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Allendorf (Lumda) (Kreis
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Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Allendorf bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1942. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Bereits im 16. Jahrhundert lebten Juden am Ort: in den
1540er-Jahren ließ sich in Griedel die
Familie des Josef aus Allendorf an der Lumda nieder. 1627 liegt eine weitere
Erwähnung von Juden in Allendorf vor (Quelle: Hess. StaatsA XI 2 Konv. 4 fol.
3 nach Bodenheimer s.u. S. 256). 1770 gab es sechs jüdische Familien am Ort. Eine selbständige
jüdische Gemeinde bestand seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert
wie folgt: 1825 65 jüdische Einwohner, 1861 70 (6,0 % von insgesamt 1.157
Einwohnern), 1880 84 (7,5 % von 1.120), 1895 91 (8,1 % von 1.120), 1900
81, 1905 86 (7,6 % von 1.125), 1910 73 (6,2 % von 1.177). Unter den jüdischen
Gewerbetreibenden gab es vor allem Viehhändler, Getreidehändler und
Manufakturwarenhändler. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es
mehrere für das wirtschaftliche Leben in der Stadt wichtige jüdische
Handlungen und Läden.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad und ein
Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der teilweise zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. 1889 wurde die Stelle gemeinsam mit der
Gemeinde Treis a.d. Lumda ausgeschrieben (siehe Anzeige unten). 1891 erfolgte die
Ausschreibung allein für Allendorf. Unter den Lehrern wird um 1893 J. David
genannt, dazu als Kantor M. Weinberg; von 1894 bis zu seinem Tod 1917 war
Lehrer Marcus (Markus) Isenberg in Allendorf (siehe unten).
Die Gemeinde gehörte zum
Liberalen Provinzialrabbinat in Gießen.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Felix Spier (geb.
23.5.1895 in Leidenhofen, gest. an der Kriegsverletzung 9.3.1919). Außerdem
sind gefallen: Sally Weinberg (geb. 31.12.1896 in Allendorf a.d. Lumda, vor 1914
in Gießen wohnhaft, gef. 21.3.1917) und Max Stiebel (geb. 15.7.1893 in
Allendorf a.d. Lumda, vor 1914 in Grevenbroich wohnhaft, gef. 21.11.1916). Für
den Kriegseinsatz ausgezeichnet wurden: Bankbeamter Ludwig Isenberg (Sohn des
Lehrers Markus Isenberg), Unteroffizier der Reserve in Infanterieregiment Nr.
88, verwundet, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz und der Hessischen
Tapferkeitsmedaille ("Israelitisches Familienblatt" vom 16. September 1915 S.
4); Heinrich Wolf, ausgezeichnet mit der Hessischen Tapferkeitsmedaille (siehe
Mitteilung unten von 1916); Musketier Max Joseph (Sohn des Moses Joseph),
ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II sowie mit der Hessischen
Tapferkeitsmedaille ("Israelitisches Familienblatt" vom 18.7.1918).
Um 1924, als 57 jüdische Einwohner gezählt wurden (4,75 % von etwa 1.200
Einwohner), waren die Vorsteher der Gemeinde L. Liebermann, M. Rosengarten und
F. Grünewald. Als Schochet war Lazarus Liebermann tätig. Den
Religionsunterricht der damals sieben jüdischen Kinder erteilte Lehrer Plaut.
Anmerkung: möglicherweise war nach Lehrer Plaut noch ein Lehrer Ascher Mai
tätig; Arnsberg II S. 148 berichtet in der Darstellung zu Nordeck,
allerdings ohne konkrete Jahresangabe: "als Vorbeter kam Ascher Mai aus
Allendorf".
1933 wurden noch 55 jüdische Einwohner am Ort gezählt (4,0 % von 1.362
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits im November 1933
brüstete sich die Stadt damit, dass der traditionelle Vieh- und Krämermarkt,
der Nikelsmarkt, als erster "judenfreier Markt" abgehalten werden
würde. Zwischen 1935 und 1942 konnten 12 Personen in die USA emigrieren, zwei
nach Südamerika, je eine Person nach Holland und Palästina. Andere verzogen
innerhalb von Deutschland. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
der (bereits verkauften) Synagoge völlig zerstört; gleichfalls wurden die
Wohnungen jüdischer Familien zerstört (siehe Bericht unten). 1939 wurden noch
30 jüdische Einwohner gezählt. Am 14. September 1942 wurden die noch in Allendorf verblieben
27
letzten jüdischen Einwohner deportiert. Die jüdischen Einwohner waren zur
Deportation auf der Marktstraße zusammengetrieben worden. Sie wurden nach
Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz deportiert und ermordet.
Hinweis: eingestellt ist die 1962 vom Bürgermeisteramt Allendorf an der Lumda
für den International Tracing Service (Internationaler Suchdienst) in Arolsen
erstellte Liste der 1933 in Allendorf lebenden jüdischen Personen und ihrer
weiteren Geschichte:
Liste
aus Allendorf an der Lumda (pdf-Datei mit 61 Namen).
