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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Pforzheim (Stadtkreis Pforzheim)
Jüdische Geschichte / Synagogen (bis 1938/40)
Übersicht
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english version)
In Pforzheim bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter und in der Neuzeit
bis 1938/40. Im Mittelalter werden Juden erstmals 1260 im Zusammenhang
mit einem angeblichen Ritualmord und einer Judenverfolgung genannt. Die
Judenverfolgung während der Pestzeit 1348 vernichtete die Gemeinde. Vom 15.
bis 17. Jahrhundert waren Juden vereinzelt in der Stadt (1463 bezeugt). In
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren unter den Juden in Pforzheim auch
einige Ärzte. 1614 wurden die Juden vertrieben. Zu einer Wiederansiedlung kam
es ab 1670.
Im 18./19. Jahrhundert nahm die Zahl jüdischer Einwohner in Pforzheim,
auch durch Zuzug von Landgemeinden (u.a. Königsbach),
zunächst langsam, dann stark zu. 1709 waren es fünf, 1784 dreizehn jüdische
Familien.
Zwischen 1861 und 1925 wuchs die Gemeinde um mehr als das Fünffache: Die
höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1927 mit 1.000 Personen
erreicht.
Die Pforzheimer Juden lebten bis zum frühen 18. Jahrhundert vor allem vom
Handel und von Handlungen. 1739 betrieben sie in der Stadt sechs offene Kramläden
mit allen möglichen Waren. Im 19. Jahrhundert gab es viele jüdische Gold-,
Silber-, Perlen- Schmuckwaren- und Uhrengroßhändler. Auch entstanden
zahlreiche jüdische Schmuck- und Uhrenfabriken sowie andere Fabriken.
Bis zu Beginn der NS-Zeit 1933 waren in jüdischem Besitz etwa
15 Textilwarengeschäfte, sieben Schuhgeschäfte, sieben Metallwaren- und
Eisenhandlungen, zwei Kaufhäuser und anderes mehr. Mehrere jüdische Ärzte und
Rechtsanwälte praktizierten in der Stadt.
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der NS-Zeit kamen von den
1933 in Pforzheim wohnhaften 770 jüdischen Personen mindestens 190 ums Leben.
29 Schicksale sind ungeklärt/unbekannt.
Zur neuen Gemeinde nach 1945: hier
anklicken
Berichte/Texte
aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule
Werbung für die jüdische Knabenpension des
Kantors Emil Bloch (1878)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. August 1878: "Pension!
Knaben, welche die hiesigen Lehranstalten (Progymnasium, sechsklassige höhere
Bürgerschule, Kunstgewerbeschule) besuchen, finden beim Unterzeichneten
Aufnahme, gewissenhafte Pflege und Überwachung, Nachhilfe im Unterrichte,
sowie jede gewünscht Unterweisung in den israelitischen Religions- und
Schriftfächern. Nähere Auskunft haben die Güte zu erteilen: Herr Dr.
Schneider, Direktor des Progymnasiums und der höheren Bürgerschule hier;
Herr Dr. Schwarz, Stadt und Bezirksrabbiner in Karlsruhe. Kantor E.
Bloch,
Hauptlehrer an der höheren Bürgerschule in Pforzheim (Baden)." |
Zum Tod des Kantors und Lehrers Elias / Emil Bloch (Lehrer in
Pforzheim von 1875 bis zu seinem Tod 1893)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Juni 1893: "Pforzheim,
4. Juni (1893). Am 3. dieses Monats verschied nach nur sechstägiger
Krankheit in Folge einer Herzlähmung unser seit 1875 in hiesiger Gemeinde
als Kantor und an der hiesigen Realschule als Lehrer wirkende Herr Emil
Bloch, Reallehrer, im 59. Lebensjahre. Die israelitische Gemeinde verliert
an dem Verstorbenen einen in jeder Beziehung hochachtbaren, mit großem
Wissen begabten Lehrer und Kantor. Die große Beteiligung an seinem
Leichenbegängnisse seitens aller Konfessionen war ein beweis dafür. Sein
vielseitiges Wissen, seine Verdienste als Lehrer, als Kantor etc. wurden
von dem Rabbiner Herrn Dr. Sondheimer aus Heidelberg in ergreifenden
Worten geschildert. Der Direktor der hiesigen Realschule Herr Stocker
schilderte in beredten Worten seine guten Eigenschaften und seine eifrige
Tätigkeit. Ehre seinem Andenken." |
Zum Tod von Kantor Emil / Elias Bloch (1893)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juni 1893: "Pforzheim. Kaum ist
unsere neue Synagoge eingeweiht, so raubt uns der Tod ganz plötzlich den
Mann, der berufen war, dort ‚vor Gott zu dienen.’ Kantor Elias Bloch
