|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia Judaica
Die Mitglieder der
Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und bestehende) Synagogen
Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale
in der Region
Bestehende jüdische Gemeinden
in der Region
Jüdische Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur und Presseartikel
Adressliste
Digitale Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Oberfranken"
Autenhausen (Gemeinde
Seßlach, Kreis
Coburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
("bekannt als eine Stätte wahrhafter Religiosität und Stammort von
vielen ausgezeichneten, gelehrten und frommen Männern" - s.u.
Bericht von 1901)
In Autenhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis in die Zeit nach dem
Ersten Weltkrieg. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1816 85 jüdische Einwohner (27,8 % von insgesamt 306 Einwohnern), 1867
61 (20,1 % von 303), 1871 54 (17,0 % von 317), 1880 63 (17,5 % von 360), 1890 64
(19,3 % von 332), 1893 70, 1895 53 (in zehn Familien), 1897 49 (in 13 Familien), 1900 48 (16,3 % von 294),
1901 46 (in 12 Haushaltungen), 1910 20 (6,9 % von 288).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
jüdische Schule (bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges - letzte Ausschreibung
1911 - Israelitische Elementarschule), ein rituelles Bad (Reste erhalten
auf Grundstück Lindenstraße 11) und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
(Elementarlehrer) angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Um
1865 war W. Strauß Religionslehrer in Autenhausen ("Der Israelit" vom
3.5.1865 S. 264), um 1868 Lazarus Ehrenreich, um 1869/1872 Jakob
Schüler, um 1875 Lehrer Massenbacher ("Der Israelit" vom 3.3.1875
S. 198). In
besonderer Erinnerung blieb Lehrer Simon Schloß (erste Nennung "Der
Israelit" 19.4.1882 Beilage S. 1, möglicherweise schon seit 1877 in Autenhausen), der 1902 sein 25-jähriges
Amtsjubiläum in der Gemeinde feiern konnte (siehe Bericht unten) und bis 1909
in Autenhausen blieb. 1895 hatte er elf Kinder in der israelitischen Volksschule
zu unterrichten, 1897 15, 1901 7, 1903 6, 1905 7 (4 Jungen, 3 Mädchen).
Die Gemeinde gehörte zum Distriktsrabbinat Burgpreppach.
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1865 Judas Friedmann, um
1876 P. Gutmann, um 1889 Gutmann, um 1895 J. Friedmann, um 1897/1901/1903 J.
Friedmann und P. Gutmann sen. (1903 mit S. Gutmann), 1905 Jakob Friedmann, um
1909/1911/1920 Adolf Gutmann.
Im Blick auf Vereine der jüdischen Gemeinde gab es "mehrere
Wohltätigkeitsvereine" (Statist. Jahrbuch des Deutsch-israelitischen
Gemeindebundes" 1889 S. 42 und weitere Ausgaben des Jahrbuches bis 1893)
sowie einen 1897/1901 genannten Talmud-Tora-Verein.
1923 gab es noch zwei jüdische Familien, die im November dieses Jahres
Autenhausen verließen. Anlass war die Pogromnacht vom 3./4. November 1923,
in der etwa 20 bewaffnete junge Nationalsozialisten in Uniform in das Dorf
kamen, bei den beiden jüdischen Wohnhäusern die Fenster einwarfen, die Türen
aufbrachen und Geld und Wertsachen stahlen. Zwei jüdische Männer wurde schwer
verprügelt und durch ein 'Standgericht' zum Tod verurteilt. Die beiden jüdischen
Familien verließen das Dorf sofort nach dem Überfall und übersiedelten nach
Coburg.
Letzter Gemeindevorsteher Anfang der 1920er-Jahre war Adolf Gutmann. Zum 1.
Januar 1924 wurde kein jüdischer Einwohner mehr am Ort gezählt.
Von den in Autenhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen
Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ida Blum geb. Gutmann
(1861), Emanuel Gutmann (1885), Karoline Gutmann geb. Gutmann (1858), Babette
Lebrecht geb. Strauss (1873), Mathilde Ochs geb. Gutmann (1867), Hermann (Hesslein)
Strauss (1876), Nani (Nanny) Strauss (1883).
Hinweis: Für den 1876 in Autenhausen geborenen Jakob Friedmann, Viehhändler
in Coburg, wurde am Gebäude Ketschengasse 6 in Coburg ein sog.
"Stolperstein" verlegt (Seite
zur Geschichte von Jakob Friedmann).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorsängers / Schochet 1876 /
1909 / 1911
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Dezember 1876: "Die
israelitische Elementarschulstelle mit Vorbeter- und Schächterfunktion zu
Autenhausen bei Seßlach mit einem fixen Gehalt von 771 Mark 43 Pfennig
nebst Schächterertrag und Nebenverdienste ist zu besetzen. P. Gutmann
jr., Kultusvorstand". |
| |
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1909:
"Die
israelitische Gemeinde Autenhausen (Oberfranken) sucht per sofort einen
Elementarlehrer,
der zugleich Schochet und Chasen (Vorbeter) ist. Gehalt
1200 Mark. Ca. 300 Mark Nebenverdienst und ca. 170 Mark aus einer
Stiftung. Bewerber wollen Zeugnisse einsenden an
Adolf Gutmann,
Kultusvorstand". |
| |
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1911:
"Die
israelitische Gemeinde Autenhausen sucht zur Verwesung ihrer
Elementarschule
einen Lehrer,
der Chason und Schochet ist. Gehalt 800 Mark
Fixum, freie Wohnung, 300 Mark aus Schechita und Nebenverdienste und ca. 170 Mark aus einer Stiftung. Bevorzugt wird ein verheirateter
Lehrer mit einigen schulpflichtigen Kindern. Bewerber wollen sich wenden
an
Adolf Gutmann, Vorstand." |
25-jähriges Amtsjubiläum von Lehrer Simon Schloß
(1902)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1902:
"Autenhausen, 19. Oktober (1902). Am 16. Oktober beging Herr Lehrer
Simon Schloß, Lehrer der hiesigen Israelitischen Elementarschule sein
25-jähriges Amtsjubiläum. Die ihm von allen Seiten erwiesenen
Aufmerksamkeiten und Anerkennungsbezeugungen, die zahlreichen Telegramme
und Geschenke, auch von Seiten seiner ehemaligen Schüler, legen ein
beredtes Zeugnis ab von der großen Sympathie, deren sich Herr Lehrer
Schloß erfreut.
Sein Ehrentag, der gerade auf den ersten Tag Sukkoth fiel, gestaltete sich
denn auch zu einem wahren Freudentage. Bereits um 7 Uhr morgen begab sich
die Israelitische Gemeinde in corpore nach der Wohnung des Jubilars, um
demselben ihre Glückwünsche sowie ihre Dankbarkeit auszudrücken.
Derselbe erwiderte während des Morgengottesdienstes mit einer warmen
Ansprache. Nachmittags hatte sich die gesamte hiesige Judenheit, sowie ein
großer Teil der christlichen Bevölkerung, zu einer Feier
zusammengefunden. Um 3 Uhr wurde der Jubilar von der Gemeinde-Verwaltung
und der gesamten jüdischen und christlichen Schuljugend abgeholt und nach
dem Festsaale geleitet.
Herr Pfarrer und Lokalschulinspektor Dietz eröffnete die Feier mit
einem Toast auf den Jubilar, indem er dessen Pflichteifer, sowie seinen
bescheidenen, biederen Charakter feierte, der bei der ganzen
Ortseinwohnerschaft, ohne Unterschied der Konfessionen, geachtet und
beliebt sei.
Königlicher Distrikts-Schulinspektor Bauer, der eigens mehrere
Stunden weit hergekommen war, betonte unter Hinweis auf die großen
Anforderungen, welche heute an die Volksschule gestellt sind, die
berufliche Tüchtigkeit und die ausgezeichneten Erfolge, welche Herr
Lehrer Schloß während seines 25 Jahre langen Ausharrens auf einem Posten
erzielte, wodurch die Israelitische Elementarschule auf ein Niveau
gebracht wurde, welches das der übrigen Volksschulen seines Schulbezirks
weit überrage. Ähnlich lautete das Herrn Lehrer Schloß von
Seiten seiner Kollegen gesprochene Zeugnis.
Die Verwaltung der politischen Gemeinde überreichte dem Jubilar ein
prachtvoll ausgestattetes Ehrendiplom, das ihn zum Ehrenbürger ernennt,
wodurch dessen vorzügliches Einvernehmen mit allen Teilen der Gemeinde am
besten dokumentiert wird.
Es folgte eine gemütliche Unterhaltung mit theatralischen Aufführungen,
welche bis tief in die Nacht hinein dauerte, und unter allgemeiner
Befriedigung gingen die Teilnehmer auseinander. Möge es Herrn Lehrer
Schloß beschieden sein, noch recht lange seines Amtes zu
walten." |
Hauptlehrer Simon Schloß und seine Frau werden zu Hauseltern am
Waisenhaus in Emden berufen (1909)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 19. November
1909: "Emden. Zu Hauseltern an dem hiesigen neuen Israelitischen
Waisenhause wurde das Hauptlehrer Schloß'sche Ehepaar aus Autenhausen
gewählt." |
Zum Tod von Mathilde Schloß geb. Kaufmann, Frau
von Lehrer Simon Schloß (1938 in Hamburg) )
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Januar 1938: "Hamburg,
18. Jan. Am 2. Schewat ging Frau Mathilde Schloß geb. Kaufmann
im Alter von 85 Jahren von uns. 56 Jahre war sie mit ihrem Gatten vereint,
der in stiller, selbstloser Arbeit an allen Stätten seiner amtlichen
Tätigkeit, als Lehrer in Autenhausen, als Waisenvater in
Emden, an der Klausstiftung in
Mannheim und auch noch hier im
Ruhestand, für die Erziehung und geistige Heranbildung in sich gefestigter,
glaubensstarker Juden wirkte. Wer gesehen hat, wie diese Frau durch einen
Lehrvortrag beglückt werden konnte, wie sie heldenhaft körperliche Schwäche
überwand, um Mizwot (religiöse Gebote) zu üben, wie sie es trug, das
schwere Geschick, erwachsene Kinder zu verlieren, der beugte sich in
Ehrfurcht vor dieser Persönlichkeit, die zu den frommen Frauen gehörte, um
derentwillen unser Volk der Erlösung würdig werden kann.