Von den in geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", verglichen mit den Angaben nach Heimatgeschichtlicher Wegweiser s.Lit.): Ida
Bauer geb. Joseph (1889), Hermann Glück (1887), Lina (Lilly) Glück geb. Fuld
(1891), Arthur Grünewald (1908), Lilli Grünewald geb. Simon (1909), Anni Isenberg (1924), Gustine
Isenberg geb. Kugelmann (1889), Moritz Isenberg (1888), Ruth Isenberg (1922),
Rosa Jonas geb. Stiebel (1881), Karoline Joseph geb. Weinberg (1857), Emma Levi
geb. Stiebel (1877), Anna
Manela geb. Körper (1895), Heinz Manela (1930), Martin Manela (1928), Siegbert
Manela (1926), Adele Marburger geb. Spier (1897), Margot Mildenberg (1924),
Minna Mildenberg geb. Spier (1893), Johanna Plaut (1906), Rosa Plaut geb.
Stiebel (1879), Emma Pulfer geb. Joseph (1890), Adolf Reinberg (1884), Rosa
Reinberg (1863), Minna Rosenbaum geb. Liebermann (1867), Arthur Rosengarten (1901),
Julie Rosengarten geb. Joseph (1868), Max Rosengarten (1878),
Sette (Setta, Settchen) Rosengarten geb. Grünewald (1871), Lina (Mina)
Rothschild geb. Weinberg (1868), Gerd Schloss (1930), Clara (Klara)
Schloss geb. Rosengarten (1903), Walter Schloss (1900), Berta Simon geb. Stiebel
(1895), Johanna Simon geb. Joseph (1882), Flora Stiebel (1883), Betty Strauß
geb. Preuß (1892), Abraham Weinberg (1863), Betty Weinberg geb. Simon (1884), Fritz Weinberg
(1910), Hedwig Weinberg (1919), Hermann Weinberg (1874), Hermann (Herz) Weinberg
(1874), Hilde Weinberg geb. Striebel (1889), Jakob
Weinberg (1883), Jette (Jettchen) Weinberg geb. Schwalm (1877), Julius Weinberg
(1901).
Die Recherche zu Allendorf ist bei Yad Vashem mit großen Schwierigkeiten
verbunden, da zwischen den "Allendorfs" (u.a. Allendorf/Eder, Bad
Sooden-Allendorf, Stadtallendorf) nicht ausreichend differenziert
wird.
Auf dem jüdischen Friedhof erinnert seit Juli 1988 ein Gedenkstein
mit einer Bronzetafel an die frühere jüdische Gemeinde und ihre
Mitglieder. Zu den 2014/15 aufgestellten Gedenktafeln am Rosenplatz siehe
unter "Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte"
Bei Abraham Weinberg handelt es sich um den langjährigen Lehrer der
jüdischen Gemeinde in Bürgel, der 1942 mit
seiner Frau in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde, wo er umgekommen ist
(seine Frau überlebte Theresienstadt und wandert nach 1945 in die USA aus).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers / Vorbeters / Schochet 1889 / 1891 / 1894
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1889:
"Durch Versetzung unseres Lehrers ist die Stelle als Religionslehrer,
Vorbeter und Schochet pr. sofort wieder zu besetzen. Gehalt 750 Mark nebst
freier Wohnung.
Treis a. L. und Allendorf, 9. Juni 1889.
Der Vorstand
Markus Hammerschlag. Simon Liebermann". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1891:
"Die hiesige Lehrer-, Chasan- und Schochetstelle ist baldigst zu
besetzen. Fixes Gehalt 750 Mark nebst freier Wohnung und ca. 200 Mark
Nebeneinkünfte. Demjenigen, welcher die Stelle erhält, werden die
Reisekosten vergütet. Gefällige Offerten sind an den Unterzeichneten
einzureichen. Allendorf a.d. Lumda. Der Vorstand Simon Liebermann." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1891: "Die
Gemeinde Allendorf an der Lumda sucht einen seminaristisch gebildeten
Lehrer (ledig) zum sofortigen Eintritt. Fixes Gehalt 7-800 Mark nebst
freier Wohnung und ca. 200 Mark Nebenverdienste. Bewerber wollen sich
gefälligst an den Unterzeichneten wenden.
Der Vorstand: Simon Liebermann." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Jeschurun" vom 12. Januar 1894: "Die hiesige
Religionslehrer- und Vorbeterstelle ist bis zum 1. April zu besetzen.
Verheiratete bevorzugt. Gehalt 750 Mark freie Wohnung, Mark 200
Nebeneinkünfte.
Der Vorstand Simon Liebermann,
Allendorf a.d. Lumda (Bezirk Kassel)." |
Anzeige von Lehrer Marcus (Markus)
Isenberg (1905, Lehrer in Allendorf von 1894 bis zu seinem Tod 1917)
Anmerkung: es handelt sich um Lehrer
Marcus Isenberg, geboren am 19. Februar 1854 in
Buchenau als Sohn des
Handelsmannes Löser Isenberg in Buchenau und seiner Frau Nanny geb.
Bergenthal. Marcus Isenberg war seit 1884 (Marburg) verheiratet mit
Ernestine geb. Haas (geb. 28. November 1854 in
Hofgeismar). Zum Zeitpunkt seiner
Heirat 1884 war er (nach dem Heiratsregister Marburg) als Lehrer in
Westerburg tätig. Hier war er
mindestens bis 1888, da am 11. Januar 1888 der Sohn Moritz Isenberg
in Westerburg geboren ist (Quelle für die genealogischen Angaben:
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I476351&lang=de).
