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Gießen (Hessen)
Jüdische Geschichte / Synagogen
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wird noch gearbeitet.
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde(n) (english
version)
In Gießen bestand eine jüdische
Gemeinde bereits im Mittelalter. Seit 1341 ließen Gießener Juden Darlehensgeschäft
in die Frankfurter Gerichtsbücher eintragen. Namentlich genannt werden Jud
Heilmann von Gießen 1345 bis 1349 in Frankfurt und Jud Maseman von
Gießen (1348). Von der Verfolgung in der Pestzeit
1348/49 waren auch die Juden in Gießen betroffen. Seit 1373 lassen sich wieder
einzelne jüdische Personen in der Stadt nachweisen (1373 werden Samuel von Gleiberg und 1378
Seligmann von Rodinberg [= Rotenburg] als "Judenbürger
zu Gießen" genannt; beide betrieben Geldhandel). Auch im 15.
Jahrhundert lebten einzelne Juden / jüdische Familien in der Stadt. 1444
wurde die "Judenschaft zu Gießen" gebannt, weil sie die Zahlung der
Krönungssteuer verweigerte.
Im 16. Jahrhundert wird erstmals eine
"Judengasse" (juddegaß, 1578) in der Stadt erwähnt. Sie lag
unmittelbar nördlich der Stadtmauer innerhalb der Altstadt südlich des Marktes
(identisch mit der späteren Rittergasse). 1622 gab es 22 jüdische
Familien in der Stadt, die allerdings nach erfolglosen Bekehrungsversuchen der
Kirche 1624 vertrieben wurden. Im Verlauf der kriegerischen Zeiten des
Dreißigjährigen Krieges flüchteten aus dem Busecker Tal einige jüdische
Familien in die Stadt. 1661/62 wurden sie erneut ausgewiesen.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts konnten wiederum - zunächst nur wenige -
jüdische Personen / Familien in Gießen zuziehen. 1719 wurden 13 Einwohner
gezählt. 1770 waren es jedoch bereits 86, 1782 110 Personen.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 197 jüdische Einwohner, 1840 391 (4,5 % von insgesamt 8.669
Einwohnern), 1852 288, 1861 336, 1871 384 (3,7 % von 10.233), 1880 612 (3,6 %
von 17.003), 1890 744 (3,6 % von 20.416), 1900 895, 1910 1.035 (3,3 % von
31.153).
Zur jüdischen Gemeinde in Gießen gehörten auch die in den benachbarten Orten Heuchelheim
und Steinbach lebenden jüdischen
Personen. In Heuchelheim lebten 1830 25 jüdische Einwohner.
Seit 1887 gab es zwei jüdische Gemeinden in Gießen: die liberale
Israelitische Religionsgemeinde und die orthodoxe
Israelitische Religionsgesellschaft.
An Einrichtungen gab es insbesondere eine Synagoge (beziehungsweise nach
Gründung der Israelitischen Religionsgesellschaft zwei Synagogen s.u.), ein
jüdisches Gemeindehaus (in der Lonystraße unweit der Synagoge Südanlage,
errichtet 1879, abgerissen nach 1960), ein
rituelles Bad (beziehungsweise rituelle Bäder), jüdische Schulen
(Religionsschulen) und einen Friedhof (beziehungsweise
zwei nebeneinander gelegene Friedhöfe). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde(n) war ein Rabbiner
angestellt (siehe folgender Abschnitt) sowie ein (bzw. zwei) Lehrer, der
(die) zugleich als Kantor und Schochet tätig war(en). In besonderer Erinnerung
blieben im 19. Jahrhundert: Lehrer S. Mayer (von 1852 über 50 Jahre bis
nach 1892); im 20. Jahrhundert: in der Israelitischen Religionsgemeinde Lehrer Josef
Marx (bis 1934); sein Nachfolger war bis 1937 Bernard Glusman (1934 bis
1937) und als Lehrer der Israelitischen Religionsgemeinschaft Bernhard Klein,
der von 1888 bis 1932 in Gießen gewirkt hat. Sein Nachfolger war bis 1937 Erich
Neumann.
Bereits seit dem 18. Jahrhundert (1728) war Gießen Sitz eines Rabbinates.
Im 19./20. Jahrhundert waren die Rabbiner (zugleich Landrabbiner bzw. ab
1842 Provinzialrabbiner von Oberhessen): Dr. Abraham Alexander Wolf (1827 bis
1829), Dr. Benedikt Samuel Levi (1829 bis 1896), Dr. David Sander (1897 bis
1939). Sander war Rabbiner der (liberalen) Israelitischen Religionsgemeinde
Gemeinde beziehungsweise des Liberalen Provinzialrabbinates Oberhessen. Von 1895
bis 1933 hatte auch die orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft in Gießen
mit Dr. Leo Hirschberg einen eigenen Rabbiner (und zugleich Orthodoxer
Provinzialrabbiner von Oberhessen)
angestellt.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Unteroffizier
Harry Rudolf Bauer (geb. 19.11.1886 in Weilburg, gef. 8.12.1914), Gefreiter
Willy Doctor (geb. 25.11.1885 in Gießen, gef. 14.11.1916), Otto Grünebaum
(geb. 15.2.1881 in Büdingen, gef. 2.9.1917), Offz.St. David Katz (geb.
15.1.1887 in Mainzlar, gef. 2.8.1918), Sally Levi (geb.8.2.1884 in Marburg, gef.
27.1.1916), Emil Lilienfeld (geb. 17.11.1879 in Neustadt, gef. 7.10.1916),
Gefreiter Moritz Lomnitzer (geb. 19.4.1896 in Peiskretscham, gef. 1.6.1918),
Oberarzt Hugo Mayer (geb. 13.9.1887 in Hungen, gef. 25.10.1917), Unteroffizier
Jacob Rosenbaum (geb. 20.5.1885 Krofdorf, gef. 6.10.1914). Max Rosenbaum (geb.
23.9.1883 in Krofdorf, gef. 14.5.1917), Gefreiter Semmy Rothenberger (geb.
24.7.1883 in Gießen, gef. 26.9.1914), Max Speyer (geb. 3.7.1883 in Züschen,
gef. 12.9.1915), Max Stern (geb. 18.2.1894 in Breidenbach, gef. 18.10.1915),
Leopold Ulmann (geb. 1.9.1884 in Romrod, gest. an der Kriegsverletzung
27.3.1919), Sally Weinberg (geb. 31.12.1896 in Allendorf a.d. Lumda, gef.
21.3.1917) und Moses Max Windheil (geb. 29.4.1883 in Amöneburg, gef.
26.11.1917). Außerdem sind gefallen: Moritz Katz (geb. 11.10.1886 in Gießen,
vor 1914 in Ludwigshafen wohnhaft, gef. 11.7.1916), Marco Loeser (geb. 4.11.1890
in Gießen, vor 1914 in Schwerin wohnhaft, gef. 7.10.1914), Unteroffizier Karl
Theodor Hoddes (geb. 11.5.1894 in Gießen, vor 1914 in Bad Nauheim wohnhaft,
gef. 27.1.1915).
Bereits sehr früh - Ende des 19. Jahrhunderts und seit der Zeit des Ersten
Weltkrieges - machte sich in Gießen ein starker Antisemitismus
bemerkbar. 1920 (!) beschwerte sich die Israelitische Religionsgesellschaft beim
Oberbürgermeister darüber, dass jüdische Schüler in den Schulen ständig
gehänselt und die Fenster jüdischer Wohnhäuser und der Synagogen eingeworfen
werden.
