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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Wangen im Allgäu (Kreis )
Jüdische Geschichte
Übersicht:
Zur jüdischen Geschichte
in Wangen im Allgäu
In Wangen im Allgäu gab es zu keiner Zeit eine
jüdische Gemeinde. Vermutlich im Mittelalter sowie sicher im 19./20. Jahrhundert
lebten einzelne jüdische Familien / Personen in der Stadt.
Für das Mittelalter ist die Quellenlage auf Grund von Urkunden von 1348
und 1401 nicht eindeutig.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen einige jüdische
Familien und Einzelpersonen zu, die offiziell zur jüdischen Gemeinde in
(Bad) Buchau gehörten.
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Gewerbebetrieben im Besitz
jüdischer Familien sind bekannt: Kaufhaus Dahlberg, Inh. Werner Lehmann und
David/Jenny Dahlberg (Gegenbauerstraße 10), Viehhandlung Ferdinand Fröhlich
(Adresse unbekannt), Viehhandlung Martin Lindauer (Klosterbergstraße 18, Gebäude
ist abgebrochen), Konfektionsgeschäft Siegmund Stern, Inhaber Erwin Jung
(Postplatz 3).
Von den in Wangen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ruth Arnstein
verheiratete Sostheim (1914, siehe unten), Ferdinand Fröhlich (geb.
14. Oktober 1879 in Durlach Baden, siehe unten), Erwin Jakob Jung (1883,
siehe unten).
Berichte aus der
jüdischen Geschichte in Wangen im Allgäu
Zu einzelnen Personen/Familien in Wangen
(ausgewertet wurde u.a. die "Judendokumentation" des Hauptstaatsarchives
Stuttgart EA 99/001 Büschel 180 zu Wangen im Allgäu).
- Ruth Arnstein (nach 1938 verheiratete
Sostheim), geb. 18. November 1914 in Dortmund, zog am 1. November 1937 von
Witten/Ruhr nach Wangen zu und war hier als Modistin/Verkäuferin tätig. Vom 18.
Mai 1938 bis 27. September 1938 hatte sie eine Stelle als Verkäuferin in
Villingen, dann verzog sie wieder nach
Witten/Ruhr. Sie heiratete wenig später den Bürstenfabrikanten Walter Sostheim,
mit dem sie in Lippstadt lebte. Das Ehepaar wurde am 27. Oktober 1941 in das
Ghetto von Litzmannstadt deportiert, im August 1944 in das KZ Auschwitz, von
dort sie zuerst in das KZ Groß-Rosen, dann in das KZ Flossenbürg, wo sie
umgekommen ist. Siehe Gedenkbuch Düsseldorf:
https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/sostheim-ruth/, weiter:
https://stolpersteine.wdr.de/web/de/stolperstein/19730
In Lippstadt wurde am 7. Juni 2023 in der Wiedenbrücker Straße 14 ein
"Stolperstein" für sie und die Mitglieder ihrer Familie verlegt: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Lippstadt
- Gerda Brandt (geb. 21. September 1914 in Rathenow, ab 1941
verheiratete Villemor Amaral), war bis Oktober 1937 im Konfektionsgeschäft
Siegmund Stern / Erwin Jung in Wangen beschäftigt. Sie war eine Tochter von
Eugen und Rosa Brandt, die ab 1920 in Fürstenwalde einen Kurzwarenladen
betrieben. Ihr Vater war ein aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde. Gerda
Brandt verließ am 31. Oktober 1937 Wangen und verzog wieder zu ihrer Familie
nach Fürstenwalde. Sie konnte im Januar 1939 nach Brasilien emigrieren. Ihre
Eltern und ihr Bruder Werner wurden im Januar 1943 von Berlin aus in das
Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Gerda Brandt heiratete 1941
in Brasilien Sérgio José de Villemor Amaral und verdiente ihren Lebensunterhalt
als Deutschlehrerin und Haushaltshilfe. Sie starb am 8. August 2013 in Salvador
de Bahia. Am 3. Dezember 2019 wurden in Fürstenwald in der Mühlenstraße 5c
Stolpersteine für sie und ihre Familie verlegt.