Der andere Sohn Arnold Isenberg ist am 28. August 1891 in Regenwalde
(bei Stettin, Westpommern, heute Resko) geboren, wohin Marcus Isenberg um
1890 als Lehrer wechselte: das "Statistische Jahrbuch des
Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" 1893 S. 10 (und 1894 S. 11) nennt "M.
Isenberg" als damaligen Lehrer in Regenwalde. Lange blieb er dort nicht, da
er sich 1894 auf die in Allendorf an der Lumda ausgeschriebene
Lehrerstelle bewarb (s.o.). Die Zeitschrift "Jeschurun" meldet am 12.
Oktober 1894 S. 642 unter Personalien: "Versetzt: ... Isenberg von
Regenwalde nach Allendorf a.d. Lumda". Erstmals wird im Statistischen
Jahrbuch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes 1895 S. 82 Marcus
Isenberg als Lehrer in Allendorf genannt. Noch bis in die Zeit des Ersten
Weltkrieges war Marcus Isenberg Lehrer in Allendorf. Er starb ebd. am 28.
September 1917 und wurde im jüdischen
Friedhof in Allendorf beigesetzt. Seine Frau Ernestine geb. Haas starb
am 14. Mai 1938. Ihr Grab ist gleichfalls im
jüdischen Friedhof Allendorf a.d.
Lumda (mit Foto des Grabsteines).
Sohn Ludwig wird 1915 als Bankbeamter genannt; im Krieg war er
Unteroffizier der Reserve in Infanterieregiment Nr. 88. Er wurde mehrfach
für seinen Kriegseinsatz ausgezeichnet (siehe oben). Zu Ludwig liegen keine
weiteren Informationen vor, nicht genannt in der Familiendatenbank (Link
oben).
Sohn Moritz war wohnhaft in Allendorf a.d. Lumda. Er heiratete 1920
in Wohra Gustine geb. Kugelmann (geb. 23.
August 1889 in Wohra als Tochter vom
Salomon Kugelmann und seiner Frau Rosa geb. Katzenstein
https://www.online-ofb.de/famreport.php?ofb=juden_nw&ID=I406014&lang=de)
Sohn Arnold wird 1916/1920 als Kaufmann in Allendorf a.d. Lumda
genannt. Im Ersten Weltkrieg kam er in englische Kriegsgefangenschaft und
war von Juli 1916 bis Mai 1919 in einem Kriegsgefangenenlager in Schottland (siehe
unten). Er studierte (wann?) am Lehrerseminar in Hannover und war nach dem
Studium als Lehrer tätig (seit 1927/28 in Salzwedel, genannt u.a. in "Der
Jugendbund" vom Juni 1931 S. 20 und "Führer durch die israelitische
Gemeindeverwaltung" 1932/33 zu Salzwedel; ab März 1938 Lehrer, Kantor und
Schochet in der jüdischen Gemeinde Lüdenscheid [Historisches Handbuch der
jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. 2021 Artikel zu
Lüdenscheid. S. 544]; 1939 im Waisenhaus Wilhelmspflege in
Esslingen, danach
Rexingen).
Moritz und Arnold Isenberg wurden - mit weiteren Angehörigen - in der
NS-Zeit nach Deportation ermordet (vgl. Gedenkbuch Bundesarchiv).
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. März 1905: "Junger Mann, welcher zu
Ostern seine 3-jährige Lehrzeit in einem Engros-Geschäft beendet und in
Kontorarbeit gut ausgebildet, sucht Stelle als angehender Kommis
gleich welche Branche. Derselbe besuchte die Realschule bis Untersekunda und
während seiner Lehrzeit die Handelsschule. Offerten an
Lehrer Isenberg in Allendorf a. d. Lumda." |
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| Zum
Tod von Lehrer Marcus (Markus) Isenberg (1917)
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 18. Oktober 1917: "Nachruf.
Am 28. September dieses Jahres ist uns der seit dem Jahre 1894 in unseren
Gemeinden tätig gewesene
Lehrer Markus Isenburg
durch einen jähen Tod entrissen worden. In 23jähriger, treuer
Pflichterfüllung hat der Verblichene in der Schule und im Gotteshause für
uns als ein leuchtendes Vorbild gewirkt und auch außerhalb seiner
beruflichen Tätigkeit stand er einem Jeden mit Rat und Tat zur Seite. Sein
Andenken werden wir stets in hohen Ehren halten.
Der Vorstand der israelitischen Gemeinden Allendorf an der Lumda und Treis
(Hessen)." |
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Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 18. Oktober 1917: "Trauer-Anzeige.
Am 12. Tischri wurde uns mein lieber Mann, unser lieber Vater,
Marcus Isenberg,
Lehrer und Kantor, nach vierwöchentlicher Krankheit im Alter von 64 Jahren
durch einen sanften Tod entrissen.