1925 wurden 1.017 jüdische Einwohner in Gießen gezählt (3,0 % von
insgesamt 33.600 Einwohnern). Unter den jüdischen Einwohnern gab es damals
fünf Rechtsanwälte, drei Zahnärzte, vier Ärzte, sechs Lehrer, Studienräte
und Referendare, neun Fabrikanten (u.a. Seifenfabrik Sternberg, Lack- und
Farbenfabrik Sondheim), zwei Weinhändler, ein Juwelier; an Handwerkern gab es
acht Metzger, vier Schneider, je ein Bäcker, Schuster, Installateur,
Theaterarbeiter. Alle übrigen jüdischen Familienvorsteher waren als Kaufleute
und Händler tätig; einige Banken befanden sich in jüdischem Besitz oder
wurden von jüdischen Direktoren geleitet (u.a. Bankhaus Herz in der
"Höhen Bäue", Privatbank in der Bahnhofstraße/Westanlage mit
Direktor Hofrat J. Grünewald), Bankdirektor Heichelheim [Siegmund Heichelheim,
Geh. Kommerzienrat und Albert Heichelheim]). An der Universität gab es
jüdische Dozenten und Professoren, darunter der vielfach ausgezeichnete
Mathematiker Prof. Dr. Moritz Pasch (gest. 1930) und der Jurist (jüdischer
Abstammung) Prof. Dr. Leo Rosenberg .
1924 waren die Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde
Moritz Strauß (Schanzenstraße 22), Adolf Baer, Ludwig Liebmann, Leopold Mayer
und Siegmund Rosenbaum. Liberaler Provinzialrabbiner war Dr. Sander. Als Kantor
und Lehrer war Josef Marx tätig, als Gemeindesekretär Wilhelm Mühl, als
Organist Albert Kasten, als Rechner Heinrich Junker, als Synagogendiener Anton
Lehr und Benjamin Toronski. Den Religionsunterricht an den Volksschulen erteilte
Lehrer Grünebaum, den an den höheren Schulen Rabbiner Dr. Sander und Lehrer
Marx. An jüdischen Vereinen gab es u.a. den Israelitischen
Hilfsverein e.V. (gegründet 1908; 1924/32 unter Leitung von Rabbiner Dr.
Sander mit 100/120 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete: Wanderfürsorge,
Wirtschaftsfürsorge), den Israelitischen Beerdigungsverein e.V. (gegründet
1867, 1924/32 unter Leitung von Ludwig Bock mit 150/256 Mitgliedern;
Zweck und Arbeitsgebiete: Krankenpflege, Bestattungswesen), den
Israelitischen Frauenverein (1932 unter Vorsitz der Frau von Rabbiner Dr.
Sander; Zweck und Arbeitsgebiet: soziale Fürsorge), den Synagogengesangsverein
(1924 unter Leitung von Isidor Berliner und 40 Mitgliedern), die Israelitische
Casino-Gesellschaft (1924 unter Leitung von Jacob Heilbronner und 110
Mitgliedern), eine Ortsgruppe des "Central-Vereins" (1924 unter
Leitung von Hermann Hammerschlag mit 150 Mitgliedern). Bis 1932 hatte sich auch
ein Verein Altersheim gegründet (1932 unter Vorsitz von Moritz
Sternberg, Marburger Straße 44; Zweck und Arbeitsgebiet: Bau eines
Altersheimes). An Stiftungen (Zweck: Unterstützung Hilfsbedürftiger)
gab es 1932: die Arnstein-Stiftung, Dr. Levi-Stiftung, Adolf-Buch-Stiftung,
Moritz Hirsch-Stiftung, Dr. Hugo Mayer-Stiftung, Heichelheim-Stiftung, Hermann-
und Louise Katz-Stiftung. 1932 waren die
Gemeindevorsteher der Religionsgemeinde Rechtsanwalt Eugen Rothenberger (1.
Vors., Bahnhofstraße 76), Sally Meyerfeld (2. Vors., Marktstraße 30), Adolf
Baer (3. Vors., Marktplatz 7) und zwei weitere Personen. Weiterhin war liberaler
Provinzialrabbiner Dr. Sander (wohnt Landgrafenstraße 8); Lehrer und Kantor war
weiterhin Josef Marx (wohnhaft Lonystraße 4). Die beiden hatten an den Schulen
der Stadt im Schuljahr 1931/32 insgesamt 127 Kindern den Religionsunterricht zu
erteilen.
1924 waren die Vorsteher der Israelitischen Religionsgesellschaft
(seit 1923 staatlich anerkannte öffentliche Gemeinde mit etwa 400 Mitgliedern)
Alfred Fröhlich (Nordanlage 31), Sigmund Hirsch, L. Wetterhahn und Sigmund Fuld.
Orthodoxer Provinzialrabbiner war weiterhin Dr. Leo Hirschfeld. Als Lehrer und
Kantor war Bernhard Klein tätig, als Synagogendiener ein Herr Hebell. Die
Religionsschule der Religionsgesellschaft besuchten 60 Kinder. 1932 waren
die Gemeindevorsteher Alfred Fröhlich (1. Vors.), Ferdinand Baer (2. Vors.,
Nordanlage 31), Salli Wetterhahn (3. Vors., Größerstraße). Orthodoxer
Provinzialrabbiner war weiterhin Dr. Leo Hirschfeld (wohnt Ludwigstraße). Als
Lehrer, Kantor und Schochet war weiterhin Bernhard Klein tätig (wohnt
Seltersweg 81). Er erteilte im Schuljahr 1931/32 etwa 30 Kindern den
Religionsunterricht. Rabbiner Dr. Hirschfeld war Leiter der Agudas Jisroel
Jugendgruppe.
1933 wurden 855 jüdische Einwohner in Gießen gezählt (2,4 % von insgesamt
35.913 Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein großer Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Andere Personen sind von
kleineren Orten der Umgebung noch in Gießen zugezogen, sodass eine 1962
angefertigte Liste über die 1933 und später in Gießen wohnenden jüdischen Personen
insgesamt 1.229 Namen umfasst. Am 31. August 1937 wurden noch 358 jüdische Personen in der
Stadt gezählt, am 5. August 1938 364, am 31. März 1939 287, am 31. Dezember 1940 183 und
unmittelbar vor Beginn der Deportationen am 5. Februar 1942 170
Personen. Am 15. Juli 1936 wurden im Gewerberegister der Stadt Gießen noch
129 Betriebe genannt, die in "nichtarischem" Besitz waren, am
1. Oktober 1938 nur noch 53, am 21. Januar 1939 nur noch sechs. Von den 465
nachweislich ausgewanderten Personen konnten die meisten in die USA (176) und
nach Palästina (185) einreisen; etwa 450 Personen verzogen zwischen 1933 und
1941 in andere Städte, viele nach Frankfurt oder Berlin.
An der Universität wurden die jüdischen Professoren / Dozenten bis spätestens
1936 allesamt
entlassen.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagogen zerstört (s.u.). Mehrere
Geschäfte, die noch im Besitz jüdischer Personen waren, wurden demoliert und geplündert.
Die meisten der jüdischen Männer wurden verhaftet und in das KZ Buchenwald
verschleppt. Durch ein Gesetz vom 30. April 1939 wurde die Zusammenlegung
jüdischer Familien in sogenannte "Judenhäuser" vorbereitet.
