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Thüringen"
Dorndorf (Wartburgkreis)
Jüdische Geschichte
Übersicht:
Zur Geschichte jüdischer
Einwohner
In Dorndorf bestand zu keiner Zeit eine jüdische
Gemeinde. Es gab in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nur eine jüdische Familie,
die längere Zeit am Ort lebte. Dabei handelte es sich um die Familie des
aus Stadtlengsfeld stammenden Kaufmanns Nathan Ullmann, der in der Salzunger Straße ein Manufaktur- und
Konfektionsgeschäft innehatte. Die Familie gehörte nach Angaben des
"Statistischen Jahrbuches deutscher Juden" von 1905 S. 114 und des "Handbuches
der jüdischen Gemeindeverwaltung" 1924/25 gemäß der Herkunft von Nathan
Ullmann zur jüdischen Gemeinde in
Stadtlengsfeld (beide Male werden insgesamt
acht Personen genannt). Nach der Anzeige unten von 1904 verbrachte die
Familie Ullmann Schabbat und Feiertage in Stadtlengsfeld, um dort die Synagoge
besuchen zu können (Anmerkung: das Fahren an Sabbat und Feiertag ist nicht
erlaubt).
Zur Familie: Nathan Ullmann ist als Sohn vom Isaak Ullmann und
seiner Frau Sara am 25. Januar 1866 in
Stadtlengsfeld geboren.
Er heiratete 1895 Sophie geb. Gutmann (geb. 1872), eine Tochter von
Pfeifer (Pfeufer) Gutmann und seiner Frau Eva geb. Lindenstein. Die beiden
hatten acht Kinder: Erna (geb. 1899, verheiratet mit Mordechai Tal, gest.
1987), Hilda (geb. 1900, verheiratet mit Arthur Kamm, gest. 1980),
Isaak (Yitzchak) Julius (geb. 1902, verheiratet mit Lilly geb.
Hirsch, gest. 1964), Ernst (Menachem, geb. 1903, verheiratet mit
Hanna/Hanni geb. Risch s.u. Literatur, gest. 1979), Toni (geb. 1906,
verheiratet mit Julius Joseph Kaschmann, gest. 1991), Ruth (geb. 1909,
verheiratet mit Shabtai Beeri), gest. 2006), Siegfried (Shlomo, geb. 1911,
verheiratet mit Charlotte Johanna geb. ?, gest. 1993).
- Einige Familiendokumente sind eingestellt bei MyHeritage (Zugangsberechtigung
nötig).
- Genealogische Informationen: Einstieg z.B. über die Angaben zur Frau von
Nathan Ullmann: Sophie Ullmann geb. Gutmann
https://www.geni.com/people/Sophie-Ullmann/6000000018419936383.
Um 1900 wird Nathan Ullmann mit Familie von Stadtlengsfeld nach Dorndorf gezogen
sein, um hier ein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft zu eröffnen und dieses bis
um 1933 erfolgreich zu betreiben.
Die 1932 noch aus insgesamt sieben Familienmitgliedern (einschließlich dem mit
der Tochter Toni geb. Ullmann verheirateten Julius Kaschmann) bestehende Familie
Ullmann ist nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1935 nach Palästina/Israel emigriert.
Die Familie wurde im Gottesdienst am 16. Februar 1935 in der Synagoge
Stadtlengsfeld von ihrer Gemeinde
verabschiedet.
Nathan Ullmann
starb am 17. Januar 1942 im Alter von 75 Jahren in Tel Aviv und wurde im Nahalat
Yitzchak Cemetery in Tel Aviv beigesetzt.