Verschönt wurde ihr Alter durch die Beliebtheit ihres Sohnes, der schon in
jungen Jahren vom Oberrabbinat durch den Chawer-Titel geehrt wurde
und segensreich als Lehrer und Erzieher hier wirkt, und durch ihre Enkel,
die sich durch Liebe zur Tora und besondere jüdische Kenntnisse
auszeichnen.
Unser Mitgefühl gilt vor allem dem zurückgebliebenen Gatten, dem aus
seiner Frömmigkeit und Thoraliebe Trost erwachse. Ihre Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens. B. S. J." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Ergebnisse von Spendensammlungen in der Gemeinde (1861 / 1868)
Anmerkung: in jüdischen Gemeinden wurden regelmäßig Spendensammlungen für die
unterschiedlichsten Zwecke durchgeführt und die Ergebnisse in jüdischen
Periodika veröffentlicht.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1861 - Sammlung für die
"Orthodox-israelitische Bibelanstalt. Spenden zur Herstellung und
Verbreitung wohlfeiler hebräischer und hebräisch-deutscher Bibeln":
"Durch Moses Friedmann zu Autenhausen (Bayern): Frau Elise Friedmann
59 kr.; M.S. Friedmann 30 kr.; Juda Friedmann 17 1/2 kr.; Feust Freund 30 kr.;
Löb Gutmann 15 kr.; Eman. Gutmann 22 1/2 kr.; Juda Gutmann 9 kr.; Juda
Hellmann 30 kr.; Ungenannter 6 kr.; M.W. Stern 30 kr.; H. Strauß 9 kr.; Sal.
Gutmann 12 kr ; Hirsch Stern 6 kr.; Pf. Gutmann 9 kr.; Mos. Gutmann 6 kr.;
Eva Friedmann, Witwe, 9 kr; zusammen 5 fl." |
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1868 - Sammlung von
Spenden "Zur Unterstützung der notleidenden Glaubensgenossen in Preußen":
"Durch Lazarus Ehrenreich, Lehrer in Autenhausen: L. H. Gunzenhäuser
35 kr., J. Hellmann 24 kr., Em. Gutmann 30 kr., Pfeuffer Gutmann sen. 24 kr.,
Frau Eva Friedmann 18 kr., Moses Gutmann 18 kr., Meier Friedmann 24 kr.,
Moses Friedmann 36 kr., Feist Freund 18 kr., Heß Strauß 12 kr., Buhnla
Friedmann 30 kr., Seligmann Gutmann 35 kr., Löb Gutmann 12 kr., Ungenannter
14 kr., zusammen 5 fl. 30 kr., abz. Porto 5 fl. 14 kr." |
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1869: "Durch Lehrer Jakob
Schüler in Autenhausen: Moses Friedmann 1 fl., Seligmann Gutmann 1
fl., Heß Straus 1 fl., Meier Friedmann 1 fl., Feist Freund 36 kr., Emanuel
Gutmann 48 kr., Juda Hellmann 1 fl., Löb Gutmann 24 kr., Pfeufer Gutmann 45
kr., Ungenannt 8 fl., Lehrer Schüler 30 kr., Frau Gunsenhäuser 2 fl., Eva
Friedmann 24 kr., Rebecca Ehrenreich 30 kr., Buhla Friedmann 36 kr.,
Ungenannt 12 kr., Ungenannt 12 kr. Zusammen 19 fl. 57 kr."
|
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Januar 1871 - "Sammlung zur
Unterstützung unserer durch Hungersnot bedrängten Glaubensbrüder im heiligen
Land": "Autenhausen. Durch Lehrer Jakob Schüler: Hr. Löb Gutmann
1 fl., Emanuel Gutmann 1 fl. 45 fr., Feist Freund 30 kr., Mayer Friedmann 1
fl., Juda Hellmann 1 fl. 45 kr., Seligmann Gutmann 4 fl., Pfeufer Gutmann 1
fl. 45 kr., Moses Friedmann 1 fl. 45 kr., Emanuel Strauß 1 fl. 45 fr.,
Lehrer Jakob Schüler 1 fl. 10 kr., Maier Hellmann 1 ff., Frau Eva Friedmann
30 kr.. Ungenannt 1 fl., Frau Mina Gunzenhäuser 1 fl. 30 kr., Ungenannt 30
kr., aus der Maten béseoer-Büchse 4 fl. 15 kr. Summa 25 fl. 10 kr."
|
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. März 1899: "Autenhausen.
Durch Lehrer Simon (statt J.) Schloß zu Mazzos: Samuel Kaufmann 2, Seligmann
Gutmann 6, Pfeufer Gutmann sen. 1, Pfeufer Gutmann jr. 3. Jakob Friedmann 1,
Maier Hellmann 1, Simon Strauß 1, Emanuel Gutmann 3, Adolf Gutmann 1, Lehrer
Simon (statt J.) Schloß 1, Ungenannte 13, zus. 33 M. — Chalogelder von den
Frauen: Minna Gutmann 6, Babette Gutmann 3, Minna Friedmann 3, Amalia
Gutmann 3, Sophie Friedmann 3, Lea Hellmann 3, Betty Strauß 3, Math. Schloß
3, Klara Gutmann 2, Rosa Gutmann 3, Ungenannte 4, Ungenannte aus
Gleicherwiesen 10, zus. 46 M.
Gesamtsumme abzüglich Porto 78.80 M." |
Nur noch zwei jüdische Einwohner gibt es nach dem Pogrom von 1923 in Autenhausen
(1926)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1926: "Judenstatistik im
Kleinen.
Berlin, 3. August. Der 'Schild' berichtet über das Martyrium der kleinen
jüdischen Gemeinde in Memmelsdorf
in Unterfranken, wo bis zum Kriegsende Christen und Juden in völliger
Eintracht lebten. Unter der Wirkung der Hetze des Pfarrers König und des
Lehrers Büringer terrorisierten ansässige Bewohner gemeinsam mit den
Ehrhardt-Leuten zur Zeit des Hitler-Putsches mehrere Wochen in rohester
Weise die Juden von Memmelsdorf-Untermerzbach
und Autenhausen, selbst sogar 2 Juden, die über 60 Jahre alt
waren, in der Nacht gewaltsam auf das Feld geschleppt und bis zur
Bewusstlosigkeit geschlagen wurden. In einem Fall wurden nachts zwei
Familien in Untermerzbach
unter Androhung des Erschießens mit vorgehaltenem Revolver eines großen
Teiles ihrer Habe beraubt.
In Memmelsdorf, das im ganzen
etwa 650 Einwohner zählt, und wo neuerdings der jüdische Friedhof geschändet
wurde, waren von 13 jüdischen Familien während des Krieges 22 Angehörige
eingerückt. Hiervon starb ein Landsturmmann infolge des Militärdienstes in
der Heimat, einer machte Dienst in der Etappe und die übrigen 20
Memmelsdorfer Juden waren an der Front. Von diesen erlitten 6 den Heldentod,
während mehrere andere dekoriert und verwundet wurden. Hierunter befand sich
auch der Ober- und Bataillonsarzt beim III. Bat. des IV.
Infanterieregiments, Dr. Hermann Gunzenhäuser, der während der Ausübung
seines Dienstes durch Verwundung ein Auge verlor und das Eiserne Kreuz I.
Kl. erhielt. (I.T.A.)." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Emanuel Strauß (1876)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April 1876: "Nachruf!
Autenhausen, im März 1876. In große Trauer und Bestürzung wurde unsere
ganze Gemeinde versetzt. Emanuel Strauß, ein Mann von noch kaum 33 Jahren
ist Mittwoch, den 15. dieses Monats in ein besseres Jenseits abberufen
worden. Derselbe hinterließ eine Frau und noch fünf ganz kleine Kinder.
In ihm hat seine Gattin einen braven, frommen und liebevollen Gatten,
seine Kinder einen gütigen Erzieher und Versorger verloren. Aber nicht
nur seine nächsten Verwandten erlitten durch diesen Todesfall einen
herben Verlust, sondern auch die ganze Gemeinde. Treu und pflichtgemäß nämlich
verwaltete er die letzten 6 Jahre sein Amt als Kultusvorstand in hiesiger
Gemeinde. Er gehörte noch zu den wenigen Jehudim, die fest und mit der größten
Liebe an unserer heiligen Tora
hingen. Dies bewies er besonders noch in seinen letzten Tagen. Während
seines achttägigen Krankenlagers kam nie ein Wort des Murrens über seine
Lippen, sondern er vertraute bis zum letzten Augenblicke auf den Allgütigen
und flehte ihn an, ihm um seiner lieben Frau und Kinder willen das Leben
noch einmal zu schenken. Trotz seiner sehr großen Schwäche (er hatte nämlich
den Blutsturz im höchsten Grade) in den letzten Tagen legte er dennoch
jeden Tag Tefillin und nachdem er sein Aufkommen nicht mehr erhofft,
verlangte er, man solle ihn in der Synagoge benschen (segnen), was dann
auch geschah, wobei er den Namen Rafael erhielt. Hierauf wurde ihm die …
einmal vorgesagt, die er mehrmals unaufgefordert wiederholte. Rührend und
alle Umstehenden zum Weinend erregend war es, als er seine Gattin und
Kinderchen zu sich rief, und sich bei ihnen verabschiedete und letztere
segnete. Hierauf forderte er die Gemeindeglieder, die um ihn standen, auf,
sie möchten ihm, falls er ihnen je etwas zu leide getan, verzeihen.
