Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Wangen im Allgäu (Kreis )
 Jüdische Geschichte 
  

Übersicht:  

bulletZur jüdischen Geschichte in Wangen im Allgäu 
bulletBerichte aus der jüdischen Geschichte in Wangen im Allgäu   
bulletFotos / Darstellungen 
bullet Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte    
bulletLinks und Literatur   

   

Zur jüdischen Geschichte in Wangen im Allgäu          
     
In Wangen im Allgäu gab es zu keiner Zeit eine jüdische Gemeinde. Vermutlich im Mittelalter sowie sicher im 19./20. Jahrhundert lebten einzelne jüdische Familien / Personen in der Stadt.  
 
Für das Mittelalter ist die Quellenlage auf Grund von Urkunden von 1348 und 1401 nicht eindeutig.   

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen einige jüdische Familien und Einzelpersonen zu, die offiziell zur jüdischen Gemeinde in (Bad) Buchau gehörten.  
 
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt: Kaufhaus Dahlberg, Inh. Werner Lehmann und David/Jenny Dahlberg (Gegenbauerstraße 10), Viehhandlung Ferdinand Fröhlich (Adresse unbekannt), Viehhandlung Martin Lindauer (Klosterbergstraße 18, Gebäude ist abgebrochen), Konfektionsgeschäft Siegmund Stern, Inhaber Erwin Jung (Postplatz 3).

  
Von den in Wangen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ruth Arnstein verheiratete Sostheim (1914, siehe unten), Ferdinand Fröhlich (geb. 14. Oktober 1879 in Durlach Baden, siehe unten), Erwin Jakob Jung (1883, siehe unten).  
    
    
    
Berichte aus der jüdischen Geschichte in Wangen im Allgäu      
     
Zu einzelnen Personen/Familien in Wangen

(ausgewertet wurde u.a. die "Judendokumentation" des Hauptstaatsarchives Stuttgart EA 99/001 Büschel 180 zu Wangen im Allgäu).  
  
 
- Ruth Arnstein (nach 1938 verheiratete Sostheim), geb. 18. November 1914 in Dortmund, zog am 1. November 1937 von Witten/Ruhr nach Wangen zu und war hier als Modistin/Verkäuferin tätig. Vom 18. Mai 1938 bis 27. September 1938 hatte sie eine Stelle als Verkäuferin in Villingen, dann verzog sie wieder nach Witten/Ruhr. Sie heiratete wenig später den Bürstenfabrikanten Walter Sostheim, mit dem sie in Lippstadt lebte. Das Ehepaar wurde am 27. Oktober 1941 in das Ghetto von Litzmannstadt deportiert, im August 1944 in das KZ Auschwitz, von dort sie zuerst in das KZ Groß-Rosen, dann in das KZ Flossenbürg, wo sie umgekommen ist. Siehe Gedenkbuch Düsseldorf: https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/sostheim-ruth/, weiter: https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/19730
In Lippstadt wurde am 7. Juni 2023 in der Wiedenbrücker Straße 14 ein "Stolperstein" für sie und die Mitglieder ihrer Familie verlegt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Lippstadt  
 
-  Gerda Brandt
(geb. 21. September 1914 in Rathenow, ab 1941 verheiratete Villemor Amaral), war bis Oktober 1937 im Konfektionsgeschäft Siegmund Stern / Erwin Jung in Wangen beschäftigt. Sie war eine Tochter von Eugen und Rosa Brandt, die ab 1920 in Fürstenwalde einen Kurzwarenladen betrieben. Ihr Vater war ein aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde. Gerda Brandt verließ am 31. Oktober 1937 Wangen und verzog wieder zu ihrer Familie nach Fürstenwalde. Sie konnte im Januar 1939 nach Brasilien emigrieren. Ihre Eltern und ihr Bruder Werner wurden im Januar 1943 von Berlin aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Gerda Brandt heiratete 1941 in Brasilien Sérgio José de Villemor Amaral und verdiente ihren Lebensunterhalt als Deutschlehrerin und Haushaltshilfe. Sie starb am 8. August 2013 in Salvador de Bahia. Am 3. Dezember 2019 wurden in Fürstenwald in der Mühlenstraße 5c Stolpersteine für sie und ihre Familie verlegt.  
Siehe https://www.stolpersteine-fuerstenwalde.de/gerda-philippine-villemor-amaral-brandt/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Fürstenwalde/Spree   
 