Die trauernden Hinterbliebenen, in deren Namen
Frau Ernestine Isenberg, geb. Haas." |
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| Anmerkung: Im "Israelitischen
Familienblatt" vom 22. November 1934 S. 16 wird zum 28. November 1934
Ernestine Isenberg Wwe. geb. Haas zum 80. Geburtstag gratuliert. |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Allgemeiner Bericht zur Entstehung der
jüdischen Gemeinde in Allendorf im Dreißigjährigen Krieg (Bericht von 1932)
Anmerkung: Abschnitt aus dem Beitrag von Rosy Bodenheimer: Beitrag zur
Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis is zur
Emanzipation 2. Teil. in "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in
Deutschland 4 1932 Heft 1 S. 12). Zu Ludwig V. (1577-1626:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_V._(Hessen-Darmstadt)
Artikel
in der "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" 4 1932 Heft
1 S. 12: "Unter Ludwig V. setzt nun unter den hessischen Juden eine
Wanderbewegung ein, die sie von den Dörfern weg in die Städte führte. Die
Unsicherheit der Kriegszeiten zwingt sie, die als Juden auf dem flachen
Lande wohl besonders der Rohheit der Soldaten ausgeliefert waren, in den
Städten ihre Zuflucht zu nehmen. Nach Allendorf a. d. Lumda, nach
Alsfeld, nach
Butzbach sind sie erst im Kriege
gekommen (vorher hat es dort keine dauernd ansässigen Juden gegeben). In
Schotten, wo vorher ein Jude mit seiner
Familie wohnte, leben jetzt 15, in
Homberg a. d. O. haben sie sich vermehrt, in
Gießen ist ihre Zahl auf 23 Familien
angewachsen (Anm. 42). Für Gießen lässt es sich nachweisen, dass die
neuen Einwanderer fast alle aus der näheren Umgebung stammen, dass es sich
also um eine Wanderung geringen Ausmaßes handelt..."
42) Hess. Staatsarch. XI, 2. Konv. 4, fol. 1—21 ff. (Bürgermeister und Rat
wie auch die Bürgerschaft zu Gießen .... usw.)" |
Antisemitischer Vorfall 1890
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. September 1890:
"In Allendorf an der Lumda, Station Lollar, einem Ort von 1.300
Einwohnern, fanden sämtliche jüdische Familien in dem Weißbrot, welches
die Juden dort am Sonnabend essen, unter der Kruste ca. 10 Stück
abgeschnittene Streichholzköpfchen. Kaufmann Stern aus Nordeck hat die
Sache der Staatsanwaltschaft angezeigt. Der Ort gehört zum Wahlkreis
Pickenbachs und wird fortwährend von antisemitischen Agitatoren
durchzogen." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. September 1890:
"Aus Oberhessen, Mitte September (1890). Als praktische Folge der
antisemitischen Hetze wird der 'Freis. Zeitung' berichtet, dass in
Allendorf an der Lumda, Station Lollar, einem Ort von 1.300 Einwohnern,
sämtliche jüdische Familien in ihrem 'Berges', Weißbrot, welches die
Juden dort am Sonnabend essen, unter der Kruste respektive unter dem
geflochtenen Berges ca. 10 Stück abgeschnittene Streichholzköpfchen
fanden. Kaufmann Stern aus Nordeck hat die Sache der Staatsanwaltschaft
angezeigt. Der Ort gehört zum Wahlkreis Pickenbachs und wird fortwährend
von antisemitischen Agitatoren durchzogen." |
Bildung eines gemeinsamen Verbandes "Jeschurun" (1905)
Mitteilung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April 1905:
"Am 26. vorigen Monats wurde aus den Synagogengemeinden Londorf,
Allendorf a.L., Treis a. L.
und Nordeck ein Verband gebildet, der
bezweckt, die idealen Interessen des Judentums zu fördern, und zwar durch
Verbreitung der jüdischen Geschichte und Literatur, durch die Pflege der
Geselligkeit in den einzelnen Gemeinden und durch die Ausübung der
werktätigen Nächstenliebe. Der Verband führt den Namen 'Jeschurun'." |
Maßnahmen gegen den Wiegemeister in
Londorf wegen geschäftlichen Beziehungen zu Max Rosengarten in Allendorf (1935)
Artikel in "Die neue Welt" vom 11. Oktober 1935: "Der 'Grüneberger Anzeiger'
(Oberhessen) berichtet aus Londorf, dass
der Gemeindevorsteher folgendes bestimmt habe: '1. Der seitherige
Wiegemeister wird seines Amtes enthoben, weil er seine geschäftlichen
Beziehungen zu dem Juden Max Rosengarten (Allendorf) nicht
abbrechen konnte. Als neuer Wiegemeister wird Parteigenosse Ernst Boeger
ernannt. 2. Die Benutzung der Gemeindeviehwaage wird den Juden und
den Judenknechten untersagt. 3. Jedem Landwirt und Kleintierzüchter,
welcher mit Juden verkehrt und handelt, steht das Gemeindefaselvieh (=
Zuchttiere wie Farren/Bullen und Eber) nicht mehr zur Verfügung. 4.