Die Zusammenlegung erfolgte bis 1941 in äußerst bedrängten Verhältnissen in
den Häusern Liebigstraße 33 und 37, Marburger Straße 44, Asterweg 53 und
Wetzlarer Weg 17. 1942 lagen die Ghettohäuser in der Walltorstraße 42
und 48 und in der Landgrafenstraße 8. Am 14. September 1942 wurden die in der
Stadt noch lebenden jüdischen Personen (141 Personen) sowie aus Orten der
Umgebung (neun aus Wieseck, 180 aus weiteren Orten) in einem Massenquartier in
der Goetheschule (Westanlage 43) eingesperrt. Am 16. September 1942 erfolgte
über den Güterbahnhof die Deportation (über Darmstadt in
Vernichtungslager des Ostens, teilweise in das Ghetto Theresienstadt). Nur fünf
[nach Angaben der Gedenktafel sechs] der damals deportierten Personen haben
überlebt (Salomon Max Baer, Dina Engel, Ludwig Rosenbaum, Johanna Sander und
Louis Stern). In der Stadt verblieben nur wenige in sogenannter
"Mischehe" lebenden jüdischen Personen. Sie wurden noch im Februar
1945 deportiert.
An die Deportation erinnert eine Gedenktafel an der Goetheschule mit der
Inschrift: "Westanlage 43 - In diesem Gebäude der Goetheschule wurden 1942
Mitte September 330 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Gießen und
Umgebung zusammengetrieben. Sie wurden in Viehwaggons in die nationalsozialistischen
Vernichtungslager verschleppt. Nur sechs von ihnen überlebten die Hölle von
Auschwitz und Theresienstadt und kehrten
zurück".
Von den in Gießen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): es sind nach
den vorliegenden Listen mindestens 236 Personen umgekommen / ermordet worden.
Über die nach 1945 wieder entstandene jüdische Gemeinde besteht eine
weitere Seite (wird derzeit erarbeitet).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Es bestehen die folgenden Textseiten:
Zur Geschichte der Synagoge
In der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert gab es vermutlich
einzelne Betstuben in jüdischen Häusern.
Wann eine erste Synagoge erbaut
wurde, ist nicht bekannt.
Die alte
Synagoge in der früheren Zozelsgasse (bis 1865/67)
Nähere Kenntnis hat man erst von der sogenannten "alten Synagoge"
in der - auf Grund der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und dem
anschließenden veränderten Wiederaufbau - nicht mehr bestehenden Zozelsgasse
(nach ursprünglicher Adresse Gebäude Schulhof Nr. 60 im Altstadtbezirk [Literae]
A). Das Gebäude ist als Wohnhaus erhalten. Der Synagogensaal befand sich in dem
quer zur Straßen liegenden Gebäude mit geschweiftem hohem Walmdach; der
Synagogeneingang lag wahrscheinlich an der nordwestlichen Seite. Auch ein
rituelles Bad war in diesem Gebäude untergebracht. Wann diese alte Synagoge
erstellt wurde, ist nicht bekannt. Auf Grund der Entwicklung der Zahl jüdischer
Einwohner in Gießen ist die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts anzunehmen.
Bereits in der alten Synagoge war eine Orgel vorhanden, als Organist war neben
dem Dienst beauftragten christlichen Organist auch der "talentvolle"
Sohn von Rabbiner Dr. Levi - gemeint der spätere Generalmusikdirektor
Hermann Levi (1839-1900) - tätig, wie aus dem nachstehenden Artikel
hervorgeht:
Gottesdienste in der alten Synagoge mit Orgelbegleitung
(1852)
Artikel in der Zeitschrift "Der
Israelitische Volksschullehrer" vom Juli 1852 S. 174-175: "Aus
Gießen wird uns mitgeteilt: seit einem halben Jahre findet der Gottesdienst
in hiesiger Synagoge regelmäßig mit Orgelbegleitung hebräischer und
deutscher Gebete und Gesänge statt. In Verhinderungsfällen des
(christlichen) Organisten vertritt der talentvolle Sohn des hiesigen
Rabbiner Dr. Levi, ein Knabe von erst zwölf Jahren, dessen Stelle. Eine
Reihe erfreulicher Gedanken knüpft sich an diese Erscheinung;
insbesondere die Hoffnung, dass im ganzen weiten Kreisrabbinate, welches
viele strebsame Gemeinden und tüchtige Lehrer zählt, dieses Beispiel und
Vorbild zahlreiche Nachahmung finden werde. - Bei der kürzlich hier
vollzogenen Wahl eines neuen Stadtvorstandes ist, und zwar von
konservativer Seite, Herr Hofgerichts-Advokat Rosenberg, Mitglied des
israelitischen Religionsgemeinde-Vorstandes, mit ansehnlicher
Stimmenmehrheit in denselben gewählt worden. - Endlich mögen ihre Leser
noch erfahren, dass von elf hier studierenden hessen-darmstädtischen
Jünglingen unseres Glaubens drei ordentliche Stipendien aus der Staatskasse
oder dem Universitätsfond erhalten, gewiss ein Beweis wahrhaft humaner
Gesinnung unserer Staatsregierung und ein Zeichen nicht bloß papierner
Emanzipation." |
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links:
Hermann Levi (1839-1900), der spätere Generalmusikdirektor in München -
Dirigent von Werken Richard Wagners: in seiner Jugend vertrat er den
christlichen Organisten in der alten Synagoge in
Gießen. |
Die
neue Synagoge (nach 1887 liberale Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde,
1867 bis 1938)
Die alte Synagoge war durch die im Laufe des 19. Jahrhunderts weiter stark
ansteigende Zahl der jüdischen Gemeindeglieder in der Mitte des 19.
Jahrhunderts zu klein geworden. 1865/67 wurde eine neue, repräsentative
Synagoge in der Südanlage erstellt. Die alte Synagoge wurde verkauft und
in der Folgezeit zu einem Wohnhaus umgebaut. Die Einweihung der neuen Synagoge
erfolgt durch Rabbiner Dr. Levi am 31. Mai 1867. In den vorliegenden
jüdischen Periodika wurde zwar kein Bericht zur Einweihung veröffentlicht,
doch erfolgte ein Hinweis auf die Veröffentlichung der zur Einweihung von
Rabbiner Dr. Levi gehaltenen Predigt:
Predigt zur Einweihung der neuen Synagoge
(1867)
Hinweis
auf die Predigt zur Synagogeneinweihung in der "Allgemeinen Zeitung
des Judentums" vom 9. Juli 1867: "Die 2. Predigt ist 'die
Synagogenweihe in Gießen, am 31. Mai 1867 von Dr. Levi,
Großherzoglicher Rabbiner der Provinz Oberhessen, Gießen 1867.' Wir
erhalten hier die Abschiedsrede in der alten Synagoge, die Weihegebete und
Predigt in der neuen. Alle drei Stücke sind trefflich an Form und Inhalt,
vom frömmsten Geiste in edelster Sprache beseelt. Text 3. Mose 26, 11-13.
Der Redner weist nach: 1) 'Israels neue Gotteshäuser zeugen davon, dass
Israels Glaube zwar alt, aber nicht veraltet ist; 2) dass er sich in
seinen Formen allen Bildungsstufen und allen Heimatverhältnissen
anschmiegt, und 3) zeugen sie davon, dass die Menschheit immer mehr und
mehr der höheren Vollendung entgegen reift, die ihr von den alten
Propheten als Endziel vorgesteckt und verheißen worden ist.' Die neue
Synagoge ist mit einer Orgel versehen, welche im Gottesdienste eine
wesentliche Verwendung gefunden." |
Über die Geschichte der Synagoge liegen einzelne Berichte
vor. Nachstehend ein Bericht über einen Einbruch in der Synagoge 1879. Hieraus
lässt sich einiges über die damals vorhandenen - wenn auch üblichen -
Kultgegenstände in der Synagoge entnehmen.