Anmerkung: Das Interesse am Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina bzw.
an einer frühen Auswanderung zeigte sich darin, dass Nathan Ullmanns Name
regelmäßig seit Anfang der 1920er-Jahre in den Spendenlisten des "Erez
Jisroel-Fond", des "Keren Kajemeth Lejisrael" (Jüdischer Nationalfonds) bzw. des
"Keren Erez Jisroel" u.a.m. erscheint (u.a. in "Der Israelit" vom 17. Januar
1924 S. 14, "Jüdische Rundschau" vom 14. Januar 1924 S. 35, "Der Israelit" vom
24. September 1931 S. 12). Zum Keren Erez Jisroel vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Keren_Hayesod.
Im Ersten Weltkrieg unterstützte Nathan Ullmann u.a. die "Kriegsspitalhilfe für
Palästina" (in "Dr. Bloch's österreichische Wochenschrift" vom 6. Oktober
1916 S. 668).
-
1917 spendete "Frau Sophie Ullmann, Dorndorf, zum Andenken an ihre liebe
selige Mutter" Eva Gutmann geb. Lindenstein für den "Herzlwald" in Palästina (in "Jüdische Rundschau" vom
22. Juni 1917)Der 7. Zionistenkongress in Basel 1905 hatte den Vorschlag
Otto Warburgs unter allgemeinem Beifall angenommen, ein großes Gelände im
Bereich Hulda und Ben Schemen an der Bahnstrecke von Jaffa nach Jerusalem
aufzuforsten und hierfür Spenden zu sammeln.
- 1919 wurde von "M. Ullmann - Dorndorf anlässlich des (20.) Geburtstages
seiner Tochter Erna" für die "Agudas-Jisroel-Jugendorganisation" (in:
"Blätter" der Agudas Jisroel Sonderheft 1919 S. 51).
- 1921 wurde eine Sammlung
durchgeführt "anlässlich des Geburtstages von Julius Ullmann" für den "Jüdischen
Nationalfonds" (in: "Jüdische Rundschau" vom 11. Januar 1921 S. 7).
In einer Spendenliste in den "Blätter" der Agudas Jisroel vom 8. Dezember 1921
S. 3 erscheint auch der Name von Eman. Dolinger in Dorndorf; in "Jüdische
Rundschau" vom 22. Februar 1924 der Name von A. Samuel in Dorndorf.
Aus der Geschichte der jüdischen
Einwohner
Anzeige eines stellesuchenden jungen Mannes (1901)
Anmerkung: vermutlich hat der "junge Mann" bislang im Manufaktur-
und Konfektionsgeschäft Ullmann gearbeitet und sucht nun eine neue
Stelle.
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. November 1901:
"Ein junger Mann, welcher circa 3/4 Jahre als Detailreisender
der Manufakturwarenbranche tätig, der polnischen Sprache mächtig ist, sucht
per 1. Januar 1902 in Süddeutschland in einem an Schabbat und Feiertag
geschlossenen Geschäft Stellung. Offerten unter B.K.
postlagernd Dorndorf an der Feldabahn." |
Anzeigen des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes N.
Ullmann (1902 / 1904 / 1908 / 1922)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Dezember 1902:
"Suche per 1. Januar einen in der Manufaktur- und Garderobenbranche
bewanderten jungen Mann (Inländer) als
Detailreisender für Landtouren bei freier Station. Schabbos und
Jomtof streng geschlossen. Offerten mit Gehaltsansprüchen an
N. Ullmann, Dorndorf a.d. Feldabahn". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1904:
"Suche per bald
Lehrling, aus achtbarer Familie, mit guten
Schulkenntnissen für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft. Samstags
und Feiertage streng geschlossen, an welchen in
Stadtlengsfeld wohne.
N.
Ullmann, Dorndorf an der Feldabahn." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. April 1908:
"Suche per Mai oder Juni einen tüchtigen jungen Mann als
Verkäufer
und Detailreisender
in mein an Sonnabend und Feiertagen geschlossenes Manufaktur-
und Konfektionsgeschäft bei freier Station. Gehaltsansprüche mit
Zeugnissen erbittet
N. Ullmann, Dorndorf, Röhngebirge." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. März 1922:
"Für mein am Schabbat und Feiertag geschlossenes
Manufaktur- und Konfektionsgeschäft, suche ich per 1. Mai einen Lehrling
mit guter Schulbildung, aus achtbarer Familie bei freier Station.