Sämtliche Handwerker und Betriebe, welche mit Juden Geschäfte treiben,
werden bei Vergebung von Gemeindearbeiten ausgeschlossen. 5. Die
Gemeinde-Backhäuser und -Bleichen dürfen nur von deutschen Volksgenossen
benutzt werden. Jedem wird es zur Pflicht gemacht, Verstöße gegen
vorstehende Anordnungen der Bürgermeisterei zu melden."
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Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Aus dem Ersten Weltkrieg - Heinrich
Wolf und Arnold Isenberg gerieten in englische Gefangenschaft (1916)
Anmerkung: zu Arnold Isenberg, Sohn von Lehrer Marcus Isenberg siehe oben.
Mitteilung
im "Israelitischen Familienblatt" vom 3. August 1916: "Allendorf a.d.
Lumda. Dem Wehrmann Heinrich Wolf, Unteroffizier im
Infanterieregiment 186, wurde die Hessische Tapferkeitsmedaille verliehen
und dem Vater nebst der Mitteilung, dass sein Sohn seit dem 2. Juli vermisst
sei, von dem Kompagniefeldwebel zugesandt. Dieser Tage nun schrieb der
Kaufmann Arnold Isenberg, Sohn des israelitischen Lehrers dahier, der
demselben Regiment angehörte und ebenfalls vermisst wurde, aus Schottland,
dass er mit Wolf sich in englischer Gefangenschaft befinde." |
Goldene Hochzeit von Joseph Stiebel und Frieda geb.
Rosenberg (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. November 1929:
"Allendorf a. Lumda bei Gießen, 15. November (1929). Am Dienstag,
den 12. November, feierte hier Herr Joseph Stiebel und Frau das Fest der
goldenen Hochzeit. Von fern und nahe waren Verwandte und Freunde
herbeigeeilt, um an dieser seltenen Feier frohen Anteil zu nehmen. Auch
viele andersgläubige Bewohner des Städtchens, unter ihnen der
Stadtpfarrer nebst Gemahlin, bekundeten dem Jubelpaare ihre freudige
Teilnahme. Die Hauptfeier, an der fast alle Gemeindemitglieder teilnahmen,
fand in der Synagoge statt, bei der der Schwager und Bruder des greisen
Ehepaares, Herr Rabbiner Dr. Rosenberg, Berlin, eine Ansprache hielt, auf
die Bedeutung des Tages hinwies und Gottes ferneren Segen auf es
herabflehte. Bei heiterem Festmahl fand dann die Feier im Hause bis in die
späten Nachtstunden ihre Fortsetzung. Möge es dem Jubelpaare, das sich
voller geistiger und körperlicher Gesundheit erfreut, mit Gottes Hilfe
vergönnt sein, auch die diamantene Hochzeit in gleich freudiger Weise zu
begehen." |
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| Ergänzende Dokumente zu
Familie Joseph Stiebel und seiner Frau Frieda geb. Rosenberg (aus LAGIS,
siehe Links unten) sowie zur Tochter Lina (Karolina) verh. Töpfer:
|
Urkunde
zur Eheschließung (am 11. November 1879) des Handelsmannes Joseph Stiebel (geb. 20.
Januar 1856 in Allendorf an der Lumda als Sohn des verstorbenen
Handelsmannes Meier Stiebel und seiner Ehefrau Fehre geb. Berlin) mit
Frieda geb. Rosenberg (geb. 23. Mai 1852 in
Rosenthal als Tochter des Handelsmannes
Jacob Rosenberg und seiner Ehefrau Betti geb. Kaschmann).
|
Rechts: Sterbeurkunden für
Frieda Stiebel geb. Rosenberg (gest. 30. Oktober 1936 in Allendorf an
der Lumda) und für Joseph Siebel (gest. am 19. Dezember 1938 in
Allendorf an der Lumda Die Todesanzeige ist bei Frieda Stiebel
unterschrieben von ihrem Mann Joseph Stiebel, bei ihm von seiner Tochter
Flora Stiebel (geb. 1883, umgekommen nach der Deportation).
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Links
Geburtsurkunde für die Tochter Karolina des Ehepaares Viehhändler
Joseph Stiebel und seiner Frau Frieda geb. Rosenberg: Karolina ist geboren
am 8. Januar 1885. |
Rechts: Seite zur
Erinnerung an die Lebensgeschichte von Lina (Karolina) Töpfer geb.
Stiebel verwitwete Hösch, Seite aus Coburg:
https://www.stadtgeschichte-coburg.de/Startseite/archiv/j-juedische-frauen-toepfer.aspx/2061_view-1482/.
Lina war verheiratet mit dem nichtjüdischen Robert Töpfer,
städtischer Angestellter in Coburg. Sie hatte zwei Söhne aus erster Ehe,
einen aus zweiter Ehe. Zwei ihrer Söhne waren in der NS-Zeit in
Zwangsarbeitslagern, zwei ihrer Schwester kamen im KZ um. Auf Grund ihrer
"Mischehe" wurde sie nicht deportiert. Im Juli 1945 versuchte sie, in Coburg
ein Textilgeschäft zu eröffnen, das sie jedoch 1940 aufgeben musste. Sie war
gesundheitlich schwer angeschlagen. Sie starb 1974. |
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Das Ehepaar Joseph Stiebel und
Frieda geb. Rosenberg hatten außer Karolina noch sechs weitere Kinder:
1. Rosa (geb. 22. Oktober 1881 in Allendorf): später verheiratet mit
Julius Jonas, wohnhaft später in Londorf und Frankfurt; 1942 deportiert ab
Darmstadt in das Ghetto Theresienstadt, 1944 ermordet in Auschwitz.
