Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Momberg (Stadt Neustadt/Hessen, Kreis Marburg-Biedenkopf)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde     

In Mombert bestand eine jüdische Gemeinde (Filialgemeinde zu Neustadt) bis nach 1933. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 1690 gab es noch keine Juden am Ort. 1731 wird ein jüdische Einwohner genannt, seit 1733 zwei (vermutlich mit Familien); 1747 werden insgesamt 13 jüdische Einwohner am Ort gezählt (vermutlich in zwei oder drei Familien). 
 
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1801 49 jüdische Einwohner, 1861 49 (in neun Familien; 6,5 % von insgesamt 753 Einwohnern), 1905 48. 1858 wurden als Gewerbebetriebe im Besitz jüdischer Familien am Ort festgestellt: Spezereihandel und Metzgerei (1 Familie), Metzgerei, Tuch- und Nothandel (1 Familie), Nothandel (1 Familie).  

An eigenen Einrichtungen in Momberg bestand seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Synagoge (s.u.) sowie - zumindest Anfang des 19. Jahrhunderts - auch ein rituelles Bad (1825 im Haus von Michael Spier). Ansonsten wurden die Einrichtungen in Neustadt mitbenutzt (Schule, rituelles Bad, Friedhof). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Oberhessen mit Sitz in Marburg.  
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Isaak Blumenfeld (geb. 24.9.1893 in Momberg, gef. 8.1.1915), Moritz Blumenfeld (geb. 16.3.1887, gef. 12.12.1914; vgl. zu den beiden Genannten den Bericht unten) sowie Moritz Moses Blumenfeld (geb. 28.9.1887 in Momberg, gef. 21.6.1916). Außerdem sind gefallen: Moritz Spier (geb. 25.10.1880 in Momberg, vor 1914 in Einbeck wohnhaft, gef. 9.7.1917) und Jakob Weinstein (geb. 26.6.1878 in Momberg, vor 1914 in Felsberg-Gensungen wohnhaft, gef. 23.9.1914) .    
 
1925 wurden 34 jüdische Einwohner in Momberg gezählt (3,8 % von insgesamt 895 Einwohnern). 1932 war S. Alexander aus Momberg 2. Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Neustadt.   
   
1933 lebten noch 31 jüdische Personen (in sieben Familien) am Ort. In den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (12 Personen in die USA, eine Familie nach Südafrika). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört (s.u.). Die letzten elf jüdischen Personen wurden 1941/42 aus Momberg deportiert.  
  
Von den in Momberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Frieda Blumenfeld (1911), Hugo Blumenfeld (1882), Ida S. Blumenfeld geb. Stern (1878), Julius Blumenfeld (1885), Julius Blumenfeld (1910), Kurt Blumenfeld (1921), Dina Heldenmuth geb. Blumenfeld (1871), Karoline Höxter geb. Blumenfeld (1857), Fanny Katzenstein geb. Bickardt (1868), Ludwig Lion (1909), Lina Nathan geb. Spier (1892). Franziska Oppenheim geb. Blumenfeld (1870), Pauline Pohly geb. Reizkin (1914), Günter Rosenberg (1925), Karoline Sommer geb. Spier (1874), Isaak Spier (1875), Johanna Spier geb. Rothschild (1878), Manfred Spier (1925), Sida Spier geb. Blumenfeld (1896), Siegfried Spier (1887), Nanny Stern geb. Blumenfeld (1878), Emma Wetterhahn geb. Blumenfeld (1892).      
 
Ruth Lion geb. Spier (geb. 1909 in Momberg) musste mit ihrem Ehemann Ludwig Lion (geb. 1909) 1941 die Deportation in das Ghetto Riga antreten. Sie überlebte. Auf dem Friedhof von Mombert ließ sie einen Gedenkstein für zehn deportierte frühere jüdische Einwohner Mombergs aufstellen (oben kursiv markiert). 
   
  
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Die beiden Söhne der Familie G. Blumenfeld sind im Krieg gefallen (1915)   

Momberg Frf IsrFambl 29011915.jpg (68766 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. Januar 1915: "Momberg, Kreis Kirchhain. Von einem schweren Verlust wurde die Familie G. Blumenfeld betroffen. Zwei hoffnungsvolle Söhne erlitten beide den Heldentod fürs Vaterland. Beide haben sich durch hervorragende Tapferkeit vor dem Feinde ausgezeichnet, der älteste hat einen Schwerverwundeten unter größter Lebensgefahr aus dem furchtbarsten Granatfeuer getragen. Der jüngste stand zuletzt als Lehrer in Petershagen a. Weser.  
Bei dem gestrigen Sabbatgottesdienst hielt Lehrer Wertheim aus Neustadt zu Ehren der gefallenen Helden eine herrliche Ansprache, die auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck ausübte."  

