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Allendorf (Lumda) (Kreis
Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Allendorf bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1942. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Bereits im 16. Jahrhundert lebten Juden am Ort: in den
1540er-Jahren ließ sich in Griedel die
Familie des Josef aus Allendorf an der Lumda nieder. 1770 gab es sechs jüdische Familien am Ort. Eine selbständige
jüdische Gemeinde bestand seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert
wie folgt: 1825 65 jüdische Einwohner, 1861 70 (6,0 % von insgesamt 1.157
Einwohnern), 1880 84 (7,5 % von 1.120), 1895 91 (8,1 % von 1.120), 1900
81, 1905 86 (7,6 % von 1.125), 1910 73 (6,2 % von 1.177). Unter den jüdischen
Gewerbetreibenden gab es vor allem Viehhändler, Getreidehändler und
Manufakturwarenhändler. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es
mehrere für das wirtschaftliche Leben in der Stadt wichtige jüdische
Handlungen und Läden.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. 1889 wurde die Stelle gemeinsam mit der
Gemeinde Treis a.d. Lumda ausgeschrieben (siehe Anzeige unten), 1891 erfolgt die
Ausschreibung allein für Allendorf. Die Gemeinde gehörte zum
Liberalen Provinzialrabbinat in Gießen.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Felix Spier (geb.
23.5.1895 in Leidenhofen, gest. an der Kriegsverletzung 9.3.1919). Außerdem
sind gefallen: Sally Weinberg (geb. 31.12.1896 in Allendorf a.d. Lumda, vor 1914
in Gießen wohnhaft, gef. 21.3.1917) und Max Stiebel (geb. 15.7.1893 in
Allendorf a.d. Lumda, vor 1914 in Grevenbroich wohnhaft, gef. 21.11.1916).
Um 1924, als 57 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,75 % von etwa 1.200
Einwohner), waren die Vorsteher der Gemeinde L. Liebermann, M. Rosengarten und
F. Grünewald. Als Schochet war Lazarus Liebermann tätig. Den
Religionsunterricht der damals sieben jüdischen Kinder erteilte Lehrer Plaut.
Anmerkung: möglicherweise war nach Lehrer Plaut noch ein Lehrer Ascher Mai
tätig; Arnsberg II S. 148 berichtet in der Darstellung zu Nordeck,
allerdings ohne konkrete Jahresangabe: "als Vorbeter kam Ascher Mai aus
Allendorf".
1933 wurden noch 55 jüdische Einwohner am Ort gezählt (4,0 % von 1.362
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits im November 1933
brüstete sich die Stadt damit, dass der traditionelle Vieh- und Krämermarkt,
der Nikelsmarkt, als erster "judenfreier Markt" abgehalten werden
würde. Zwischen 1935 und 1942 konnten 12 Personen in die USA emigrieren, zwei
nach Südamerika, je eine Person nach Holland und Palästina. Andere verzogen
innerhalb von Deutschland. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
der (bereits verkauften) Synagoge völlig zerstört; gleichfalls wurden die
Wohnungen jüdischer Familien zerstört (siehe Bericht unten). 1939 wurden noch
30 jüdische Einwohner gezählt. 1942 wurden die noch in Allendorf verblieben 26
letzten jüdischen Einwohner deportiert. Die jüdischen Einwohner waren zur
Deportation auf der Marktstraße zusammengetrieben worden.
Von den in geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", verglichen mit den Angaben nach Heimatgeschichtlicher Wegweiser s.Lit.): Ida
Bauer geb. Joseph (1889), Hermann Glück (1887), Lina (Lilly) Glück geb. Fuld
(1891), Arthur Grünewald (1908), Lilli Grünewald geb. Simon (1909), Anni Isenberg (1924), Gustine
Isenberg geb. Kugelmann (1889), Moritz Isenberg (1888), Ruth Isenberg (1922),
Rosa Jonas geb. Stiebel (1881), Karoline Joseph geb. Weinberg (1857), Emma Levi
geb. Stiebel (1877), Anna
Manela geb. Körper (1895), Heinz Manela (1930), Martin Manela (1928), Siegbert
Manela (1926), Adele Marburger geb. Spier (1897), Margot Mildenberg (1924),
Minna Mildenberg geb. Spier (1893), Johanna Plaut (1906), Rosa Plaut geb.
