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Mittelsinn (VG
Burgsinn, Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Mittelsinn bestand eine relativ große jüdische Landgemeinde bis
1938/39. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts
zurück. Der Ort war lange Zeit zwischen unterschiedlichen Herrschaften
aufgeteilt, die jeweils Juden gegen Bezahlung entsprechender "Schutzgelder"
aufnahmen. Durch die Familie von Hutten wurden bereits 1620 zwei Juden
aufgenommen. 1731 werden drei Juden genannt, die u.a. "Brunnengeld" zu
zahlen hatten. 1766 hatte das Juliusspital Würzburg sieben, Hessen-Kassel
zwölf und das Hochstift Würzburg fünf Schutzjuden(-familien). Hessen-Kassel
reduzierte bis 1785 die Zahl auf neun Familien, das Juliusspital erhöhte in
derselben Zeit auf zehn.
Im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen
Einwohner kräftig zu: von 1814/15 34 jüdischen Personen (8,9 % von 384)
auf 1843 180 (in 24 Familien, zahlreiche Kinder!) und 1867 162 (in 32 Familien; 15,7 % von 1.033).
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Mittelsinn auf
insgesamt 19 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände
genannt: Mordche From Goldschmidt (geringer Handel, Mäkeln), Israel Jakob
Schlesinger (Warenhandel), Menlein Samuel Gundersheimer (Kleinhandel und
Mäkler), Meier Sußmann Simon (Waren-, Rohproduktenhandel), Joseph From
Westenberger (Waren-, Rohprodukten- und Viehhandel), Hirsch Schmul Gundersheimer
(Kleinhandel und Mäkler), Süßmann Katz (Kleinhandel und Mäkler), Veilche,
Witwe des Salomon Abraham Hecht (Waren-, Produkten- und Viehhandel), Joseph
Mennlein Engel (Kleinhandel, Mäkler), Josel (Joseph) Schmul Kahn (Produkten-
und Viehhandel), Moises Schmul Kahn (Produkten- und Viehhandel), Moises Josel
Gärnter (Kleinhandel), Brendle, Witwe von Hirsch Jüdlein Strauss (Vieh- und
Kleinhandel), Josel Samuel Nußbaum (Mäkeln und Botengehen), Samuel Mendel Stern
(Viehhandel), Moses Oppenheimer (Warenhandel, seit 1821), Abraham Westenberger
(Tuch- und Wollenhandel), Kaufmann Oppenheimer (Metzgerei und Feldbau).
Schon auf
Grund der relativ hohen Zahl der jüdischen Gemeindeglieder war Mittelsinn die
Mittelpunktsgemeinde der jüdischen Gemeinden im Sinngrund. Seit Mitte des
19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner durch Aus- und
Abwanderung langsam zurück. Da auch die Zahl der nichtjüdischen Ortsbewohner
leicht zurückging, wurde erst im Jahr 1900 mit 152 jüdischen Einwohnern der
relativ höchste Bevölkerungsanteil (16,2 % von 938) erreicht (1910 120
jüdische Einwohner, d.h. 11,9 % von 1.012).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.),
seit 1870 eine
israelitische Konfessionsschule (Elementarschule im Synagogengebäude Gebäude
Fellenbergstraße 12) und ein rituelles Bad (am Auerbach, bis 1938 neben dem
Grundstück der alten Synagoge in der Auerbachstraße). Die Toten der Gemeinde wurden
im jüdischen Friedhof in Altengronau
beigesetzt. Zum Unterricht der Kinder und zur Besorgung religiöser Aufgaben
der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der teilweise zugleich als
Vorbeter und Schächter fungierte (vgl. Ausschreibungen des Stelle unten). Unter
den Lehrern erwarb sich der mindestens seit 1884 (vermutlich seit 1879) in
Mittelsinn tätige Hauptlehrer H. Strupp besondere Verdienste: 1914 wurde
ihm das Luitpoldkreis verliehen.