Einbruch in der Synagoge (1879)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 16. September 1879: "Gießen, 1. September (1879). Eine
Mitteilung höchst unerquicklicher Natur ist es, die ich Ihnen heute zu
machen habe. In der Nacht vom 28. auf den 29. August dieses Jahres wurde
in unserer fast noch neuen und schönen Synagoge von zwei hiesigen
Bewohnern eingebrochen und mit wahrem Vandalismus gehaust. Die entwendeten
und später in einem der Stadt nahe gelegenen Acker wieder aufgefundenen
Wertobjekte zeugten deutlich von der Zerstörungswut der Räuber neben
ihrer Raubsucht. Doch erzählen wir den Vorgang an Hand der Tatsachen. Dem
Synagogendiener, der, um Vorkehrungen für den Sabbat (Paraschat Ki
Teze, Schabbat mit der Toralesung Ki Teze = 5. Mose 21,10 -
25,19, das war am 30. August 1879) zu treffen, ins Gotteshaus getreten
war, zeigten sch schon an dem in der Vorhalle aufgestellten Kassaschranke
erhebliche Spuren eines gewaltsamen Einbruchsversuchs wobei ihm
gleichzeitig das Fehlen der dort angehängten und festgenieteten
Armenbüchse auffiel. (Diese und noch eine andere wurden später, ihres
Inhalts, etwa 30 Mark, entleert, wieder aufgefunden.) Aber noch schlimmer
sah es im Innern aus: der Schrank, in welchem die teils sehr wertvollen Parochet
(bzw. Parochot = Toraschreinvorhänge) ruhen, war gewaltsam
erbrochen, seines Inhalts größtenteils beraubt, und nur ein Teil eines
Samtvorhangs, nachdem die Goldstickereien mit einem Messer
herausgeschnitten waren, liegen geblieben. Nur das Parochet für Neujahr
und Jom Kippur war noch unversehrt, wenn auch beschmutzt, vorhanden.
Außerdem waren noch folgende Gegenstände annektiert: zwei silberne
Becher, eine desgleichen (sc. silberne) Jad (Torazeiger) und zwei
solche Ez Chajim (sc. Stäbe, auf denen die Tora gewickelt ist);
sogar die messingene Menora war nicht verschmäht worden. Der
Aron HaKodesch (Toraschrein) war angebohrt; da diese Arbeit den Dieben
jedoch zu zeitraubend erschien, so zogen sie es vor, denselben zu
erbrechen. Ja, sogar der Schulchan (Vorlesetisch) zeigt Spuren der
Verstümmelung.
Der Synagogendiener begibt sich sogleich zu unserem Rabbiner, Herrn Dr.
Levi. Dieser eilt herbei. Wer aber beschreibt seinen Schrecken, als
er beim Öffnen des Toraschreines wahrnimmt, dass die frevelhafte Hand
sich nicht entblödet hat, auch die Torarollen zu berauben. Zwar
haben die diese selbst nicht zu verstümmeln gewagt, aber die vier
schönsten Mäntelchen von rotem Samt und goldgestickter Inschrift hatten
sie geraubt.
Nachdem nun die Torarollen wieder in Ordnung gebracht worden waren,
wurde von dem Vorfall Anzeige gemacht und die hiesige Polizei (sehr wohl
organisiert und ausgezeichnet geführt) zum Auffinden der Frevler in
Bewegung gesetzt. Schon am Nachmittag desselben Tages - Freitag - waren
die Übeltäter dingfest gemacht und die geraubten Gegenstände
gerichtlich eingebracht. Die Ehefrau des einen Diebes hatte die Sache
selbst zur Anzeige gebracht, und so erwartet denn die Diebe eine nicht
geringe Strafe, zumal man ihnen auch noch einen eklatanten Kirchenraub in
V. zuschreibt, der damals die Polizei starb beschäftigte, dessen Täter
bis heute aber noch nicht ermittelt werden konnten.
Man kann sich lebhaft denken, dass dieser Vorgang geeignet war, alle
Gemüter in Schrecken und Aufregung zu versetzen. Am Samstag sprach unser
Rabbiner mit gewohnter Beredsamkeit über den Vorgang, dessen Folgen durch
die glückliche Fügung bald überwunden sein werden." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. September 1879: "Gießen,
29. August (1879). Der Kirchenraub scheint in unserer Gegend epidemisch zu
werden. Nachdem aus mehreren Orten solche Einbrüche in Kirchen berichtet
wurden, war in verwichener Nacht unsere Synagoge zu diesem Bubenstück
ausersehen; die wertvollsten Vorgänge und Torabegleitung sind teils
entwendet, teils sind die Goldstickereien herausgeschnitten worden. Auch
an dem Silberschranke sind Versuche gemacht worden, derselbe konnte jedoch
nicht erbrochen werden. - Soeben, vor Abgang dieses Berichtes, sind zwei
Individuen verhaftet, die der Tat auch sofort überwiesen werden konnten;
die gestohlenen Sachen wurden in einem defekten Zustande
aufgefunden." |
Der Gottesdienst anlässlich des Geburtstages des
Kaisers soll weiterhin am Schabbat gefeiert werden (1892)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 19. Februar 1892: "Gießen, im Februar (1892). Auf die
Anfrage des Herrn Regiments-Kommandeurs Oberst Perthes hier, ob ich
beabsichtige, zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers am
2. Januar besonderen Militärgottesdienst abzuhalten, erwiderte ich das
Folgende: 'Auf das verehrliche Schreiben Eurer Hochwohlgeboren vom 11.
dieses Monats beehre ich mich ganz ergebenst zu erwidern, dass ich glaube,
bei meiner bisherigen Gepflogenheit, den Geburtstag Seiner Majestät des
Kaisers, gleich dem Seiner Königlichen Hoheit unseres Großherzogs am
Samstag vorher zu zelebrieren, verbleiben zu sollen, und zwar aus
folgendem, ich hoffe Ihnen einleuchtendem Grunde: Dem militärischen
Gottesdienste am Geburtstage Seiner Majestät des Kaisers in der
evangelischen und katholischen Kirche wohnen neben den vielen Hunderten
von Gemeinen alle militärischen Chargen vom Regiments-Kommandeur bis zum
Unteroffizier herab, samt ihren Frauen und Familien und viele andere
Staatsbedienstete bei. Die resp. Geistlichen sprechen da zu diesen, nicht
minder wie zu dem gemeinen Soldaten; und das gestaltet sich zu allgemein
erhebender Feier. Der militärische Gottesdienst dagegen, den der geh.
Unterzeichnete an dem Allerhöchsten Geburtstage für die wenigen
jüdischen Soldaten anordnete, und dem nur diese wenigen beiwohnen,
verdient kaum diesen Namen, er wäre aller Solennität, aller Erhebung und
Andacht bar. Wohingegen die Verbindung der Geburtstagsfeier mit dem
vorangehenden Sabbatgottesdienst, dem die ganze Gemeinde anwohnt, ihr die
rechte Weihe gibt. Ich bitte darum verehrliches Regiments-Kommando
ergebenst, die jüdischen Soldaten der Garnison auf Samstag, den 23.
Morgens 9 Uhr zur Synagoge befehlen zu wollen.' - Hierauf erhielt ich
folgendes Schreiben: 'Euer Hochwürden beehrt sich das Regiment auf das
gefällige Schreiben vom 12. dieses Monats ergebenst mitzuteilen, dass es
dem Wunsche Eurer Hochwürden gemäß am Samstag, den 23. dieses Monats
Morgens 9 Uhr sämtlich jüdische Soldaten des Regiments zur Synagoge
schicken wird.' - Und so geschah es auch und so gedenke ich es auch weiter
zu halten. Rabbiner Dr. Levi." |
1892 wurde die Synagoge wesentlich erweitert.