Stiebel (1879), Emma Pulfer geb. Joseph (1890), Adolf Reinberg (1884), Rosa
Reinberg (1863), Minna Rosenbaum geb. Liebermann (1867), Arthur Rosengarten (1901),
Julie Rosengarten geb. Joseph (1868), Max Rosengarten (1878),
Sette (Setta, Settchen) Rosengarten geb. Grünewald (1871), Lina (Mina)
Rothschild geb. Weinberg (1868), Gerd Schloss (1930), Clara (Klara)
Schloss geb. Rosengarten (1903), Walter Schloss (1900), Berta Simon geb. Stiebel
(1895), Johanna Simon geb. Joseph (1882), Flora Stiebel (1883), Betty Strauß
geb. Preuß (1892), Abraham Weinberg (1863), Betty Weinberg geb. Simon (1884), Fritz Weinberg
(1910), Hedwig Weinberg (1919), Hermann Weinberg (1874), Hermann (Herz) Weinberg
(1874), Hilde Weinberg geb. Striebel (1889), Jakob
Weinberg (1883), Jette (Jettchen) Weinberg geb. Schwalm (1877), Julius Weinberg
(1901).
Die Recherche zu Allendorf ist bei Yad Vashem mit großen Schwierigkeiten
verbunden, da zwischen den "Allendorfs" (u.a. Allendorf/Eder, Bad
Sooden-Allendorf, Stadtallendorf) nicht ausreichend differenziert
wird.
Auf dem jüdischen Friedhof erinnert seit Juli 1988 ein Gedenkstein
mit einer Bronzetafel an die frühere jüdische Gemeinde und ihre
Mitglieder.
Bei Abraham Weinberg handelt es sich um den langjährigen Lehrer der
jüdischen Gemeinde in Bürgel, der 1942 mit
seiner Frau in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde, wo er umgekommen ist
(seine Frau überlebte Theresienstadt und wandert nach 1945 in die USA aus).
.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1889 / 1891
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1889:
"Durch Versetzung unseres Lehrers ist die Stelle als Religionslehrer,
Vorbeter und Schochet pr. sofort wieder zu besetzen. Gehalt 750 Mark nebst
freier Wohnung.
Treis a. L. und Allendorf, 9. Juni 1889.
Der Vorstand
Markus Hammerschlag. Simon Liebermann". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1891:
"Die hiesige Lehrer-, Chasan- und Schochetstelle ist baldigst zu
besetzen. Fixes Gehalt 750 Mark nebst freier Wohnung und ca. 200 Mark
Nebeneinkünfte. Demjenigen, welcher die Stelle erhält, werden die
Reisekosten vergütet. Gefällige Offerten sind an den Unterzeichneten
einzureichen. Allendorf a.d. Lumda. Der Vorstand Simon Liebermann." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1891: "Die
Gemeinde Allendorf an der Lumda sucht einen seminaristisch gebildeten
Lehrer (ledig) zum sofortigen Eintritt. Fixes Gehalt 7-800 Mark nebst
freier Wohnung und ca. 200 Mark Nebenverdienste. Bewerber wollen sich
gefälligst an den Unterzeichneten wenden.
Der Vorstand: Simon Liebermann." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Antisemitischer Vorfall 1890
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. September 1890:
"In Allendorf an der Lumda, Station Lollar, einem Ort von 1.300
Einwohnern, fanden sämtliche jüdische Familien in dem Weißbrot, welches
die Juden dort am Sonnabend essen, unter der Kruste ca. 10 Stück
abgeschnittene Streichholzköpfchen. Kaufmann Stern aus Nordeck hat die
Sache der Staatsanwaltschaft angezeigt. Der Ort gehört zum Wahlkreis
Pickenbachs und wird fortwährend von antisemitischen Agitatoren
durchzogen." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. September 1890:
"Aus Oberhessen, Mitte September (1890). Als praktische Folge der
antisemitischen Hetze wird der 'Freis. Zeitung' berichtet, dass in
Allendorf an der Lumda, Station Lollar, einem Ort von 1.300 Einwohnern,
sämtliche jüdische Familien in ihrem 'Berges', Weißbrot, welches die
Juden dort am Sonnabend essen, unter der Kruste respektive unter dem
geflochtenen Berges ca. 10 Stück abgeschnittene Streichholzköpfchen
fanden. Kaufmann Stern aus Nordeck hat die Sache der Staatsanwaltschaft
angezeigt. Der Ort gehört zum Wahlkreis Pickenbachs und wird fortwährend
von antisemitischen Agitatoren durchzogen." |
Bildung eines gemeinsamen Verbandes "Jeschurun" (1905)
Mitteilung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April 1905:
"Am 26. vorigen Monats wurde aus den Synagogengemeinden Londorf,
Allendorf a.L., Treis a. L.