Die jüdische Konfessionsschule bestand bis 1924 und wurde in diesem Jahr wegen
Schülermangel geschlossen. 1931 wurde sie mit 12 Schülern wieder eröffnet. Als zu Beginn des Schuljahres 1936/37 den jüdischen Kindern in
Burgsinn der Besuch der allgemeinen Volksschule untersagt wurde, besuchten sie
auch die jüdische Schule in Mittelsinn, die damals sogar noch einmal (um eine
achte Klasse) erweitert werden musste.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Leopold Nußbaum
(geb. 10.3.1887 in Mittelsinn, vor 1914 in Lage, Lippe wohnhaft, gef.
30.7.1916), Salli Kahn (geb. 29.11.1897 in Mittelsinn, gef. 9.6.1917), Abraham
Rosenthal (geb. 21.8.1887 in Mittelsinn, gef. 24.7.1915). Außerdem ist
gefallen: Max Nußbaum (geb. 19.5.1881, vor 1914 in Nesselröden
wohnhaft, gef. 6.7.1917).
Um 1925, als 118 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (10,7 % von
insgesamt etwa 1.100 Einwohnern), waren die Vorsteher der jüdischen
Gemeinde Nathan Rosenthal, Max Kahn, Jakob Baumann, L. Heinemann und L. Strauß.
Als Lehrer war Raphael Adler in der Gemeinde tätig. Er erteilte (nach Schließung
der jüdischen Konfessionsschule 1924) nun noch 11 jüdischen Kindern den
Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen gab es den Wohltätigkeits-
und Bestattungsverein Chewre (1932 unter Leitung von Max Kahn). Die
jüdische Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Aschaffenburg. 1932 waren
die Gemeindevorsteher Markus Strauß und Leopold Strauß. Als Lehrer war
Siegfried Strauß tätig (auch noch bis 1938).
1933 lebten noch 105 jüdische Personen am Ort. Trotz der zunehmenden
Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verließen bis Anfang 1938
nur relativ wenige den Ort. Im März 1938 brachen nach dem "Anschluss"
Österreichs im Bereich von Gemünden antijüdische Unruhen aus: in Mittelsinn
wurden jüdische Geschäfte aufgebrochen, Fenster eingeschlagen, die Synagoge
teilweise verwüstet. Bald danach verließ die Mehrheit der jüdischen Einwohner
den Ort (etwa 70 Personen). Nach dem Novemberpogrom 1938, bei dem die Inneneinrichtung der Synagoge und die Ritualien völlig zerstört
und jüdische Wohnungen überfallen wurden, wanderten weitere elf jüdische Einwohner ab, insgesamt haben 1938 81
und 1939 7 jüdische Personen Mittelsinn verlassen. Ein Teil konnte auswandern,
die meisten verzogen jedoch innerhalb von Deutschland (61 nach Frankfurt, acht
nach Aschaffenburg, je drei nach Geroda und Homburg und sechs in vier andere
Städte). Bereits im April 1939 lebten keine jüdischen Personen mehr in Mittelsinn.
Von den in Mittelsinn geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berta Cohn geb. Kahn
(1884), Gitta Dillenberger geb. Gerson (1892), Mina Gerson geb. Gundersheimer
(1865), Sofie Gerson (1897), Berta (Babette) Goldschmidt geb. Schlesinger
(1867), Heinrich Grünbaum (1867), Rosa Gutmann geb. Schild (1887), Bessi Herz
geb. Gerson (1890), Max Herz (1886), Moses Herz (1885), Samuel Herz (1894),
Isidor Hirschhorn (1906), Cornelie Hofmann geb. Schloss (1863), Abraham Kahn
(1886), Arthur Kahn (1911), Berta Kahn geb. Gundesheimer (1890), David Kahn (1894),
Friedl Kahn (1929), Helene Kahn
geb. Rosenthal (1881), Isaak Kahn (1902 oder 1903), Josef Kahn (1878), Loeb Kahn
(1858), Maier Kahn (1891), Marta Kahn (1919), Max Kahn (1892), Minna Kahn geb.
