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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Tübingen (Universitäts-
und Kreisstadt, Baden-Württemberg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Tübingen bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter
und im 19./20. Jahrhundert bis 1939.
Im Mittelalter werden Juden erstmals 1335 genannt. Von
einer Judenverfolgung während der Pestzeit 1348/49 ist nichts bekannt. Das
mittelalterliche Wohngebiet konzentrierte sich auf die heute noch sogenannte
"Judengasse" (1943 vorübergehend in Schotteigasse umbenannt), die das sog.
"Süße Löchle" (abgeleitet vom Duft der Gewürzhändler oder von einem Juden namens Süßlin) mit
umfasst. In der Judengasse befanden sich die Einrichtungen der jüdischen
Gemeinde, vor allem eine Synagoge (s.u.). Rituelle Bäder scheinen in mehreren Häusern vorhanden gewesen zu sein; noch heute befinden sich in den Kellern der Gebäude Judengasse 1,3A und 7 wannenartige Brunnen (Funktion jedoch nicht eindeutig geklärt). Ein Friedhof
lässt sich in unmittelbarer Nähe der Stadt nicht nachweisen. Möglicherweise wurde der jüdische Friedhof in Rottenburg mitbenutzt.
1477
wies anlässlich der Universitätsgründung Graf Eberhard V. im Bart alle Juden
aus der Stadt aus.
Seit 1848 war wieder eine Ansiedlung jüdischer Personen möglich.
Als erster ließ sich Leopold Hirsch aus Wankheim
in der Stadt nieder, dem bald weitere Familien folgten. Im Jahr der
Synagogeneinweihung 1882 wurde die jüdische Gemeinde nach 400 Jahren neu gegründet.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen
Einwohner wie folgt: 1869 34 jüdische Einwohner (0,4 % von insgesamt etwa
9.300 Einwohnern), 1886 106, 1900 100 (0,7 % von 15.338), 1910 139 (0,7 % von
19.076), 1925 82 (0,4 % von 20.276). Zur jüdischen Gemeinde in Tübingen
gehörten 1924 die in Reutlingen und Rottenburg am Neckar lebenden jüdischen
Einwohner (1924 36 bzw. 6 Personen), 1932 waren die in Balingen, Bronnweiler,
Gomaringen, Metzingen, Reutlingen, Rottenburg und Tailfingen lebenden jüdischen
Personen der Tübinger Gemeinde angeschlossen.
Die Integration der jüdischen Neubürger
ging schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch vonstatten: der Kaufmann Leopold Hirsch war Mitglied der Stadtgarde
zu Pferd, der Bankier Friedrich Weil und der Optiker Jakob Dessauer gehörten
dem Bürgerverein an, Rechtsanwalt Simon Hayum war Gemeinderat.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) und
eine jüdische Religionsschule. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen
Friedhof in Wankheim beigesetzt. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt,
der zugleich als Kantor und Schochet tätig war. Die Gemeinde gehörte zum
Rabbinatsbezirk Mühringen beziehungsweise
nach Verlegung des Rabbinatssitzes 1913 zum Rabbinatsbezirk Horb.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Ernst Degginger
(geb. 23.6.1898 in Tübingen, gef. 31.3.1918) und Julius Stern. Ihre Namen stehen im Gedenkbuch der Stadt für die
Gefallenen.
Um 1924, als zur Gemeinde 82 Personen gehörten, waren die
Gemeindevorsteher Dr. Julius Katz, Jakob Oppenheim, Kuno Lehrmann, Adolf
Dessauer, Ludwig Marx und B. Dreifuß. Als Lehrer und Kantor war Kuno Lehrmann
tätig. Er erteilte 16 Kindern an der Religionsschule der Gemeinde den
Religionsunterricht; gleichfalls gab er Religionsunterricht an den höheren
Schulen der Stadt. 1932 war Gemeindevorstand Dr. Katz. Als
Religionsoberlehrer war (seit 1925) Dr. Josef Wochenmark tätig (wohnt Wöhrdstraße 23); er
unterrichtete im Schuljahr 1931/32 14 Kinder. An jüdischen Vereinen werden vor
allem der Frauenverein und der Synagogenchorverein
genannt.
An ehemaligen, teilweise bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
in jüdischem Besitz sind bekannt: Fabrikant Adolph Bernheim (wohnt
Stauffenbergstraße 27); Damenkonfektions- und Aussteuergeschäft Eduard
Degginger, (Neue Straße 16), seit 1905 von Jakob Oppenheim weitergeführt, danach Damenkonfektionsgeschäft Eduard Degginger Nachfolge (Inh. Jakob Oppenheim und Albert Schäfer) (Neue
Straße 1, 1912-1938), Viehhandlung Simon Degginger (Lange Gasse 36), Optiker und Graveur Adolf Dessauer (Neckargasse 2,
Uhlandstraße 16, 1914), Pferdehandlung Martin Erlanger (Fürststraße 7), Rechtsanwaltskanzlei Dr. Simon
Hayum, Dr. Julius Katz und seit 1929 auch Dr. Heinz Hayum (Uhlandstraße 15, 1905-1935), Herrenkonfektionsgeschäft Leopold Hirsch
(Kronenstraße 6, 1859-1938 von Fam. Hirsch betrieben), Weißwarengeschäft Heinrich & Max Katz (Am Holzmarkt 2, 1876-1901), Viehhandlung Max und Emil Löwenstein (Herrenberger
Straße 2, seit 1925 Hechinger Straße 9, 1913-1937), Tapeten-, Linoleum- und Farbengeschäft Hugo Löwenstein
(Wilhelmstraße 3), Herrenkonfektionsgeschäft Julius Stern, seit 1930 Gustav Lion (Neckargasse 4a, 1910-1933), Viehhandlung Liebmann und Max Marx (Herrenberger
Straße 2, seit 1904 Herrenberger Straße 46, bis 1901-1923), Zeitungsverleger Albert Weil
(Uhlandstraße 2, 1903-1930), Bankkommandite Siegmund Weil (Wilhelmstraße 22, 1910-1934).
Um 1930 machte
sich die nationalsozialistische antijüdische Hetze
bemerkbar. Die Studenten-SA verprügelte bereits 1931 jüdische Bürger und
beschmierte jüdische Geschäfte.
1933 wurden 88 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt (0,4 % von
insgesamt 23.257). Die Tübinger Studentenschaft war stark antijüdisch
eingestellt. Am 7. Februar 1933 forderte der Allgemeine Studentenausschuss einen
Professor auf, seinen jüdischen Assistenten durch einen "deutschen"
zu ersetzen. Durch die Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, die zunehmende
Entrechtung und die ständigen Repressalien verließ ein Teil der jüdischen
Einwohner bereits bis 1938 die Stadt. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Synagoge niedergebrannt. 1941 und 1942 wurden 14 der letzten jüdischen
Einwohner nach Riga, Izbica, Theresienstadt und Auschwitz deportiert.