Sie hatte danach 272 Männer- und 196 Frauenplätze. In der Synagoge befand sich
eine Orgel. 1912
erfolgte eine gründliche Innenrenovierung und Neubemalung durch Malermeister
Groß:
Die Synagoge wurde im Inneren neu hergerichtet und
ausgemalt (1912)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 2. Oktober 1912: "Gießen, 24. September (1912). Die große
Gemeinde hat in den letzten Monaten die Synagoge im Innern neu
herrichten lassen. Die Kunst des Malermeisters Groß hat den
inneren Raum des Gotteshauses in byzantinischem Geschmack geziert. Die
Wände des Baues wurden mit einem in braungrauem Ton gehaltenen mattgold
durchwirkten stoffähnlichen Muster gemalt. Darüber streckt sich die
kräftige Balkendecke, in deren himmelblauen Feldern goldene Sterne zu
sehen sind. Die erst vor einigen Jahren angebrachten bronzenen Beleuchtungskörper,
die für elektrisches Licht eingerichtet sind, unterbrechen die Malerei
wirksam. Die an drei Seiten den Innenraum der Synagoge umziehende Galerie
und die Orgel sind passend zur Wandmalerei getönt und durch kräftiger
wirkende Vergoldung hervorgehoben. Die in grünem Marmor gehaltenen
Säulen mit ihren reich vergoldeten Kapitellen, die die Galerie tragen,
heben sich wirkungsvoll ab. Den Glanzpunkt der Innenausstattung bildet die
heilige Lade, die ein Meisterwerk darstellt. Die halbrunde, oben
muschelartig abgeschlossene Nische ist in hellen Farben und matter
Vergoldung behandelt. Die Nebenräume und Treppenaufgänge sind ebenfalls
im byzantinischen Stil, aber einfacher als der Hauptraum, hergestellt. Die
Synagoge soll im kommenden Jahre auch äußerlich erneuert werden."
|
1917 hat - mitten im Ersten Weltkrieg - die
Israelitische Religionsgemeinde das 50-jährige Bestehen der Synagoge
gefeiert:
50-jähriges Bestehen der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde (1917)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 9. Juni 1917: "Die Israelitische Religionsgemeinde in Gießen
feierte am 27. Mai, dem ersten Schawuottag (sc. Wochenfest), das 50-jährige Bestehen der
Synagoge in der Südanlage. Aus diesem Anlass hat der Gemeindevorstand
eine ansehnliche Summe als Stiftungsfonds bereitgestellt, über dessen
Verwendung erst nach dem Kriege endgültiger Beschluss gefasst werden
soll." |
Die (orthodoxen) Synagogen der Israelitischen Religionsgesellschaft (1867, 1899
bis 1938)
1887 wurde eine erste Synagoge eingerichtet. Von 1889 liegt ein Bericht
über die Einweihung einer Tora-Rolle in dieser Synagoge vor:
Einweihung einer Tora-Rolle in der Synagoge der
Religionsgesellschaft (1889)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
11. November 1889: "Gießen, im November (1889). Am jüngst
verflossenen Simchat Tora (sc. war am 18. Oktober 1889) beging die
hiesige Religionsgesellschaft in ihrer Synagoge eine schöne und erhebende
Feier. Dieselbe legte Zeugnis ab, von der gedeihlichen Entwicklung dieser
Gesellschaft und von dem religiösen Eifer, der dieselbe in allen ihren
Mitgliedern beherrscht.
Einige Mitglieder der Religionsgesellschaft hatten den Plan gefasst, auf
ihre Kosten eine Sefer-Tora (Torarolle) bei Herrn Grünebaum in Fulda
schreiben zu lassen. Die Einweihung dieses Sefers fand nun am genannten Simchat
Tora statt. Aufs Schönste war die Synagoge mit Tannenreis und
Topfgewächsen geschmückt. Das Sefer selbst, befand sich bei einem
Mitgliede der Gesellschaft in der Nähe der Synagoge. Von dort holte es
der erste Vorstand, Herr A. Marcus, in Begleitung der zwei ältesten
Mitglieder der Gesellschaft ab. In der Synagoge hatte unterdessen der
Kantor und Lehrer der Religionsgesellschaft, Herr B. Klein, unter
feierlicher Stille, in der bis auf den letzten Platz gefüllten Synagoge
den Vortrag des 19. Psalms angestimmt. In dem Augenblicke, als er den Vers
vortrug 'Die Tora des Ewigen ist untadelig, seelenerquickend...'
(Psalm 19,8) erschien Herr Marcus mit dem neuen Sefer, während die
übrigen Seforim (Torarollen) der Gesellschaft von anderen Mitgliedern
entgegen getragen wurden. Unter Leitung des Kantors wurde der Gesang Mah
towu unter Begleitung einiger direkt dazu eingeübter Mitglieder der
Gesellschaft, ausgeführt. Hierauf wurden die Seforim (Torarollen) in den
Toraschrein gestellt und nach Absingung verschiedener Psalmen, des 'Dir
ist es gezeigt worden, dass Du erkennest...' (nach 5. Mose 4,35) und
der Umzüge (sc. mit den Torarollen) wurde der Schluss der Tora,
die Parascha Wesot Habracha (sc. 5. Mose 33,1 - 34,12, der
Wochenabschnitt in der Woche von Simchat Tora) aus dem neuen Sefer
verlesen. Nach Beendigung der Toravorlesungen nahm Herr Lehrer Klein das
Wort zu einem Vortrage und führte etwa folgendes aus:
Es sei doch auffallend, dass man an dem Tage, da man den Gemeinden Israels
den Tod des großen Lehrers Moses verkündet, den herbsten aller Verluste,
dass man an diesem Tage in allen Gemeinden Israels einen Freudentage
begehe.
Der Redner suchte diesen offenkundigen Zwiespalt dadurch auszugleichen,
indem er erklärend ausführte, dass die Freude berechtigt sei, in Folge
des Vermächtnisses, das uns dieser Lehrer und Meister hinterlassen hat.
Wohl hat Moses sein ganzes Leben dem Volke Israel geweiht, und es aus der
niedrigsten Knechtschaft zu einem höheren Leben geführt, aber auch in
seinem Tode noch hat er dem Volke genützt, indem er ihm die heilige Tora,
jenes unveräußerliche Gut, hinterlassen. Redner dankte hierauf den
Spendern des neuen Sefer, dem Frauenverein der Religionsgesellschaft,
welche in edler Weise ein prächtiges Mäntelchen für die neue Torarolle
gestiftet. Mit dem Vers: 'Erhöre Ewiger, die Stimme Jehudas, und zu
seinem Volke geleite ihn; ihm zur Seite streite für ihn, und Beistand sei
ihm gegen seine Dränger' (5. Mose 33,7) schloss Herr Klein
seine Rede, indem er Gott anfleht, das Gebet der hier Versammelten zu
erhören, und ihnen auch ferneren Schutz gegen ihre Feinde angedeihen zu
lassen.' Einen nachhaltigen Eindruck hat diese schöne Feier auf die
Herzen aller Zuhörer geübt. Möge die israelitische
Religionsgesellschaft weiter Gelegenheit haben, so wahrhaft religiöse
Feste zu feiern." |
Die Israelitische Religionsgesellschaft plant den Bau einer neue Synagoge
(1894)
Anmerkung: im nachstehenden Artikel wurden die beiden Gemeinden verwechselt.
