Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Aschenhausen (VG Hoher Röhn, Kreis Schmalkalden-Meiningen)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Aschenhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit um 1700 zurück. Erstmals wurden 1695 Juden am Ort durch die Ortsherrschaft (Adelsgeschlecht von Speßhardt) aufgenommen, darunter Feibel Katz, der Gründer der Familie Katzenstein. Nach wenigen Jahren konnte ein jüdischer Friedhof angelegt werden. 1717 wird erstmals ein jüdischer Lehrer am Ort (Simon) angestellt. 
  
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ließen sich weitere Juden nieder, die die Begründer von jüdischen Familien waren, die über mehrere Jahrzehnte am Ort leben sollten. Die Familien lebten vom Handel mit Vieh und Waren aller Art. Ihre Zahl nahm im 18. Jahrhundert ständig zu: um 1800 lebten 113 Juden neben 134 Christen in Aschenhausen. 1821 hatten die Familien feste Familiennamen anzunehmen. In einem Abgabenverzeichnis von 1834 werden an Namen genannt: Nußbaum (sechs Namen), Sachs, Oppenheimer, Richheimer, Katzenstein (fünf Namen), Grünstein, Kahn, Schmidt, Schwed, Frühauf, Rosenblatt, Stern, Friedmann (zwei Namen), Westheim, Grünbaum, Weck. 
  
In den 1840er-Jahren wurden, nachdem die alte abgebrannt ist,  eine neue Synagoge (s.u.), ein jüdisches Schulhaus und eine Lehrerwohnung erbaut. Die Gemeinde gehörte zum Landrabbinat Sachsen-Weimar-Eisenach (mit Sitz in Eisenach). Bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts war ein jüdischer Friedhof am Ort vorhanden.
   
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Aus- und Abwanderung der jüdischen Bevölkerung. 1848 war die Höchstzahl jüdischer Einwohner mit 50 Familien erreicht worden (die Hälfte der Gesamtbevölkerung). Ab 1850 setzte sich der Ortsbeirat von Aschenhausen aus drei jüdischen und drei christlichen Vertretern zusammen. Der stellbetretende Bürgermeister war bis 1918 immer ein jüdisches Gemeindeglied. Auf Grund der starken Abwanderung - vor allem in die Städte Meiningen und Eisenach - lebten 1929 nur noch 10 ältere jüdische Personen in Aschenhausen. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Sally Schwed (geb. 12.1.1895 in Aschenhausen, vor 1914 in Karlsruhe wohnhaft, gef. 20.7.1916).  
   
1933
gab es noch drei jüdische Familien in Aschenhausen. 

Die 1942 in Aschenhausen noch lebenden Juden wurden nach Theresienstadt deportiert und sind umgekommen: Adolf Kahn, Abraham Katzenstein, Regina und Rosalie Richheimer, Kathi Schwed und Hannchen Weiß.  
   
Von den in Aschenhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Babette Berkowitz geb. Richheimer (1864), Flora Bienes geb. Nussbaum (1885), Jettchen Bienes geb. Grünstein (1882), Frida Engelbrecht geb. Schwed (1889), Samuel Friedmann (1879), Therese Goldschmidt geb. Katzenstein (1869), Henriette (Jettchen) Gutmann geb. Katzenstein (1879), Adolf Kahn (1870), Bernhard Kahn (1869), Siegmund Kahn (1877), Ida Katzenstein (1855), Ida Katzenstein geb. Grünstein (1860), Jacob Katzenstein (1878), Moritz Katzenstein (1860), Jenny Marx geb. Illfeld (1888), Rosa Nussbaum (1856), Frida Plaut geb. Katzenstein (1891), Regina Richheimer (1871), Rosalie Richheimer (1873), Frieda Scheuer geb. Katzenstein (1883), Rudi Salli (Sally) Schiff (1923), Sofie Schild geb. Katzenstein (1895), Isaak Schmidt (1871), Jakob Schmidt (1861), Julius Schmidt (1866), Moritz Schmidt (1874), Sally Schmidt (1905), Kathi Schwed (1885), Rosa Schwed (1887), Betty Silbermann geb. Schmidt (1883), Gutta (Jutta) Stern geb. Schwed (1890), Franziska Strauß geb. Katzenstein (1862), Karl (Kusel) Westheimer (1881).         
     
     
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
 
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde   

Zum Tod von Babette Richheimer (1936)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1936: "Tiefenort an der Werra, 28. Februar (1936). Im 94. Jahre stehend, wurde heute Frau Babette Richheimer in Aschenhausen (Rhön) zur letzten Ruhe gebracht. Sie war eine fromme Frau im wahrsten Sinne des Wortes. Eine noch unverheiratete Tochter, die die Mutter lange gepflegt hatte, ging ihr vorigen Freitag im Tode voraus. Frau Richheimer war bis zu ihrem Ende geistig vollkommen rüstig. - Die Gemeinde Aschenhausen, die früher sehr groß war, ist leider eine sterbende Gemeinde. Der Friedhof, der sehr schön liegt, ist ziemlich alt. Sie besitzt noch eine schöne Synagoge. U."   