Von den in Tübingen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Julie Babette Berger
geb. Dessauer (1883), Lina Bloch geb. Liebmann (1876), Werner Dahl (1921), Erich
Dessauer (1887), Ernst Nathan Dessauer (1882), Walter Alexander Edel (1886),
Anne Erlanger geb. Dessauer (1883), Fritz Erlanger (1913), Terese Erlanger
(1883), Heinz Feigenheimer (1916), Margarete Frank geb. Dahl (1917), Arthur
Hirsch (1886), Elisabeth Klara Lammfromm (1869), Elsa Laupheimer geb. Katz
(1880), Kläre (Käte) Levi geb. Abel (1920), Cäcilie Lewinsohn (1880), Rudolf
(Raphael) Lewkowitz (1897), Ilse Löwenstein geb. Bloch (1914), Max Löwenstein
(18744), Sofia Löwenstein geb. Liebmann (1879), Blanda Marx geb. Schwarz
(1878), Marga Marx geb. Rosenfeld (1909), Ruth Marx (1933), Mina Mayer geb. Weil
(1877), Dr. Albert Pagel (1885), Charlotte Pagel (1894), Ilse Plotke geb. Levy
(1915), Philippine Reinauer (1860), Sofie Reinauer (1869), Charlotte Schemel
geb. Pagel (1894), Selma Schäfer geb. Seemann (1887), Julius Berthold Spier
(1925), Elfriede Spiro (1894), Hans Spiro (1898), Hermann Stettiner (1911),
Klara Wallensteiner geb. Reichenbach (1869), Carl Weil (1879), Sofia Weil geb.
Mayer (1852), Josef Wochenmark (1880), Bella Wochenmark geb. Freudenthal (1887),
Karl Wolff (1905), Alexius Ziegler
(1911).
An die Opfer der Verfolgungszeit 1933 bis 1945 erinnert eine 1983 am Holzmarkt (Mauer zur Stiftskirchenseite) angebrachte Gedenktafel. – Im Foyer der Neuen Aula der Universität in der
Wilhelmstraße erinnert seit 1984 eine Gedenktafel an 11 ermordete ehemalige Tübinger Studenten, die in Verbindung mit dem Widerstandskreis des 20. Juli standen (darunter Dr. Fritz Elsas, vgl. Bad Cannstatt). - Auf dem
Wankheimer jüdischen Friedhof findet sich seit 1947 ein Gedenkstein mit den Namen von 14 ermordeten Tübinger Juden.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1893 /
1934
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1893: "Universitätsstadt
Tübingen. Die hiesige israelitische Religionslehrer-, Vorbeter-
& Schächterstelle soll durch einen tüchtigen, geprüften, militärfreien,
ledigen Mann zum 15. Mai dieses Jahres besetzt werden. Bewerber wollen
sich sofort zur Einleitung des Weiteren unter Beischluss von Zeugnissen
wenden an das Israelitische Kirchenvorsteheramt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1934: "Wir suchen
a) für die Israelitische Religionsgemeinde Tübingen zu sofortigem
Antritt möglichst einen auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums (BBG) zur Ruhe gesetzten Vorbeter und Religionslehrer
(liberal). Gewährt wird eine Zulage, durch die die vollen Bezüge eines
Beamten der zuständigen Besoldungsgruppe abzüglich der besonderen württembergischen
Kürzung erreicht werden…
Meldungen sind unter Beifügung eines Lebenslaufes und beglaubigten
Zeugnisabschriften bis zum 28. Juni einzureichen beim Oberrat der
Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Stuttgart, Königstraße
82." |
Spendenaufruf des Lehrers Ad. Ehrlich (1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Mai 1891: "Edle
Glaubensgenossen!
Obwohl Euer Wohltätigkeitssinn immer in Anspruch
genommen ist, sehe ich mich dennoch veranlasst, an Eure Mildtätigkeit zu
appellieren. In dem benachbarten R. befindet sich eine Familie, welche dem
größten Elende preisgegeben ist, wenn nicht rasche Hilfe eintritt. Der
Ernährer der 11 Köpfe zählenden Familie kann die wegen Erkrankung
seiner Frau schon gesteigerten Bedürfnisse unmöglich erschwingen und
deshalb befindet sich die Familie in bitterster Not.
Der Unterzeichnete ruft daher das Mitleid seiner Glaubensgenossen an und
gibt die Versicherung, dass es nicht für einen Unwürdigen geschieht.
Milde Gaben wolle man gefälligst richten an die Expedition dieses Blattes
und an den Unterzeichneten.
Tübingen, den 25. Mai 1891. Ad. Ehrlich, Lehrer." |
Zum Tod von Lehrer Leopold Polack (1923, Lehrer
in Tübingen 1914-1923)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1923:
"Tübingen, 16. Juli (1923). Am Freitag wurde auf dem Friedhof
Wankheim (nicht: Werkheim) (bei Tübingen) der Lehrer der
Tübinger Gemeinde, L. Pollak, zu Grabe getragen. Ein echter Jehudi ist
mit ihm gestorben, der in vierzigjähriger Tätigkeit, kurze Zeit in bayrischen
Gemeinden, dann 26 Jahre in Olnhausen
(bei Heilbronn) und zuletzt neun Jahre in Tübingen das Banner des
toratreuen Judens hochgehalten und Generationen in diesem Geiste erzogen
hat. Was er am letzten Orte seiner Wirksamkeit in anders gesinnter
Umgebung für Schechita und Religionsunterricht getan hat, kann nicht
genug gerühmt werden; selbst in den kranken Tagen hat er seine Schüler
in seinem Hause mit der Lehre Gottes bekannt gemacht. Seine Beerdigung
legte durch die übergroße Beteiligung noch einmal Zeugnis für seine
Leistungen ab; kurz, wegen des nahenden Sabbats, sprachen der
Bezirksrabbiner Herr Dr. Schweizer (Horb),
als Vertreter des Kirchenvorsteheramtes der israelitischen Gemeinde
Tübingen Herr Rechtsanwalt Dr. Katz, im Auftrage der Nachbargemeinde Hechingen
Herr Lehrer Schmalzbach, als Vertreter des württembergischen Lehrerverbandes
Herr Lehrer Rothschild, Esslingen.
Herr Rabbiner Posner widmete dem Verstorbenen kurz vor Schabbat-Eingang
warme Worte der tiefsten Verehrung und Hochschätzung. Als die letzten Schollen
das Grab deckten, zog fast der Monat Aw ein und die Kinder kehrte
ohne Aw (= Vater) an die leere Stätte ihres Elternhauses zurück.
Möge Gott ihnen und der betrübten Witwe beistehen. Seine Seele
sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
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Traueranzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Juli 1923: "Statt
besonderer Anzeige! Am 28. Tammus verschied nach längerem, in großer
Geduld ertragenem Leiden, mein lieber Gatte, unser fürsorglicher guter
Vater, Schwiegervater, Bruder und Schwager, der Lehrer und Vorsänger Leopold
Pollak im noch nicht vollendeten 65. Lebensjahre.
Pauline Pollak geb. Heidelberger. Tübingen, im Aw 5683 - Juli 1923.