  
Familiennachrichten (1934) 
    

Mitteilungen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1934: "Momberg, 8. Oktober (1934). Herr Heinemann Blumenfeld hier feierte heute seinen 80. Geburtstag und wird am 22. dieses Monats mit seiner Frau Karoline geb. Katzenstein das Fest der Goldenen Hochzeit begehen. Alles Gute bis 120 Jahre.  
Momberg
, 9. Oktober (1934). Frau Bertha Blumenfeld geb. Alexander, begeht am 16. Oktober ihren 75. Geburtstag. Alles Gute bis 120 Jahre."    

  
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
   
Werbung der Nudelfabrik Joseph Spier für koschere Nudeln (1922)  

Momberg Israelit 03081922.jpg (49449 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. August 1922: "Koscher - Nudeln - Koscher.  
Referenz Rabbiner Dr. Cohn Marburg. Spezialität Hausmacher-Eiernudeln
Beste Bezugsquelle für Restaurations und Speiseanstalten. Wiederverkäufer gesucht. 
Nudelfabrik Joseph Spier, Momberg, Kreis Kirchhain."  

    
Rabbiner Dr. Cohn hat die Aufsicht über die Mazzenfabrik Josef Spier in Momberg (1925)  

Josbach Israelit 26021925.jpg (39030 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Februar 1925: "Zur gefälligen Kenntnisnahme! Meiner Aufsicht unterstehen auch in diesem Jahre folgende Mazzosbäckereien: Firma Josef Spier in Momberg, Firma Steinfeldt Witwe in Josbach, Firma Hilker & Schmalz in Kassel (Letztere unter Mitaufsicht des Herrn Landrabbiner Dr. Walter). Provinzial-Rabbiner Dr. Cohn - Marburg."  

  
Verlobungsanzeige für Betty Poritzky und Ephraim Lipsker (1925)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Oktober 1925: "Gott sei gepriesen
Betty Poritzky - Ephraim Lipsker. Verlobte.  
Karlsruhe Baden - Momberg Kreis Kirchhain". 


   

  
Zur Geschichte der Synagoge

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten die Momberger Juden die Synagoge in Neustadt. Eine eigene Synagoge in Momberg wurde erbaut, nachdem es um 1850 in der Synagoge in Neustadt zu eng wurde. Zunächst war 1857 in Neustadt auf Grund von Plänen des Kirchhainer Landbaumeisters eine Erweiterung der Synagoge geplant, jedoch wurde schließlich nur eine Reparatur vorgenommen, nachdem die in Momberg lebenden jüdischen Familien eine eigene Synagoge erbauen und nicht mehr zu den Gottesdiensten nach Neustadt kommen wollten. Am 19. April 1858 konnte der Momberger Gemeindeälteste Blumenfeld dem Marburger Vorsteheramt mitteilen, der Betsaal sei zur Abhaltung von Gottesdiensten soweit hergerichtet.    
  
Bei der Momberger Synagoge handelt es sich um ein von drei Seiten freistehendes Gebäude, unmittelbar neben einem Bauernhof, an dessen Wohnhaus angegliedert. Nach der Überlieferung am Ort wurde eine ehemalige Scheune aus dem Ebsdorfergrund abgebaut, nach Mombert gebracht und zu einer Synagoge umgebaut. Der Toraschrein war im Bereich des späteren Scheunentores (nach 1945). In der Momberger Synagoge gab es 40 Plätze für Männer, 22 für Frauen. Die Decke der Synagoge war teilweise mit einem Sternenhimmel bemalt.    
  
Vermutlich wurde die Synagoge Anfang des 20. Jahrhunderts grundlegend umgebaut, worauf einige Ungereimtheiten in der noch erhaltenen Inneneinrichtung und Veränderungen in der Bemalung hinweisen. 
    
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die gesamte Inneneinrichtung und alle Kultgegenstände restlos zerstört. Das gleichfalls beschädigte Synagogengebäude wurde wenig später an einen Landwirt verkauft, der das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes stark veränderte und dieses danach als Scheune verwendete. Später war das Gebäude Abstellraum (mindestens seit Anfang der 1980er-Jahre).    
  
  
Adresse/Standort der Synagoge       Burggasse 10   (früher: Haus Nr. 58)   

Fotos
(Quelle: Altaras 1988 S. 105; 2007 S. 70; Fotos von 1984 und 1999). 