Siehe
https://www.stolpersteine-fuerstenwalde.de/gerda-philippine-villemor-amaral-brandt/
und
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Fürstenwalde/Spree
- David Dahlberg ist am 9. August 1876 in
Kleestadt (Kreis Darmstadt-Dieburg)
geboren. Er war von Beruf Kaufmann und seit dem 3. November 1905 verheiratet mit
der Kauffrau Jenny geb. Kanthal, die am 22. März 1880 in
Frankfurt-Bockenheim geboren ist. Die beiden hatten eine Tochter Else
(geb. 7. Februar 1907 in Wangen). David und Jenny Dahlberg kam aus Frankfurt am
Main über Biberach nach Wangen. Durch ihre Kenntnis, Korrektheit und reelle
Behandlung der Kundschaft gewannen sie bald das Vertrauen der Bevölkerung. Das
Geschäft genoss große Beachtung bis in die Schweiz und nach Vorarlberg. David
Dahlberg starb am 13. August 1930 in Wangen. David Dahlberg war Inhaber des
Kaufhauses Dahlberg in der Gegenbauerstraße 10. Jenny Dahlberg übte in aller
Stille eine soziale Wohlfahrt aus und beschenkte Personen, die ihre Hilfe
benötigten wie auch das Kreiskrankenhaus, ein Altersheim und die
Krankenschwesterstation (letztere bekam einen wertvollen Schrank von ihr
geschenkt). Nach seinem Tod waren Werner Lehmann und Jenny Dahlberg gemeinsame -
persönliche haftende - Inhaber. Nach dem Novemberpogrom 1938 (der Betrieb des
Kaufhauses war bereits zum 1. November eingestellt worden) musste das durch den
Pogrom in Mitleidenschaft gezogene Kaufhaus endgültig geschlossen für 17.000
Mark zwangsverkauft werden - bei einem Wert von mindestens 60.000 Mark. Neuer
Besitzer war Willi Lehder in Wangen. Jenny Dahlberg konnte mit ihrer Tochter
Jenny im Januar 1939 noch nach Chile emigrieren und starb in Santiago de Chile
im Februar 1940.
Tochter Jenny war seit 1928 verheiratet mit Werner Lehmann siehe unten.
Else Dahlberg (geb. 1907 in Wangen) referiert im
Israelitischen Frauenverein Buchau
(1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Juni 1927: "Buchau
am Federsee. Einer Anregung des Ulmer und Laupheimer Israelitischen
Frauenvereins folgend, wurde auch vom hiesigen Frauenverein ein Ausschuss
für geistige Interessen eingesetzt, der im Laufe des Winters bereits
eine Reihe Vortragsabende veranstaltete. Es sprachen: Rabbiner Dr.
Schlesinger über 'Jüdische Literatur', Frl. Anni Moos - Buchau
über 'Franz Werfel', Frl. Peppi Dreifuß -
Buchau über 'Paulus unter den Juden'. Frau Rabbiner Straßburger -
Ulm über 'Das jüdische Weib', Frl.
Else Dahlberg - Wangen über 'Glücke! von Hameln', Frau Rabbiner
Treitel - Laupheim über 'Drei
jüdische Frauengestalten der Gegenwart''. Frau Gertrud Weil - München
über 'Jüdische Frauenarbeit in Palästina'. Die Vorträge waren sehr gut
besucht und fanden allgemeines Interesse." |
- Alice Frenkel ist am 11. September 1919 in
Merzig/Saar geboren. Sie war bei Werner
Lehmann (Mitinhaber Kaufhaus Dahlberg siehe oben) als Hausgehilfin tätig.
Nachdem das Kaufhaus im November 1938 geschlossen und zwangsverkauft worden war,
blieb sie nur noch wenige Wochen in Wangen und kehrte Anhang Januar 1939 in ihre
Heimatstadt Merzig zurück.
- Johanna Frenkel ist am 11. Februar 1916 in
Rodalben geboren. Sie war in als
Hausgehilfin bei Martin Lindauer (Am Engelberg 11) in Wangen tätig bis zum 15.
Oktober 1938, als sie nach Stuttgart verzog (dort wohnhaft Militärstraße 68).
- Ferdinand Fröhlich ist am 14. Oktober 1879 in Karlsruhe-Durlach
geboren. Er war in Wangen und Umgebung als Viehaufkäufer/Viehagent für den
Schlachthof in Karlsruhe tätig. Im Dezember 1933 wurde er vom Amtsgericht
Ravensburg wegen angeblichen Betrugs und Zechprellerei zu drei Monaten Gefängnis
verurteilt. Im März 1936 wurde er wegen angeblicher 'Rassenschande' mit einer
Deuchelriederin verhaftet. In einer Saukiste eingesperrt zog ihn die SA durch
die Straßen, vom johlenden Mob verhöhnt und angepinkelt. Inzwischen war er
völlig verarmt und verzog 1938 nach Karlsruhe. Von hier wurde er am 22. Oktober
1940 in das Internierungslager Gurs/Südfrankreich deportiert, wo er am 22.
November 1941 ums Leben gekommen ist.
- Kurt Gerson ist am 1. Juni 1912 in Homberg (Niederrhein, Kreis
Moers) geboren. Am 2. Januar 1938 kam er von Ravensburg nach Wangen. Er war
ledig und als Autoschlosser tätig. Er arbeitete bei Firma Schek in der
Klosterbergstraße in Wangen und wohnte selbst in der Isnyer Straße 2. Am 25.
März 1938 verließ er Wangen und verzog vermutlich nach Stuttgart.
- Ruth Gusstein (Gußstein) ist am 24. Januar 1916 geboren. Sie war
als Sportlehrerin vom 5. November 1936 bis zum 25. März 1937 im
Landschulheim Herrlingen tätig und lebte
vor und nach dieser Zeit in Wangen.