Die Beerdigung hat bereits stattgefunden." |
Einzelne Berichte zur
jüdischen Geschichte
Aus einem Abschnitt der Zeitschrift
"Der Israelit" über eine obskure, in Tübingen erschienene
christliche Schrift (1841)
Der
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts"
vom 14. März 1841 wird nicht ausgeschrieben; bei Interesse bitte
anklicken. |
In Tübingen darf immer noch kein Jude wohnen (1850)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1850: "Tübingen, im
November (1850). Ich befinde mich hier im Württemberger Land, in welchem
in diesem Augenblicke wenigstens noch die deutschen Grundrechte geltend
sind, in welchem, was noch viel mehr sagen will, die Duldung und
Gleichberechtigung seit langer Zeit schöne Triumphe gefeiert, tief
gewurzelt hat. Und gerade in Tübingen werde ich daran erinnert, dass der
gerühmte Geist der Neuzeit noch lange Zeit nicht überall im deutschen
Vaterland zur Herrschaft gelangt ist, dass nicht bloß im großen
‚Vaterland des Deutschen’, sondern in kleinem Lande dicht
nebeneinander der verschiedenste Geist sich betätigt. Wie nahe ist
Stuttgart der Universitätsstadt Tübingen – und welch anderer Geist
wehet an beiden Orten! In Stuttgart kaum eine Spur von Religionshass noch,
und in Tübingen – darf noch heute kein Jude wohnen. Er darf gesetzlich
wohl, aber faktisch darf er es nicht wagen, ich glaube, die Stadt stünde
auf. Nein, in einem nahen Dorfe müssen sie wohnen (sc. Wankheim), und so
beschwerlich dies für Beide ist, für die Juden und die Tübinger, es
muss so sein. Welch dichte Finsternis herrscht hier in den Köpfen des
Volkes in dieser Beziehung noch, auf welche Hindernisse stößt die
Besserung noch, als ob noch Jahrhunderte dazu gehören möchten. Sie liegt
Tübingen im gesegneten Württemberg wie eine Insel des Religionshasses
– aber schade, dass es nicht einmal die einzige Insel da ist. Ein Stück
Spanien und Neapel mitten in Deutschland." |
Der Stadtrat muss einem jüdischen
Mann das Bürgerrecht verleihen (1852)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September 1852: "Der
demokratische Stadtrat von Tübingen wurde von der königlichen Regierung
gezwungen, einem Israeliten das Bürgerrecht zu verleihen, jetzt
verweigert derselbe die Bürgeraufnahme dessen Kindern. Solche Humanitätsbeweise
liberaler Stadträte hat Württemberg vielseitig aufzuweisen." |
Gründung eines liberalen jüdischen Landesverbandes in
Tübingen (1913)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen
Familienblatt"
vom 10. Januar 1913: Tübingen, 7. Januar (1913). Hier fand gestern
eine zahlreich besuchte Versammlung statt, die der Gründung eines liberalen
jüdischen Landesverbandes galt. Den Vorsitz führte Dr. Karl Ries-
Stuttgart. Das Hauptreferat erstattete Rabbiner Dr. Tänzer -
Göppingen. Nach längerer Debatte wurde einstimmig die Gründung des
Landesvereins beschlossen. Zum Vorsitzenden wurde Landgerichtsrat Dr.
Stern - Stuttgart gewählt."
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Prof. Dr. Nägele verhält sich
für den Schwäbisch Albverein judenfreundlich (1930)
Artikel
in der Zeitschrift des Central-Vereins (CV-Zeitung") vom 21. November
1930: "Vorbildliche Neutralität.
Der Vaterländische Schwäbische
Albverein hat aus Ersparnisgründen den Druck seines Blattes einer Tübinger
Druckerei übertragen, deren Inhaber Jude ist. Einige
Mitglieder des Vereins sind deshalb aus dem Verein ausgetreten. Der
Vorsitzende, Prof. Dr. Nägele (Tübingen), geht in nr. 11 der Blätter
des Schwäbischen Albvereins in einem Artikel ‚An unsere Mitglieder’
auf den Vorfall ein. Er schreibt unter anderem:
‚… Von zehn
Druckereien zwischen Tübingen, Stuttgart und Göppingen liefen, teils
verlangt, teils unverlangt, Angebote ein. Weitaus das billigste war das
der ‚Tübinger Chronik’ (Besitzer A. Weil). Ein auf Grund reicher
Erfahrung abgefasster Vertrag sichert den Verein vor jeglicher
Mehrforderung. Wie groß die Ersparnisse sein werden und worin sie
bestehen, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Da schreiben nun die
Nationalsozialisten: ‚Wir sind dagegen, dass eine jüdische Druckerei
das Blatt druckt, zu dessen Herstellung unsere Beiträge verwendet
werden’, ja sie fordert die Parteigenossen mit der Lösung: ‚Keinen
Pfennig einer jüdischen Firma!’ bereits zum allgemeinen Austritt auf!
Ist das der Anfang des Kampfes gegen ‚Rom und Juda’ auf schwäbischem
Boden? Wir wissen nicht, wie viele unserer Mitglieder zu der erwähnten
Partei gehören, deren Wahlsieg am 14. September die ganze Welt überrascht
hat, aber wir können nicht glauben, dass ein echter Albvereinsfreund,
auch wenn er zu den Nationalsoziallisten gehört, dass überhaupt jemand,
der die 42jährige Geschichte des Albvereins kennt und seine Leistungen
genießt, deswegen, weil etwa der zwanzigste Teil des Jahresaufwandes
durch die Druckereimaschinen eines israelitischen Besitzers geht, in der
hier getroffenen Sparmaßnahme einen Grund erkennt, einem Verein den Rücken
zu kehren, der jeder Politik fern steht, keine Weltanschauung verletzt und
sich anerkanntermaßen im Sinne der Heimat- und Vaterlandsliebe, des
sozialen Ausgleichs und der Volksgemeinschaft in gemeinnütziger, meist
ehrenamtlicher Weise betätigt, und das alles zunächst auf schwäbischem
Boden, dann aber auch als Glied des Reichsverbandes deutscher Gebirgs- und
Wandervereine.
Gegen diesen Versuch, den Vereinsfrieden und die Vereinsarbeit durch den
Angriff auf eine ganz nebensächliche Maßnahme zu stören, erhebt die
Vereinsleitung entrüstet Einspruch. Nicht der Besitzer der
Druckmaschinen, sondern die Vereinsleitung und mit ihr all die getreuen
Mitglieder entscheiden über den Geist unseres vaterländischen Vereins…" |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. November 1930: "Stuttgart. Die
Nationalsozialisten haben ihre Parteigenossen zum Austritt aus dem weit
verbreiteten Schwäbischen Albverein aufgefordert, weil die
Vereinsleitung, aus Sparsamkeitsgründen, den Druck ihrer Blätter für
1931 einer Firma übertrug, deren jüdischer Inhaber von zehn Angeboten
das niedrigste gemacht hatte. Der Schwäbische Albverein wendet sich gegen
eine solche Hetze und bittet seine Mitglieder, welchen Glaubens sie auch
sein mögen, sich von keinerlei gehässigen Verleumdungen dieser Art irre
machen zu lassen." |
Hässlicher Antijudaismus im
benachbarten Derendingen wird nur milde bestraft (1931)
Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 14. August 1931: "15 Mark
Geldstrafe. 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt...'
Unter den gewiss nicht zarten Marschgesängen der nationalsozialistischen
Liederbücher zum Gebrauche ihrer Landsknechtstruppen finden man ein Lied
nicht: Sogar die Parteileitung scheint sich des strafbaren Charakters
dieses Liedes bewusst zu sein! Trotzdem wird es gesungen, obwohl es
unverhüllte Morddrohung bedeutet. Denn der zweite Vers des schönen
Liedes lautet folgendermaßen: '
Wenn der Sturmsoldat zu Felde zieht,
Dann hat er frohen Mut!
Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt,
Dann geht's noch mal so gut!'
Gegen Mitglieder der SA-Abteilung, die vor kurzem, dieses Lied singend,
durch Derendingen (Württemberg) hindurchmarschierten, ist Strafantrag
gestellt worden. Nicht nur auf Grund des § 130 Strafgesetzbuch, für
dessen Anwendung dieser Schulfall einer Aufreizung zum Klassenhass gewiss
genügend Handhabe bot, sondern vor allem auf Grund des § 2,
Ziffer 2 der Notverordnung schien eine strenge Verurteilung geboten
und sicher zu sein.