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de?id=888998; im
Archiv Theresienstadt
https://www.holocaust.cz/en/database-of-victims/victim/17378-rosa-jonas/
2. Fanni beziehungsweise Flora (geb. 8. August 1883 in
Allendorf): blieb unverheiratet und wohnte in Allendorf; 1942 deportiert ab
Darmstadt, ermordet vermutlich im Vernichtungslager Treblinka.
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de?id=977775
nach 3. Karolina (siehe oben):
4. Johanna (geb. 3. März 1887 in Allendorf).
5. Blanka (geb. 28. März 1891 in Allendorf).
6. Franziska geb. 15. Juli 1893 in Allendorf).
7. Max (geb. 15. Juli 1893 in Allendorf): er lebte später in
Grevenbroich und ist im Ersten Weltkrieg am 16. November 1916 gefallen (vgl.
http://www.judentum-grevenbroich.de/resources/11-2014+Stattblat+-++Julius+Stern+eine+Frontkämpferbiographie.pdf).
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Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von M. Rosengarten (1921)
Anmerkung: die Anzeige wurde von Max
Rosengarten aufgegeben. Dieser ist am 25. April 1878 in Herbede (NRW)
geboren. Er war verheiratet mit Settchen geb. Grünewald, die am 19. Juni
1871 in Allendorf geboren ist. Die beiden hatten drei Kinder: Arthur
(geb. 1901 in Allendorf), Klara (geb. 1903 in Allendorf, für sie ist die
Anzeige geschrieben, da sie 1921 18 Jahre alt war; später verheiratet mit Walter
Schloss) und Fritz Fred Rosengarten (siehe unten).
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 14. Juli 1921: "Für meine Tochter,
18 Jahre,
groß und kräftig, in allen Hausarbeiten schon erfahren. suche ich in
rituellem Haushalt zwecks weiterer Ausbildung
passende Stelle
bei Familienanschluss.
M. Rosengarten, Allendorf a. Lumda, Kreis Gießen." |
Hochzeitsanzeige von Alfred Raphael
und Hedwig geb. Stiebel (1937)
Anzeige
in "Jüdische Rundschau" vom 8. Januar 1937:
"Alfred Raphael - Hedwig Raphael geb. Stiebel
Vermählte
Tel Aviv Rechov Ben Jehuda 150 - Tel Aviv
- Allendorf an der Lumda
Januar 1937" |
Verlobungsanzeige von Elly Friedel
de Jonge und Fritz Rosengarten (1938)
Anmerkung: Fritz Rosengarten ist am 31. August 1902 in Allendorf geboren. Frieda
(Elly Friedel) Rosengarten geb. De Jonge ist am 12. Januar 1908 in Weener
geboren als Tochter von Benjamin Cosse de Jonge und seiner Frau Sara geb. de
Levie (beide wurden in Auschwitz ermordet). Fritz und Frieda Rosengarten konnten
in der NS-Zeit nach England emigrieren, wo sich Fritz Rosengarten nun Fred
Rosengarten nannte. Er starb am 16. Februar 1979 in London und wurde im Bushey
Jewish Cemetery in Bushey, Watford Borough, Hertfordshire GB beigesetzt. Seine
Frau starb am 13. September 1988 und wurde ebd. beigesetzt.
Genealogische Informationen:
https://www.geni.com/people/Frieda-Rosengarten/6000000027275280300 und
https://www.geni.com/people/Fritz-Fred-Rosengarten/6000000210295731880
Vgl. zu den Gräbern
https://de.findagrave.com/memorial/256038771/fritz_fred-rosengarten und
https://de.findagrave.com/memorial/256038900/frieda-rosengarten
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im "Israelitischen Familienblatt" vom 7. April 1938:
"Elly Friedel de Jonge - Fritz Rosengarten
Verlobte
Frankfurt am Main Bornheimer Landwehr 85 -
Frankfurt am Main Böhmerstraße 7,I
Weener (Ostfriesland) Hafen 26
- Allendorf a.d. Lumda
April 1938
|
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal oder eine erste Synagoge
vorhanden. Eine (neue) Synagoge wurden 1844 erbaut beziehungsweise in
einem gekauften Gebäude eingerichtet. Im Gebäude waren vermutlich auch die
Religionsschule und die Lehrerwohnung untergebracht. Beim Synagogengebäude
handelte es sich um ein zweigeschossiges Fachwerkhaus.
Bis 1938 diente die Synagoge als Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Allendorf.
Noch vor dem Novemberpogrom 1938 wurde das Gebäude verkauft. Dennoch
wurde beim Novemberpogrom die Inneneinrichtung völlig zerstört.
Über die Vorkommnisse beim Novemberpogrom 1938
liegt folgender Bericht eines Beteiligten vor (zitiert nach
Heimatgeschichtlicher Wegweiser s.Lit. S. 28-29): "Zu Hause angekommen,
erfuhr ich, dass die gesamte Einrichtung und alle sakralen Gegenstände der
hiesigen Synagoge auf die Straße geworfen worden waren. Anschließend brachten
Gemeindebedienstete diese zum Sportplatz, um sie öffentlich zu verbrennen...