Sodann sagte er zum Erstaunen Aller mit lauter Stimme die …
unaufgefordert noch einmal und verschied gleich darauf. Betrauert und
beweint von seinen Angehörigen, der jüdischen und der ganzen
christlichen Gemeinde wurde sein Leichnam am Erew
Schabbat Kodesch (Freitag) der Erde übergeben. Möge sie ihm leicht
sein! Seine Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Rabbi Israel Schüler aus
Autenhausen (1882 in Frankfurt, geb. in Autenhausen um 1812)
Anmerkung: Der im Text genannte älteste Sohn von Israel Schüler war Rabbiner Dr. Samuel Haymann
(Chaim), Hayum Schüler (geb. 1844 in Autenhausen, Oberfranken, gest. 1915; zunächst
als Religionslehrer in Autenhausen tätig, nach 1867 Lehrer und Vorbeter in Haßfurt. Er heiratete 1869 in
Bad Homburg Marie geb. Klein, Tochter des
Colmarer
Groß-Rabbiners Salomon Klein; 1881 bis 1883 Rabbiner in Biesheim, 1884 bis nach
1901 Rabbiner in Bollwiller und Gefängnisseelsorger in
Ensisheim; 1887 bis 1891
interimistisch Rabbiner in Soultz).
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1882:
"Höchberg (bei Würzburg), im Marcheschwan. Am Rüsttage des
jüngsten Hüttenfestes gelangte in Frankfurt am Main, ein Mann, den man,
weil seinesgleichen heutzutage zu den seltenen Erscheinungen gehören,
wohl als Unikum unserer Zeit betrachten darf, an das Ende seiner irdischen
Laufbahn; ein Mann, der sein ganzes Leben ausschließlich dem Studium der
heiligen Thora gewidmet hat, wurde in das bessere Jenseits abgerufen und
dadurch die Festesfreude nicht nur seiner Angehörigen, sondern auch
Aller, die ihn kannten und von seinem Hingange hörten, getrübt. Das
Gefühl der Dankbarkeit, die ich als Schüler desselben dem teuren
Entschlafenen schulde, das Bewusstsein der Pflicht, den Hintritt eines
solch ausgezeichneten Mannes zu betrauern und zu beklagen, ermutigen mich,
den Lesern dieses geschätzten Blattes in engem Rahmen ein Bild des hehren
Lebenswandels dieses meines unvergesslichen Lehrers durch nachfolgende
Zeilen zu liefern, um denselben Gelegenheit zu bieten, an dem Schmerze der
Leidtragenden teilzunehmen, der Pflicht, den Tod eines Gerechten zu
beklagen, auch ihrerseits zu genügen und endlich sie zur Nachahmung zu
erwecken, was ja immerhin, trotz der entgegengesetzten Zeitströmung,
nicht ausgeschlossen sein und überhaupt den Zweck eines jeden Nachrufes
bilden dürfte.
Rabbi Israel Schüler - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -,
dessen Auge sich in der altehrwürdigen Kehilla (Gemeinde) Frankfurt
schloss, erblickte vor ungefähr 70 Jahren das Licht der Welt in Autenhausen, einem kleinen oberfränkischen Dorfe, wo sich noch große
Liebe zur Thora vorfand. Seine frommen, einfachen Eltern widmeten dieses
ihr ein- |
ziges
Kind ausschließlich dem Torastudium und brachten ihn zu diesem Behufe zu
dem scharfsinnigen Toragelehrten Rabbi Samuel Weisbart - seligen
Andenkens - in dem 4 Stunden entfernten Schweinshaupten
in Unterricht. Hier und später bei Rabbi Abraham Heßlein - seligen
Andenkens - in Haßfurt wurde der
Entschlafene zum Besuche der Hochschule in Fürth vorbereitet, wohin er
auch in früher Jugend pilgerte.
Leider war es ihm nicht gegönnt, solange als er wünschte, daselbst zu
den Fußen des großen Gaon Rabbi Wolf Hamburger - seligen Andenkens -
zu sitzen; denn damals nahm der Kulturkampf in der Judenheit seinen
Anfang. Diejenigen Torajünger, welche 'zwecklos lernten!!', wurden
verfolgt und die Jeschiwa in Fürth, ein Opfer dieses Kampfes, wurde auf
Betreiben der Neologen polizeilich geschlossen. Schüler war unter dem
kleinen Reste der treulich ausharrenden Talmidim, die beim Anpochen des
visitierenden Polizisten unter den Bänken des Lehrhauses gegen -
ungerechte Strafe Schutz suchen mussten.
Betrübten Herzens musste er sich, wie seine Genossen, von dem liebevollen
und geliebten Lehrer verabschieden, ohne zu wissen, wo und wie er jetzt
Gelegenheit finden werde, dem vorgesteckten Ziele weiter nachzustreben.
Die Begeisterung für das Torastudium, welche in Schüler glühte und von
seinem begeisternden Lehrer noch mehr angefacht worden war, ließ jedoch
ihn und seine Genossen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, die durch
den Fanatismus der Reform herbeigeführte Flut der polizeilichen
Verfolgung vermochte die Liebe zur Tora nicht zu verlöschen.
Unser Held - denn Heldenmut bewährte er zu jener Zeit - lenkte zuerst
seine Schritte nach W. Mittellos, wie er war, musste er hier 6 Wochen bei
ununterbrochener Entbehrung warmer Kost zubringen, was natürlich auch bei
der stärksten Körperkonstitution nicht allzu lang erträglich ist.
Endlich ging ihm ein Glückstern auf in Frankfurt am Main. Hier
wurde sein Streben und seine Hingabe für das Torastudium von angesehenen
Persönlichkeiten gewürdigt und ihm die Möglichkeit verschafft, ohne Nahrungssorgen
die Vorträge des großen Privatgelehrten R. Jacob Posten - seligen
Andenkens - zu besuchen und dadurch die ausgezeichnetsten und
gründlichsten Kenntnisse auf talmudischem Gebiete sich anzueignen.
Nebenbei suchte er aber mit kaufmännischem Wissen sich auszurüsten, um
bei der Rückkehr in die Heimat seinen Nahrungsstand, Tora mit Derech erez
verbindend, zu begründen.
Die unbegrenzte Liebe zum Torastudium und zum Unterrichte in derselben
überwog aber seinen Geschäftseifer bald erart, dass es ihm desto lieber
war, je weniger Kunden ihn im Lehren und Lernen störten, und da der
Allgütige den Willen seiner Frommen geschehen lässt, so kamen auch
wenige |
Kunden,
sodass der Verblichene, während seine fromme Gattin das kleine Geschäft
besorgte, hauptsächlich von der Tora leben konnte und lebte. Von dem
Wunsche, der Tora recht viele eifrige Jünger zu erwerben, beseelt,
erteilte er schon in Autenhausen mehreren Jünglingen dieses Ortes
- darunter auch der Schreiber dieser Zeilen (sc. Rabbiner Jakob
Ehrenreich) - und aus anderen Orten herbeigekommenen Knaben
gründlichen Talmudunterricht. Unter diesen auswärtigen Schülern befand
sich auch der nunmehrige Distriktsrabbiner R. Abraham Hirsch in Burgpreppach
und der Verblichene erwähnte es bis in sein hohes Alter oft und mit
größter Freude, wie sehr es ihm zur Befriedigung gereiche, dass die
beiden zur Förderung des Torastudiums in Bayern gegründeten Anstalten
von seinen Schülern geleitet werden.
Dass der Entschlafene bei solchem Eifer für die Tora auch seine eigenen
Kinder darin unterrichtete, versteht sich von selbst, und wird durch den
Umstand bewiesen, dass sein ältester Sohn (sc. Rabbiner Dr. Samuel
Haymann Schüler), nachdem derselbe mehrere Jahre an der
Talmud-Toraschule zu Hamburg gewirkt, nunmehr ein Rabbinat im Elsass
würdig bekleidet.
Bestrebt, immer mehr und mehr Verbreiter der Tora zu sein, siedelte er von
dem kleinen Dorfe Autenhausen nach dem Städtchen Haßfurt
über, wo eine größere Anzahl von Schülern Unterhalt fand und trat
später mit Rabbiner Lazarus Ottensoser - das Andenken an den
Gerechten ist zum Segen - zur Errichtung der hiesigen Talmudschule in
Verbindung, bis er einem Rufe als Lehrer der Gerechtigkeit (= Beisetzer im
Rabbinatsgericht) nach Gerolzhofen
folgte. Wie aber der Wassertropfen nicht eher ruht, als bis er das
größte Wasserbecken, seinen eigentlichen Bestimmungsort erreicht hat, so
fand der Dahingeschiedene erst dann die volle Befriedigung seiner
Wünsche, als er da weilen konnte, wo er die meisten Förderer seiner
Zwecke, das meiste Verständnis, das größte Wohlwollen und
Entgegenkommen für sein ideales Streben fand.
Ohne irgend etwas Anderes im Auge zu haben, als ungestört leschem
schamajim (zur [Heiligung des] Gottesnamens) zu 'lernen', begab
er sich, nachdem er in Gerolzhofen
von harten Familienereignissen betroffen worden war, nach Frankfurt am
Main und siehe, die Wirklichkeit blieb gegen seine Erwartungen nicht
zurück, sie übertraf dieselben noch. wie er in Frankfurt, als er
in seinen Jugendjahren dort weilte, ob seiner Gewissenhaftigkeit, seines
aufrichtigen Charakters, seines Wandels nach Torageist und Torawort von
Jedermann geliebt und geehrt wurde, so genoss er daselbst in seinem Alter
die größte Hochachtung und Wertschätzung aller Derer, die ihn von
früher kannten, oder später mit ihm bekannt wurden. Diese Hochachtung
und Verehrung kam auch in vollstem Maße durch das imposante Grabgeleite
zum Ausdruck, das seinem Sarge folgte. |
Da
an seinem Grabe keine Reden gehalten werden durften, so möge dieser kurze
Nachruf als Tribut der Verehrung gelten, die wir einem solchen Manne
schulden, und möchte ich, bevor ich dieses Lebensbild abschließe, nur
noch anfügen, dass sein Eifer, die Gebote der Tora zu erfüllen, seiner
Unermüdlichkeit im Lernen nicht nachstand. Dies veranlasste ihn, sich als
Mohel (Beschneider) auszubilden. Er erreichte darin große
Fertigkeit, hat Hunderte in den Abrahamsbund aufgenommen, und war seine
Begeisterung, die er bei der jedesmaligen Vollziehung dieses heiligen
Aktes an den Tag legte, nicht genug zu bewundern.