und Nordeck ein Verband gebildet, der
bezweckt, die idealen Interessen des Judentums zu fördern, und zwar durch
Verbreitung der jüdischen Geschichte und Literatur, durch die Pflege der
Geselligkeit in den einzelnen Gemeinden und durch die Ausübung der
werktätigen Nächstenliebe. Der Verband führt den Namen 'Jeschurun'." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Goldene Hochzeit von Joseph Stiebel und Frau (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. November 1929:
"Allendorf a. Lumda bei Gießen, 15. November (1929). Am Dienstag,
den 12. November, feierte hier Herr Joseph Stiebel und Frau das Fest der
goldenen Hochzeit. Von fern und nahe waren Verwandte und Freunde
herbeigeeilt, um an dieser seltenen Feier frohen Anteil zu nehmen. Auch
viele andersgläubige Bewohner des Städtchens, unter ihnen der
Stadtpfarrer nebst Gemahlin, bekundeten dem Jubelpaare ihre freudige
Teilnahme. Die Hauptfeier, an der fast alle Gemeindemitglieder teilnahmen,
fand in der Synagoge statt, bei der der Schwager und Bruder des greisen
Ehepaares, Herr Rabbiner Dr. Rosenberg, Berlin, eine Ansprache hielt, auf
die Bedeutung des Tages hinwies und Gottes ferneren Segen auf es
herabflehte. Bei heiterem Festmahl fand dann die Feier im Hause bis in die
späten Nachtstunden ihre Fortsetzung. Möge es dem Jubelpaare, das sich
voller geistiger und körperlicher Gesundheit erfreut, mit Gottes Hilfe
vergönnt sein, auch die diamantene Hochzeit in gleich freudiger Weise zu
begehen." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal oder eine erste Synagoge
vorhanden. Eine (neue) Synagoge wurden 1844 erbaut beziehungsweise in
einem gekauften Gebäude eingerichtet. Im Gebäude waren vermutlich auch die
Religionsschule und die Lehrerwohnung untergebracht. Beim Synagogengebäude
handelte es sich um ein zweigeschossiges Fachwerkhaus.
Bis 1938 diente die Synagoge als Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Allendorf.
Noch vor dem Novemberpogrom 1938 wurde das Gebäude verkauft. Dennoch
wurde beim Novemberpogrom die Inneneinrichtung völlig zerstört.
Über die Vorkommnisse beim Novemberpogrom 1938
liegt folgender Bericht eines Beteiligten vor (zitiert nach
Heimatgeschichtlicher Wegweiser s.Lit. S. 28-29): "Zu Hause angekommen,
erfuhr ich, dass die gesamte Einrichtung und alle sakralen Gegenstände der
hiesigen Synagoge auf die Straße geworfen worden waren. Anschließend brachten
Gemeindebedienstete diese zum Sportplatz, um sie öffentlich zu verbrennen...
Nachdem das Feuer abgebrannt war, erhielten und ich drei weitere SA-Leute vom
Ortsgruppenleiter den Befehl, den örtlichen Juden einen Denkzettel zu
verpassen, an den sie ihr Leben lang denken sollten. Wir rüsteten uns im
Gasthaus Zinner mit Äxten aus und drangen in die Häuser der jüdischen
Familien Stiebel, Glück, Miltenberg, Flora Stiebel, Grünewald, Rosengarten,
Isenberg und Weinberg ein. Ich sagte den anwesenden Juden, sie sollten sich in
die Küche zurückziehen und sich ruhig verhalten. Ihnen persönlich werde nicht
geschehen. Ebenso wurde ihnen zugesagt, dass die Kücheneinrichtungen unversehrt
bleiben würde. Wir zertrümmerten die Einrichtungsgegenstände, schlitzten die
Betten auf und schlugen die Fensterscheiden ein. Im Wohnhaus der Familie Stiebel
zerstörten wir eine große Anzahl Fotoapparate, die in zwei Koffern verpackt
waren und als Startkapital zum Aufbau einer neuen Existenz in Amerika dienen
sollten. Ein größerer Teil der Allendorfer Bürger sag unserem Tun zu, und zum
Teil unterstützten sie uns mit Beifallskundgebungen. Anschließend holten sich
manche Einwohner Gegenstände und Lebensmittel unberechtigterweise aus den
beschädigten jüdischen Häusern."
Die Synagoge wurde vom neuen Besitzer in ein Wohnhaus umgebaut. Seit 1982
befindet sich neben der Eingangstüre eine Gedenktafel. Damals erfolgte
ein Umbau des Gebäudes, verbunden mit einer Instandsetzung des Fachwerks.
Adresse/Standort der Synagoge: Nordecker
Straße 3.
Fotos
(Quelle: links Altaras 1988 S. 80; rechts Stephan
Tscherny aus der Website der Stadt Allendorf an der Lumda)
| Das Gebäude der ehemaligen
Synagoge nach 1945 |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
(März 1985) |
Das ehemalige
Synagogengebäude
(2002) |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 26-27. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 80. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 68-69. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 28-29. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 67-68.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Allendorf
an der Lumda Hesse. Established around 1838, the community
numbered 91 (8 % of the total) in 1895. On Kristallnacht (9-10 November
1938) Jewish property was destroyed and by 1939 the Jews had mostly emigrated or
settled elsewhere. The remaining 20 werde deported in 1942.

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