N.
Ullmann, Dorndorf, Rhön." |
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| Ähnliche Anzeige wie 1922 in "Der
Israelit" vom 3. September 1925 S. 9.
Link |
Abschied von der Familie Nathan Ullmann
(1935 in der Synagoge Stadtlengsfeld)
Anmerkung: der Schabbat Tezawe (Toralesung/Wochenabschnitt 2. Mose 27,20-30,10)
war am 16. Februar 1935 (entsprechend der 13. Adar I im jüdischen Jahr 5695).
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 21. Februar 1935: "Stadtlengsfeld, 19. Februar (1935). Am
vergangenen Schabbat Tezawe wurde anschließend an den Gottesdienst
zu Ehren des nach Erez Jisrael übersiedelnden Herrn Nathan Ullmann und
Familie in der hiesigen Synagoge eine Feier abgehalten. Herr Wildmann
gedachte in seiner Abschiedsrede der Verdienste des Herrn Ullmann in
seiner 25-jährigen Wirksamkeit als Vorstand um den hiesigen Verein Bikkur
Cholim, ebenso der Frau Ullmann um den hiesigen Frauen-Verein. Die
hiesige Gemeinde verliert mit dem Weggang der allgemein beliebten Familie
sehr viel. M." |
Hinweis: es gibt keine Beziehung zwischen dem Ortsnamen Dorndorf
(Thüringen) und dem Familiennamen der (jüdischen) Breslauer Schuhfabrikantenfamilie
Dorndorf. Deren Familienname hat eher Wurzeln im polnischen Bereich, vgl. zur
Familiengeschichte: Diana Prinzessin von Sachsen geb. Dorndorf: "Kurze
Geschichte der Breslauer Fabrikantenfamilie Dorndorf" in: Yedi'ot shel Irgun
'Ole Breslau be-Yiśra'el" 2011 S. 16-18
Link. Zur Geschichte der Schuhfabrik
https://de.wikipedia.org/wiki/Dorndorf_Schuhfabrik. Im genannten Artikel
schreibt Prinzessin Diana von Sachsen geb. Dorndorf (geb. 1958 in Irland) über
ihre Vorfahren: Vater Rainer Dorndorf (1912, 1933 emigriert, gest. 1986 in
Spanien), Großvater Hans Dorndorf (1871-1932) usw.
Fotos
Familienfoto Ernst
Menachem Ullmann
(geb. 1903, aufgewachsen in Dorndorf, s.o.)
(Foto erhalten von D. Bluthardt) |
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Rechts Ernst Ullmann
mit seiner Frau Hanni geb. Risch (2.v.l.)
und den Kindern Dani, Jonathan und Raja (v.l.n.r.).
Das Foto entstand ca. 1956 in Israel |
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Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
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Mai 2017:
Besuch von Nachfahren der Familie Ullmann in Dorndorf |
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Artikel von Mareen Wieber in "südthüringen.de"
vom 30. Mai 2017: "Bad Salzungen Auf der Suche nach den Wurzeln
Jonathan und Anna Ullmann aus New York besuchten Stadtlengsfeld und
Dorndorf, um die Spuren ihrer jüdischen Vorfahren zu erforschen..."
Link zum Artikel (für Abonnenten) |
Bericht von Ulrich Kusche (Pressemitteilung
vor dem Besuch in Dorndorf, erhalten von D. Bluthardt) vom 13. April
2017:
"Brückenschlag über acht Jahrzehnte - Enkel aus New York erinnert seine
deutsch-jüdischen Vorfahren
Die Freiherren von Boineburg waren bereit, Juden in ihrem Gebiet unter ihren
Schutz zu stellen, die aus anderen deutschen Gegenden vertrieben wurden. So
kamen die Vorfahren (sc. der Großvater Nathan Ullmann s.o.) von
Jonathan Ullmann nach Dorndorf im heutigen Wartburgkreis. Im nahe gelegenen
Stadtlengsfeld gab es eine große jüdische Gemeinde, an deren Geschichte bis
heute der jüdische Friedhof erinnert, mit 600 Grabstätten der größte im Land
Thüringen. Zeitweise war Stadtlengsfeld auch der Sitz des Landesrabbinats.