Sommer (1866), Moses Kahn (1881), Moses Kahn III (1888), Paula Kahn geb. Berg (oder
Berk, 1897), Retta Kahn (1890), Selma Kahn geb. Mandelbaum (1898), Sofie Kahn
(1884), Sophie Kahn (1887), Susi Kahn (1931), Willi Kahn (1893), Benno Levy
(1897), Johanna Levy (ca. 1845), Josef Levy (1894), Max Levy (1883), Rosa (Rosel) Löwenthal geb. Baumann
(1902), Adolf Marx (1857), Minna
Marx (1892), Bella Neumann geb. Schaumburger (1889), Malchen Neumann (1887),
Adolf Nussbaum (1897), Elsa Nussbaum (1905), Josef Nussbaum
(1869), Karoline Nussbaum geb. Adler (1873), Karoline Nussbaum geb. Strauss
(1867), Leo Nussbaum (1903), Simon Samuel Nussbaum (1866), Fanni
Rosenthal geb. Friedmann (1881), Nathan Rosenthal (1880), Sara Dora Schlesinger
(1870), Hugo Schloss (1871), Babette Sichel (1880), Nathan Sichel (1873), Minna
Simon (1894), Bertha Simons geb.
Marx (1895), Dora Strauss (1923), Hedwig Strauss geb. Kahn (1894), Leopold
Strauss (geb. ?), Mina (Minnchen) Strauss geb. Baumann (1896), Siegfried Strauss
(1900), Willy Strauss (1902), Frida Strupp (1882), Karoline Victor geb.
Gundersheimer (1877), Elise Weil geb. Mayer (1861), Fanny Weinberg geb. Kahn
(1913).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1869 /
1872 / 1879 / 1924 / 1925
Anmerkung: aus den Ausschreibungstexten gehen auch die Namen
der jeweiligen Vorsteher der jüdischen Gemeinde hervor: um 1869 M. Hecht,
um 1872 Maier Marx, um 1877/79 Israel Herz, um 1924 Nathan Rosenthal. Dazu ist
aus den anderen Berichten (s.u.) bekannt: um 1891 G. Kahn, ab 1913: Markus Marx.
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1869:
"Die israelitische Elementarschulstelle, inklusive des Vorbeterdienstes
dahier, welche bei 24 Werktags- und 11 Feiertagsschülern ein reines
Einkommen von 350 Gulden gewährt und bei Übernahme der
Schächterfunktion und der Nebenverdienste noch ca. 150 Gulden einträgt,
ist zu besetzen.
Bewerber wollen bei den der israelitischen Gemeinde eingeräumten
Personalvorschlägen mir ihre Gesuche innerhalb 14 Tagen übermachen.
Mittelsinn bei Gemünden am Main, 26. Oktober 1869. M. Hecht,
Kultusvorsteher." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1872:
"Die israelitische Elementar- und Religionslehrerstelle, mit
Vorsängerdienst verbunden, ist in Erledigung gekommen. Mit derselben ist
ein fixer Gehalt von 250 Gulden nebst einer Prachtwohnung und 4 Klafter
Scheitholz verbunden, überdies Nebenverdienste sehr bedeutend.
Reflektierende bayrischen Staates mit musikalischen Kenntnissen belieben
sich an den unterzeichneten Kultusvorstand sofort zu werden.