     

         
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war vermutlich ein Betsaal in einer der jüdischen Wohnungen eingerichtet. 1738 wurde ein Pferdestall an der Nordseite des Schlosses zu einer ersten Synagoge umgebaut. Dafür war der Ortsherrschaft eine jährlich Gebühr von 2 Talern Miete pro Gemeindemitglied zu bezahlen. 

Am 30. April 1841 brannte die Synagoge ab. Das in der Nähe stehende Backhaus war in Flammen aufgegangen, wodurch auch mehrere benachbarte Gebäude, unter anderem die jüdische Schule mit der Lehrerwohnung zerstört worden waren. In mehreren überregionalen Zeitungen erschien Ende Juni /Anfang Juli 1841 dazu folgender Bericht und Aufruf:

Aschenhausen AZJ 26061841.jpg (153449 Byte) Aschenhausen Israelit19Jh 04071841.jpg (169861 Byte) Aschenhausen.  Gesuch und Aufruf. Der Mittag des 30. April (1841) war vorüber. Die meisten männlichen Bewohner unserer Gemeinde waren auswärts. Da stand plötzlich unser Backhaus in hellen Flammen. Schon nach wenigen Minuten, ehe noch Hilfe möglich war, hatte der scharf wehende Ostwind den flackernden Brand unserer Synagoge, unserer Schule mitgeteilt. Es geschah alles, was angestrengte Tätigkeit der Ortsbewohner, was von nah und fern herbeieilende Hilfe, bei dem Wassermangel, an dem wir leiden, zu leisten vermochten; ach, dem ungeachtet sanken unsere Synagoge, unser Schulhaus, die Wohnungen zwei unserer Glaubensgenossen, zwei Scheuern und das Wohnhaus eines christlichen Bewohners in Asche. Fast nichts konnte gerettet werden; doch wir denken dem, der den Elementen gebietet, dass wir den Verlust keines Menschenlebens zu beklagen haben. Aber unsere Gemeinde ist sehr arm, und leider sind sämtliche Gemeindegebäude, welche abbrannten, nach Landesgesetz nur mit 286 Talern in der Assekuranz versichert. 
Wie soll es also ermöglicht werden, unsere Synagoge wieder aufzurichten, dem wackern Lehrer unserer Kinder ein neues Obdach zur Fortsetzung seines segenbringenden Berufes zu schaffen, und unsere um Hab und Gut gekommenen Glaubensgenossen in ihrer Not aufzuhelfen, wenn wir nicht die Mildtätigkeit unserer näher und ferner wohnenden Brüder in Anspruch nehmen. An Sie wenden wir uns daher in unserer tiefen Bedrängnis, und gewiss bitten wir nicht vergebens um Beinstand; denn noch belebt warmes Mitgefühl bei fremdem Schmerz die Brust der Söhne Israels, noch ist edle Mildtätigkeit in den zerstreuten Gemeinden Jakobs nicht erloschen, noch steht der feste Glaube an die vergeltende Hand des Ewigen unerschüttert. Ja, er wird die Gaben segnen, mit welchem Ihr Edelmut unsere Not zu lindern suchen wird, und die wir mit dankbar gerührtem Herzen empfangen werden.  
Die unterzeichneten Vorsteher unserer Gemeinde werden nicht verfehlen, den Empfang der Unterstützungen öffentlich zu bescheinigen und einer Zeit Rechnung darüber abzulegen. 
Möge der Allmächtige alle unsere Brüder mit gleicher oder ähnlicher Heimsuchung verschonen. 
Aschenhausen bei Kaltennordheim im Großherzogtum Sachsen-Weimar den 20. Mai 1841. 
Der israelitische Gemeinde-Vorstand: Löser Katzenstein, Abraham Friedemann, Levi Stern, Isaac Cahn. 
Obiges Gesuch bestätigt und empfiehlt: Aschenhausen den 21. Mai 1841 Der Gerichtsdirektor Briegleb. 
Stadtlengsfeld den 23. Mai 1841: Der Land-Rabbine Dr. M. Heß.
Aufruf in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Juni 1841 Aufruf in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 4. Juli 1841

Der Spendenaufruf hatte Erfolg. Mit ihrer Hilfe konnte im folgenden Jahr (August 1842) die jüdische Gemeinde einen Beetgarten aus den Gütern der Freiherren von Speßhardt für 175 Gulden kaufen und hier eine eine neue Synagoge erstellen, die am 24. Juni 1843 eingeweiht wurde. Auch die Großherzoglich-Weimarsche Regierung hatte einen Zuschuss von 400 Talern zum Bau der Synagoge bewilligt:

Aschenhausen Israelit19Jh 06111842.jpg (24703 Byte)Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 6. November 1842: "Schließlich gedenken wir aber noch mit verdienter Anerkennung der Großherzoglich Weimarschen Regierung. Sie hab kürzlich einen neuen Beweis von der Freigebigkeit, mit welcher sie die jüdische Kultus- und Schulanstalten unterstützt, gegeben, indem sie zum Aufbau einer Synagoge und Schule in Aschenhausen, einen Beitrag von 400 Talern verwilligte."