Als am Abende seines Lebens seine Gesundheit durch mehrjähriges Leiden gestört
wurde, war sein einziger Wunsch nur der, dass er durch dasselbe am Lernen
nicht gehindert werde. So schrieb er noch am jüngsten Tag vor Rosch
Haschana (Neujahr) eine treffliche Abhandlung über den Gegenstand
Mackos Fol. 4 (Mackos/Makos sind die Plagen gegenüber den Ägyptern im
2. Buch Mose); worüber in Chot Jair 407 eine Teschuwa (= Antwort,
Entgegnung) sich vorfindet.
Der Verklärte hinterlässt eine trauernde Witwe und sowohl versorgte als
unmündige Kinder - Gott, er sei gesegnet, möge sie beschützen. Möge der Allgütige ihnen den so nötigen Trost über
den herben Verlust ihres edlen Gatten und Vaters senden; möge dessen
Geist unter uns fortwirken, seine Begeisterung uns entflammen, sein Eifer
uns ermuntern, sein Verdienst uns beistehen und seine Nachahmer viele
erwachen in Israel. Möge aber auch der Allbarmherzige des Risses achten,
der durch den Hintritt dieses Frommer in Israel entstanden und des kleinen
Restes wahrhaft für Tora begeisterter Männer in unserer Mitte
schonen. Amen. So möge es (Gottes Wille) sein. Jacob Ehrenreich, Rabbiner." |
Zum Tod von Rabbiner Jakob Ehrenreich (1886 in Höchberg, geboren in Autenhausen)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1886: "Würzburg, 5.
Januar (1886). Am Heiligen Schabbat Paraschat Waere verschied nach
längerem Leiden der in weiten Kreisen bekannte, sehr verehrte Herr
Rabbiner Jakob Ehrenreich, Vorstand der Israelitischen Vorbereitungsschule
zu Höchberg. Die Beerdigung fand Sonntagnachmittag unter zahlreicher
Beteiligung von Verwandten, Freunden, Verehrern und Schülern statt. Im
Hause wurden drei, am Grabe fünf Reden gehalten, die alle dem Schmerze
über den schweren Verluste des so früh Dahingeschiedenen Ausdruck gaben
und Zeugnis von dem erhabenen Wirken und frommen Leben desselben ablegten.
Rabbi Jakob Ehrenreich wurde in Autenhausen geboren, war ein Schüler von
Rabbi E. M. Schüler, von HaGaon Rabbiner Seligmann B. Bamberger
– seligen Andenkens – und Herrn Dr. Feuchtwanger – sein
Licht leuchte. Er wirkte 28 Jahre an der Vorbereitungsschule in
Höchberg und erreichte ein Alter von kaum 52 Jahren. Er hinterlässt eine
trauernde Witwe und 5 Kinder, denen Gott seinen besten Trost senden
möge!" |
Zum Tod von Moses Friedmann (1901)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1901: "Von der
bayrisch-sächsischen Grenze. In dem kleinen, oberfränkischen Dörfchen
Autenhausen – bekannt als eine Stätte wahrhafter Religiosität und
Stammort von vielen ausgezeichneten, gelehrten und frommen Männern –
wurde durch das plötzliche Hinscheiden eines braven und frommen Mannes
schwere Trauer über eine Familie gebracht. Moses Friedmann, fromm
und gottesfürchtig in seinen religiösen Verpflichtungen, edel und
gerecht in den menschlichen und geschäftlichen Eigenschaften, wurde in
der Stadt Coburg, inmitten seiner geschäftlichen Tätigkeit, von einem
Schlaganfall betroffen, dem er auch nach kurzem, bewusstlosen
Krankenlager, umgeben von seiner eilends herbeigerufenen Familie, erlegen
ist. Groß und vielseitig zeigte sich das Mitgefühl schon bei der
schweren Erkrankung; aber die am 18. vorigen Monats in dem Heimatdörfchen
erfolgte Bestattung zeigte erst, welch große Achtung und Wertschätzung
der Verlebte hienieden allseitig gefunden hatte. Es kamen mit der jüdischen
Bevölkerung eine stattliche Anzahl christlicher Honoratioren. Der
Majoratsherr Freiherr von Erffa auf Schloss Ahorn mit seinem Herrn
Gutsinspektor gaben persönlich das letzte Geleite zur ewigen Ruhestätte,
rühmten laut und betrübten Herzens die hohen Tugenden des Entschlafenen,
und versicherten mit der Trauerversammlung der Familie ihre innigste
Anteilnahme durch verschiedene wohltuende Trostesbezeugungen. |
Die
hochgeborene Mutter des genannten Freiherr charakterisierte den
Verstorbenen mit der tief empfundenen Widmung: 'Der liebe Friedmann hat
sich ein Denkmal in den Herzen der Mitwelt gesetzt.' Dieser Kiddusch
haschem (Heiligung Gottes) verdient gewiss eine ausführliche
Registrierung im 'Israelit', dem Gesinnungsorgan und der liebsten Lektüre
des Verstorbenen, was wohl auch gestattet wird, da die Prinzipien des 'Israelit',
'Versöhnung des Toragedankens mit der Derech Erezidee,'
(gemeint: Verbindung von traditioneller jüdischer Gelehrsamkeit mit
guter Kenntnis profaner Wissenschaften) hier bestens personifiziert war.
Wie oft nahte an den Verlebten, durch seine Beziehungen zu den
Gesellschaftskreisen, die Versuchung in Gestalt einer Einladung zu
unerlaubten Genüssen, oder zu gewinnbringenden Vorteilen bei einer
Entweihung des Sabbatheiligkeit! Die Betätigung seiner religiösen Grundsätze
hatte aber nicht die Verachtung oder Minderwertschätzung zum Gefolge, im
Gegenteil, desto ehrenvoller gestaltete sich der Verkehr der besten Kreise
zu ihm. Man schätzte seine hohe Ehrlichkeit und Rechtlichkeit, die Einlösung
des gegebenen Wortes, empfahl ihn nicht trotz, sondern wegen seiner Frömmigkeit
immer weiter, und man sah es gern, wenn er mit Feuereifer seine heilige
Religion und deren Gebräuche verteidigte.
Diese schätzenswerten und anerkannten Tugenden des Entschlafenen fasste
Herr Lehrer Schloß aus Autenhausen zu einem ergreifenden Charakterbilde
zusammen, in einer würdigen Grabrede. Der Redner beklagte, dass der Stolz
der gleich gesinnten Gattin, der gut erzogenen Kinder – wovon die Töchter
würdig und gut versorgt sind – aber noch nicht die Söhne – die
Zierde der ganzen Familie, der Schmuck der jüdischen Gemeinde
Autenhausen, so rasch und unerwartet dahin gerafft wurde, bei noch so
vielen berechtigten Ansprüchen auf das Leben. Ein Haus wäre zerstört,
in welchem die besten jüdischen Geister wach waren, der Sinn für Tora
durch die sinnige und werktätige Unterstützung der Talmide Chachomim,
Wohltätigkeit wurde in der idealsten Weise gefördert, und seinem Schöpfer
hat er in der schönsten Weise gedient, sodass ein guter Name, das beste
Fazit des Lebens, auf ewige Zeiten ihm verbleiben wird. Glückliche Zeiten
machten ihn nicht übermütig, aber auch in der schwersten Heimsuchung,
bei dem im vorigen Jahre erfolgten Tode einer erblühten Tochter, die nun
seine Nachbarin verbleibt im ewigen Schlafe, suchte er Trost und Fassung
bei dem gütigen Schöpfer, der ihn nunmehr eingehen lassen wird in das
Reich der Seligen. Fr." |
Zum Tod von Samuel Kaufmann (1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1907: "Autenhausen
(Oberfranken), 5. Februar 1907. Die Gemeinde Autenhausen hat dieser Tage
leider einen sehr schweren Verlust erlitten. Es starb daselbst im Alter
von 94 Jahren Herr Samuel Kaufmann – seligen
Andenkens – ein Mann, wie er heutzutage selten zu finden und gar auf
dem Lande kaum noch anzutreffen ist. Wenn er auch im elterlichen Hause die
heilige Saat empfing, die sich später zu so vortrefflicher Frucht
entfaltete, so war er doch (hebräisch und deutsch) eine
Lampe, die sich von selbst entzündete, denn er schwang sich, ganz aus
Eigenem heraus, unter den schwierigsten Verhältnissen, zu einer feurigen
Begeisterung für alles echt Jüdische, zu einer idealen Auffassung jüdischen
Pflichtlebens und zu einer Wahrheit
und Gottesfurcht von so unerschütterlicher Festigkeit auf, wie sie
wenigen Menschen eigen ist. Wer in seinen späteren Tagen Gelegenheit
hatte zu beobachten, wie er mit peinlichster Gewissenhaftigkeit noch allen
Vorschriften des jüdischen Gesetzes nachkam, der musste sich sagen, dass
dem gebrechlichen Körper eine ungewohnte Energie und Willenskraft und
eine seltene Geistesfrische innewohnte, und so ist er in dem Kreise, dem
er fast ein Jahrhundert angehörte, ein wahrer beständiger
Zadik (Gerechter) gewesen. Die Achtung, die man dieser hervorragenden
Persönlichkeit zollte, war eine allgemeine. Das zeigte sich besonders am
Tage der Beerdigung, wo trotz der außerordentlich ungünstigen Witterung
Freunde und Bekannte von nah und fern herbeigeeilt warne, um ihm die
letzte Ehre zu erweisen. An seiner Bahre rühmten sein Sohn, Herr Lehrer
Kaufmann aus Frankfurt am Main, sein Schwiegersohn, Herr Lehrer Schloß
(zugleich auch im Namen der Gemeinde Autenhausen), Herr Ansbacher aus
Würzburg,
seine Enkel David Strauß – Gießen und
Gustav Kaufmann – Frankfurt am
Main und ganz besonders Herr Rabbiner Dr. Kohn aus Burgpreppach die Vorzüge
des Verstorbenen in ergreifenden Worten, die nicht nur auf die jüdischen
Teilnehmer, sondern auch auf die zahlreich erschienenen Nichtjuden tiefen
Eindruck machten. Das Dahinscheiden eines solchen Mannes hat nicht nur die
Familie, sondern ganz Israel zu beklagen, denn ein für alle Gute und Schöne
begeisterte echter Jehudi von
altem Schrot und Korn ist mit ihm zu Grabe getragen worden. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
|
Zum Tod des aus Autenhausen stammenden Jacob Schüler
(1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1915: "Jacob
Schüler - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Am 17. Siwan
(= 30. Mai 1915) wurde der in den weitesten Kreisen Frankfurts und
auswärts hochgeschätzte Schochet der Israelitischen
Religionsgesellschaft, Herr Jacob Schüler - das Andenken an den
Gerechten ist zum Segen -, in ein besseres Jenseits abberufen. Über
vier Jahrzehnte hat der Heimgegangene ein verantwortungsvolles
Vertrauensamt versehen und in nicht zu überbietender Hingabe vorbildlich
gewirkt. Als Sohn des unvergessenen Rabbi Ensel Michel Schüler -
das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - zu Autenhausen
geboren, kam er in jungen Jahren nach Frankfurt, wo er 1867 als
Siebzehnjähriger Kabbala (Autorisation) von Rabbiner Samson
Raphael Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -
erhielt. Nichts machte den Verblichenen stolzer als die Tatsache, dass er
der einzige war, der eine schriftliche Kabbala von dieser Hand
besaß. Nachdem er mehrere Jahre in seinem Geburtsort tätig gewesen,
wurde er 1873 nach Frankfurt berufen, wo er seines Amtes waltete bis ihn
vor einigen Jahren ein schweres Leiden, das ihm nur die aufopferungsvolle
Pflege seiner Gattin erträglich machte, zum Rücktritt zwang. Das
außerordentliche Verantwortungsgefühl und der hohe Ernst, die ihn bei
der Ausübung seines Berufes beseelten, verbunden mit der dabei
erkennbaren Weichheit seines Herzens, ließen selbst den der jüdischen
Anschauung Unkundigen das wahre sittliche Wesen der Schechita
ahnen, sodass seine Tätigkeit eine fortgesetzte Heiligung des
Gottesnamens war. Durch sein charakterfestes, zielbewusstes Auftreten
sowie seine Freundlichkeit und Dienstfertigkeit verstand er es, die
Gegensätze der verschiedenen Interessen in seinem Berufe im Keime zu
ersticken und so als wahrer Friedensstifter den Frieden zu
fördern. Mit nicht geringerer Hingabe versah er jahrzehntelang das Amt
eines Kantors des Minjanvereins in mustergültiger Weise.