Was aber tat das zuständige Schöffengericht? Weder der Staatsanwalt noch
der Amtsrichter hielten es für notwendig, die Notverordnung auch nur zu
erwähnen. Das Gericht hat lediglich groben Unfug angenommen und demgemäss
gegen einige der Angeklagten Geldstrafen in Höhe von 15 Mark (fünfzehn!)
verhängt. Zumindest ist die Annahme 'groben Unfugs' beim Absingen solcher
Lieder ein staatsgefährlicher Irrtum, und so lächerliche Geldstrafen
wirken geradezu wie eine Prämie für die erfolgreiche Aufreizung zum
politischen Mord. Ka." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Dr. Hayum wird zum Obmann des Bürgerausschusses gewählt (1911)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. Januar
1911: "Stuttgart. In Laupheim wurde Direktor Julius Hirsch in den
Bürgerausschuss, dem er schon bisher als Obmann angehörte,
wiedergewählt und in Tübingen Rechtsanwalt Dr. Hayum zum Obmann des
Bürgerausschusses gewählt." |
Gustav Hirsch wird zum israelitischen Kirchenvorsteher
wiedergewählt (1912)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 19. Januar 1912: "Bei der am 29. vorigen Monats in Tübingen
vorgenommenen Wahl eines Kirchenvorstehers wurde das austretende Mitglied,
Herr Gustav Hirsch, mit allen abgegebenen Stimmen wiedergewählt.
Derselbe gehört seit 36 Jahren ununterbrochen dem Kollegium
an". |
Berichte
zu jüdischen Studierenden und Professoren
Jüdische Studierende an der
Universität und für sie interessante Veranstaltungen (1846)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. April 1846: "2. April.
An unserer Landesuniversität werden nächstes Sommerhalbjahr unter
Anderem folgende Vorlesungen gehalten: Geschichte der hebräischen
Nationalliteratur, alttestamentliche Interpretations-Übungen, Erklärung
des Deutero-Jesaja und ausgewählter Psalmen, arabisch, aramäische, Zend-
und neupersische Sprache. Die Hochschule besuchen gegenwärtig 9
Israeliten. Die israelitischen Studierenden dort bilden schon seit
mehreren Jahren einen Verein, der die besseren jüdischen Tagblätter, und
sonstige, auf diesem Gebiet erscheinende Schriften liest." |
Bericht über die jüdischen
Studierenden (1852)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. November 1852: "Die
Hochschule in Tübingen ist gegenwärtig stark von Israeliten
frequentiert, doch interessieren sich dieselben weniger für das Judentum,
als die früheren. Die Promotion aus den Jahren 1837 bis 1842 hat jüngst
eine Zusammenkunft gehabt, bei der besonders die Tagesfragen des Judentums
zur Sprache kamen. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, dass die gelehrten
Israeliten von Beruf in Württemberg sich lebhaft an der Gestaltung der
Synagoge beteiligen." |
Antrittsrede von Prof. Dr. Gundelfinger (1874)
Anmerkung: es handelt sich um Prof. Dr. Sigmund Gundelfinger (geb. 1846 in
Kirchberg an der Jagst, gest. 1910 in Darmstadt): war seit 1869 Privatdezent an
der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen, seit 1874
außerordentlicher Professor der Mathematik; 1879 wurde er an die Technische
Hochschule in Darmstadt berufen. War zu seiner Zeit einer der bedeutendsten
Mathematiker Deutschlands.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 11. August 1874: "Tübingen, 23. Juli (1874).
In der Aula der hiesigen Universität hielt heute Dr. Gundelfinger seine
akademische Antrittsrede als außerordentlicher Professor in der
naturwissenschaftlichen Fakultät über die Entwicklung der Geometrie,
besonders im 19. Jahrhundert." |
Ehrendoktoren der Universität für
jüdische Forscher (1877)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1877: "Tübingen,
9. August (1877). Wie bekannt, feiert in diesen Tagen die hiesige
Universität ihr 400jähriges Jubelfest. Wie es Sitte ist, wurde bei
dieser Gelegenheit eine Anzahl ausgezeichneter Männer zu Ehrendoktoren
kreiert. Hierzu gehörten diesmal auch zwei Israeliten: Professor
Ferdinand Cohn (Botaniker) in Breslau und Bernstein (als Naturforscher und
populär-naturwissenschaftlicher Schriftsteller) in Berlin. Der von
einigen Judenfeinden schon mehrere Male wiederholte Vorwurf, dass die
Juden auf naturwissenschaftlichem Gebiete nichts leisteten ist hierdurch
abermals widerlegt." |
Duell zwischen jüdischem und
nichtjüdischem Studenten mit tödlichem Ausgang (1880)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. November 1880: "Tübingen,
15. November (1880). Die abscheuliche Anstachelung der niedrigsten
Leidenschaften gegen die Juden in Deutschland bringen immer traurigere Früchte
hervor. Kaum dass die Kunde von dem Duell in Hanau sich verbreitet hat,
und es ist von hier aus von einem gleichen Vorfall zu berichten. Die
Duellanten waren der Student Karl Grimm aus Brück in Brandenburg und
Tykociner aus Warschau. Der Erstere hatte sich eine Provokation des
Letzteren, der Jude ist, zu Schulden kommen lassen. Beim Duell schoss
Tykociner den Grimm mitten ins Herz. Tykociner wurde, nachdem er sich
freiwillig dem Gerichte gestellt hatte, gegen eine Kaution von 2.000 Mark
auf freien Fuß gelassen, aber bald hernach wieder verhaftet." |
Zum Tod von Prof. Dr. Leopold
Pfeiffer (1821-1881)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. November 1881: "Tübingen, 4.
November (1881). Prof. Dr. Pfeiffer hier wurde heute Morgen nach 9 Uhr im
Lesezimmer des Museums vom Schlage gerührt und war sofort tot. Der so jäh
aus dem Leben Geschiedene gehörte der juristischen Fakultät seit einer
Reihe von Jahren als außerordentlicher Professor an. Am vorigen Montag
wurde der Verstorbene auf dem israelitischen Friedhofe in Stuttgart vom
Bahnhofe aus beerdigt. Es hatten sich zu der ernsten Feier u.a.
Ministerialdirektor Dr. v. Silcher, Landesgerichtsdirektor von Firnhaber,
Staatsanwalt Schönhardt und jüngere Justizbeamte, welche Schüler des
Verstorbenen waren, eingefunden. Die gesamte israelitische Oberkirchenbehörde
war im Leichengefolge und Kirchenrat Rabbiner Dr. Wassermann hielt die
Grabrede, in welcher er darauf hinwies, wie eifrig der Verstorbene
bestrebt gewesen sei, seiner Religion Achtung zu verschaffen, wie er aber
auch jede andere Religion hochgehalten habe. Aus der Lebensskizze, die der
Redner entwarf, entnehmen wir, dass Pfeiffer am 25. Oktober 1821 in
Weikersheim geboren wurde. Das Studium der Jurisprudenz, welches er erwählt,
absolvierte er an den Universitäten Berlin und Tübingen, 1861
verheiratete er sich. An der Landesuniversität war er als Privatdozent,
später außerordentlicher Professor viele Jahre tätig. Hebräisch Gebet
und Segen schloss die Feier, welche auf Wunsch des Dahingeschiedenen ohne
jeglichen Pomp gehalten war. Er war ein Freund und Wohltäter vieler
Studenten an der Landesuniversität. Die Familie ist reich und kinderlos.
Merkwürdig ist, dass Prof. Pfeiffer am gleichen Tag wie sein Vater der
Kommerzienrat vor 44 Jahren gestorben und am gleichen Tag wie seine Mutter
vor 47 Jahren beerdigt worden ist. Seligen
Andenkens." |
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Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. November 1881: "Aus Württemberg,
12. November (1881). Am 4. dieses Monats starb in Tübingen im Lesezimmer
des Museums unerwartet schnell, vom Schlage gerührt, Prof. Dr. jur.