Fast 100 Jahre diente dieses Gebäude der jüdischen Gemeinde als religiöses Zentrum. 1936 fand anlässlich der Hochzeit eines Paares aus Oepfershausen ein letzter Gottesdienst statt.  Danach wurde die Synagoge von den letzten Vorstandsmitgliedern an einen christlichen Einwohner verkauft. Die Torarollen und andere Kultgegenstände sollen vor dem Verkauf aus der Synagoge genommen und auf dem jüdischen Friedhof begraben worden sein. 
     
Das Synagogengebäude wurde nach dem Verkauf als Scheune genutzt. Da sie in der Pogromnacht 1938 mit Heu gefüllt war, wurde sie von den aus Kaltennordheim kommenden SA-Leuten auf Grund des Widerstandes der Bevölkerung nicht angezündet. 
    
Um 1980 war das Gebäude inzwischen in einem baufälligen Zustand, wurde jedoch in diesem Jahr in die Denkmalliste des Kreises Meiningen aufgenommen. Anfang der 1980er-Jahre begannen die Überlegungen, aus dem Gebäude eine Stätte der Begegnung zu machen. 1987 wurde mit der Restaurierung begonnen, die mit Hilfe vieler Freiwilliger 1991 abgeschlossen wurde. Am Pfingstsamstag 1991 konnte das Gebäude eingeweiht werden und dient seitdem als Stätte der Begegnung und Erinnerung. 
      

Adresse/Standort der SynagogeIn der Ortsmitte 
   

Für Besichtigungen befindet sich ein Schlüssel zur Synagoge bei Familie in der Nachbarschaft: c/o Frau Ingrid Eichhorn, Oberkätzer Str. 12, 98634 Aschenhausen, Tel. 036966/80584 vgl. website zu Familie Eichhorn  
     
    

Fotos
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum 12.8.2005) 

Historische Aufnahme und 
Modell der Synagoge
Aschenhausen Synagoge 001.jpg (58215 Byte) aschenhausen modell.gif (49262 Byte)
    Historische Aufnahme der Synagoge
 (1950er-Jahre?)  
Modell der Synagoge von Bet Tfila  
(s.u. Links)  
     

Die ehemalige Synagoge im Sommer 2005

Aschenhausen Synagoge 111.jpg (74825 Byte) Aschenhausen Synagoge 112.jpg (80415 Byte) Aschenhausen Synagoge 106.jpg (57216 Byte)
Die Synagoge von der Nordwestseite 
mit dem klassizistischen Giebel über
 dem Eingangsbereich.
Dieselbe Ansicht mit dem 
Brunnen vor der Synagoge
Die Synagoge 
von der Nordostseite
       
     
Aschenhausen Synagoge 105.jpg (66704 Byte) Aschenhausen Synagoge 110.jpg (77398 Byte) Aschenhausen Synagoge 108.jpg (66844 Byte)
Die Synagoge von der Südostseite Der Eingangsbereich Eine der Eingangstüren
     
Aschenhausen Synagoge 104.jpg (37322 Byte) Aschenhausen Synagoge 102.jpg (44387 Byte) Aschenhausen Synagoge 101.jpg (24871 Byte)
Blick zum Bereich des 
ehemaligen Toraschreines
Blick von der dreiseitig 
verlaufenden Frauenempore
Aufgang zur 
Frauenempore
     
Aschenhausen Synagoge 103.jpg (37254 Byte) Aschenhausen Synagoge 107.jpg (48674 Byte) Aschenhausen Synagoge 100.jpg (40147 Byte)
Blick von der Frauenempore zum
 Bereich des ehemaligen Toraschreines
Die Deckenbemalung Menora im Bereich des 
ehemaligen Toraschreines
   
     

 

Links und Literatur

Links:

Informationsseite zu Aschenhausen der VG Hoher Rhön  
Informationsseite zu Aschenhausen der "Rhön-Region Geba"  
Modell der Synagoge von Bet Tfila - Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa: hier anklicken
Informationen zum jüdischen Friedhof Aschenhausen (interner Link)

Literatur:  

Stefan Frühauf / Elke Schwerda: Aschenhausen - Entstehen und Vergehen einer jüdischen Landgemeinde. In: Hans Nothnagel (Hg.): Juden in Südthüringen - geschützt und gejagt. Bd. 5 Jüdische Gemeinden in der Vorderrhön. Suhl 1999 S. 52-89.


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Aschenhausen Thuringia. Jews first settled in Aschenhausen in 1695 and the Jewish population was seven families in 1707. The community established a synagogue and a cemetery. In the 19th century, Jews made up half of the total population, reaching an absolute majority in 1848 with 50 families. Until 1919, the chairman of the local council was generally a Jew. After 1900, the community rapidly declined, dwindling to 12 members on the eve of the Nazi takeover in 1933. Together with the affiliated communities of Kaltennordheim (35 Jews), Kaltensundheim (5) and Opferhausen (2), the combined Jewish population in the area was 52 Jews. Those who still remained after 1939 were deported and in 1943 the four last Jews were sent to the Theresienstadt ghetto.
       

    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 07. Juni 2011