Aber auch außerhalb des Berufes war der Entschlafene unermüdlich in der
Ausübung von Gottesgeboten. Für den ganzen Kreis seiner Familie
war er ein väterlicher Fürsorger. Hilfesuchende unterstützte er oft
weit mehr, als es seinen Mitteln entsprach. Durch klugen Rat und rastlose
Arbeit hat er manche Existenz begründet.
Die große Beteiligung beim Begräbnis legte Zeugnis ab von der
ungewöhnlichen Achtung, die man Jakob Schüler - seligen Andenkens
- zollte. Herr Rabbiner Dr. Breuer drückte in tief empfundenen, zu Herzen
gehenden Worten die Gefühle der Gemeinde aus, Herr H. Zunz dankte
warm namens des Minjanvereins. Im Trauerhause hielt Herr Rabbiner
Samuel Haimann Schüler, des Heimgegangenen Bruder, in bewegten und
ergreifenden Worten eine Trauerrede, in der er namentlich des
Entschlafenen Liebe zur Tora und ihren Trägern hervorhob und seine
Freude, seine Kinder in echt jüdischem Geiste wirken zu sehen,
schilderte. Das Andenken an Jakob Schüler - das Andenken an den
Gerechten ist zu Segen - wird allezeit in Ehren gehalten werden. Das
Andenken an den Gerechten ist zum Segen." |
Hinweis auf Lehrer Emanuel Strauß aus Autenhausen (1876-1948)
Anmerkung: Lehrer Emanuel Strauß ist am
14. September 1876 in Autenhausen geboren. Nach seiner Ausbildung war er
Elementarschullehrer und Kantor an der israelitischen Volksschule in
Weiden von 1897 bis mindestens 1936. Beim
Novemberpogrom 1938 wurde er verhaftet und vom m12. bis 20. November im KZ
Dachau festgehalten. Im Juni 1939 konnte er nach England emigrieren. Von dort
aus wanderte er nach Uruguay aus, wo er am 22. Oktober 1948 in Montevideo
(Uruguay) starb.
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Anzeige von A. Hellmann (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: "Ein
in größeren Städten bis jetzt beschäftigter Bäckergeselle
sucht Stellung.
A. Hellmann, Autenhausen, Oberfranken." |
Anzeigen von Emanuel Gutmann (1894 / 1904 / 1906)
Anmerkung zur ersten Anzeige: zum Leipziger Kalmus
siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Kalmus_(Art), auch "Deutscher Ingwer" genannt,
https://www.biopflanzen.shop/kraeuter/acorus-calamus.html)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Januar 1894: "Ich versende
reinsten Leipziger Calmus in 5 Kilo Postpaketen à Mark 9.- frei gegen
Nachnahme.
Em. Gutmann, Autenhausen, Oberfranken." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Februar 1904: "Lehrlingsstelle
in einem Schabbos und Jomtof (Feiertag) geschlossenen Manufakturwarengeschäft suche
per Mai für meinen Sohn.
E. Gutmann, Autenhausen, Bayern." |
| |
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. November
1906: "Suche für meinen Sohn, der kaufmännisch gebildet, am 1.
Januar seine Lehrzeit als Schneider beendet, Stellung in einem
Massgeschäft, das Schabbat und Feiertag geschlossen ist.
Em. Gutmann, Autenhausen (Bayern)." |
Berichte über die
Pogromnacht 3./4. November 1923
Artikel
in der Zeitung des "Central-Vereins" (CV-Zeitung) vom 23.
November 1923: "In der Nacht vom 3. zum 4. November gegen 1/2 12 Uhr umstellte
eine Band von etwa 20 Mann die nebeneinander gelegenen Häuser zweier
jüdischer Bewohner von Autenhausen in Oberfranken. Rufe: 'Aufmachen!'
ertönten, und als das nicht schnell genug ging, stieß man die Türe ein,
feuerte einen Schuss in die Wohnung und drang von der Hofseite in diese
ein. Acht bis zehn Jungdoleute, mit Mütze, Windjacke, Seitengewehr und
Revolver ausgerüstet, verlangten von den nur notdürftig gekleideten
Männern Geld mit der Drohung: 'Wir sind Deutschvölkische, wir brauchen
Geld für unsere Sache.' In der Nachbarschaft wurde das Kommando 'Fenster
zu' gegeben, wo sich ein Licht zeigte oder ein Fenster geöffnet wurde. Im
Haus musste bei der Suche nach dem Geld der Geldschrank geöffnet werden. Nachdem
Geld, goldene Uhr und Kette geraubt waren, wurden die beiden Herren
gezwungen, mitzugehen und vor das Dorf geführt. Dort wurde in einer Art Standgericht
beraten, was mit ihnen zu machen sei. Es entwickelte sich folgendes
Zwiegespräch: 'Erschießen? Sind Spaten da?' Antwort: 'Nein'.
'Aufhängen?' 'Es sind keine Stricke da'. Schließlich wurde
beschlossen, die Herren zu erschlagen und ihnen befohlen, sich hinzulegen.
Es wurde mit Stöcken, Gummiknüppeln und Seitengewehren in rohester Weise
auf sie eingeschlagen, bis sie tot schienen. Dann entfernte sich der
Trupp in der Richtung nach Gmünda. Die Schwerverletzten und aus
Kopfwunden blutenden Männer schleppten sich nach einer Weile mühsam nach
Hause. In dem Meiningischen Ummerstadt und später in dem bei
Hildburghausen gelegenen Gleicherwiesen fanden sie Schutz und Obdach. Die
beiden jüdischen Herren liegen noch heute schwer krank danieder." |
| |
Artikel in "Israelitisches Familienblatt" vom 15. November
1923: "In den Klauen von Hakenkreuzlern.
Bayrische Momentbilder. Von befreundeter Seite werden uns folgende
Briefe zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Wir hielten es für ratsam, die
Namen der unschuldig misshandelten Glaubensgenossen nicht auszuschreiben,
denn noch ist nicht abzusehen, wann im Lande der Kahr und Hitler die Juden
wieder zu den Menschen gerechnet werden.
Gleicherwiesen,
5. November 1923.
Hier geht es auch schrecklich zu. Heute Nacht wurden wir geweckt, und kamen
zwei Familien aus Autenhausen zu uns, die nachts um 12 Uhr von
Hakenkreuzlern überfallen und mit Schlagringen und anderen Waffen halbtot
geschlagen waren. Ihr könnt es euch gar nicht vorstellen, wie
schrecklich es ist. Nun sind sie von Haus und Hof gejagt und sitzen hier.
Von der bayerischen Polizei wird nichts zu erhoffen sein, denn die haben ja
nur Hakenkreuzler. Hier kann ja so etwas nicht passieren. Man ist doch
ängstlich, weil es so an der Grenze ist.
Lieber M....!
Käthes Schreiben liegt schon einige Tage, ich konnte vor Aufregung nicht
eher schreiben. Du kannst dir nicht vorstellen wie A. und E. G. mit ihren
Frauen ankamen. Die Herren blutüberströmt, die Frauen mit offenen Haaren,
ich werde den Augenblick nicht vergessen… Heute sind die Frauen nach
Autenhausen, um sich Kleider und Wäsche zu holen, da sie morgen nach
Coburg abgeholt werden. Die jüdischen
Familien von hier zeigen sich großartig, alle sind aufmerksam zu den Leuten,
schicken, was man nur braucht und haben wir jeden Abend Besuch. Heute Nacht
haben wir, nach der Aufregung, zum ersten Mal ein bisschen geschlafen. Heute
Früh kam nun aus Frankfurt ein Brief an J. K. Es wurde dorthin gemeldet,
dass bei einer Hakenkreuzlerversammlung in Heldburg beschlossen wurde, in
nächster Zeit gegen die Gleicherwieser Juden vorzurücken, uns also ebenso
auszuplündern, zu rauben und zu morden. Du kannst Dir ja nun vorstellen, wie
ratlos wir sind. J. ist ja gleich nach
Hildburghausen, um beim Kreisdirektor und Kreiskommissar Schutz zu
erflehen. Nun wollen wir abwarten, was er für Nachrichten mitbringt.