Leopold Pfeiffer, der einzige akademische Lehrer jüdischen Glaubens in Württemberg,
der mehrere Jahrzehnte lang an dieser Hochschule gewirkt hat. Seiner
Majestät unser König ließ sogleich nach der Todesnachricht der Fakultät
sowohl als der Familie seine Teilnahme bezeigen. Am 7. November fand die
Überführung der Leiche nach Stuttgart statt. Ein fast endloser Zug von
Leidtragenden, darunter sämtliche Professoren der Universität und sämtliche
studentische Korporationen, gab dem Dahingeschiedenen das Ehrengeleite bis
zum Bahnhofe. Die Militärkapelle spiele den ‚Wal’schen Trauermarsch
und den Choral: ‚Süß und ruhig ist der Schlummer.’ Der Verstorbene,
welcher sich neben seiner erfolgreichen Wirksamkeit als akademischer
Lehrer in seinem privaten Leben namentlich durch einen seltenen Grad von
Mildtätigkeit, auszeichnete, war in Tübingen eine sehr populäre Persönlichkeit.
Die Beerdigung fand in Stuttgart statt. Die Leiche wurde vom Bahnhof aus
mit einer langen Wagenreihe nach dem israelitischen Kirchhofe gebracht und
auf Wunsch des Verstorbenen ohne größere Feier zur Erde bestattet.
Rabbiner Dr. Wassermann hielt die Grabrede. Unter der Verstammlung
bemerkte man Ministerialdirektor Dr. Silcher, Oberlandesgerichtsdirektor
Firnhaber, viele Juristen und Beamte, die Mitglieder der Israelitischen
Oberkirchenbehörde, die Mitglieder der Familie Kaulla und anderer
hervorragender israelitischer Familien. Pfeifer war am 21. Oktober 1821 in
Weikersheim geboren und erreichte somit das 60. Lebensjahr. Der 4. und 7.
November, sein Todes und Begräbnistag, waren längst Trauertage in seiner
Familie, denn am 4. November vor 41 Jahren starb sein Vater, am 7.
November vor 47 Jahren wurde seine Mutter begraben. Seine Ausbildung
erhielt Dr. Pfeiffer auf den Gymnasien in Mannheim, in Stuttgart und auf
den Universitäten in Tübingen und Berlin. Für seine Glaubensgenossen
zeigte Dr. Pfeiffer stets das regeste Interesse und beteiligte sich bei
allen Angelegenheiten der sich erst neu gebildeten israelitischen Gemeinde
Tübingen." |
Prof. von Marlitz spricht sich für Juden als
"gute Deutsche" aus (1886)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Juli
1886: "Tübingen, 20. Juni (1886). Wenn man Gelegenheit gehabt
hat, zu hören, wie ein Treitschke (sc. Heinrich
von Treitschke) und in früheren Jahren ein Ad. Wagner (sc.
Adolph Wagner) (wir bemerken gerne , dass Wagner in neuerer Zeit sich
immer mehr das Vergnügen versagt, in seinen Vorlesungen Antisemitik zu
treiben, und dass er sich einen gewissen Grad von Objektivität anzueignen
bestrebt ist) von dem Katheder herab vor einem gläubigen Auditorium ihr
Anathema gegen die jüdische Rasse schleuderten und wie sie uns Juden das
deutsche Bürgerrecht absprachen, so berührt es doppelt angenehm, von
einer ähnlichen Stelle aus gerade das Gegenteil zu vernehmen. In seiner
Vorlesung über 'Allgemeines Staatsrecht und Politik' kam vor einiger Zeit
der hiesige Professor Dr. von Marlitz auf die Frage zu sprechen: Sind die
Juden Deutsche oder bilden sie eine eigene Nation? Mit aller
Entschiedenheit vertrat er seine Ansicht, dass die Juden ebenso gute
Deutsche wie die Anhänger jeder anderen Konfession in Deutschland sind,
und dass die Behauptung des Gegenteils eine tendenziöse Einstellung sei,
die leider bei dem steigenden Nationalitätsprinzipe unserer Zeit in
unserem Jahrhundert zum dritten Mal wiederkehren.
Wir wünschen nur, dass die anwesenden Zuhörer von dieser Äußerung
ebenso Notiz genommen hätten, wie dies bei gegenteiligen über diesen
Gegenstand der fall ist und war, und in ihrem künftigen Berufe als Beamte
etc. von der Berechtigung unseres Verlangens, als jüdische Deutsche und
nicht als deutsche Juden behandelt zu werden, überzeugt sein
möchten." |
Erneuerung des Doktor-Diploms für
Gustav Weyl und Jacob Auerbach (1887)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1887: "Die
Universität Tübingen hat den Herren Gustav Weyl in Heidelberg und Jacob
Auerbach in Frankfurt am Main das ihnen vor 50 Jahren erteilte
Doktordiplom erneuert." |
Antijüdische Beschlüsse der Satisfaktion gebenden Korporationen der
Studentenschaft (1904)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Februar 1904: "In Tübingen
hat die Studentenschaft in einer Vertreterversammlung sämtlicher
Satisfaktion gebender Korporationen den Beschluss gefasst, keinem Angehörigen
einer jüdischen Verbindung mehr Satisfaktion zu geben. Schon vor einiger
Zeit war eine Bitte an das Universitätsamt gerichtet worden, eine jüdische
Verbindung nicht zu genehmigen. Das Universitätsamt hatte sich aber dahin
ausgesprochen, der etwaigen Gründung einer solche nichts in den Weg zu
legen." |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1904: "Tübingen.
Die hiesige Studentenschaft hat in einer Vertreterversammlung sämtlicher
Satisfaktion gebenden Korporationen den Beschluss gefasst, keinem
Angehörigen einer jüdischen Verbindung mehr Satisfaktion zu geben. Da
die Zahl der Juden auf hiesige Hochschule in letzter Zeit bedeutend
zugenommen hat, sodass man dem Entstehen einer jüdischen Verbindung hier
entgegensehen konnte, war schon vor einiger Zeit eine Bitte an das
Universitätsamt gerichtet worden, eine solche Korporation nicht zu
genehmigen. Das Universitätsamt hatte sich aber dahin ausgesprochen, der
etwaigen Gründung einer jüdischen Verbindung nichts in den Weg zu
legen." |
Auszeichnung für den Jurastudenten W. Tennenbaum (1910)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Dezember 1910: "Stud.
jur. W. Tennenbaum, Sohn des bekannten Stuttgarter Kantors, erhielt bei
der jüngsten Preisverteilung in der juristischen Fakultät in Tübingen
den ersten Preis mit goldener Medaille zuerkannt." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Jüdische Haushälterin sucht eine Stelle (1867)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 8. Januar 1867: "Ein sehr tüchtiges Frauenzimmer,
Israelitin, von angenehmen Äußer, der die besten Zeugnisse ihrer
bisherigen Herrschaften zur Seite stehen, wünscht als Haushälterin bei
einem ältlichen Herrn plaziert zu werden. Dieselbe ist im Koch sehr
tüchtig.
Adressen beliebe man A.D.B. poste restante nach Tübingen (Württemberg)
zu richten." |
Anzeige des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes Leopold
Hirsch (1916)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1916: "Lehrlings-Gesuch.
Für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft suche ich zum baldigen
Eintritt einen Lehrling. Eventuelle Kost und Wohnung im Hause.
Leopold Hirsch, Tübingen in Württemberg." |
Verlobungs- und Hochzeitsanzeigen von Dr. Siegfried
Koppel und Edith geb. Hayum (1924)
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 31. Januar 1924:
"Statt Karten! Edith Hayum - Dr. med. Siegfried Koppel.
