
Modell der Synagoge wird im Rathaus ausgestellt. |
Artikel aus der Website
des "Lokalen Aktionsplanes Nordhausen" (Artikel):
"Jugendkunstschule Nordhausen.
Die Nordhäuser Synagoge wurde im November 1938 während der 'Reichskristallnacht' von den ausführenden Organen der NSDAP zerstört. Im Rahmen des Bundesprogramms
'Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie- gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und
Antisemitismus' hat die Jugendkunstschule Nordhausen e.V. zusammen mit Jugendlichen aus Nordhausen ein Modell der Synagoge gebaut. Die Gruppe setzte sich aus jugendlichen Besuchern des Club Caritas Nordhausen und Kursteilnehmern der Jugendkunstschule zusammen. Die Teilnehmer
waren zwischen 13 und 18 Jahre alt. Das Modell wurde ab Juli 2008 im Rathaus ausgestellt werden. Der Originalstandort der Synagoge am Pferdemarkt erhielt eine Informationstafel mit Bildern und Hinweisen zum Synagogen-Modell.
Das Projekt 'Synagoge' wurde aus verschiedenen Blickwinkeln und Herangehensweisen heraus bearbeitet, um eine abwechslungsreiche und intensive Auseinandersetzung mit der Thematik zu sichern. Die Jugendlichen trafen sich einmal wöchentlich in der Jugendkunstschule, um gemeinsam unter fachlicher Anleitung durch Herrn Stürmer (Theaterwerkstatt Nordhausen) und Herrn Rennebach (Vorsitzender der Jugendkunstschule) das Modell zu konstruieren.
Neben dem praktischen Arbeiten wurden die Jugendlichen aktiv angehalten, sich mit der Geschichte des Judentums und der jüdischen Vergangenheit der Stadt Nordhausen zu beschäftigen. In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Nordhausen
'Schalom' wurden die Jugendlichen an die Thematik Judentum herangeführt. Insgesamt fanden vier Veranstaltungen in Form von Seminaren statt.
Darauf aufbauend ist die Gruppe gemeinsam mit Fr. Iwan und einer Mitarbeiterin des Club Caritas nach Berlin gefahren. In der Hauptstadt war der Besuch des Jüdischen Museums und des Holocaust Denkmals vorgesehen. Die Jugendlichen erkundeten aktiv das Museum und die Gedenkstätte mit museumspädagogischen Elementen. Im Jahr 2009 wird die Projektgruppe die jüdische Gemeinde von Erfurt kennen lernen und dort das Projekt den jugendlichen Gemeindemitgliedern vorstellen. Der Besuch in Erfurt soll die Möglichkeiten eröffnen, sich mit Gleichaltrigen über Religion und Glaube auszutauschen. Eine Stadtbesichtigung und ein gemeinsames Abendbrot runden den Projekttag in Erfurt ab."
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Artikel aus der Website der Stadt Nordhausen vom 9. November 2008 (Artikel):
"Modell der Nordhäuser Synagoge enthüllt.
Nordhausen (psv) Im Foyer des Rathauses wurde heute das Modell der Nordhäuser Synagoge, die in der Nacht zum 10. November 1938 in der sogenannten Reichskristallnacht in Flammen aufging, feierlich durch Oberbürgermeisterin Barbara Rinke, den Schülern der Jugendkunstschule, den beteiligten Vereinen und vieler Gäste im Foyer enthüllt.
Ein Jahr waren die Schüler der Jugendkunstschule Nordhausen mit dem Bau beschäftigt.
'Ich bin froh, dass mit diesem Modell ein weiterer unsichtbarer Teil der Geschichte wieder sichtbar gemacht
wurde', sagte die Oberbürgermeisterin und erinnerte dabei gleichzeitig an ähnliche Projekte in Nordhausen wie das der
'Stolpersteine' oder weiterer Projekte im Rahmen des Bundesprogrammes 'Vielfalt tut
gut.'
Thomas Kirchner, Kunststudent und langjähriges Mitglied der Jugendschule, erzählte von der aufwändigen Arbeit und Recherche.
'Wir waren erstaunt, über die wenigen Dokumente, die es noch von der Synagoge
gibt', sagt er. Er dankte Herbert Gerhardt, der die Gruppe auf eine 2tägige Reise nach Berlin zum Holocaust-Mahnmal und ins jüdische Museum begleitete und Hans-Jürgen Grönke, der in Stadtrundgängen mit dem jüdischen Leben und der Geschichte in Nordhausen vertraut machte.