ist ganz plötzlich gestorben. Er war ein hervorragender Kantor mit außerordentlichen
Stimmmitteln begabt, ein sehr tüchtiger Religionslehrer. Da er auch das
Reallehrer-Examen bestanden hatte, wurde er gleichzeitig von der
Oberschulbehörde als Reallehrer am hiesigen Realgymnasium angestellt." |
Neueröffnung eines jüdischen Volksschule (1936/37)
Artikel
in der Zeitschrift des "Central-Vereins" (CV-Zeitung) vom 11. Januar 1936:
"Neuerungen im Schulwesen. Nachdem schon längere Zeit an den
Volksschulen, in Mannheim, Heidelberg, Bruchsal und Emmendingen die jüdischen
Schüler in besonderen Klassen zum Unterricht durch jüdische Lehrer
zusammengefasst worden sind, ist das gleiche Anfang September auch in
Karlsruhe geschehen. Die dortige jüdische Schulabteilung zählt etwa 210
Schüler. Nach den Herbstferien folgt die Eröffnung jüdischer
Schulabteilungen an den Volksschulen in Freiburg und Pforzheim. Für
einige andere Gemeinden ist die Gründung jüdischer Schulklassen zu
Ostern 1937 in Aussicht genommen: alsdann wird der größte Teil aller jüdischen
Volksschüler in Baden in solchen Klassen erfasst sein." |
Versammlung gegen den Antisemitismus (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1891: "Pforzheim, 17.
November (1891). Vor einer Versammlung von etwa 450 Personen, die Herr
Fabrikant Ferdinand Kiehnle mit beifällig aufgenommener Ansprache eröffnete,
sprach Herr Pfarrer Gräbner gegen den Antisemitismus. Er nennt denselben
den Ausdruck mittelalterlicher Unduldsamkeit und eine Geschäftsmache
seiner Agitatoren. In zweistündigem Vortrag unterzog Redner die
verschiedenen bisher sich selbst befehdenden Richtungen des Antisemitismus
einer äußerst scharfen Kritik. Die programmatischen Forderungen
desselben seien weder liberal noch national, noch überhaupt durchführbar,
wie selbst die antisemitische Autorität, Heinrich von Treitschke,
nachweise. Die Judenfrage sei eine Rassen- und Religionsfrage. Als erstere
fehle ihr schon insofern jede Berechtigung, da heutzutage kein einziger
Deutscher mit Gewissheit sich zur reinen germanischen Rasse zählen könne.
Die Religion soll nicht trennend, sondern verbindend sein. Die jüdische
Religion entspreche durchaus dem Gesetz der christlichen Nächstenliebe.
Des Näheren sprach sich Redner aus über die Juden als Handwerker, als Träger
deutscher Sprache in dem Osten des Reiches, über den Wucher und die
gegenwärtig vom Antisemitismus ausgebeuteten Fallimente Berliner Bankhäuser,
deren Bloßstellung von jedem anständigen Juden mit Freunden begrüßt
werde, weil auf diese Weise an den Tag trete, wessen Geschäfte reell und
wessen unreell sind. dass die hohe Aristokratie, die erklärte Todfeindin
der Börse, doch auch im Stillen mit Papierchen arbeite, gehe aus dem Fall
Wolff (Christ) und Hirschfeld hervor. Bei Besprechung der antisemitischen
Presse, insbesondere der des Leipziger Fritsche, gab Redner eine Blütenlese,
die an Schmutz und Rohheit allerdings das Menschenmögliche leistet. Von
den Gegnern meldete sich niemand zu Wort. Mit einem begeistert
aufgenommenen Appell an die Einigkeit und den Frieden des Zusammenlebens
und einer Aufforderung, dem antisemitischen Treiben energischen Widerstand
zu leisten, was in der Stadt Reuchlins doppelte Pflicht sei, schloss
Redner mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland. Herr Heinrich Bloch
forderte jeden auf, seine Klagen vorzubringen, die er gegen irgendeinen
der hiesigen Juden vorzubringen habe und erklärte es als eine Schmacht,
dass man an dem hiesigen Platz, wo doch bisher die Juden in Eintracht mit
anderen Konfessionen gelebt, diese wüste Agitation getragen habe. In
gleichem Sinne äußerte sich Herr Kantor Bloch, der seinem tiefsten
Bedauern Ausdruck gab, dass die jüdische Religionslehre, welche vom
Staate anerkannt sei, und in welche jedermann Einsicht nehmen könne, in
unqualifizierbarer Weise von jungen, lernbedürftigen Menschen in den Kot
gezogen werde, während ganz allein nur das gelehrt werde, was auch das
Christentum als Recht und Sitte vorschreibe." |
Berichte
zu einzelnen Personen und persönliche Mitteilungen
Über den Dichter Leopold Landau in Pforzheim
(1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1894: "Neue Dichtungen.