Verlobte.
Tübingen - Köln am Rhein. Venloer Straße
324". |
| |
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 27. März 1924:
"Dr. med. Siegfried Koppel - Edith Koppel geb. Hayum.
Vermählte.
Köln am Rhein-Ehrenfeld, Venloer Straße 324 - Tübingen." |
Zur Geschichte der Synagoge
Im mittelalterliche Wohngebiet, der
heute noch sogenannten
"Judengasse", befand sich eine Synagoge,
möglicherweise am Platz einer inzwischen abgebrochenen Scheune zwischen
Judengasse 2 und 4 (früheres Gebäude Nr. 276).
Nachdem 1848 die ersten Juden aus Wankheim nach Tübingen
gezogen waren, benutzten diese und auch die in den folgenden Jahren zuziehenden
Familien die kultischen Einrichtungen der Wankheimer
Gemeinde. Im Mai 1882 wurde auf Antrag des Israelitischen Kirchenvorsteheramtes
Wankheim von der Israelitischen Oberkirchenbehörde beschlossen, den Sitz der
die Wohnorte Wankheim, Reutlingen und Tübingen umfassenden jüdischen Gemeinde
nach Tübingen zu verlegen. Kurz zuvor war schon der Abbruch der Wankheimer
Synagoge und der Bau einer neuen Synagoge in Tübingen von der Oberkirchenbehörde
genehmigt worden. Nachdem am Schabbat, dem 8. April 1882 ein feierlicher
Abschiedsgottesdienst in der Synagoge in Wankheim stattgefunden hatte, wurde
diese abgebrochen und mit dem Bau der neuen Synagoge in Tübingen
begonnen. Die Baueingabe wurde am 5. Mai 1882 mit dem schriftlichen Einverständnis
der Grundstücksnachbarn in der Gartenstrasse vorgenommen. Am 13. Mai passierte
sie ohne Einwände den Gemeinderat unter dem damaligen Schultheiß Julius Goes. Bei
einem Gottesdienst in dem von den Stadtbehörden bis zur Fertigstellung der
Synagoge zur Verfügung gestellten Interimslokal deutete der Mühringer
Bezirksrabbiner Dr. Michael Silberstein den freundlichen Empfang als Beweis,
dass in Tübingen "ein heller, lichter Geist, der Geist des gegenseitigen
Wohlwollens, der Achtung, der Duldung herrscht und waltet". In achtmonatiger
Bauzeit konnte unter der Leitung von Oberamtsbaumeister Riekert die neue
Synagoge auf dem Grundstück Gartenstrasse 33 erstellt werden. Es war ein von
Osten nach Westen gestreckter Längsbau im Grundriss von 8,85 m auf 14,07 m, für
den ein Mischstil von klassizistischen Formen (mit Anlehnungen an die
Renaissance und Romanik) und maurischen Formen charakteristisch war. Im Betsaal
war traditionell die Decke mit Sternen bemalt, blau auf weißem Hintergrund.
Die feierliche Einweihung der Synagoge fand am
Freitag und Samstag (Schabbat), dem 8./9. Dezember 1882 statt. Sie fiel
mit dem Chanukkafest dieses Jahres zusammen. Am Freitagnachmittag versammelte
sich eine große Festgemeinde vor dem Haus Gartenstraße 2, um von hier aus pünktlich
um drei Uhr in folgender Reihenfolge zur Synagoge zu ziehen: die jüdische
Schuljugend, die Träger mit den Torarollen, der Rabbiner und die jüdischen
Gemeindevorsteher, die Ehrengäste und die Mitglieder der Gemeinde. Vor dem
Eingang der Synagoge wurde durch eine Musikkapelle ein Choral gespielt, worauf
Bezirksrabbiner Dr. Silberstein eine erste Ansprache hielt. Nach dem Eintritt in
die Synagoge folgte Chorgesang, das Einheben der Torarollen und die Festpredigt
von Dr. Silberstein, der dabei die Synagoge weihte "zu einer Stätte, die
friedlicher Sammlung und Einigung dient". Er ahnte nicht, dass nach ihm nur noch
zwei Rabbiner und sechs Kantoren am Vorbeterpult predigen würden. Nach seiner
Festpredigt folgten nach Gesang, Weihegebet und Chorgesang der
Freitagabendgottesdienst. Am Schabbat war um 9 Uhr Vormittagsgottesdienst und
abends ein Festessen mit anschließendem Programm im unteren Museumssaal. Abends
um halb neun konnte an König Karl nach Bebenhausen ein Telegramm mit dem Inhalt
geschickt werden: "Die Israelitische Gemeinde Tübingen, zur Feier der
Einweihung ihrer neuen Synagoge versammelt, hat soeben den Gefühlen der
Ehrfurcht, der Liebe und Treue gegen Seine Majestät den König Ausdruck gegeben
und wagt es, diesen Ausdruck vor die Stufen des Königlichen Thrones
ehrerbietigst niederzulegen. Bezirksrabbiner und Kirchenvorsteher".
Einweihung der Synagoge (1882)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Dezember 1882: "Heute
fand die Einweihung der von Wankheim nach Tübingen verlegten Synagoge in
festlicher Weise statt. Der Festzug bewegte sich nachmittags durch die
Gartenstraße zur neuen, kleinen und einfach gehaltenen, aber würdig
ausgestatteten Synagoge. Die israelitische Oberkirchenbehörde war bei der
Feier durch Kirchenrat Rabbiner Dr. Wassermann von hier vertreten. Unter
den Ehrengästen bemerkte man den evangelischen Dekan Frank, mehrere
andere evangelische Geistliche, den Oberamtmann Sandberger, den Bürgermeister
und Vertreter von Lehranstalten. Die Festrede hielt der Bezirksrabbiner
Dr. Silberstein von Mühringen." |
Hinweis auf die Predigten von
Rabbiner Dr. Silberstein: Letzter Gottesdienst in der Synagoge Wankheim -
Predigt zur Einweihung der Synagoge Tübingen (1882)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Dezember 1882 (längerer
Abschnitt über Neuerscheinungen, darunter Predigten): "…Eine wahrhaft
erbauende Predigt über den Anfang des Gebetes Salomo’s und
schwungreiche Reden bei den einzelnen Akten der Einweihung. Bilden so
diese Reden ein würdiges Denkmal für die abgehaltene Feier, so tut dies
ebenfalls folgende Schrift für einen anderen Platz: Blätter zur
Erinnerung an den Abschied on der Synagoge in Wankheim sowie an die
Einweihung der neuen Synagoge in Tübingen. Vier Predigten nebst einer
Geschichte der Gemeinde von Dr. A. Silberstein (Esslingen, Harburger,
1883). |
Lehrer Thalmann hält einen Jugendgottesdienst in der Synagoge
(1885)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 31. März 1885: "Man schreibt uns aus Tübingen vom
11. März: Vergangenen Sonnabend wurde in der hiesigen Synagoge von Herrn
Lehrer Thalmann der erste Jugendgottesdienst abgehalten. Die Kinder,
welche durch die Teilnahme am Schulunterricht vom Besuche des
gewöhnlichen Gottesdienstes abgehalten werden, erhalten dadurch,
abgesehen von der Familienerziehung, Gelegenheit zu beten und das
belehrende Wort der Predigt zu hören. Ein Knabe rezitierte die Gebete und
die andern Kinder, Knaben und Mädchen, übten die Responsorien. Herr
Thalmann schilderte den Kindern den großen Wert des Gebets und das
beseligende Gefühl, das im Herzen durch ein wahrhaftes Gebet entsteht.