Die Nordhäuserin Inge Ernesti, die neben der Synagoge am Pferdemarkt wohnte, konnte sich noch gut an die schreckliche Nacht erinnern. Sie legte im Gedenken an die vielen Opfer einen Strauß Nelken auf das Modell des ehemaligen jüdischen Bethauses, das nun für jedermann hier zu den üblichen Öffnungszeiten des Rathauses besichtigt werden kann."
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| November 2008:
Torarolleneinweihung
- Artikel in der "Neuen Nordhäuser Zeitung" vom 27. November
2008
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| November 2009:
Erinnern mit Postkarte |
Artikel
in der "Neuen Nordhäuser Zeitung" vom 23. November 2009 (Artikel):
"Erinnern mit Postkarte.
'Unsere Würde gebietet einen unübersehbaren Ausdruck der Erinnerung an die ermordeten europäischen
Juden', forderte schon Altkanzler Willy Brandt. Auch die Stadtverwaltung Nordhausen will gleich mit mehreren Projekten das Verständnis der deutsch jüdischen Geschichte wecken.
'Bei uns ist jetzt eine Postkarte mit dem Motiv der ehemaligen Synagoge für 1 Euro sowie eine Broschüre erhältlich', sagte Birgit Adam aus der Stadtinformation am Rathaus. Damit wolle man die jüdische Erinnerungskultur in der Rolandstadt fördern und sich aktiv mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.
Die Broschüre entstand im Rahmen des Bundesprogramms 'Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und
Antisemitismus'. In einem Projekt der Jugendkunstschule Nordhausen und mit Unterstützung des Club Caritas Nordhausen haben sich Jugendliche mit der Nordhäuser Synagoge beschäftigt und dazu ein Modell gebaut, das im Rathaus-Foyer ausgestellt ist sowie diese Broschüre über das Projekt von der Idee bis zur Fertigstellung erstellt. Der ehemalige Standort am Pferdemarkt erhielt eine Informationstafel.
Der Baubeginn der Synagoge war 1842, im September 1845 wurde sie eingeweiht. Während der antijüdischen Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde sie zerstört.
(nnz)." |
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| August 2010:
Im Oktober werden weitere "Stolpersteine" in der Stadt verlegt
- Broschüre geplant
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Artikel in der "Neuen Nordhäuser Zeitung" vom 27. August 2010 (Artikel):
"Die Geschichte der Stolpersteine.
18 Stolpersteine gibt es bereits in Nordhausen. Ende Oktober kommen noch einmal vier neue hinzu. Die Steine sollen als Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus dienen. Um die Erinnerungsarbeit zu unterstützen, plant der Verein
'Gegen Vergessen - Für Demokratie' eine Broschüre zu erstellen, die sich mit dem Schicksal der auf den Steinen verewigten Opfer näher auseinandersetzt...
Inzwischen liegen Stolpersteine in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. Auf den Steinen, die vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer in das Straßenpflaster eingelassen werden, sind Name, Geburtsjahrgang, Todestag und Todesort eingemeißelt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig will mit den Steinen die Erinnerung an die Opfer des Naziterrors lebendig werden lassen. Die goldenen Pflastersteine sollen nicht nur als Denkmäler für jüdische Opfer dienen, sie erinnern auch an Regimegegner, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, KPD-Mitglieder und andere Verfolgte die dem Regime ein Dorn im Auge waren.
Mit bisher 18 eingelassenen Steinen ist das Nordhäuser Straßenpflaster eine der größten Stolpersteinsammlungen. Das ist nicht zuletzt der Nähe zum ehemaligen KZ Mittelbau Dora und der damit verbundenen Erinnerungsarbeit geschuldet. Die ersten Steine erwarb Nordhausen im Jahr 2004, nun sollen Ende Oktober noch einmal vier Steine hinzukommen. Da das lebendig werden der Erinnerung durch die reinen Daten, die auf den Steinen zu finden sind, aber nur bedingt erreicht werden kann, plant man bei dem überregionalem Verein
'Gegen Vergessen - Für Demokratie' eine Broschüre zu erstellen, die, die Geschichten hinter den Daten erzählt.