Diese Briefe sind laut telefonischer authentischer Mitteilung dahin zu
ergänzen.
Die beiden Herren Gutmann aus Autenhausen wurden von den Hakenkreuzlern
derartig misshandelt, dass sie erstere selbst für
tot hielten
und aufs Feld schleppten, um sie zu verscharren. Die Übeltäter gingen zum
Ort zurück, um Spaten zu holen. Die Misshandelten benutzten die Gelegenheit,
um zu entfliehen und kamen auch nach einem benachbarten Städtchen (Ummerstadt),
von wo sie ein ihnen wohlgesinnter Bauer nach Gleicherwiesen fuhr, wo sie
morgens um 6 Uhr ankamen. Meine Schwester riskierte nicht, den
Gleicherwiesener Arzt kommen zu lassen, ließ vielmehr einen als liberal
bekannten Hildburghausener Arzt, Dr. Straatmann kommen, der die Leute
dann behandelt und verbunden hat. Die Wunden waren derartig schwer, dass sie
genäht werden mussten.. |
| |
|
Ein
Jahr nach dem Pogrom -
Informationen aus dem Prozessbericht vor dem Schöffengericht Bamberg (1924)
|
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 25. September 1924: "Die völkischen
Folterknechte von Autenhausen.
Vor fast einem Jahre — wie rasch vergessen wir heute! — wurde in Nr. 46
dieses Blattes vom 15. November in einem Artikel 'In den Klauen von
Hakenkreuzlern' aufgrund authentischer Informationen über die Bestialitäten
berichtet, die die Ehrhardtsche Meute gegen wehrlose Juden in dem
fränkischen Orte Autenhausen verübt hatte. Es geschehen Wunder!
Nachdem wir vorige Woche schon über die Verurteilung von Erhardt-Banditen
aus jenen Putschtagen berichten konnten, erhalten wir aus dem alten
Bamberg folgenden weiteren Prozessbericht:
Am 17. September begann vor dem Schöffengericht Bamberg die
Verhandlung wegen Landfriedensbruchs gegen 15 frühere Angehörige eines
'Jungdeutschen Regiments', das Ende 1923 den bayrischen 'Grenzschutz' gegen
Thüringen unter dem Oberbefehl Ehrhardts ausübte. Hauptangeklagter
ist der 25 jährige Wolfgang Götze aus Coburg.
Nach der Anklageschrift haben sich die Angeklagten und eine Anzahl noch
nicht ermittelter Personen — insgesamt 20 bis 25 Mann — in der Nacht vom 3.
auf den 4. November 1923 auf Anregung des Angeklagten Götze zu einem Zuge
nach dem Nachbardorfe Autenhausen zusammengeschlossen, um die dort
wohnenden 'Juden zu verhauen'. Dort angekommen, wurden vor den beiden
nebeneinander liegenden Anwesen der jüdischen Familien Emanuel und Adolf
Gutmann und in der nächsten Umgebung Posten aufgestellt, worauf der
Angeklagte Götze mit einigen anderen Genossen, mit Revolvern und
Gummiknüppeln bewaffnet, zunächst nach Übersteigung des Hoftores in das Haus
des 64 Jahre alten Landwirtes und Viehhändlers Emanuel Gutmann eindrang und
diesen und seine Ehefrau mit vorgehaltener Waffe zur Herausgabe ihres Geldes
zwang. Ebenso erzwangen sie die Öffnung des Geldschrankes und der übrigen
Schränke und Behältnisse der Wohnung, durchwühlten sämtliche Behältnisse und
raubten 70 bis 60 Milliarden Papiergeld, eine goldene Uhr und andere
Gegenstände. Nach Abschluss der Plünderung wurde Emanuel Gutmann in das
Schlafzimmer gesperrt, über das Bett geworfen und mit Fußtritten
misshandelt. Unter der Drohung 'Du wirst erschossen!' wurde dieser dann auf
die Straße gezogen und einem der Posten übergeben.
Das gleiche Manöver erfolgte sodann bei dem Schwager des Überfallenen, dem
59 Jahre alten Landwirt und Viehhändler Adolf Gutmann. Auch hier wurde mit
vorgehaltenem Revolver die Öffnung des Geldschrankes und sämtlicher
Behältnisse erzwungen und etwa 2 Millionen Geld sowie Briefschaften geraubt.
Mit der Drohung 'Jetzt werdet ihr erschossen!' wurde auch Adolf Gutmann auf
die Straße gezerrt und zusammen mit seinem Schwager in Richtung gegen
Gemünden vor das Dorf gebracht.
Unterwegs berieten die Täter, ob sie die Juden erschießen oder aufhängen
sollten. Nach dem Befehl, sie umzubringen, schlugen die Angeklagten wie auf
ein Kommando mit Waffen, Gummiknüppeln und anderen Werkzeugen von rückwärts
solange auf sie ein, bis sie schwer verletzt und blutend niederstürzten.
In der Nacht vom 6. auf den 7. November begaben sich nach dieser Tat vier
weitere Angeklagte gegen 11 Uhr auf eine Aufforderung durch den 'Adjutanten'
Wulinger des in Heiligerdorf liegenden zweiten 'Bataillonsstabes" des
jungdeutschen 'Regiments" unter Mitnahme eines Fuhrwerks von Heiligerdorf
nach Autenhausen, um dort aus dem Anwesen der beiden jüdischen Familien, die
nach dem Überfall in der Nacht vom 3. auf den 4. November aus Autenhausen
geflüchtet waren, deren noch an Ort und Stelle befindliches Eigentum
wegzuholen und an die Bataillonsbefehlsstelle in Heiligerdorf abzuliefern.
In Autenhausen nahmen sie aus den unversperrten Häusern und Stallungen der
beiden Familien neben vielen Kleidern, Anzügen und sonstigen Wäschestücken,
Vieh, Stallgeschirre, das sie alles an die Bataillonsbefehlsstelle
ablieferten.
Bei der Vernehmung der Angeklagten gaben diese die ihnen zur Last gelegten
Handlungen zum größten Teil zu. Die meisten der Angeklagten, besonders
diejenigen, die in der Nacht vom 6. auf den 7. November die oben angeführten
Gegenstände und das Vieh aus Autenhausen abgeholt hatten, beriefen sich auf
den 'Dienstbefehl', den sie von ihren Vorgesetzten erhalten hätten
und dem sie nach ihrer Aussage unbedingt Folge leisten mussten.
In der Zeugenvernehmung gaben die Zeugen Emanuel und Adolf Gutmann
sowie deren Ehefrauen eine genaue Schilderung der Vorkommnisse jener Nacht
bis zu ihrer Flucht nach ihrem jetzigen Aufenthaltsort Coburg. Aus einem
gutachtlichen Schreiben des sie behandelnden Arztes geht hervor, dass sie
zum Teil sehr schwere Verletzungen davongetragen haben und auf Wochen
hinaus erwerbsunfähig waren.
Der Staatsanwalt beantragte gegen Götze wegen Landfriedensbruchs in
Tateinheit mit Einbruchsversuch 4 Jahre Gefängnis, gegen die übrigen
Angeklagten Strafen in Höhe von 2 Monaten bis 2 Jahren Gefängnis. Das
Gericht kam zu folgendem Urteil: Götze wird wegen Verbrechens des
Landfriedensbruchs in Tateinheit mit schwerem Raub und Körperverletzung zu
drei Jahren Gefängnis verurteilt, sieben weitere Angeklagte wegen
Körperverletzung und Beihilfe dazu zu Gefängnisstrafen von 2 bis 9 Monaten.
Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.
Zu der vorige Woche gemeldeten Verurteilung von Pogromisten ist noch
nachzutragen: In der Urteilsbegründung wird mit besonderer Betonung der
unheilvolle Einfluss der Führer auf die jugendlichen Angeklagten als
strafmildernder Umstand angeführt; straferschwerend wirkte die gemeine
Roheit und Brutalität, mit der die Angeklagten vorgegangen seien.
Zu einem kleinen Zusammenstoß zwischen dem Rechtsbeistand des
Nebenklägers Goldstein und dein Vorsitzenden kam es, als ersterer in seinem
Plädoyer in ernster Weise gegen Ehrhardt und Johnsohn Stellung
nahm und sie als die eigentlich Schuldigen bezeichnete, die auf die
Anklagebank gehörten. (Das ist bombensicher! D. Red.). Der Vorsitzende
hielt es für seine Pflicht, wegen dieser Kritik 'vaterländisch verdienter
Männer' dem Rechtsbeistand des Nebenklägers eine Rüge zu erteilen.