Hinweis: eine Julie Gusstein geb. Wolf ist am 25. Juli 1890 in Wangen (KN)
geboren, wohnte in Fürth, wurde 1941 deportiert und ist umgekommen. Vielleicht
Verwechslung der beiden Orte Wangen. Überprüfen bei den Blättern zu Wangen (KN)!
- Erwin Jakob Jung ist am 14. Mai 1883 in
Konstanz geboren. Er war seit 14. Mai 1914
(in Konstanz) verheiratet mit Mina/Maria geb. Stern, die am 27. Mai 1883 in
Buchau geboren ist. Zuletzt lebte er wieder in seinem Heimatort Konstanz. Am 22.
August 1942 wurde er ab Stuttgart in das Ghetto Theresienstadt. Von dort am 23.
Januar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo er ermordet wurde.
EA 99/001 zu Wangen noch von S. 31 - 77 durchgehen.
- Werner Lehmann ist am 25. Oktober 1902 in Krojanke/Flatow
geboren.
- Hermann Lindauer ist am 16. Oktober 1879 in Jebenhausen
geboren.
- Martin Lindauer ist am 18. Juli 1898 in Esslingen
geboren.
- Sophie Lindauer geb. Levi ist am 17. November 1884 in Buttenhausen
geboren.
- Richard Franz Mailänder ist am 24. Juni 1894 in Passau geboren.
- Lucie Johanna Seelos geb. Marx ist am 21. Juli 1902 in Freiburg
geboren.
- Elsa Maria Sohler geb. Stern ist am 3. März 1887 in Buchau
geboren.
Fotos
Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
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Erinnerung an die jüdischen
Familien in Wangen in der Website des Denkstättenkuratoriums NS
Dokumentation Oberschwaben
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Artikel
von Rainer Jensch, Stadtarchiv Wangen in
https://www.dskos.de/gedenkorte/wangen:
"Wangen. Erinnern statt Verdrängen
Am Beginn der nationalsozialistischen Ära steht die Amtsenthebung des
Wangener Bürgermeisters Friedrich Geray, die Zurücksetzung weiterer
Amtspersonen, die Gleichschaltung der zentrumstreuen Presse und die
Verfolgung der politischen Opposition. Es folgen Zwangssterilisierungen mit
Todesfolge und die Ermordung von 'Erbkranken' in Grafeneck. Durchreisende
Sinti und Roma wurden mit 'Zwangsdesinfektion' schikaniert und
Zwangsarbeiter schufteten in den Betrieben.
Die Entrechtung und Enteignung der Wangener Juden fand in aller
Öffentlichkeit statt. Die Familie Sigmund Stern hatte seit 1906 ein
Konfektionsgeschäft in der Bindstraße und ein weiteres am Postplatz. 1938
verkauften Schwiegersohn Erwin Jung und Mina geb. Stern ihre Häuser
und zogen nach Konstanz. Erwin Jung kam am 22. August 1942 im
Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben. In den Vernichtungslagern
wurden über zehn Mitglieder der Familie Stern umgebracht. Das Kaufhaus
Dahlberg – Lehmann in der Gegenbaurstraße wurde in der Reichspogromnacht
am 9. November 1938 zum Ziel des organisierten Judenhasses. Ihr Haus
verkaufte die Familie für nicht einmal die Hälfte seines tatsächlichen
Wertes und emigrierte mit ihren Kindern nach Südamerika.
Martin und Rosa Lindauer betrieben eine Viehhandlung in ihrem Anwesen
an der Klosterbergstraße. Nach Schutzhaft und Berufsverbot waren sie zur
Auswanderung gezwungen. Der Viehagent Ferdinand Fröhlich wurde im
März 1936 wegen 'Rassenschande' mit einer Deuchelriederin verhaftet. In
einer Saukiste eingesperrt zog ihn die SA durch die Straßen, vom johlenden
Mob verhöhnt und angepinkelt. Am 22. November 1941 kam er im
Konzentrationslager Gurs (Frankreich) ums Leben.
Zwei jüdische Frauen in Mischehen überlebten den Holocaust. Elsa Maria
Sohler geb. Stern musste ein Leben in Einschränkung, Ausschluss von
allen gesellschaftlichen Ereignissen und in permanenter Angst vor der
Deportation führen. Ihre vier Kinder hatten als 'unerwünschter Nachwuchs'
viele Schikanen und Benachteiligungen zu erleiden. So auch die
Zahnarztfamilie Seelos. Luzie Johanna Seelos geb. Marx entkam nur
knapp der Deportation durch die Hilfe eines Wangener Arztes." |
Links und Literatur
Links:
 | Website der |
Literatur:
 | Birgit Locher-Dodge: Verdrängte Jahre? Wangen im
Allgäu 1933 – 1945. Herausgegeben Weiler im Allgäu 1999. |

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