Da von der Israelitischen Religionsgemeinde die Synagoge 1893 erweitert wurde,
bezieht sich der Plan des Baus der zweiten Synagoge auf die Israelitische
Religionsgesellschaft.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
13. August 1894: "Gießen, 4. August (1894). Der 'Mainzer
Anzeiger' schreibt: Hier soll eine zweite Synagoge errichtet werden und
zwar durch die israelitische Religionsgemeinde; die bereits vorhandene, im
vorigen Jahre erweiterte Synagoge gehört der israelitischen
Religionsgesellschaft." |
Für die Synagoge, Mikwe und Religionsschule der
Israelitischen Religionsgesellschaft wird ein Bauplatz erworben
(1898)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
28. Februar 1898: "Gießen. Vor einigen Tagen hat die
israelitische Religionsgesellschaft hier, zum Zwecke ihrer bald neu zu
errichtenden Synagoge, Mikwoh und Religionsschule, einen der Stadt
gehörigen, im Mittelpunkt derselben liegenden Bauplatz erworben. Mit
Beginn des Frühjahres wird unter göttlichem Beistande mit dem Bau
begonnen werden. Man beabsichtigt, daneben noch weiteres Terrain zu
kaufen, um ein Gemeindehaus zu bauen." |
Einweihung der Synagoge der Israelitischen
Religionsgesellschaft (1899)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27.
Juli 1899 (leicht abgekürzt wiedergegeben): "Gießen, 23.
Juli (1899). Eine wirkliche Freude über die (Erfüllung) eines
göttlichen Gebotes ist es, von der ich Ihnen heute berichten will,
eine Freude über die Erfüllung eines göttlichen Gebotes in des
Wortes wahrster und schönster Bedeutung. Darf die Einweihung
einer Synagoge im Allgemeinen als eine solche bezeichnet werden, so
gilt dies ganz besonders von dem einer Religionsgesellschaft, deren
Synagoge hervorgerufen wurde durch (hebräisch und deutsch:) die
religiöse Zerrüttung, die sich innerhalb der Gemeinde geltend machte.
Wer hätte aber noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit in Anbetracht der
hiesigen religiösen Zustände nicht geglaubt, dass hier in Gießen ...,
dass hier gänzlich die Errichtung von jüdischen Gemeindeinstitutionen nach
traditioneller Art ausgeschlossen sei? Und doch zeigen uns die eben
erlebten Festlichkeiten, dass das Unwahrscheinlichste zur Wirklichkeit
geworden ist, Gott hat geholfen, was zu seiner Ehre unternommen
wurde, er hat es gelingen lassen. Freitag Nachmittag, 1 Uhr fand in dem
alten Betlokale ein Abschiedsgottesdienst statt. Nachdem man Mincha
gebetet hatte, hielt der Rabbiner der Religionsgesellschaft, Herr
Provinzial-Rabbiner Dr. Hirschfeld - sein Licht leuchte - die Abschiedspredigt,
in welcher er u.a. den Gedanken ausführte: Beim Auszug aus Ägypten
heißt es: 'denn |
zuerst
ein Fest zu Gottes Ehre, so verlassen auch wir die Stätte, die uns 12
Jahre lang als Gotteshaus gedient nicht, ohne zuvor noch einmal hier unser
Gebet zu Gott emporgesandt zu haben. Nach der Predigt wurden die
Torarollen feierlich ausgehoben und an ihre Träger übergeben. Vor dem
Betlokal wurden sie unter eine Chuppa gebracht, und nun setzte sich
der Zug zur neuen Synagoge in Bewegung, den die Schuljugend eröffnete.
Ihr folgte Musik, der Kantor mit dem Synagogenchor, die
Schlüsselträgerin, die Toraträger, unter der von vier jungen Herren
getragenen Chuppa, der Provinzialrabbiner, der Vorstand, die Gäste
und die Mitglieder der Religionsgesellschaft. Vor der neu erbauten
Synagoge traf der Vertreter der Großherzoglichen Regierung,
Großherzoglicher Provinzial-Direktor von Bechtold ein, dem der Schlüssel
überreicht wurde. Dieser übergab ihn dem Vorstand der
Religionsgesellschaft, Herrn Bankier Grünewald, der ihm dem Herrn
Rabbiner einhändigte, welcher nun die Synagoge mit dem Vortrag des 'Öffnet mir die Tore der
Gerechtigkeit...' öffnete. Nach dem Eintritt
in die Synagoge sang der von Herrn Kantor Klein trefflich geschulte Chor
das Mah Towu, worauf das Anzünden des Ner tamid (Ewiges
Licht) mit einem ergreifenden Gebete des Herrn Rabbiners - sein Licht
leuchte - erfolgte. Daran reihte sich der Chorgesang 'Verherrlicht den
Ewigen mit mir...' (nach Psalm 34,4), und die Umzüge mit den Torarollen,
denen sich das feierliche Einheben der Torarollen anschloss. Nun
hielt Herr Rabbiner Dr. Hirschfeld - sein Licht leuchte - die nach
Form und Inhalt ausgezeichnete Festpredigt, welche mit einem Gebete auf
den Landesfürsten schloss. Als Text hatte der verehrte Redner den Vers 'Ich
freue mich mit denen, die zu mir sprechen: Ins Haus des Ewigen lasset uns
gehen...' (Psalm 122,1) zu Grunde gelegt. Mit dem Absingen des Psalmes
150 endete die Einweihungsfeier, die einen erhebenden Eindruck bei
allen Anwesenden hervorbrachte. Es war eine wirklich gelungene Feier, was
wir in erster Linie den großartigen rhetorischen Leistungen unseres
verehrten Herrn Rabbiners, sowie den gesanglichen unseres sehr verdienten
Kantors, Herrn Klein mit dem von ihm geleiteten Chor zu danken haben.
Samstag wurde der Frühgottesdienst ebenfalls durch feierliche
Chorgesänge und Predigt festlich gestaltet. Nachmittags fanden sich die
Gemeindemitglieder und zahlreiche Gäste zu geselliger Unterhaltung auf
Textors Terrasse und nach Sabbat-Ausgang zu einer Abendunterhaltung im
Hotel Großherzog von Hessen zusammen. - Sonntag Nachmittag 1 1/2 Uhr fand
ein Festbankett statt, bei dem Herr Vorstand Grünewald die Erschienenen
mit herzlichen Worten begrüßte. Der Herr Provinzial-Rabbiner brachte
einen mit großer Begeisterung aufgenommenen Toast auf Seine Königliche
Hoheit den Großherzog aus, Herr Versicherungs-Inspektor Fröhlich auf das
Ehrenmitglied der Religions-Gesellschaft, Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn
in Fulda, Herr Austerlitz, der des verstorbenen Mitbegründers
der |
Religionsgesellschaft,
Herrn Markus gedachte, auf die derzeitigen Vorstände, Herr
Vorstandsmitglied Rosenbaum auf Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Hirschfeld
und alle die, welche sich um den Bau Verdienste erworben haben. Dann
ergriff Herr Vorstand Grünewald nochmals das Wort, um Herrn Kantor Klein
für seine großen Verdienste und vielen Bemühungen im Interesse der
Religionsgesellschaft zu danken. Es brachte dann noch Herr Cleve einen
Toast auf die Damen aus; Herr cand. phil. Bamberger rief der
Religionsgesellschaft ein herzliches Masel tow zu und leerte sein
Glas auf die glückliche Erhaltung der neuen Synagoge in und durch
Tora und Gottesdienst; Herr cand. phil. B. Hamburger regte in seinem
Toast Pflege der Tora innerhalb der Religionsgesellschaft durch
eine Chewra (Verein) an, was begeisterte Aufnahme fand und mit
Gottes Hilfe auch verwirklicht werden wird. Herr cand. Epstein brachte
seine Wünsche im klassischen Hebräisch zum Ausdruck. Nachdem mit dem
Tischgebet die herrliche Versammlung gemäß dem göttlichen Gebot beendet
war, verrichtete man gemeinschaftlich das Mincha-Gebet und trennte
sich in fröhlicher Festesstimmung gegen 6 1/2 Uhr, um sich um 8 Uhr zu
einem Vergnügungsabend wieder zusammen zu finden. Die von Herrn Kantor
Klein für diesen Abend mit einer Anzahl von ehemaligen und jetzigen
Schülern und Schülerinnen unserer Religionsschule eingeübten
Theaterstücke, sowie die vorgeführten lebenden Bilder, fanden alle
reichlichen, wohlverdienten Beifall. Die Gemeinde brachte ihm ihren Dank
durch Überreichung eines wertvollen Pokals zum Ausdruck. Erst in den
frühen Morgenstunden verließen die Festteilnehmer den Saal, in dem man
so herrliche Stunden erlebt hatte. Unserer Religionsgesellschaft aber
rufen wir zu: sei stark und mutig! Möge es ihr auch weiter
gelingen, mit Gottes Hilfe unter der Leitung unseres verehrten
Herrn Rabbiners - sein Licht leuchte - sich immer weiter zu
entfalten, und wirklich jüdisches Leben sich immer mehr und mehr
entwickeln sowohl hier als in unserer Provinz." |
Die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft
verfügte über etwa 200 Sitzplätze sowie über ein rituelles Bad.