Von der bayerischen Justiz ist man nachgerade allerlei gewöhnt, und wir
glauben, dass jedes Richterkollegium in einem Balkannest es sich verbitten
dürfte, mit der Justiz Bayerns seit 1920, über die in den letzten Jahren
alle Welt Klötze gestaunt hat, auf eine Stufe gestellt zu werden. Dieses
Aufdembauchrutschen eines bayerischen Richters aber vor Männern, die
anderswo längst festsäßen, geht denn doch über die Hutschnur! Über den
steckbrieflich verfolgten Ehrhardt (Verleitung zum Meineid), dessen Mannen
jüdische Greise foltern, erübrigt sich jedes Wörtchen. Der andere
vaterländisch verdiente Mann" — der Stand seines Bankkontos ist uns
unbekannt — der saubere Hetzpastor Johnsohn, hat dadurch eine gewisse
Berühmtheit erlangt, dass er allen Landleuten, die Kartoffeln an Juden
verkaufen, den Verlust der Mitgliedschaft in den völkischen Verbänden
androhte. — Es wäre ein Skandal, wenn sich der betreffende Rechtsanwalt
diese die deutsche Republik und das elementarste Gerechtigkeitsgefühl
verhöhnende Rüge des Vorsitzenden gefallen ließe.. |
| |
| Schwere
Vorwürfe gegen das Coburger Herzoghaus (1930) |
Artikel
in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juli 1930: "Schwere Beschuldigungen
gegen das Coburger Herzoghaus. Die Münchener Zeitung 'Welt am
Sonntag' bringt unter der Überschrift 'Der Prinz als Straßenräuber'
Enthüllungen über die Rolle, die das Coburger Herzoghaus bei den
Ausschreitungen spielte, die sich die unter dem Befehl des Kapitäns
Erhardt stehenden Hitler'schen Stoßtrupps an der bayerisch-thüringischen
Grenze im Spätherbst 1923 zuschulden kommen ließen. Diese Freischärler
waren rings um Coburg konzertiert, wo unter der Führung des Herzogs
Karl Eduard ein unbeschreiblicher Terror geübt wurde. Von hier aus
erfolgte eine Reihe schwerer Überfälle, darunter auch die berüchtigt
gewordenen Überfälle auf die beiden jüdischen Hofbesitzer Gutmann
in Autenhausen, deren Häuser völlig ausgeplündert wurden und die
samt ihren Familienangehörigen furchtbar misshandelt wurden und wie durch
ein Wunder dem Tode entgingen. Diese Verbrechen des räuberischen
Überfalls und schweren Landfriedensbruchs fanden ein Jahr später vor dem
Schöffengericht in Bamberg eine völlig unzureichende Sühne, indem der
Führer der Bande, ein gewisser Wolfgang Götze, zu drei Jahren Gefängnis
verurteilt wurde. 'Welt am Sonntag' teilt weiter mit, dass Wolfgang
Götze, der vor dem Bamberger Gericht fast alle Schuld auf sich genommen
hatte, das Wiederaufnahmeverfahren betreibt. Götze erklärte zu Protokoll,
dass auch der Erbprinz Leopold zu Coburg an dem Raubüberfall auf
die wehrlosen jüdischen Familien in Autenhausen beteiligt gewesen
sei. Als Götze später flüchten musste, geschah es mit Hilfe des Herzogs
Karl Eduard, der ihn in einem Rundschreiben dem Verwalter seines in
Niederösterreich gelegenen Gutes Greinburg empfahl. Außerdem finanzierte
der Herzog die Flucht. Als später Götze trotzdem verhaftet wurde, schickte
der Herzog einen Coburger Rechtsanwalt zu Götze ins Gefängnis und ließ
ihn bitten, ja über die Beteiligung seines Sohnes, des Erbprinzen
Leopold, an dem Raubüberfall zu
schweigen." |
| |
Artikel
in "Die neue Welt" vom 27. Juni 1930: "Hoheit beliebten ein wenig zu
stehlen.
Die Münchener Zeitung 'Welt am Sonntag' bringt unter der Überschrift 'Der
Prinz als Straßenräuber" Enthüllungen über die Rolle, die das
Coburger Herzoghaus bei den Ausschreitungen spielte, die sich die unter
dem Befehl des Kapitäns Erhardt stehenden Hitlerschen Stoßtrupps an der
bayrisch-thüringischen Grenze im Spätherbst 1923 zuschulden kommen ließen.
Diese Freischärler waren rings um Coburg konzentriert, wo unter der Führung
des Herzogs Karl Eduard ein unbeschreiblicher Terror geübt wurde. Von
hier aus erfolgte eine Reihe schwerer Überfälle, darunter auch die
berüchtigt gewordenen Überfälle auf die beiden jüdischen Hofbesitzer
Gutmann in Autenhausen, deren Häuser völlig ausgeplündert wurden
und die samt ihren Familienangehörigen, furchtbar misshandelt wurden
und wie durch ein Wunder dem Tode entgingen. Diese Verbrechen des
räuberischen Überfalls und schweren Landfriedensbruchs fanden ein Jahr
später vor dem Schöffengericht in Bamberg eine völlig unzureichende Sühne,
indem der Führer der Bande, ein gewisser Wolfgang Götze, zu drei
Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Verhandlung wurde teilweise hinter
verschlossenen Türen geführt, und das Gericht folgte — wie die Münchener
Zeitung feststellt — nur zu bereitwillig der Vertuschungstaktik der
völkischen Anwälte. 'Welt am Sonntag' teilt weiter mit, dass Wolfgang
Götze, der vor dem Bamberger Gericht fast alle Schuld auf sich genommen
hatte, das Wiederaufnahmeverfahren betreibt. Götze erklärte zu
Protokoll, dass auch der Erbprinz Leopold zu Coburg an dem
Raubüberfall auf die wehrlosen jüdischen Familien in Autenhausen
beteiligt gewesen sei. Als Götze später flüchten musste, geschah es mit
Hilfe des Herzogs Karl Eduard, der ihn in einem Rundschreiben dem Verwalter
eines in Niederösterreich gelegenen Gutes Greinburg empfahl. Außerdem
finanzierte der Herzog die Flucht. Als später Götze trotzdem verhaftet
wurde, schickte der Herzog einen Coburger Rechtsanwalt zu Götze ins
Gefängnis und ließ ihn bitten, ja über die Beteiligung seines Sohnes,
des Erbprinzen Leopold, an dem Raubüberfall zu schweigen.
Zu wundern gibt's da nichts. Hier hat die Stimme des Blutes gesprochen. Die
Ahnen des jungen Herzogs haben die Landstraße bewacht und Kaufleute
ausgeplündert, dann haben sie das Kreuz genommen und auf dem Wege zum
heiligen Grabe Juden gefoltert und erschlagen. Herzog Karl Eduard hat nicht
auf die Juden gewartet, sondern ist zu ihnen gegangen, er hat nicht das
einfache Kreuz, sondern das Hakenkreuz auf sich genommen. Das ist alles!
Wozu der Lärm?" |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Die Stimme" vom 26. Juni 1930: "Schwere
Beschuldigungen gegen das Coburger Herzoghaus.
Der frühere regierende Herzog Karl Eduard Führer des Hitler-Terrors? —
Erbprinz Leopold an der schweren Misshandlung und Beraubung der
Autenhausener jüdischen Familien beteiligt?
Die Münchener Zeitung 'Welt am Sonntag' bringt Enthüllungen über die Rolle,
die das Coburger Herzoghaus bei den Ausschreitungen, die sich die unter dem
Befehl des Kapitäns Erhardt stehenden Hitlerschen Stoßtrupps an der
bayerisch-thüringischen Grenze im Spätherbst 1923 zuschulden kommen ließen.
Diese Freischärler waren rings um Koburg konzentriert, wo unter der Führung
des Herzogs Karl Eduard ein unbeschreiblicher Terror geübt wurde. 'Von hier
aus erfolgte eine Reihe schwerer Überfälle, darunter auch die berüchtigt
gewordenen Überfälle auf die beiden jüdischen Hofbesitzer Gutmann in
Autenhausen, deren Häuser völlig ausgeplündert wurden und die samt ihren
Familienangehörigen furchtbar misshandelt wurden und wie durch ein Wunder
dem Tode entgingen. Diese Verbrechen des räuberischen Überfalls und schweren
Landfriedensbruches fanden ein Jahr später vor dem Schöffengericht in
Bamberg eine völlig unzureichende Sühne, indem der Führer der Bande, ein
gewisser Wolfgang Götze, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die
Verhandlung wurde teilweise hinter verschlossenen Türen geführt und das
Gericht folgte — wie die 'Münchener Zeitung' feststellt — nur zu
bereitwillig der Vertuschungstaktik der völkischen Anwälte. 'Welt am
Sonntag' teilt weiter mit, dass Wolfgang Götze, der vor dem Bamberger
Gericht fast alle Schuld auf sich genommen hatte, das
Wiederaufnahmeverfahren betreibt.
Das 'Berliner Tageblatt', das ebenfalls auf diese Affäre Bezug nimmt,
bemerkt: 'Sollten die Bemühungen Götzes um ein Wiederaufnahmeverfahren
Erfolg haben, so dürfte dem Coburger Herzoghaus nicht unschwer der Nachweis
gelingen, daß es für eine Führerrolle in Hitlers Drittem Reich hervorragend
qualifiziert ist. Diesem Ziel haben die Coburger jedenfalls seit langem als
Finanziers der Hitler-Bewegung erkleckliche Opfer gebracht.'
Das 'Wochenblatt für den Synagogenbezirk Erfurt' schreibt: 'Wir wundern uns
über diese Enthüllungen nicht, da uns die völkische Betätigung der Herren
von Coburg lange bekannt Ist. Gehörten doch die Erfurter Friedhofsschänder
dem Wicking-Bund an, der unter dem Protektorat des Herzogs von Coburg stand,
so dass der Herzog dadurch auch indirekter Protektor der Erfurter
Friedhofsschändung war.' " |
Links: Wikipedia-Artikel zu Herzog
Karl Eduard http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Eduard_(Sachsen-Coburg_und_Gotha)
(1884-1954)
und Wikipedia-Artikel zu seinem Sohn Erbprinz Johann Leopold http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Leopold_von_Sachsen-Coburg_und_Gotha
(1906-1972) |
| |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine ältere Synagoge war vorhanden. Sie wurde nach der in Coburg noch
erhaltenen Reliefinschrift (s.u.) 1734 oder 1774 erbaut. Nach den
Recherchen von Elisabeth Böhrer (Mitteilung vom 21.7.2011) wurde die Synagoge
des 18. Jahrhunderts
allerdings 1756 erbaut (Hinweis auf ein Schriftstück im Staatsarchiv
Würzburg vom 30.4.1817).
1840 hat die jüdische Gemeinde offenbar eine neue Synagoge erbaut (in
dem Bericht von 1928 s.u. ist von 1828 die Rede, was auf Grund der unten stehen
Artikel von 1843 nicht stimmen wird). Dabei
scheinen die eigenen finanziellen Mittel der
jüdischen Familien offenbar nicht ausgereicht haben, denn die Gemeinde
beantragte bei der Regierung eine Kollekte zur "baulichen Vollendung und inneren
Einrichtung" ihrer Synagoge. Die Kollekte wurde im April 1840 genehmigt und
in den folgenden Wochen durchgeführt. Es konnten 69 fl. 5 1/4 Kr. gesammelt
werden. Zur
Durchführung der Kollekte liegen Artikel aus dem "Intelligenzblatt von
Unterfranken und Aschaffenburg des Königreichs Bayern..." vor:
Kollekte zur "baulichen Vollendung und inneren
Einrichtung" der Synagoge in Autenhausen (1843)
Artikel
im "Intelligenzblatt von Unterfranken und Aschaffenburg des Königreichs
Bayern Nr. 24 vom 2. April 1840 S. 183: "31. März 1840. An die fürstlich Löwensteinische Regierungs- und Justiz-Kanzlei zu
Kreuzwertheim und an sämtliche Distrikts-Polizeibehörden des
Regierungsbezirkes.