Mittelsinn (in Bayern), den 4. Mai 1872. Maier Marx." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September
1879: "Die hiesige israelitische
Elementarlehrer-Stelle, nebst Vorsängerdienst soll sofort gegen den
fassionsmäßigen Betrag von Mk. 600, eingerichtete freie Wohnung und 12 Ster
Holz, wieder besetzt werden. Nebenverdienst ungefähr Mk. 150-200. Auch kann
solcher, wenn er es versehen kann, den Schächterdienst dahier mit übernehmen,
welcher auch über Mk. 100 abwirft. Bewerber hierum, haben sich sofort bei dem
Unterzeichneten, unter Beilegung ihrer erforderlichen Zeugnisse zu melden.
Der Kultusvorstand: Israel Herz, Mittelsinn (Unterfranken)."
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1924:
"Wir suchen zum sofortigen Eintritt einen tüchtigen, seminaristisch
gebildeten, streng-religiösen Religionslehrer, Kantor und Schochet.
Besoldung nach Gruppe 7 der Reichsbesoldungsordnung. Geräumige Wohnung
mit elektrischem Licht vorhanden.
Meldungen mit Zeugnisabschriften an: N. Rosenthal, Kultusvorstand,
Mittelsinn (Unterfranken). |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Februar 1925:
"Die Israelitische Kultusgemeinde Mittelsinn (Unterfranken) sucht per
sofort oder 1. April einen seminaristisch gebildeten religiösen Lehrer,
Kantor und Schochet. Gehalt nach den Bedingungen des Verbandes.
Bewerber wollen sich gefälligst unter Beifügung von Zeugnissen an Max
Kahn, II. Vorstand wenden." |
Kritik an einem frommen Kettenbrief durch Lehrer H. Strupp
(1913)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 2. Mai 1913: "Mittelsinn, im April (1913). Seit
einigen Wochen werden in hiesiger Gegend, und wohl auch in andern, viele
Leute durch eine Karte mit folgendem Inhalt beglückt:
'Ein altes Gebet. Allmächtiger Gott! Ich bitte Dich, die Menschheit zu
segnen; halte uns fern von allem Bösen, lasse uns mit Dir sein in aller Ewigkeit.
Amen.
Dieses Gebet wurde uns eingesandt und soll über die ganze Welt gehen.
Schreibet es ab und sendet es unsern Glaubensfreunden. - In alter Zeit
wurde gesagt, wer dieses Gebet schreibt, soll von allem Bösen befreit
sein. Man soll es in 7 Tagen an 9 Freunde versenden, so wird dem Versender
am 9. Tage Freude zuteil werden; Namen nicht unterschreiben, nur Datum, an
welchem Ihr es erhalten habt.'
Das ist der Inhalt der Karte. Man sollte es nicht für möglich halten,
dass nur irgendjemand auf diesen Blödsinn eingehen möchte. Dennoch
geschieht es. Von allen Seiten werden diese Karten verschickt.
Ich möchte die werten Leser dieser Zeitung auf das unwürdige Gebaren
aufmerksam machen, aber auch die Kollegen bitten, dem Unfuge, soweit ihnen
möglich ist, zu steuern. H. Strupp, Hauptlehrer."
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Luitpoldkreuz für Lehrer H. Strupp
(1914)
Besondere Verdienste scheint sich der Lehrer H. Strupp erworben zu haben. Am 13.
November 1914 meldete das "Frankfurter Israelitische Familienblatt":
"Mittelsinn (Unterfranken). Hauptlehrer H. Strupp wurde durch Verleihung
des Luitpoldkreuzes ausgezeichnet."
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Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Aufrufe und Bitten um Unterstützung von Armen in der Gemeinde 1877 / 1878 /
1891
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar 1877: "Aufruf!
In der hiesigen israelitischen Gemeinde, die ziemlich arme Familien hat, sind
zur Zeit eine alte, kranke und blinde Witwe, ferner zwei betagte Eheleute ohne
Mittel und Vermögen, von welchen beiden der Mann auch noch krank ist, dann noch
eine Familie mit Kindern, derart hilflos und bedrängt, dass die Hilfe der
hiesigen Israeliten nicht mehr genügt, auch nur den Hunger der bedrängten
Familien zu stillen, wie viel weniger von anderer Pflege und Hilfe die Rede sein
kann. Mögen darum edle und hochherzige Glaubensgenossen helfend und rettend
eingreifen und recht bald und reichlich spenden. Die eingehenden Spenden wollen
entweder an die Expedition des 'Israelit' oder an die Unterzeichneten befördert
werden.