Es ist keineswegs gesagt, dass die Produkte eines Dichters nur dann von
Wert sind, wenn sein Name zu den vielgenannten gehört und die Muse ihn zu
ihren ‚Lieblingen’ zählt. Wir haben hier nicht die Gattung der
‚verkannten Genies’ im Auge, sondern diejenigen Poeten, die zu
bescheiden und zu – unpraktisch sind, um von sich reden zu machen und
doch Anspruch auf die Beachtung weiterer Kreise hätten. Zu diesen gehört
auch Leopold Landau in Pforzheim, von dem jüngst wieder, in einem Bändchen
vereinigt, zwei neue Dichtungen ‚Der Irrenarzt’ und ‚Der erste
Prophet’ erschienen sind. Im erstgenannten Poem schildert der Verfasser
das tragische Geschick eines israelitischen Arztes; im zweiten feiert er
Moses als den genialen Gesetzesüberbringer und den Mann mit dem eisernen
Willen, der die Sklavenketten seines Volkes gebrochen und ihm den Glauben
an seinen Gott wiedergegeben hat. Landau rechnet sich zu denjenigen
Autoren, ‚welche von dem Zauber unserer heiligen Schriften angezogen,
forschend und träumend in denselben lustwandeln’. Darum behandelt er
auch mit Vorliebe biblische Stoffe, nicht in trockener geräumter Erzählung,
sondern in lebendiger Darstellung und in schöner, fast zu blumenreicher
Sprache, die er in schwungvolle Verse zu kleiden versteht. Seine
Dichtungen, ohne Vorurteil und ohne eigentliche Tendenz, atmen den überzeugungsfrohen
Glauben an den ‚ewigen unveränderlichen Geist der Religion’, und
dieser Glaube ist es auch, der ihm ein inniges Anschmiegen an seinen
Gegenstand gestattet und ihn begeistert für die Legenden vergangener
Jahrtausende. Dass die Schöpfungen Landaus auch mancherlei Unebenheiten
aufweisen, dass einzelnen Stellen kleine, sprachliche Gebrechen anhaften
und etliche Ausdrücke und Begriffe sich häufig wiederholen, die Lust am
Moralisieren mitunter überwiegt und Schiller’sches Pathos und
Heine’sche Reimvirtuosität nicht immer eine glückliche Mischung
bilden, - diese Nachteile werden reichlich ausgeglichen durch die
vorhandenen Vorzüge und die unleugbare dichterische Begabung des Autors.
Auf Letzteren die verdiente Beachtung zu lenken und zum Lesen seiner bis
jetzt im Selbstverlag erscheinenden Schriften anzuregen, ist der Zweck
dieser Zeilen." |
Leutnant Max Bonheim ist gefallen (1916)
Mitteilung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Juli 1916:
"Pforzheim. Leutnant Max Bonheim, Inhaber des
Mecklenburgischen Verdienstkreuzes und des Eisernen Kreuzes, ist
gefallen." |
Das Kriegsverdienstkreuz und das Kriegshilfekreuz wird verleihen (1916)
Artikel
im Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. November 1916:
"Pforzheim. Das vom Großherzog von Baden gestiftete Kriegsverdienstkreuz
erhielten hier unter anderen Oberamtsrichter Dr. Levis, Oberlehrer und
Kantor David Sommer, Generalagent Julius Straus, Leiter des
Reservelazaretts Siloah Arzt Nr. Hermann Netter, praktischer Arzt Dr.
Wilhelm Rosenberg, Fabrikant Artur Schlesinger und sein Bruder
Unteroffizier Ludwig Schlesinger, beide zurzeit in
Karlsruhe.
Das Kriegshilfekreuz wurde verliehen an Frau Bankier Henriette
Bloch Witwe, Fabrikant Paul Joseph, Fabrikant Emil Zerninger, Fabrikant
Artur Schlesinger." |
Zum Tod von Sarah Metzger geb. Fröhlich (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1927: "Pforzheim, 20.