Am 30. Oktober um 9:30 Uhr wird Gunter Demnig die vier neuen Steine verlegen. Zwei werden ihren Platz in der Bahnhofstraße vor dem letztem selbst gewählten Wohnort des Ehepaares Hermann finden. Der einst im Wäschegroßhandel tätige Kaufmann kam, wie auch seine Frau, 1944 in Auschwitz ums Leben. Dort wurde auch die Erzieherin Cäcille Altmann umgebracht. Ihr wird der dritte Stein gewidmet, der am Pferdemarkt in das Pflaster eingelassen wird. Der vierte und letzte Stein wird an Ludwig Schierholz erinnern, der im bürgerlichen Widerstand tätig war, und 1943 starb. Sein Stolperstein soll an der Ecke Uferstraße/Friedrichstraße, wo einst sein Wohnhaus stand und nun ein Autoverkäufer ansässig ist, im Boden eingelassen werden.
Die Broschüre wird diese eher allgemeinen Informationen um insgesamt
22 Biographien erweitern, und so den Steinen je eine Lebensgeschichte zur Seite stellen. Die abstrakten Einzelschicksale aus einer längst vergangenen, und oft schwer nachzuvollziehenden, Ära der deutschen Geschichte, werden so aus dem Dunkel der Historie geholt und geben der Vergangenheit mehr Substanz.
So erfährt man zum Beispiel wie es dem katholischem Pfarrer Wilhelm Huntziger erging. Weil er die Nationalsozialisten öffentlich kritisierte wurde er 1935 von der SA schwer misshandelt und letzen Endes aus der Stadt gejagt. Auch an ihn erinnert einer der Gedenksteine vor dem Katholischem Pfarrhaus gegenüber des Domes. Durch die Personalisierung der Schicksale soll der Betrachter in die Lage versetzt werden, einen Bezug zu den einzelnen Opfern herzustellen, und so die Geschichte erfahrbarer und greifbarer zu machen, als ihm das mit reinen Daten und Zahlenkolonnen möglich wäre.
Außerdem soll die Broschüre in Zukunft als Unterrichtsmaterial den Schulen des Landkreises als Lehrmaterial zur Verfügung gestellt werden und weitere Projekte rund um den geschichtlichen Topos, etwa in der Arbeit der Gedenkstätte Mittelbau Dora, begleiten. Die Broschüre ist teil des lokalen Aktionsplanes (LAP) und eines von vielen Projekten, die in den letzten zwei Jahren in der Rolandsstadt durch das Bundesprogramm
'Vielfalt tut gut- Jugend gegen Rechtsextremismus für Vielfalt und
Demokratie' realisiert werden konnten. So wird die Broschüre auch eine kurze Einführung zur Geschichte Nordhausens während der Zeit des Nationalsozialismus enthalten. Die Informationen hierfür wurden, unter anderem, während der Arbeit für ein anderes
'Vielfalt tut gut'- Projekt, dem Stadtrundgang 'Nordhausen im
Nationalsozialismus', gesammelt, der vom Jugendsozialwerk und der Gedenkstätte auf die Beine gestellt wurde.
Im Gegensatz zu den meisten 'Vielfalt tut gut'- Projektträgern, ist der Verein
'Gegen Vergessen - Für Demokratie', der die Erstellung der Broschüre initiiert hat, nicht auf das Gebiet in und um Nordhausen beschränkt. Der Hauptsitz des Vereines ist in Berlin, und man ist Bundesweit aktiv. Der Verein sieht seine Aufgabe darin, die historische Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit aktiv zu unterstützen. Man leistet Erinnerungs- und Dokumentationsarbeit nicht nur mit Blick auf das Dritte Reich, sondern setzt sich auch mit der DDR-Diktatur kritisch auseinander. Den Vorsitz des Vereines hat im übrigen Joachim Gauck inne, der dieses Jahr einer der Anwärter auf das Amt des Bundespräsidenten war. Neben diesem hochkarätigem Mitglied versammelt der Verein auch noch viele andere Prominente aus Politik, Gesellschaft und Kultur in seinen Reihen.