Mittelsinn in Bayern, 8. Februar 1877. Israel Herz,
Kultusvorstand. H. Heimann, Lehrer".
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1878:
"Aufruf zur Unterstützung! Die Not trieb uns im vorigen Jahre, an
den oft und immer erprobten Wohltätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen -
Barmherzige, Söhne von Barmherzigen - zu appellieren, für die
vielen in unserer Gemeinde in größter Not und Dürftigkeit lebenden
Familien geeigneteste Unterstützung zu erbitten. Die Hilfe der
wohlhabenden Familien hier reicht nicht aus, auch nur die notwendigsten
Bedürfnisse zu befriedigen. Mögen edelmütige Herzen uns auch in diesem
Jahre wieder helfend zur Seite stehen, die Beklagenswerten vor Hunger zu
schützen. Des Himmels Segen und das angenehme Bewusstsein, Wohltätigkeit
geübt zu haben, wird die edlen Geber lohnen. Israel Herz,
Kultusvorstand, in Mittelsinn (Bayern)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Februar 1891: "Edle
Glaubensgenossen! Eine brave, ordentliche Familie ist durch hartes,
schweres Unglück, das sie wiederholt betroffen, sehr heruntergekommen und
steht der Ruin derselben bevor, wenn nicht schnell Hilfe geschafft wird.
Die hiesige Gemeinde tut ihr Möglichstes, um die größte Not von der
Familie (11 Personen) abzuwenden. Um derselben jedoch eine Existenz wieder
zu gründen, wenden sich die Unterzeichneten an das bekannte Erbarmen von
Israel und bitten: Edle Menschenfreunde wollen gütigst Sammlungen
veranstalten und das Ergebnis an den unterzeichneten Vorstand oder an die
Expedition dieses Blattes senden. Gott selbst wird den Lohn geben.
Über die eingelaufenen Spenden wird öffentlich quittiert.
Mittelsinn (Bayerisch Unterfranken). H. Strupp, Lehrer, G. Kahn,
Kultusvorstand.
Vorstehender Bitte schließt sich wärmstes an: Simon Bamberger,
Distriktsrabbiner in Aschaffenburg." |
Markus Marx wurde zum Kultusvorstand gewählt (1913)
Meldung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. November
1913: "Mittelsinn. Markus Marx ist zum Kultusvorstand gewählt
worden." |
Berichte zu einzelnen Personen in der
Gemeinde
Zum Tod des frommen Kaufmanns und Gemeindevorstehers Israel Herz
1897
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Januar 1897: "Mittelsinn
(Bayern), 7. Schewat. Schweres Leid ist über die hiesige israelitische Gemeinde
gekommen. Der überall beliebte, allerseits verehrte Israel Herz weilt nicht
mehr unter den Lebenden. Am Mittwoch Morgen besuchte er - wie er es Tag für Tag
zu tun pflegte - die Synagoge. Hier wurde er von einem Schlaganfall betroffen,
welchem er noch in der Nacht erlag. Sein Name als Wohltäter und Förderer guter
Werke ist weit bekannt.
Talmidei Chochamim (Gelehrte) zu unterstützen, Arme zu speisen, edle Taten
auszuüben, war seine größte Freude. Darum liebte und achtete ihn jedermann.