Wie stark die Gemeinsamkeit von jüdischen und christlichen Bürgern in der
Region seinerzeit war, zeigt sich daran, dass 1850 die bis dahin getrennten
Schulen für jüdische und christliche Schüler aufgegeben wurden und eine
vereinigte Bürgerschule gegründet wurde mit dem Vorsatz, zum Verständnis
zwischen den Religionen dadurch beizutragen, dass die Schüler gemeinsam zur
Schule gehen. Ernst Ullmann, der Vater von Jonathan Ullmann besuchte diese
Schule.
Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zerbrachen die
Gemeinsamkeiten. Die Mitglieder der Familie Ullmann waren weitblickend
genug, ihr Leben durch Auswanderung zu retten. Ernst Ullmann verließ seinen
Heimatort Dorndorf 1930, sein Vater Nathan Ullmann folgte mit seiner Frau
Sophie 1936. Nathan Ullmann, über Jahrzehnte der einzige Kaufmann in
Dorndorf, blieb den Einwohnern im Gedächtnis. Zum 1225. Jubiläum von
Dorndorf wurde in der Evangelischen Kirche ein Stück aufgeführt, das auch an
diesen besonders eindrücklichen Mitbürger erinnerte. Sein Sohn Ernst Ullmann
heiratete in Palästina Hanni geborene Risch, die nach der Staatsgründung
Israels bei Haifa das Kinderheim Ahavah (Liebe) leitete, das aus einem
früheren Berliner Kinderheim entstanden war. Viele Generationen von
deutschen Freiwilligen arbeiteten im Kinderheim mit und begründeten eine
neue Tradition christlich-jüdischen Verständnisses. So lernte auch Jonathan
Ullmann, eines der Kinder von Ernst und Hanni Ullmann, junge christliche
Deutsche kennen und hielt mit einzelnen von ihnen über die Jahrzehnte
Kontakt. Zu diesen deutschen Freunden zählt Ulrich Kusche aus Göttingen, der
evangelischer Theologe wurde und mit einer Arbeit über christliche Forschung
des antiken Israel promoviert wurde. 1977 gehörte er zu den Mitbegründern
des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten, der bis
heute aktiv ist.
In Begleitung von Ulrich Kusche wird Jonathan Ullmann mit seiner Frau Anna,
die seit Jahrzehnten in New York leben, über Himmelfahrt zum ersten Mal die
Heimat seiner deutsch-jüdischen Vorfahren besuchen. Der Chronist der
Geschichte der Region, Herr Rolf Leimbach, wird Ehepaar Ullmann den Friedhof
und die mit der Familiengeschichte verknüpften Häuser In Stadtlengsfeld
zeigen. Besonders glücklich ist Jonathan Ullmann darüber, dass der
Bürgermeister von Dorndorf, Herr Ingo Jendrusiak, ihm anlässlich seines
Besuches in der Heimat seiner Vorfahren die Urkunde über die Geltung seiner
deutschen Staatsbürgerschaft verleihen wird." |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Band 8. Thüringen Frankfurt 2003. S. 321. |
 | Eine Schwiegertochter von Nathan Ullmann war
Hanni Ullmann geb. Risch (Frau von Ernst Ullmann). Zu ihr:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hanni_Ullmann sowie die
Monographie/Dissertation:
Dagmar Bluthardt: Geschichte. Theorie und Praxis familienähnlicher
Heimerziehung, dargestellt am Beispiel der jüdischen Pädagogin Hanni
Ullmann. Dissertation Tübingen 2002.
Eingestellt als pdf-Datei.
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n.e.

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