-  David Dahlberg ist am 9. August 1876 in Kleestadt (Kreis Darmstadt-Dieburg) geboren. Er war von Beruf Kaufmann und seit dem 3. November 1905 verheiratet mit der Kauffrau Jenny geb. Kanthal, die am 22. März 1880 in Frankfurt-Bockenheim geboren ist. Die beiden hatten eine Tochter Else (geb. 7. Februar 1907 in Wangen). David und Jenny Dahlberg kam aus Frankfurt am Main über Biberach nach Wangen. Durch ihre Kenntnis, Korrektheit und reelle Behandlung der Kundschaft gewannen sie bald das Vertrauen der Bevölkerung. Das Geschäft genoss große Beachtung bis in die Schweiz und nach Vorarlberg. David Dahlberg starb am 13. August 1930 in Wangen. David Dahlberg war Inhaber des Kaufhauses Dahlberg in der Gegenbauerstraße 10. Jenny Dahlberg übte in aller Stille eine soziale Wohlfahrt aus und beschenkte Personen, die ihre Hilfe benötigten wie auch das Kreiskrankenhaus, ein Altersheim und die Krankenschwesterstation (letztere bekam einen wertvollen Schrank von ihr geschenkt). Nach seinem Tod waren Werner Lehmann und Jenny Dahlberg gemeinsame - persönliche haftende - Inhaber. Nach dem Novemberpogrom 1938 (der Betrieb des Kaufhauses war bereits zum 1. November eingestellt worden) musste das durch den Pogrom in Mitleidenschaft gezogene Kaufhaus endgültig geschlossen für 17.000 Mark zwangsverkauft werden - bei einem Wert von mindestens 60.000 Mark. Neuer Besitzer war Willi Lehder in Wangen. Jenny Dahlberg konnte mit ihrer Tochter Jenny im Januar 1939 noch nach Chile emigrieren und starb in Santiago de Chile im Februar 1940.
Tochter Jenny war seit 1928 verheiratet mit Werner Lehmann siehe unten.  
 
Else Dahlberg (geb. 1907 in Wangen) referiert im Israelitischen Frauenverein Buchau (1927)     

Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Juni 1927: "Buchau am Federsee. Einer Anregung des Ulmer und Laupheimer Israelitischen Frauenvereins folgend, wurde auch vom hiesigen Frauenverein ein Ausschuss für geistige Interessen eingesetzt, der im Laufe des Winters bereits eine Reihe Vortragsabende veranstaltete. Es sprachen: Rabbiner Dr. Schlesinger über 'Jüdische Literatur', Frl. Anni Moos - Buchau über 'Franz Werfel', Frl. Peppi Dreifuß - Buchau über 'Paulus unter den Juden'. Frau Rabbiner Straßburger - Ulm über 'Das jüdische Weib', Frl. Else Dahlberg - Wangen über 'Glücke! von Hameln', Frau Rabbiner Treitel - Laupheim über 'Drei jüdische Frauengestalten der Gegenwart''. Frau Gertrud Weil - München über 'Jüdische Frauenarbeit in Palästina'. Die Vorträge waren sehr gut besucht und fanden allgemeines Interesse."       

   
-  Alice Frenkel ist am 11. September 1919 in Merzig/Saar geboren. Sie war bei Werner Lehmann (Mitinhaber Kaufhaus Dahlberg siehe oben) als Hausgehilfin tätig. Nachdem das Kaufhaus im November 1938 geschlossen und zwangsverkauft worden war, blieb sie nur noch wenige Wochen in Wangen und kehrte Anhang Januar 1939 in ihre Heimatstadt Merzig zurück. 
  
Johanna Frenkel ist am 11. Februar 1916 in Rodalben geboren. Sie war in als Hausgehilfin bei Martin Lindauer (Am Engelberg 11) in Wangen tätig bis zum 15. Oktober 1938, als sie nach Stuttgart verzog (dort wohnhaft Militärstraße 68). 
 
-  Ferdinand Fröhlich ist am 14. Oktober 1879 in Karlsruhe-Durlach geboren. Er war in Wangen und Umgebung als Viehaufkäufer/Viehagent für den Schlachthof in Karlsruhe tätig. Im Dezember 1933 wurde er vom Amtsgericht Ravensburg wegen angeblichen Betrugs und Zechprellerei zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Im März 1936 wurde er wegen angeblicher 'Rassenschande' mit einer Deuchelriederin verhaftet. In einer Saukiste eingesperrt zog ihn die SA durch die Straßen, vom johlenden Mob verhöhnt und angepinkelt. Inzwischen war er völlig verarmt und verzog 1938 nach Karlsruhe. Von hier wurde er am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs/Südfrankreich deportiert, wo er am 22. November 1941 ums Leben gekommen ist.
 
Kurt Gerson ist am 1. Juni 1912 in Homberg (Niederrhein, Kreis Moers) geboren. Am 2. Januar 1938 kam er von Ravensburg nach Wangen. Er war ledig und als Autoschlosser tätig. Er arbeitete bei Firma Schek in der Klosterbergstraße in Wangen und wohnte selbst in der Isnyer Straße 2. Am 25. März 1938 verließ er Wangen und verzog vermutlich nach Stuttgart.
  