Lange Jahre war er Vorstand der Gemeinde und Mitglied der politischen
Gemeindeverwaltung. Trotzdem er als Kaufmann Tag für Tag vielfach beschäftigt
war, so suchte er morgens oder abends und besonders am Schabbat Tora zu
lernen. Gerne weilte er bei frommen und gelehrten Männern, um Worte der Tora zu
hören und sein Leben danach einzurichten. Einem jeden war er Freund und
Berater. Darum empfindet ein Jeder auch den Verlust des Dahingeschiedenen. Das
bekundete sich bei seiner Lewija (Beerdigung). Die hiesige Gemeinde,
viele Leute aus der Umgegend, die Herren Lehrer der protestantischen und
katholischen Schule, der Bürgermeister, die Gendarmerie und Andere erwiesen dem
Verstorbenen die letzte Ehre. Am Grabe sprach Lehrer Strupp und gab dem Schmerze
beredten Ausdruck. - Möge der Schöpfer den trauernden Hinterbliebenen den
lindernden Balsam des Trostes ins Herz legen, und der edle Charakter des
Verstorbenen sei uns stets ein leuchtendes Vorbild zur Festhaltung an unserer
heiligen Tora." |
Zum Tod des aus Mittelsinn stammenden Samuel Marx (gestorben in Miltenberg 1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1927: "Miltenberg,
20. Mai (1927). Am vergangenen Sonntag wurde Samuel Marx unter starker
Anteilnahme der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung zu Grabe
geleitet. Der Verstorbene, der ein Alter von 72 Jahren erreichte,
entstammte einer guten jüdischen Familie aus Mittelsinn und kam
schon in jungen Jahren hierher, wo er Zeit seines Lebens die Ideale des
überlieferten Judentums hochhielt. Am Grabe zeichnete Herr Lehrer Heß
ein Lebensbild des Dahingeschiedenen, dankte im Namen der Kultusgemeinde
dem treuen Mitglied und langjährigen Vorstand für die erwiesenen Dienste
und richtete herzliche Trostworte an die Hinterbliebenen. Sodann nahm Herr
Hauptlehrer Gundersheimer - Brückenau im Namen der Verwandten in innigen
Worten von dem geliebten Oheim Abschied. Ein treues Andenken wird dem
Verblichenen hier stets bewahrt bleiben. Seine Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens." |
Markus Strauß wird als Gemeindevorstand wiedergewählt
- Israel Gundersheimer feiert den 80. Geburtstag - Löb Kahn feiert den 76.
Geburtstag (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1934:
"Mittelsinn, 3. Dezember (1934). Bei der am 25. dieses Monats
stattgefundenen Gemeindewahl wurde der seitherige Vorstand, Herr Markus
Strauß, wiedergewählt. - Am 26. dieses Monats feierte das älteste
Gemeindemitglied unserer Gemeinde, Israel Gundersheimer, seinen 82.
Geburtstag. Derselbe erfreut sich seltener Rüstigkeit und besucht
täglich seinen Gottesdienst. Ferner feiert am 7. Dezember unser Mitglied Löb
Kahn seinen 76. Geburtstag. Möge ihm in unserer Gemeinde ein schöner
Lebensabend beschieden sein. (Alles Gute) bis 120
Jahre." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Verlobungsanzeige von Ludwig Stein und Bertel geb.
Rosental (1936)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1936: "Gott
sei gepriesen. Bertel Rosenthal - Ludwig Stein. Verlobte. Mittelsinn
Unterfranken - Markt Berolzheim / Mittelfranken -
Thüngen." |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine ältere Synagoge stand in der früheren Brunnenstraße am Auerbach
(heute: Auerbachstraße) auf einem ehemals dem Juliusspital gehörenden Grundstück.
Sie bestand mindestens seit 1744. In den 1860er-Jahren sollte die Synagoge
renoviert werden. Die jüdische Gemeinde sammelte hierfür Gelder und konnte
eine Kollekte in umliegenden Gemeinde durchführen. Das Geld reichte jedoch
nicht zur Reparatur aus. Schließlich setzte ein starker Wolkenbruch 1867 dem
Gebäude derart zu, dass es aufgegeben wurde.