Die Zerstörung der beiden Synagogen 1938
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die beiden Synagogen in der Südanlage und in der Steinstraße durch SA-Männer demoliert, geplündert und angezündet. Die anwesende Feuerwehr musste sich auf den Schutz der Nachbarhäuser beschränken. Wenige Tage nach dem Brand
ließ die Stadtverwaltung (die Synagogenruine in der Südanlage am 16. November
1938) die Brandruinen sprengen und den Schutt abfahren, an dem zahlreiche Gießener für Auffüllarbeiten Interesse hatten.
Innerhalb von einer Woche waren die Ruinen der Synagogen beseitigt.
Für beide zerstörte Synagogen gibt es Gedenktafeln (eine Tafel vor der Kongresshalle am Berliner Platz / Südanlage; die zweite in der Steinstraße 8). Die Inschrift der Gedenktafel vor der Kongresshalle lautet: "In memoriam. 1867-1938 stand an dieser Stelle die ältere der beiden Synagogen der Jüdischen Gemeinde unserer Stadt. Beide Gotteshäuser wurden am 10.11.1938 von Nationalsozialisten niedergebrannt".
Adressen/Standorte der Synagoge:
alte Synagoge vor 1867: ehemalige Zozelsgasse 9, jetzt
Dammstraße 11
neue Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde 1867 bis
1938: Südanlage
neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft 1899
bis 1938: Steinstraße 8, Nordanlage
Fotos
(Quelle: sw-Fotos des alten Synagogengebäudes: Altaras S.
116; historische Aufnahmen der Synagogen 1867 / 1899: Arnsberg Bilder S. )
| Die alte Synagoge (bis
1865/67) |
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Blick in die frühere
Zozelsgasse um 1900, links in der Bildmitte die ehemalige Synagoge |
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Südwestliche Seite der
ehemaligen
Synagoge (Aufnahme vom Juli 1987) |
Blick auf das Gebäude der
ehemaligen
Synagoge von der Dammstraße aus gesehen |
Die nordöstliche Seite mit
den
teilweise massiven Außenwänden |
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Die (liberale)
Synagoge
in der Südanlage |
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Die 1867 eingeweihte
Synagoge
wurde 1938 zerstört |
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Die (orthodoxe)
Synagoge
in der Steinstraße |
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Die 1899 eingeweihte
Synagoge
wurde 1938 zerstört |
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| Fotos der
Gedenktafeln werden noch ergänzt. |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte:
| Februar
2009:
Erneute Verlegung von Stolpersteinen - ausführlich siehe www.stolpersteine-giessen.de |
Artikel
im "Gießener Anzeiger" vom 13. Februar 2009 (Artikel):
Lebensgefährlicher Einsatz für das Vaterland zählte nicht mehr.
Studienrat Dr. Siegfried Kann und seine Familie "wurden ausgelöscht" - In der Liebigstraße 37 "gelebt und integriert" - Freiwilliger im Ersten Weltkrieg
GIESSEN (hh). An seinem letzten Schultag trug er einen schwarzen Anzug. Und das Eiserne Kreuz 1. Klasse deutlich sichtbar am Revers. Denn Dr. Siegfried Kann war für seine Tapferkeit im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden. Das aber war keineswegs seine einzige Erinnerung an die Kämpfe, zu denen er sich "aufgrund seiner patriotischen Gesinnung" freiwillig gemeldet hatte...". |
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Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 14. Februar 2009 (Artikel):
"'Automatisch eine Verbeugung' vor den NS-Opfern.
Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt weitere elf "Stolpersteine" in der Innenstadt - Schüler der Liebigschule rezitieren Gedicht - Moment des Innehaltens...". |
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Artikel im "Gießener
Anzeiger" vom 4. Juli 2009 (Artikel):
Ganze Arbeit geleistet gegen das Vergessen - "Stolperstein"-Projekt zur 72-Stunden-Aktion vorgestellt...
GIESSEN (juf). Im Rahmen der deutschlandweiten Aktion der Katholischen Jugend "72-Stunden - Uns schickt der Himmel" vom 7. bis 10. Mai sind viele Projekte entstanden. Auch in Gießen haben Jugendliche ganze Arbeit geleistet. So hat die Gruppe "Bonibertus", bestehend aus zwölf Jugendlichen der Gemeinden St. Albertus und Bonifatius, die Aufgabe erhalten, einen Film über die Gießener "Stolpersteine" zu drehen..." |
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| Oktober
2009: dritte Verlegung von
"Stolpersteinen" in Gießen |
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 22. Oktober 2009 (Artikel):
Emotion statt Routine: Stolpersteine zum dritten Mal verlegt
Gießen (mö). Gunter Demnig ist ein schneller und stiller Arbeiter. Nach weniger als zwei Minuten sind die zwei mit einer Messingplatte versehenen Pflastersteine eingepasst. Demnig wäscht den feinen Kies mit Wasser von dem goldglänzenden Metall ab, dann legt jemand ein Rosensträußchen daneben, von der anderen Seite wird ein Teelicht dazugestellt. Dieses Prozedere wiederholt sich gestern Morgen an insgesamt zehn Stellen in
Gießen und Wieseck. Zur Routineangelegenheit wird die dritte Verlegung von
'Stolpersteinen' zur Erinnerung an Opfer des Holocaust aber nicht. Wer dabei ist, erlebt Momente stummer Emotion..."
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| Februar
2010: Vortrag über
"Schüler-Schicksale in der NS-Zeit" |
Artikel (kjf) im "Gießener
Anzeiger" vom 26. Februar 2010 (Artikel):
"Schüler-Schicksale in der Nazi-Zeit
GIESSEN. "Operation Ludwig": LLG-Lehrer Weckemann berichtet.