Väter und Müller beteiligten sich am Gottesdienste. (Diese Einrichtung
entspricht ganz den Ansichten, die wir jüngst über dne
Jugendgottesdienst in diesen Blättern geäuert haben, nur dass die
Predigt, wenigstens abwechselnd, zu einer Katechese werden möge. Mögen
recht viele Lehrer dem Beispiele des Herrn Thalmann folgen!
Redaktion)." |
Werbung der für die
Synagogenbeleuchtung verantwortlichen Firma (1886)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1886: "Zulauf
& Co. Inhaber: Wilhelm und Josef Reinach. Mainz und Höchst
am Main.
Fabrik in allen Gas- und Wasserartikeln, Luster, Lampen, Ampeln,
Suspensions, Hähnen, Closets, Badewannen etc. etc.
Spezialität. Synagogenbeleuchtung. Eingerichtet wurden von uns in
allerletzter Zeit die Synagogen Zweibrücken, Saargemünd, Alzey,
Oberstein, Tübingen, Meiningen etc.
etc." |
Ein erster Anschlag auf die Synagoge wurde bereits im
Januar 1928 verübt. Mit zwei schweren Steinen wurde eines der großen
Fenster völlig zertrümmert. Die Steine waren so schwer, dass von einem auch
der Rohrgeflechtsitz eines Stuhles im Innern der Synagoge durchschlagen wurde.
Im Herbst 1932 wurde die Synagoge aus Anlass der bevorstehenden Feier ihres 50jährigen
Bestehens gründlich renoviert. Zu diesem Jubiläum fand am 25. Dezember 1932
eine "weihevolle religiöse Morgenfeier" in der Synagoge statt, zu der sich die
Mitglieder der israelitischen Gemeinde zahlreich versammelt hatten. Oberlehrer
Josef Wochenmark hielt die Festpredigt; Bezirksrabbiner Dr. Abraham Schweizer
sprach als Vertreter des Israelitischen Oberrates. Der Israelitische
Frauenverein, der sich die Ausstattung der Synagoge zu einem besonderen Anliegen
gemacht hatte, stiftete zum Jubiläumsfest einen neuen Vorhang für den
Toraschrein.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört. Um Mitternacht vom 9. auf den 10. November plünderten zunächst zehn Männer und eine Frau die Synagoge und warfen die Torarollen in den Neckar. Unter den Plünderern befanden sich der damalige Kreisleiter der NSDAP und der damalige Bürgermeister. Zwischen drei und vier Uhr in der Frühe wurde die Synagoge in Brand gesteckt. Ein Nachbar eilte zu Hilfe und wollte die Feuerwehr alarmieren, wurde jedoch von SA-Männern daran gehindert. Die Feuerwehr traf erst verspätet ein und verhinderte nicht das völlige Ausbrennen der Synagoge. Erst am Morgen kamen Tübinger Bürger, um sich die Ruinen anzusehen. Der völlige Abbruch der Synagoge musste von der jüdischen Gemeinde bezahlt werden.
Das Synagogengrundstück wurde 1940 weit unter Preis an die Stadt Tübingen veräußert. Nach der Beschlagnahmung durch die Alliierten 1945 kam es an die Jüdische Vermögensverwaltung JRSO, die es 1949 an die Israelitische Kultusvereinigung Stuttgart verkaufte. Von ihr wurde das Grundstück 1951 an einen Privatmann weiterverkauft, der darauf ein Wohnhaus errichtete. Die Brandstifter der Synagoge, derer man noch habhaft werden konnte, wurden 1946 und 1949 vor Gericht gestellt und zu Zuchthausstrafen von einem Jahr und acht Monaten beziehungsweise zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
An die Synagoge erinnerte nach der Neubebauung nur noch der aus der Gründerzeit erhaltene Umfassungszaun. Erst
1978 wurde zur Erinnerung an die Synagoge eine Gedenkinschrift am seitdem sogenannten
"Synagogenbrunnen" angebracht. Die erste Inschrift löste vielfachen Protest aus ("Hier stand die Synagoge der Tübinger Jüdischen Gemeinde. Sie wurde in der Nacht vom 9./10. November 1938 wie viele andere in Deutschland niedergebrannt"). Sie wurde 1979 durch eine weitere Inschrift ergänzt: "Zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger in den Jahren 1933-1945". 2000/01
wurde der Synagogenplatz neu überbaut und ein Denkmal Synagogenplatz gestaltet mit Texttafeln und Inschriften
(Einweihung November 2000). Das Denkmal ist Ausgangsstation eines Tübinger Geschichtspfades.
Fotos
Plan / Historische Fotos:
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Einzelne
Presseberichte zur jüdischen Geschichte
| November 2009:
Fotograf des Synagogenbrandes von 1938 ist
namentlich bekannt |
Foto
links von Richard von Frankenberg: Vor 71 Jahren ging die Tübinger
Synagoge in Flammen auf.
Artikel von Michael Petersen in der "Stuttgarter Zeitung" vom 9.
November 2009 (Artikel):
"Geheimnis gelöst - Foto der Synagoge in Flammen.
Tübingen - Von einem "eindrucksvollen Zeugnis eines Verbrechens", spricht die Tübinger Kulturamtsleiterin Daniela Rathe. Gemeint ist das Foto der brennenden Tübinger Synagoge, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Flammen aufging. Wie so viele andere war dieses Gotteshaus von NSDAP-Mitgliedern in Brand gesteckt worden. Das Foto ist seit langem bekannt, die Abzüge lagern im Staatsarchiv Sigmaringen.
"Das Foto stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der das Bewusstsein gehabt hat, dass Unrecht geschieht."
Tübingens Stadtarchivar Udo RauchIn Funk und Fernsehen widmete sich von Frankenberg verkehrspolitischen Themen. Gerade jungen Leuten versuchte der als Draufgänger bekannte Autofahrer die Bedeutung der Sicherheit im Straßenverkehr
nahezubringen.
Mit Vollgas durchs Leben. Eine ganz andere Seite dieses Mannes beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der Nazijahre. So schrieb von Frankenberg unter dem Pseudonym Herbert A. Quint gemeinsam mit dem rechtskonservativen Schriftsteller Walter Görlitz die erste deutsche Hitler-Biografie. Auch philosophische Themen griff er als Autor auf. Richard von Frankenberg starb am 13. November 1973 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn bei Stuttgart. Ein Ford Transit hatte seinen Porsche abgedrängt.
Aus Richard von Frankenbergs erster Ehe stammt Donald von Frankenberg, geboren 1951 in Stuttgart. Der Künstler ist in den letzten Jahren mehrfach auf eine Biografie seines Vaters angesprochen worden. Die lag bis dahin nicht vor. In der Folge hat Donald von Frankenberg, der inzwischen in Kiel wohnt, das Projekt selbst in die Hand genommen. Das Buch "Richard von Frankenberg - mit Vollgas durchs Leben" ist soeben erschienen.
Die Familie seines Vaters hatte nach 1933 in Tübingen gelebt. Donald von Frankenberg war davon wenig bekannt. "Als mein Vater starb, war ich 22", berichtete er jetzt in Tübingen bei einer Veranstaltungsreihe "71 Jahre Progromnacht". Damals habe er nur wenige Fragen gestellt. "Und die Eltern erzählen ihren Kindern sowieso nichts aus ihrem Leben", lautet Donald von Frankenbergs Erfahrung.