1868 erwarb die Gemeinde ein ehemaliges Forsthaus und wollte es zu einer Synagoge
umbauen. Manche Hürden waren bis zur Bauausführung zu überwinden - ab Sommer
1870 konnte schließlich gebaut werden. Am Wochenende des 20.-22. Oktober 1871
war die Einweihung der Synagoge. Im Synagogengebäude
befanden sich neben der Synagoge auch Räume der Schule mit der Lehrerwohnung (Fellenbergstraße 12).
Über einzelne Gottesdienste und Veranstaltungen in der Synagoge in Mittelsinn
gibt es nur wenige Berichte. Aus dem Jahr 1884 liegt ein solcher über eine
Montefiore-Feier mit Festgottesdienst vor:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. November 1884:
"Mittelsinn. (Unterfranken). 8. Cheschwan (= 27. Oktober 1884). Nach
dem in diesem geschätzten Blatte aufgestellten Programme fand heute
Nachmittag für die Montefiore-Feier Festgottesdienst in der hiesigen
Synagoge statt. Die Festrede hielt Herr Lehrer Strupp, in welcher er Sir
Moses Montefiore mit Abraham verglich, der die schützende Heimat
verlassen, die Beschwerden der Reise nicht scheute, hinauszog und Altäre
für Gott erbaute und so ein Segen für die Menschheit wurde. - Indem
Redner noch die hervorragendsten Taten des edlen Jubilars hervorhob, wies
er am Schlusse seiner Rede daraufhin, dass dieser seltene Mann stets den
Grundsatz bewährte ... den Wandel in Gottes Wegen. Mit dem Gebete: der
Allmächtige möge diesem Edlen noch viele Jahre hinzufügen, schloss die
würdige und erhebende Feier."
zu Sir Moses Montefiore
vgl. Wikipedia-Artikel |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der
Synagoge und die Ritualien völlig zerstört. Auch der Gebäudeteil, in dem sich
die Synagoge befand, wurde schwer beschädigt.
Nach 1945 blieb vom Synagogengebäude im Bereich der ehemaligen Synagoge
nur ein Mauerrest erhalten; der Bereich der ehemaligen Schule mit der
Lehrerwohnung blieb großenteils erhalten (Gebäude Fellenbergstraße 12). Der gesamte Komplex ist jedoch völlig neu gestaltet. An
Stelle der Synagoge wurde ein Wohnhaus erstellt (Fellenbergstraße 14).
Am Gebäude gegenüber ist eine Gedenktafel mit folgendem Text
angebracht: "Gegenüber stand einstmals die Synagoge der jüdischen
Gemeinde Mittelsinn. Zur Erinnerung und Mahnung".
Adresse/Standort der Synagoge: Fellenbergstraße
14 (frühere "Judengasse")
Fotos
Das Synagogengebäude
(Quelle: Website
der Gemeinde Burgsinn) |
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Das
Synagogengebäude im Jahr 1931; der Betsaal war im rechten Gebäudeteil;
im linken war die jüdische Schule und die Lehrerwohnung |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 368-369. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 92. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 515-516. |
 | Leonhard Scherg: Jüdisches
Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag
Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). S. 35-36 |
 | Hildegard Krämer: Beiträge zur jüdischen
Geschichte in Mittelsinn in der Website der Gemeinde Burgsinn:
Jüdisches
Leben in Mittelsinn und Die
Synagoge in Mittelsinn |
 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 94-95.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Mittelsinn Lower Franconia.
The community was probably founded in the early 18th century and numbered 162 in
1869 (total 1.033), thereafter declining to 105 in 1933. The community
maintained a synagogue and a Jewish public school. In riots following the
Austrian Anschluss (13 March 1938), the synagogue and Jewish stores were
damaged. Most of the Jews (88) left soonafter, 61 of them moving to Frankfurt.

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