Nachdem das Feuer abgebrannt war, erhielten und ich drei weitere SA-Leute vom
Ortsgruppenleiter den Befehl, den örtlichen Juden einen Denkzettel zu
verpassen, an den sie ihr Leben lang denken sollten. Wir rüsteten uns im
Gasthaus Zinner mit Äxten aus und drangen in die Häuser der jüdischen
Familien Stiebel, Glück, Miltenberg, Flora Stiebel, Grünewald, Rosengarten,
Isenberg und Weinberg ein. Ich sagte den anwesenden Juden, sie sollten sich in
die Küche zurückziehen und sich ruhig verhalten. Ihnen persönlich werde nicht
geschehen. Ebenso wurde ihnen zugesagt, dass die Kücheneinrichtungen unversehrt
bleiben würde. Wir zertrümmerten die Einrichtungsgegenstände, schlitzten die
Betten auf und schlugen die Fensterscheiden ein. Im Wohnhaus der Familie Stiebel
zerstörten wir eine große Anzahl Fotoapparate, die in zwei Koffern verpackt
waren und als Startkapital zum Aufbau einer neuen Existenz in Amerika dienen
sollten. Ein größerer Teil der Allendorfer Bürger sag unserem Tun zu, und zum
Teil unterstützten sie uns mit Beifallskundgebungen. Anschließend holten sich
manche Einwohner Gegenstände und Lebensmittel unberechtigterweise aus den
beschädigten jüdischen Häusern."
Die Synagoge wurde vom neuen Besitzer in ein Wohnhaus umgebaut. Seit 1982
befindet sich neben der Eingangstüre eine Gedenktafel. Damals erfolgte
ein Umbau des Gebäudes, verbunden mit einer Instandsetzung des Fachwerks.
Adresse/Standort der Synagoge: Nordecker
Straße 3.
Fotos
(Quelle: links Altaras 1988 S. 80; rechts Stephan
Tscherny aus der Website der Stadt Allendorf an der Lumda)
Das Gebäude der ehemaligen
Synagoge
nach 1945 |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
(März 1985) |
Das ehemalige
Synagogengebäude
(2002) |
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| 2014/2015:
Gedenktafeln zur Erinnerung an die jüdische
Gemeinde und die Opfer der NS-Zeit werden aufgestellt |
| Anmerkung: im September 2014 wurden auf dem
Rosenplatz Gedenkstelen für die 27 Allendorfer Juden aufgestellt, die am
14. September 1942 in Vernichtungslager deportiert und dort ermordet
wurden. Im September 2015 wurde zusätzlich eine Tafel aufgestellt, die
über das jüdische Leben in Allendorf/Lumda informiert. |
Artikel in der "Gießener
Allgemeinen" vom 15. September 2014: "Gedenkstelen in
Allendorf am Rosenplatz eingeweiht"
Link
zum Artikel |
Artikel in der "Gießener
Allgemeinen" vom 16. September 2015: "Infotafel über
jüdisches Leben in Allendorf/Lumda eingeweiht"
Link
zum Artikel (von hier aus auch Links zu weiteren Presseartikeln
in der "Gießener Allgemeinen"
2013-2015). |
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2019:
Publikation zur jüdischen Familiengeschichte ist erschienen
|
Artikel von Markus Bender in der "Gießener
Allgemeinen" vom 26. Juni 2019: " Einst Teil der Gemeinschaft.
Die Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte hat in Kooperation mit der
evangelischen Kirchengemeinde das 'Familienbuch der Juden in Allendorf an
der Lumda' herausgegeben.
ALLENDORF/LDA - In Allendorf müsse es eine größere jüdische Gemeinde
gegeben haben, vermutete die Offenbacherin Christine Hühn von der
Vereinigung für Hessische Familiengeschichte im Zusammenhang mit den
Arbeiten am Ortsfamilienbuch Allendorf an der Lumda. Sie begann, die Daten
gesondert auszuwerten. Mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft
Heimatgeschichte Allendorf/Lda. nutzte sie dabei unter anderem die von der
früheren Bürgermeisterei geführten Judenmatrikel im Zeitraum 1822 bis 1875.
Herausgekommen ist am Ende das 'Familienbuch der Juden in Allendorf an der
Lumda', das die Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte und die evangelische
Kirchengemeinde gemeinsam herausgegeben haben und das erst vor wenigen
Wochen frisch aus der Druckpresse kam.
Werner Heibertshausen, der stellvertretende Vorsitzende der
Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte, erläuterte die Hintergründe: 'Die Idee
entstand, insbesondere Daten für diese Bevölkerungsgruppe weiter
aufzuarbeiten und den überlebenden Nachkommen des Holocausts in einem
separaten Band verfügbar zu machen.' Heibertshausen weiter: 'Es wurden die
Allendorfer Einträge mit den Datenbanken 'Yad Vashem' und dem 'Gedenkbuch
Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 bis 1942' abgeglichen.'