Jüdische Wurzeln. Er wandte sich 2007 an Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch mit der Frage, wo denn seine Eltern in Tübingen gelebt hätten. Das ließ sich schnell herausfinden, in der Gartenstraße 34, schräg gegenüber der Synagoge. Der Vater war der Schriftsteller Alex-Victor von Frankenberg und Ludwigsdorf, die Mutter Irene-Konstanze von Brauchitsch. Aus ihrer Familie stammt der Generalfeldmarschall der NS-Zeit, Walther von Brauchitsch und auch der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch. Dessen furchtloser Einsatz im Mercedes-Silberpfeil beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring bewunderte der junge Richard von Frankenberg vor Ort.
Der Großvater von Alex-Victor von Frankenberg mütterlicherseits war Jude. Das war der Polizei bekannt, wie der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang herausgefunden hat. Und Richard von Frankenberg hat die jüdische Abstammung wohl schon 1933 zu spüren bekommen, als er offenbar das Freibad nicht besuchen durfte. Die aktuelle Anfrage machte in Tübingen die Runde. So führte die Spur zum Nachlass von Lilli Zapf. Die hatte sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Schicksal der Tübinger Juden beschäftigt. Nach ihr werden jedes Jahr Jugendgruppen für Bürgermut und Solidarität ausgezeichnet.
Fotografieren war verboten. In Lilli Zapfs Unterlagen fand sich ein Brief von Richard von Frankenbergs Mutter, die in der Nacht des 9. November 1938 ihren Sohn beobachtet hatte: "Mein Sohn mischte sich unter die Menge und fing an Aufnahmen zu machen, da kam ein Mann, halb in Uniform und sagte, was machst du denn da, worauf er einfach sagte, ich fotografiere". Fotografieren war streng verboten. Der Mann spulte den Film zurück, belichtete ihn aber nicht. So blieben Richard von Frankenbergs Aufnahmen von der um vier Uhr früh
brennenden Synagoge erhalten. Stadtarchivar Rauch stellt heute fest: "Das Foto also stammt von einem 16-Jährigen mit jüdischem Hintergrund, der offensichtlich das Bewusstsein gehabt hat, dass hier Unrecht geschieht".
Donald von Frankenberg, der seinem Vater durchaus ähnlich sieht, hat erst Philosophie und Geschichte studiert und später Medizin. Er arbeitete als Arzt und seit 1996 als freischaffender bildender Künstler.
Richard von Frankenberg: Mit Vollgas durchs Leben. Autor: Donald von Frankenberg, Verlag Delius Klasing. 215 Seiten, 32 Euro." |
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August 2010:
Bericht
über die "Tübinger Toraschreibe" von
Hans-Joachim Lang im "Schwäbischen Tagblatt" vom 31. Juli 2010
(eingestellt
als pdf-Datei). |
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| November 2011:
Die "Tübinger Torascheibe" wird an die
Erben zurückgegeben |
Artikel von Raimund Weible im
"Schwäbischen Tagblatt" vom 24. November 2011: "Ende
eines Beutekunst-Kapitels. Tübingen gibt Thorascheibe an Erben
zurück. Nach langer, aber erfolgreicher Suche: Die Stadt Tübingen
übergibt heute eine Thorascheibe aus ihrem Museumsbestand an den Enkel
ihres Stifters..."
Link
zum Artikel
Weiterer Artikel hierzu ebd.: "Verneinung der Vergangenheit. Avner
Falk entwickelte seine Geschichte einer
Thorarolle..." Link
zum Artikel |
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| Weiterer Artikel von Gisela
Dachs in der Zeitschrift "Die Zeit" vom 19. Januar 2012: "Freund
der Juden? Der evangelische Theologe Otto Michel, der nach 1945 für
eine neue deutsche Judaistik stand, verschwieg seine braune
Herkunft". Link
zum Artikel |
| Abbildung: die
restaurierte Torascheibe nach der Restaurierung
(pdf-Datei) |
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| Februar
2012: Dr. Avner Falk sucht die
"drei verlorenen Schwestern" der Torascheibe |
Anfrage von Dr. Avner Falk:
"Die oben in den Artikeln genannte Scheibe vom Ez Chajim der
Thorarolle stiftete mein polnisch-jüdischer Großvater 1927 der Synagoge von Zgierz. Diese wurde 1939 von deutschen Soldaten niedergebrannt, die Thorarolle zerrissen, und der Ez Chajim zerbrochen. Mein Großvater starb 1941 im Ghetto von Lodz.
Nun habe ich diese Thorascheibe erhalten und restauriert, und möchte ihre drei verlorene "Schwestern" finden. Zu diesem Zweck suche ich jüdische Museen, bzw. Judaica-Händler, die diese Scheiben gesehen, gekauft oder verkauft haben könnten. Falls Sie solche Museen oder Händler kennen, oder Falls Sie eine andere Idee haben, wie man die drei verlorene Thorascheiben finden könnte, so wäre ich Ihnen tief dankbar, wenn Sie mir diese Auskünfte zukommen lassen"
- E-Mail-Adresse von Dr. Falk bzw.
avner.falk[et]usa.net |
| |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und
Hohenzollern. 1966. S. 176ff. |
 | Germania Judaica III,2 S. 1489f. |
 | Lilli Zapf: Die Tübinger Juden. 1978². |
 | Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.): Zerstörte Hoffnungen
– Wege der Tübinger Juden. (Reihe: Beiträge zur Tübinger Geschichte.
Hg. von der Stadt Tübingen. Kulturamt Band 8) Stuttgart 1995. |
 | Benigna Schönhagen: Tübingen unterm Hakenkreuz.
1991. |
 | dies./Wilfried Setzler: Jüdisches Tübingen. Schauplätze und
Spuren. 1999. |
 | dies.: Jüdisches Tübingen um 1900, in: Tübinger Blätter
2001 S. 45-52. |
 | Martin Ulmer: Pogromnacht 1938, in: Tübinger Blätter
1998/99 S. 27-31. |
 | Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.): Wege der
Tübinger Juden. Eine Spurensuche. (Dokumentarfilm). Tübingen 2004. |
 | Adelheid
Schlott: Die Geschichte der Geschichten des Tübinger
Synagogenplatzes. Mit Beiträgen von Ulrike Baumgärtner, Daniel Felder,
Martin Ulmer und Michael Volkmann. Reihe: Tübinger Besonderheiten 3. Verlag
der faire Kaufladen Tübingen 2009. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Tuebingen
Wuerttemberg. Jews were present in the 13th century, 30 of their houses being
preserved to this day and indicating a population of 100-150 families. They were
expelled in the Black Death persecutions of 1348-49, again in 1456, and again
with the opening of the university in 1477.
Jewish students were first enrolled in the university in the early 19th century
and numbered 54 in 1842. The settlement was renewed in 1848 by Jews from
neighboring Wankheim. The Jewish population
rose from 34 in 1869 to 139 in 1910 (total population 19.076). While Jews
participated actively in the town's public and economic life they were not
accepted socially, which accounts for the unusually high rate of conversion.
While 82 Jews remained in Tuebingen prior to the Nazi rise to power, another 43
were converts of offspring of mixed marriages. Antisemitism was already felt at
the university in the 1920s and Jewish lecturers were dismissed in 1933. In the
city, synagogue windows were smashed in 1928 and the SA often attacked Jews in
the streets. The economic boycott introduced in 1933 destroyed Jewish business.
By 1938 all Jewish establishments had either been closed of "Aryanized".
On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned. By 1940,
68 Jews had emigrated, of whom 34 went to the U.S. and 15 to Palestine; 21 were
deported to their deaths in the Riga and Theresienstadt ghettoes and in
Auschwitz in late 1941 and in 1942-43. Six of 11 Jews in neighboring Rottenburg,
whose medieval community was now attached to Tuebingen, were also
deported (three emigrated).

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
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