Das sich 'Gegen Vergessen - Für Demokratie' auch in Nordhausen engagiert, ist dem Umstand zu Verdanken, das die Thüringer Regionalgruppe des Vereines von der Leiterin des Nordhäuser Amtes für Kultur, Soziales und Bildung, Dr. Cornelia Klose, vertreten wird. Sie hat das Broschürenprojekt in die Wege geleitet. Bereits vor einigen Jahren hatte das Jugendsozialwerk einen, im Umfang wesentlich kleineren, Flyer herausgegeben, der die Daten der Steine noch einmal zusammenfasste. Das neue Heft greift die alte Idee auf und erweitert sie konsequent. Frau Dr. Klose steht dabei natürlich nicht allein auf weiter Flur: zum einem weiß sie den Verein hinter sich, und zum anderem wurden viele der Informationen in stundenlanger Archivarbeit von freiwilligen, historiographisch interessierten Nordhäusern zusammengetragen." |
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| Mai 2012:
Erinnerung an die Deportation der Juden aus
Nordhausen vor 70 Jahren |
Artikel von Jens Feuerriegel in der
"Thüringer Allgemeinen" vom 4. Mai 2012: "Erinnerung an
Deportation.
Das sei 'der abscheulichste Teil der Nordhäuser Geschichte', meinte der
Historiker Jens-Christian Wagner. Auch in der Rolandstradt wurden in den
Jahren des Nationalsozialismus jüdische Menschen verfolgt, enteignet,
misshandelt und verschleppt. Vor 70 Jahren - am 9. Mai 1942 - begann die
Deportation der Nordhäuser Juden..."
Link
zum Artikel |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica I S. 247; II,2 S. 590-593; III,2 S.
994-1000. |
 | Heinrich Stern: Geschichte der Juden in Nordhausen.
Nordhausen 1927. |
 | Manfred Schröter: Judenverfolgung im Jahre 1938 in
Nordhausen. In: Nordhäuser Nachrichten - Südharzer Heimatblätter.
Sonderbeilage Thüringer Allgemeine vom 29.10.1988 S. 1-4. |
 | ders.: Die Verfolgung der Nordhäuser Juden 1933-1945. Bad
Lauterberg/Harz 1992. |
 | Jörg-Michael Junker: Vom Schicksal der Nordhäuser
Synagoge nach dem Pogrom. In: Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis
Nordhausen. Heft 18/1993. S. 62-63. |
 | Peter Kuhlbrodt: Verzeichnis der Nordhäuser
jüdischen Familien zur Zeit des Neuanfanges im Jahre 1808, 1922 und 1829. Beitrag
von 2006 - online zugänglich. |
 | Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit
in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes
Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (www.lzt.thueringen.de)
2007. Zum Download
der Dokumentation (interner Link). Zu Nordhausen S. 190-196. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt am Main 2003. S. 192-199.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Nordhausen.
The first definite evidence of Jews in Nordhausen dates from 1290. The
community, which had a synagogue, a cemetery and a mikwe, was attacked
several times, as in the Black Death persecutions of 1248-49. The community was
finally expelled in 1559. Uninterrupted settlement began only in 1808. A prayer
room and a cemetery were set up in 1821 and a synagogue was consecrated in 1845.
The Jewish population was 495 in 1880 and 438 in 1925. The community maintained
a broad range of social and cultural associations. The Jews were also active in
public life, several serving as members of the city council or engaged in
promoting cultural activities. Antisemitic incidents occured after Worldwar I,
including the 1922 desecration of the synagogue. In 1933, there were 394 Jews
living in Nordhausen. In the mid-1930s, an elderly Jewish businessman was
accused of racial defilement (Rassenschande) dragged through the streets,
and thrown into a well. In October 1938, 43 Jews with non German citizenship
were deported to Poland. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the
synagogue was set on fire, Jewish businesses and homes were looted and wrecked,
and about 140 Jews were arrested. About 75 men were deported to the Buchenwald
concentration camp, where three, including the community's cantor, died. By
1939, 180 Jews from Nordhausen had managed to flee abroad. The 129 remaining
Jews were billeted in 'Jewish homes'. Most were deported by October 1942, when
only 19 Jewish residents were reported to be living in Nordhausen. Most were
probably protected by marriage to non-Jews. A subterranean armaments factory was
situated in nearby Dora-Nordhausen. Here, even as late as 1944-45, some 10.000
forced laborers brought in from Auschwitz were employed.

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