Dezember (1927). Am 20. Kislew wurde hier Frau Sarah Metzger geb. Fröhlich
zu Grabe getragen. Die Verewigte entstammte einer alten, angesehenen, württembergischen
Familie, deren Ahnen in Rexingen sich stets für die Pflege der Tauroh
(Tora) eingesetzt haben. Mit ihrem Gatten zusammen, Hermann Metzger –
seligen Andenkens -, der ihr bereits 15 Jahre im Tode vorausging, lebte
sie ein echt harmonisches Familienleben und war bestrebt, ihre Kinder für
die jüdischen Ideale zu begeistern. Bescheidenheit, Sinn für alles Gute,
Edle und Menschliche waren die hervorragendsten Züge ihres Charakters.
Schwere Schicksalsschläge sollten ihrem Leben nicht erspart bleiben, doch
vermochten sie alle ihre Hoffnung für die Zukunft nicht zu erschüttern.
So durfte sie noch im Sommer die Nachricht von der Ankunft eines Enkels
auf heiliger Erde in Jerusalem erleben. Die Beerdigung war ein beredtes
Zeugnis der Beliebtheit der Verstorbenen. In der Trauerhalle entwarf Herr
Kantor Sommer ein Lebensbild der Verblichenen. In schmerzbewegten Worten
nahm alsdann am offenen Grabe ein Verwandter im Namen der Angehörigen
Abschied von der Verewigten. Ihre
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Geburtsanzeige für eine Tochter von Louis Reutlinger und
Else geb. Hamburger (1936)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1936: "Gott
sei gepriesen. Louis Reutlinger und Frau Else geb. Hamburger zeigen
die glückliche Geburt einer Tochter hocherfreut an. Pforzheim 20.
Dezember 1936 (+ hebräisches Datum 6. Tewet 5697). Zurzeit
Privatklinik Dr. Hirsch, Karlsruhe, Karlstraße 52". |
Anzeigen
Anzeige der Goldwarenfabrik Emil Rothschild (1903)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 28. Mai 1903: "Emil Rothschild.
Telephon 1020. Pforzheim. Tel.-Adr.: Rothschild.
Goldwarenfabrik mit elektrischem Betrieb." |
Ausschreibung der Stelle des Schochet und Gemeindedieners
(1920)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juni 1920: "Zum 1. September
dieses Jahres suchen wir einen Schochet und Gemeindediener. Bewerber
wollen sich mit Zeugnisabschriften, Angaben bisheriger Tätigkeit,
Familienverhältnissen und Gehaltsansprüchen an den Unterzeichneten
wenden. Synagogenrat Pforzheim" |
Zwei Geburtsanzeigen von zwei Söhnen von Louis
Reutlinger und Else geb. Hamburger (1925/1929)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1925:
"Die - Gott sei gepriesen -
glücklich erfolgte Geburt eines kräftigen Stammhalters zeigen
hocherfreut an
Louis Reutlinger und Frau Else geb. Hamburger.
Pforzheim, 31. Oktober 1925 / Schabbat Lech Lecha." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April 1929: "Gott
sei gepriesen.
Louis Reutlinger und Frau Else geb. Hamburger
zeigen die glückliche Geburt eines zweiten Jungen in dankbarer Freude
an.
Pforzheim Schabbat Haggadol 5689 / 20. April
1929." |
Geburtsanzeige eines Sohnes von Siegmund und Johanna
Reutlinger geb. Hamburger (1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1925: "Die -
Gott sei gepriesen -
glückliche Geburt eines kräftigen Stammhalters zeigen in dankbarer
Freude an
Siegmund und Johanna Reutlinger geb. Hamburger.
Pforzheim, 8. Juni 1925. Kronprinzenstraße
25." |
Zur Geschichte der Betsäle / Synagogen bis 1938/40
Mittelalter.
Das mittelalterliche Wohngebiet war
vermutlich die (allerdings erst im 15./16. Jahrhundert genannte) "Judengasse",
der westliche Teil der heutigen Barfüßergasse (2002 wurde am Straßenschild
der Barfüßergasse eine Hinweistafel auf die "Judengasse" angebracht). Über
Einrichtungen der mittelalterlichen Gemeinde ist nichts bekannt.
18./20. Jahrhundert.