(kjf). Gunter Weckemann, Lehrer am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium (LLG), berichtete im Café Türmchen einer Gruppe von Schülern und Kollegen vom Umgang der traditionsreichen Gießener Schule mit dem staatlich befohlenen Antisemitismus in den Jahren 1933 bis 1945...". |
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| September
2010: Vierte Verlegung von
"Stolpersteinen" in Gießen |
Artikel
in der "Gießener Allgemeinen" vom 2. September 2010 (Artikel):
"Fast 100 Stolpersteine für Gießener Nazi-Opfer
Gießen (pd). Am kommenden Mittwoch kommt es zur vierten Verlegung von Stolpersteinen in Gießen, mit denen an die Opfer der Nazi-Herrschaft erinnert wird...." |
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| Bericht
über die vierte Verlegung der "Stolpersteine" im
"Gießener Anzeiger" (fod) vom 9. September 2010 eingestellt
als pdf-Datei. |
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| September
2011: Neue Gedenktafel für Gießener
Synagogen |
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Dieser Artikel ist auch
als pdf-Datei eingestellt. |
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| November
2011: Gedenken an Reichspogromnacht
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Artikel in der "Gießener
Allgemeinen" vom 10. November 2011: "Gedenken an
Reichspogromnacht.
Gießen (kw). 'Wir verneigen uns vor den Opfern, wissend um die
Verantwortung für das 'Nie wieder''. Mit diesen Worten beschloss
Oberbürgermeisterin Dietling Grabe-Bolz am Mittwochabend die Reden bei
der Gedenkstunde zur Reichspogromnacht...."
Link
zum Artikel |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 278-279; III,1 S.
436-437. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 73-74. |
 | Josef Stern: Die Gießener Juden in Israel. In:
Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen. N.F. Bd. 65.
1980. |
 | Kurt Heyne u.a.: Judenverfolgung in Gießen und
Umgebung 1933-1945. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins
Gießen. N.F. Bd. 69. 1984. |
 | Erwin Knauß: Die jüdische Bevölkerung Gießens
1933-1945. Wiesbaden 1972. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 115-117. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
34-37. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 122-130.
|
 | Monica Kingreen: Jüdische Patienten in der Gießener Anstalt und deren Funktion als
"Sammelanstalt" im September 1940, in: Uta George, Herwig Groß, Michael
Putzke, Irmtraut Sahmland, Christina Vanja (Hg.): Psychiatrie in Gießen. Facetten ihrer Geschichte zwischen Fürsorge und Ausgrenzung, Forschung und Heilung, Gießen 2003, S. 251-289. |
 | Monica Kingreen: Gewaltsam verschleppt aus Oberhessen. Die Deportationen der Juden im September 1942 und in den Jahren 1953-1945, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen, Neue Folge 85. Band 2000, Gießen 2001, S.
5-95. |
 | Zwei Beiträge von Dagmar Klein (erschienen als
Beiträge in: Hessische Heimat. Geschichtsbeilage der Gießener Allgemeinen
Zeitung = HH-GAZ)
Dagmar Klein: Recht auf eigenständiges Denken. Spurensuche zu
Henriette Fürth in Gießen. Erschienen in HH-GAZ vom 29. August 2009. Eingestellt
als pdf-Datei.
dies: Der Retter vieler jüdischer Kinder. Walter Süskind (1906-1945) lebte
ein Gutteil seiner Jugend im Gießener Neuenweg. In HH-GAZ vom 15. August
2009. Eingestellt
als pdf-Datei.
|
 | Neuerscheinung in 2010 über
das Leben des aus Gießen stammenden Kurt Grünebaum:
Heinz Warny: kg.Brüssel. Zum Lebenswerk des Journalisten Kurt
Grünebaum. 256 S. Grenz-Echo Verlag Eupen. Verlagsseite
zu diesem Buch.
Besprechung des Buches in einem Artikel
vom 20.11.2010 von Heinz Godesar: Abenteuerliches Leben im Dienst der Presse
(auch als pdf-Datei
eingestellt).
Der in Gießen (Hessen) geborene deutsche Journalist Kurt Grünebaum wollte vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten im Frühjahr des Jahres 1933 nur vorübergehend von Köln nach Belgien ausweichen.
Doch das Land, das ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war, wurde seine zweite Heimat. Hierhin kehrte er auch nach der Abschiebung 1940 in die französischen Lager
Gurs und St.-Cyprien und nach der Flucht in die Schweiz zurück. Kurt Grünebaum blieb bis zu seinem Tode in seinem Gastland
Belgien. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Giessen
Hesse. Jews lived there from the mid-13th century, but their
community was annihilated in the Black Death persecutions of 1348-49. After
returning early in the 15th century, Jews were banished in 1662.
The community was reorganized in 1720-25, and Jews helped Giessen become
a center of the livestock trade. When Abraham Alexander Wolff left to become
chief rabbi of Denmark in 1828, je was succeeded by Benedikt Samuel Levi, a
champion of Jewish rights, whose rabbinical career spanned 69 years (1828-1896).
During his time an organ and choir were introduced into the synagogue,
representing the Liberal orientation of the community. Giessen replaced Friedberg
as the seat of Upper Hesse's chief rabbinate in 1842 and another synagogue was
constructed between 1867-1891. Hermann Levi, Benedikt's son, won fame as a
conductor (especially of Wagner's operas). Orthodox seccessionists later founded
a separate community (Austrittsgemeinde) in 1887, chose a different rabbi,
and built their own synagogue in 1899. Leo Hirschfeld served as their regional
chief rabbi (1895-1933). The city's Jewish population grew from 384 in 1871 to
1.035 (over 3 % of the total) in 1910 and Jews were elected to the city council,
the chamber of commerce, and the state assembly (Landtag).
Although Jews were barred from teaching posts at the University of
Giessen until 1873, they constituted 10 % of the faculty members during the
Weimar Republic. Scholars in different fields - Margarete Bieber (art history
and archeology), Fritz Heichelheim (ancient history), Kurt Koffka and Erich Stein
(psychology), Richard Laqueur (classical literatur), Samuel Bialoblocki and
Yisrael Rabin (Judaica) - were among those who taught there before the Nazi era.
Relations between the Liberal and Orthodox communities improved after Worldwar
I, both groups working together in local branches of the Central Union (C.V.),
the Jewish War Veterans Association and German Zionist Organization, and several
youth movements. Jews played a leading role in cultural and professional life
during the Weimar Republic. Many festive events took place in the community
center and a large number of students at the university promoted Zionism. Among
the first graduates to leave for Palestine were Adolf Reifenberg, a Hebrew
University agronomist from 1924 and an expert of ancient Jewish coins; Moshe
Smoira, first president of Israel's Supreme Court (1948-54); and the
archeologist Benjamin (Maisler) Mazar, who later became president of the Hebrew
University (1953-61).
Antisemitism war prevalent in Giessen long before the Nazi .
As elsewhere in Germany when Hitler came to power in 1933, anti-Jewish violence
mounted day by day as the Nazi boycott was imposed (1 April). A book-burning
ceremony took place on 8 May, and the last 'non-Aryan' teachers were dismissed
from the university on 20 July. Communal and Zionist workers fostered aliya
while maintaining a semblance of Jewish life. The Liberal and Orthodox
communities amalgamated shortly before Kristallnacht (9-10 November
1938), when both synagogues were destroyed in a general pogrom. Of the 1.265
Jews living in Giessen and its vicinity in 1933, 730 had emigrated of moved
elsewhere by the end of 1938. The community (swelled by refugees) vanished when
the last remaining Jews were deported in September 1942. On 2 March 1943,
Giessen was declared 'free of Jews' (judenrein). According to an official
estimate, 465 Jews emigrated during the Nazi period, (185 to Palestine and 176
to the United States); 346 perished in death camps. The fate of another 530 is
uncertain.
Mainly comprising students and former Displaced Persons, the Jewish community
established after Worldwar II numbered 200 in 1998.

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