Ruth Gusstein (Gußstein) ist am 24. Januar 1916 geboren. Sie war als Sportlehrerin vom 5. November 1936 bis zum 25. März 1937 im Landschulheim Herrlingen tätig und lebte vor und nach dieser Zeit in Wangen. 
Hinweis: eine Julie Gusstein geb. Wolf ist am 25. Juli 1890 in Wangen (KN) geboren, wohnte in Fürth, wurde 1941 deportiert und ist umgekommen. Vielleicht Verwechslung der beiden Orte Wangen. Überprüfen bei den Blättern zu Wangen (KN)!    
  
Erwin Jakob Jung ist am 14. Mai 1883 in Konstanz geboren. Er war seit 14. Mai 1914 (in Konstanz) verheiratet mit Mina/Maria geb. Stern, die am 27. Mai 1883 in Buchau geboren ist. Zuletzt lebte er wieder in seinem Heimatort Konstanz. Am 22. August 1942 wurde er ab Stuttgart in das Ghetto Theresienstadt. Von dort am 23. Januar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo er ermordet wurde. 
   
 EA 99/001 zu Wangen noch von S. 31 - 77 durchgehen.   
   

 -  Werner Lehmann
ist am 25. Oktober 1902 in Krojanke/Flatow geboren.   
   
 -  Hermann Lindauer ist am 16. Oktober 1879 in Jebenhausen geboren.   
   
 -  Martin Lindauer ist  am 18. Juli 1898 in Esslingen geboren.     
   
 
-  Sophie Lindauer geb. Levi
ist am 17. November 1884 in Buttenhausen geboren.              
   
Richard Franz Mailänder ist am 24. Juni 1894 in Passau geboren.    
   
-  Lucie Johanna Seelos geb. Marx ist am 21. Juli 1902 in Freiburg geboren.  
 
Elsa Maria Sohler geb. Stern ist am 3. März 1887 in Buchau geboren. 
   
 
     
Fotos 

     
     

    
   
 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte       

Erinnerung an die jüdischen Familien in Wangen in der Website des Denkstättenkuratoriums NS Dokumentation Oberschwaben      
Artikel von Rainer Jensch, Stadtarchiv Wangen in https://www.dskos.de/gedenkorte/wangen: "Wangen. Erinnern statt Verdrängen
Am Beginn der nationalsozialistischen Ära steht die Amtsenthebung des Wangener Bürgermeisters Friedrich Geray, die Zurücksetzung weiterer Amtspersonen, die Gleichschaltung der zentrumstreuen Presse und die Verfolgung der politischen Opposition. Es folgen Zwangssterilisierungen mit Todesfolge und die Ermordung von 'Erbkranken' in Grafeneck. Durchreisende Sinti und Roma wurden mit 'Zwangsdesinfektion' schikaniert und Zwangsarbeiter schufteten in den Betrieben.
Die Entrechtung und Enteignung der Wangener Juden fand in aller Öffentlichkeit statt. Die Familie Sigmund Stern hatte seit 1906 ein Konfektionsgeschäft in der Bindstraße und ein weiteres am Postplatz. 1938 verkauften Schwiegersohn Erwin Jung und Mina geb. Stern ihre Häuser und zogen nach Konstanz. Erwin Jung kam am 22. August 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben. In den Vernichtungslagern wurden über zehn Mitglieder der Familie Stern umgebracht. Das Kaufhaus Dahlberg – Lehmann in der Gegenbaurstraße wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zum Ziel des organisierten Judenhasses. Ihr Haus verkaufte die Familie für nicht einmal die Hälfte seines tatsächlichen Wertes und emigrierte mit ihren Kindern nach Südamerika.
Martin und Rosa Lindauer betrieben eine Viehhandlung in ihrem Anwesen an der Klosterbergstraße. Nach Schutzhaft und Berufsverbot waren sie zur Auswanderung gezwungen. Der Viehagent Ferdinand Fröhlich wurde im März 1936 wegen 'Rassenschande' mit einer Deuchelriederin verhaftet. In einer Saukiste eingesperrt zog ihn die SA durch die Straßen, vom johlenden Mob verhöhnt und angepinkelt. Am 22. November 1941 kam er im Konzentrationslager Gurs (Frankreich) ums Leben.
Zwei jüdische Frauen in Mischehen überlebten den Holocaust. Elsa Maria Sohler geb. Stern musste ein Leben in Einschränkung, Ausschluss von allen gesellschaftlichen Ereignissen und in permanenter Angst vor der Deportation führen. Ihre vier Kinder hatten als 'unerwünschter Nachwuchs' viele Schikanen und Benachteiligungen zu erleiden. So auch die Zahnarztfamilie Seelos. Luzie Johanna Seelos geb. Marx entkam nur knapp der Deportation durch die Hilfe eines Wangener Arztes."  

    
    

     
Links und Literatur   

Links:  

bulletWebsite der    

Literatur:  

bulletBirgit Locher-Dodge: Verdrängte Jahre? Wangen im Allgäu 1933 – 1945. Herausgegeben Weiler im Allgäu 1999.     

   
     

                   
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Stand: 31. Januar 2026