Zeichen setzen. Man wolle mit dem Band für die jüdischen Mitbürger
und Familien, 'die einst Teil unserer Gemeinschaft und hier beheimatet
waren', ein deutliches Zeichen setzen, formulierte er in seinem Beitrag zu
Beginn des Buches. Das unvorstellbare Unrecht sei nicht wieder gut zu
machen. Doch könne durch die Aufarbeitung der Geschichte ein Weg zu einer
gemeinsamen Zukunft geöffnet werden. In dem etwa fingerdicken Buch werden
die Namen jüdischer Menschen mit verwandtschaftlichen Beziehungen, Geburts-
und Todesdatum und Sterbeort aufgeführt. Das letzte Drittel des kleinen
Werkes enthält aktuellere und historische Fotos, unter anderem von der
Synagoge 1948, mehrerer 'Judenhäuser', vom Viehhändler Max Stiebel oder vom
jüdischen Friedhof. Auf einer beiliegenden CD sind Fotos der Grabsteine auf
dem jüdischen Friedhof jeweils mit Vorder- und Rückseite, also mit deutscher
und hebräischer Beschriftung abgelichtet. Heibertshausen, der die Bilder
erstellt hat, erklärte, dass man auf diese Weise die teilweise verwitterten
Beschriftungen vergrößern und wesentlich besser entziffern könne.
Erinnerung bewahren. Bürgermeister Thomas Benz erklärte, dass man mit
diesem Familienbuch die Erinnerung bewahre und der jüdischen Bevölkerung
Allendorfs ein Gesicht gebe. Extremismus, egal in welcher Form, dürfe nicht
toleriert werden. Er sei überzeugt, dass in Allendorf Toleranz und Respekt
gegenüber anderen Religionen, sexueller Orientierung und anderen Kulturen
vorherrsche, das habe man in der Vergangenheit bewiesen. Die Vorsitzende des
Kulturausschusses, Brigitte Heilmann, sagte, man könne nicht beurteilen, ob
ein Teil der Bevölkerung in Allendorf das Böse nicht habe sehen und die
Untaten der Nazis nicht habe wahrhaben wollen. Auch seien dem Zweiten
Weltkrieg Jahre des 'weitgehenden Schweigens und Verdrängens der Verbrechen'
gefolgt. Sie erinnert in ihrem Beitrag daran, dass 2014 auf dem Rosenplatz
sechs Natursteinstelen zum Gedenken der deportierten Menschen errichtet
wurden. 2015 wurde der Platz zudem mit einer Informationstafel versehen.
Pfarrer Stefan Schröder findet in seinem Vorwort zum Buch klare Worte: '1933
gelang es auch infolge antisemitischer Hetze, Boykottmaßnahmen und
judenfeindlicher Gesetze, die jüdischen Familien ihrer Existenzgrundlagen zu
berauben, (...) zu vertreiben und (...) in die Todeslager zu deportieren und
zu ermorden.' Seit dieser Zeit sei jüdisches Leben in Allendorf erloschen.
Das Buch ist bei der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf
erhältlich."
Link zum Artikel |
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Links und Literatur
Links:
Quellen:
Bei LAGIS finden sich Standesregister der Gemeinde Allendorf an
der Lumda. Bei den Einträgen finden sich auch die jüdischen Geburten, Trauungen,
Sterbefälle aus Allendorf. Online einsehbar sind sie über die Suchfunktion bei
LAGIS
unter "Allendorf an der Lumda"
https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsearch/page/1/sn/hadis?q=Allendorf+an+der+Lumda:
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1938-1945 (HStAM
Best. 905 Nr. 39)
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1896-1905 (HStAM Best. 905
Nr. 35)
- Allendorf an der Lumda, Heiratsnebenregister, 1896-1905 (HStAM Best. 905
Nr. 31)
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1926-1938 (HStAM Best. 905
Nr. 38)
- Allendorf an der Lumda, Heiratsnebenregister, 1906-1925 (HStAM Best. 905
Nr. 32)
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1876-1895 (HStAM Best. 905
Nr. 34)
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1906-1925 (HStAM Best. 905
Nr. 36)
- Allendorf an der Lumda, Geburtsnebenregister, 1876-1895 (HStAM Best. 905
Nr. 29)
- Allendorf an der Lumda, Heiratsnebenregister, 1876-1895 (HStAM Best. 905
Nr. 30)
- Allendorf an der Lumda, Heiratsnebenregister, 1876-1912 (HStAM Best. 905
Nr. 33)
- Allendorf an der Lumda, Sterbenebenregister, 1876-1912 (HStAM Best. 905
Nr. 37).
Literatur:
 | Rosy Bodenheimer: Beitrag zur Geschichte der Juden
in Oberhessen. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland.
3. 1931. S. 256 (für 1627). |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 26-27. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 80. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 68-69. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 28-29. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 67-68. |
 | Christine Hühn: Familienbuch der Juden in
Allendorf an der Lumda. 2019. (vgl. Presseartikel oben) |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Allendorf
an der Lumda Hesse. Established around 1838, the community
numbered 91 (8 % of the total) in 1895. On Kristallnacht (9-10 November
1938) Jewish property was destroyed and by 1939 the Jews had mostly emigrated or
settled elsewhere. The remaining 20 werde deported in 1942.

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