(Das Gesuch der israelitischen Kultusgemeinde zu Autenhausen,
Herrschaftsgerichts Tambach, um eine Kollekte bei ihren Glaubensgenossen zur
baulichen Vollendung und inneren Einrichtung ihrer Synagoge betreffend). Im Namen Seiner Majestät des
Königs.
Seine Majestät der König haben allergnädigst zu genehmigen geruht, dass
zum Behufe der Aufbringung der Kosten für die bauliche Vollendung und innere
Einrichtung der Synagoge zu Autenhausen, Herrschaftsgerichts Tambach, eine
Sammlung von Beiträgen bei den israelitischen Glaubensgenossen in den
Regierungsbezirken von Oberfranken, dann von
Unterfranken und Aschaffenburg veranstaltet werde.
In Folge dessen werden die
Distrikts-Polizei-Behörden angewiesen, diese Kollekte durch die
Synagogen-Vorsteher vornehmen zu
lassen, und den Ertrag derselben an das diesseitige Expeditions-Amt einzusenden.
Über das Resultat der Kollekte ist binnen 4 Wochen Bericht oder nach Lage
der Sache Fehlanzeige zu erstatten. zugleich aber auch das Resultat zur berichtlichen Anzeige zu bringen.
Würzburg, den 20. Februar 1843. Königliche Regierung von Unterfranken und
Aschaffenburg,
Kammer des Innern. Graf Fugger" |
| |
Artikel
im "Intelligenzblatt von Unterfranken und Aschaffenburg des Königreichs
Bayern Nr. 24 vom 4. August 1840 S. 477-479: "29. Juli 1840. (Kollekte für
die israelitische Gemeinde Autenhausen, Herrschaftsgerichts Tambach, zur
baulichen Vollendung und inneren Einrichtung ihrer Synagoge betr.).
Im Namen Seiner Majestät des Königs.
Der Ertrag der für die Israeliten zu Autenhausen, Herrschaftsgerichts
Tambach, zur baulichen Vollendung und inneren Einrichtung ihrer Synagoge
veranstalteten Kollekte wird in nachstehender Übersicht bekannt gemacht.
Würzburg, den 25. Juli 1840. Königliche Regierung von Unterfranken und
Aschaffenburg,
Kammer des Innern. Graf Fugger..."
In der nachfolgenden Übersicht werden die aus den einzelnen Ämtern
eingegangenen Beträge aufgeführt. |
Über 80 Jahre war die neue Synagoge Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens
der jüdischen Gemeinde Autenhausen.
Nach den Ereignissen im November 1923 (siehe oben) wurde die Synagoge
geschlossen, die Ritualien dem Verband der Bayerischen Israelitischen Gemeinden
übergeben. 1928 wurde das Synagogengebäude verkauft und abgebrochen.
Die Synagoge wird abgebrochen
(1928)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 28. Mai 1928: "Seßlach. Die auf
einer kleinen Anhöhe stehende, im Jahre 1828 erbaute Synagoge von
Autenhausen wird gegenwärtig abgebrochen. Vor 100 Jahren waren in dem
über 350 Einwohner zählenden Dorfe Autenhausen über 100 Juden
ansässig, die schwunghaften Viehhandel trieben und die Metzgerei ausübten.
Heute ist kein einziger Jude dort mehr wohnhaft. Die letzten Juden
sind im Jahre 1923 nach einem Hakenkreuzler-Überfall nach Coburg verzogen." |
Der Stein mit der bereits genannten Reliefinschrift der Synagoge Autenhausen
befindet sich bis heute in der Vorhalle der Synagogenkapelle (Nikolauskapelle)
in Coburg. Zwei Löwen halten einen
Lorbeerkranz mit der Inschrift 'Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, damit
ich in sie eintrete und J[Gott] Dank sage". Dieses Relief wurde aus
Autenhausen von den letzten jüdischen Einwohner nach dem Novemberpogrom 1923
mitgebracht. Es wurde an der Nordseite im Inneren der Apsis eingemauert und
vermutlich kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wieder von dort entfernt. In
den 1950-er Jahren wurde das Stock bei Kanalarbeiten vor der Kapelle gefunden.
Im August 2005 wurde es in der Vorhalle an der Südwand angebracht.
Adresse/Standort der Synagoge
Judenberg 2 (von der Synagoge ist nichts erhalten)
Fotos
Die Synagoge
in Autenhausen
(1909) |
|
|
| |
Blick auf
die Ostseite des Gebäudes
mit dem kleinen Vorbau beim Toraschrein |
|
| Hinweis:
das Foto der Autenhausener Synagoge wurde im Februar 2023 von Manfred
Kellner, Leiter der Bezirksgruppe Seßlach des Colloquium Historicum
Wirsbergense (CHW) zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um ein Glasdia
von 1909, das aus einem Dachbodenfund aus dem Dorfschulhaus Autenhausen
stammt. |
| |
|
|
| |
|
|
Die Reste
der Mikwe
(rituelles Bad)
(Foto: Jürgen Hanke. Kronach) |
 |
|
| |
Die Aufnahme
entstand im Februar 1999.
Standort der Mikwe ist der Garten hinter
dem Haus Lindenstraße 11 (gegenüber dem
Synagogengrundstück Judenberg 2) |
|
| |
|
|
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
| 2024:
Ausstellung zur jüdischen
Geschichte Autenhausen im Staatsarchiv |
Jüdisches Autenhausen 1667–1923.
Eine kleine Ausstellung im Staatsarchiv Coburg zur jüdischen Geschichte
und Kultur in einem oberfränkischen Dorf, zu sehen vom 18. März bis 31. Mai
2024.
links: Ausstellungsplakat, Text: Dr. Hubertus Habel, Gestaltung:
www.josef-starkel-rgk.de
[JPG-Datei].
Vom 18. März bis zum 31. Mai 2024 ist im Staatsarchiv Coburg die
Wanderausstellung 'JA – Jüdisches Autenhausen 1667–1923' zu sehen. Die
Ausstellung wurde von der Arbeitsgruppe 'Jüdisches Autenhausen' erarbeitet.
Initiator der Arbeitsgruppe ist Carsten Höllein, 3. Bürgermeister von
Seßlach, der den Impuls gab, die wenig bekannte Geschichte der jüdischen
Gemeinde zu erforschen. Ein weiteres Ergebnis der Arbeitsgruppe ist ein
Infopult am jüdischen Friedhof Autenhausen, heute ein Ortsteil von Seßlach.
Anfang November 1923 überfiel eine Gruppe des 'Jungdeutschen Regiments' die
letzten beiden jüdischen Familien in Autenhausen. Die Männer wurden
körperlich schwer misshandelt, flohen mit ihren Frauen zunächst nach
Thüringen und ließen sich später in Coburg nieder. Die Ausstellung
thematisiert in sieben Kapiteln die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende
Geschichte der jüdischen Gemeinde Autenhausen, ihr religiöses Leben, ihre
Einrichtungen, ihre Sozialgeschichte sowie das Pogrom, das zu ihrem Ende
führte. Im letzten Kapitel greift die Ausstellung den antisemitischen Mythos
des 'Judendorfes' auf, der zu Schändungen des Friedhofs führte.
Anknüpfungspunkte für die Forschung sind der jüdische Friedhof, der Türsturz
der Synagoge in der Coburger Nikolauskapelle, die heute verfallene Mikwe und
eine hebräische Schriftrolle des biblischen Buchs Esther. Ergänzt wird die
kleine Wanderausstellung durch ausgewählte Stücke aus dem Staatsarchiv
Coburg, die das geregelte Zusammenleben jüdischer und christlicher
Autenhäuser im 19. Jahrhundert belegen.
In Kooperation mit den Central Archives for the History of the Jewish People
(CAHJP) digitalisieren die Staatlichen Archive Bayerns derzeit die dort noch
erhaltene Überlieferung der jüdischen Kultusgemeinden aus Bayern. Ein
eigener Bestand zur jüdischen Gemeinde Autenhausen existiert allerdings
nicht. In den Unterlagen des Distriktsrabbinats Bamberg finden sich jedoch
Akten zu Autenhausen und dem Ende der dortigen jüdischen Gemeinde. Diese
Unterlagen werden im Laufe des Jahres 2024 über die Findmitteldatenbank der
Staatlichen Archive Bayerns online gestellt.
Die Ausstellung ist vom 18. März bis zum 31. Mai 2024 im Staatsarchiv
Coburg, Herrngasse 11, 96450 Coburg, während der Öffnungszeiten des Archivs
zu sehen.
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8:00-16:00 Uhr; Freitag 8:00-13:30
Uhr. Geschlossen an den gesetzlichen Feiertagen. Der Eintritt in die
Ausstellung ist frei.
Öffentliche Führungen: 27. März, 17. April, 8. Mai – jeweils um 15:00 Uhr.
Vgl.
Link. |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 108-109. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 195. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 199.
|
 | "Mehr als
Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I:
Oberfranken - Oberpfalz - Niederbayern - Oberbayern - Schwaben.
Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager. Hg.
von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz.
Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und
herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3:
Bayern. Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im
Allgäu.
ISBN 978-3-98870-411-3.
Kein Abschnitt zu Autenhausen, doch im Abschnitt zu Coburg S. 125 die
Geschichte des Reliefsteines aus Autenhausen.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Autenhausen Upper
Franconia. The community was founded around the turn of the 17th century,
opening a synagogue and public school in 1828. The Jewish population in 1890 was
64 (total 332). The last two families left for Coburg in 1923 after being beaten
by Nazi Youth.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|