Momberg Synagoge 110.jpg (45698 Byte) Momberg Synagoge 116.jpg (70756 Byte) Momberg Synagoge 113.jpg (52809 Byte)
Die ehemalige Synagoge in Momberg; im Bereich des Scheunentores (rechts) befand sich einst der Toraschrein.
        
   Momberg Synagoge 112.jpg (70940 Byte) Momberg Synagoge 111.jpg (58272 Byte)
  Wandbemalung über den Toraschrein Deckenbemalung
       
   Momberg Synagoge 114.jpg (63461 Byte) Momberg Synagoge 115.jpg (66550 Byte)
  Teil eines Wandfrieses - charakteristische Schablonenmalerei Rundbogenfenster im Obergeschoss - nur von innen zu sehen
      
  Aktuelle Fotos werden noch erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite

      
    

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

Besuche von Gisela Spier-Cohn aus Momberg - Schulbesuch in der Elisabethschule Marburg Lahn (Quelle: Website der Elisabethschule)  
Momberg Spier-Cohen 010.jpg (23916 Byte)Gisela Spier-Cohen wieder zu Besuch. Wie schon in den vergangenen Jahren besuchte auch dieses Jahr Gisela Spier-Cohen aus Momberg, heute wohnhaft in Toronto, die Elisabethschule und erzählte am Dienstag, 8. März 2005, vor den Schülern der Klasse 10a aus ihrem Leben.  
Als Organisatoren danken Frau Kraatz und Frau Neumann der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, die diese Veranstaltung erst ermöglicht haben. 
Bericht der Klasse 10a: Wir sprechen in Geschichte gerade über die Zeit von 1933 bis 1945. Deshalb luden wir Frau Spier-Cohen zu uns ein. Geboren am 29.11.1929 in Momberg bei Neustadt erlebte sie als Tochter einer angesehenen jüdischen Familie die NS-Zeit. Erst durch die "Kristallnacht" wurde ihr bewusst, in welch schrecklicher Welt sie lebte. Für sie bedeutete das: Die Mazzen-Fabrik ihres Vaters wurde zerstört, die örtliche Synagoge ausgeraubt. Sie selbst durfte ein Jahr nicht zur Schule gehen. Ab 1939 musste sie in der unbekannten Großstadt Frankfurt in eine jüdische Schule gehen, musste den Judenstern tragen und wurde auf der Straße beschimpft. 1942 wurde sie mit ihrem Bruder und ihren Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort bedrückte sie besonders, dass es ihren Eltern immer schlechter ging, weil sie zu wenig zu essen bekamen. Sie selbst lebte in einer Kindergruppe, musste aber in der Landwirtschaft arbeiten. Im Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz deportiert. Sie folgte freiwillig ihren Eltern, weil sie versprochen hatte, sich um sie zu kümmern. Durch die Trennung von ihren Eltern und deren sofortige Vergasung unmittelbar nach der Ankunft verlor sie ihren Lebenswillen. Sie selbst wurde in ein Arbeitslager verschleppt und musste in einer Maschinenfabrik in Sachsen schuften. Dort bekam sie zu wenig zu essen: "Zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben". Als sie im Mai 1945 in Mauthausen befreit wurde, wog sie im Alter von 16 Jahren noch 45 Pfund. 
Die Erzählung von Frau Spier Cohen war sehr eindrucksvoll, nur "Kälte und Hunger kann man mit Worten nicht wiedergeben".
Weiterer Bericht zu einem Besuch in der Elisabethschule  
Hinweis: Videokassette Medienzentren Hessen zu Gisela Spier-Cohen      

    
   
Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Neustadt / Hessen   

Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Neustadt (interner Link) 

Website http://www.juden-in-nordhessen.co.de: unter " Genealogien jüdischer Familien in Nordhessen" findet sich hier ein Stammbaum der Familie Moses in Momberg   

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 124-126 (unter Neustadt)   
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 105-106.   
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 90.
dies.: Neubearbeitung der beiden Bücher. 2007. S. 70.90. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 159-160. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 518 (im Anschluss an den Abschnitt zu Neustadt). 
Gisela Spier-Cohen: Weggerissen. Erinnerungen an Theresienstadt. Jonas Verlag. 2005. ISBN 10-3894453567.  
Kirchhain Lit 11.jpg (51572 Byte)Alfred Schneider: Die jüdischen Familien im ehemaligen Kreise Kirchhain. Beiträge zur Geschichte und Genealogie der jüdischen Familien im Ostteil des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf in Hessen. Hrsg.: Museum Amöneburg. 2006. 

      
    

n.e.

  

                   
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Stand: 07. August 2011