Die neuzeitliche Gemeinde hatte
spätestens seit 1784 einen Betsaal im Hasenmayer’schen Haus in der
Barfüßergasse. Vermutlich bestand dieser Betsaal bereits 1709, da in diesem
Jahr Abraham Lipmann von der Markgräflichen Regierung die Bestätigung der gewählten
Gemeindevorsteher erbat. Die Wahl zeigt, dass bereits damals eine jüdische
Gemeinde in Pforzheim bestand, die sicher auch einen Betsaal hatte.
Für den Neubau einer Synagoge hatte die jüdische
Gemeinde bereits im Jahr 1800 mit landesherrlicher Genehmigung einen Teil des
Stadtgrabens in der unteren Vorstadt gekauft. Es handelte sich offensichtlich um
einen begehrten Platz, da in den folgenden Jahren mehrere Interessenten bei der
Stadt ihr Interesse an diesem Grundstück für den Fall bekundeten, dass die jüdische
Gemeinde nicht bauen wollte. Nachdem 1808 immer noch nicht gebaut war, drängte
die Stadt auf eine Entscheidung der jüdische Gemeinde. Innerhalb eines Jahres
solle diese sich zum Bau entscheiden, sonst würde der Platz anderweitig
vergeben. Die Gemeinde entschied sich und ließ über ihre damaligen Vorsteher
Maier Bodenheimer’ Sohn und Handelsmann Hochstetter der Stadt am 26. Juli 1809
mitteilen, dass man das auf dem früheren Stadtgraben liegende Grundstück nicht
mehr bebauen wolle. Man habe inzwischen die (damals schadhaft gewordene und
inzwischen überflüssige) herrschaftliche Zehntscheuer gekauft und wolle diese
zu einer Synagoge umbauen. Doch auch hier dauerte es bis zur Realisierung noch
einige Zeit. Ende Juni 1812 bat die jüdische Gemeinde die Stadt, "einige
Hindernisse", die bei dem Umbau der Zehntscheuer zu einer Synagoge noch im Wege
liegen würden, zu beseitigen. Das Heumagazin solle entfernt und dafür das "Kreuzkirchlein"
verwendet werden; der an die Zehntscheuer angebaute Eselstall solle abgebrochen
und die unmittelbar an der Mauer liegende Dunggrube entfernt werden. Vermutlich
konnte ab Herbst 1812 gebaut und die Synagoge 1813 fertiggestellt werden.
Sie stand auf dem Grundstück Metzgerstraße 27 (Ecke Untere Lammgasse; heute
ungefähr an der Nord-West-Ecke des Stadttheaters auf dem Waisenhausplatz). Von
diesem Gebäude – es wurde nach dem Verkauf an einen Schmied im Jahre 1893
abgebrochen – ist keine Ansicht erhalten.
Eines der letzten besonderen Ereignisse in der alten Synagoge war am Vorabend zu
Simchas Tora 1889 (22. Oktober 1889) die Einweihung einer neuen Torarolle:
Einweihung einer von Fabrikant Emanuel Joseph
gestifteten Torarolle (1889)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. November 1889: "Pforzheim. Am
Vorabend zu Simchas-Tora wurde eine von Herrn Fabrikant Emanuel Joseph
gestiftete Torarolle unter großer Feierlichkeit und Beteiligung der
israelitischen Gemeindemitglieder eingeweiht. Herr Kantor E. Bloch hat bei
dieser Gelegenheit eine der Feier entsprechende Rede gehalten, die
allgemein Beifall gefunden. Die hiesige Gemeinde ist im Begriffe, ein
neues Gotteshaus zu erbauen. Bereits haben die Gemeinde-Mitglieder
bedeutende Spenden zu Anschaffungen für die neue Synagoge gemacht." |
Im Frühjahr 1889 wurde ein Bauplatz für die
neue Synagoge gekauft. Die orthodox geprägte Zeitschrift "Der
Israelit" verband in ihrer Meldung die Hoffnung, dass die (liberal
geprägte) Pforzheimer Gemeinde keine Orgel in der Synagoge einbauen würde. Die
Grundsteinlegung war am 3. Juni 1891.
Kauf eines Bauplatzes für eine neue Synagoge
(1889)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April 1889: "In Pforzheim wurde
ein Platz zum Bau einer neuen Synagoge für 25.000 Mark angekauft,
hoffentlich wird uns die Orgel erspart werden." |
Grundsteinlegung für die
neue Synagoge (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1891: "Am 3.
Juni ist in Pforzheim der Grundstein zu einer neuen Synagoge gelegt
worden. Das Gebäude, welches zugleich die Religionsschule und die Wohnung
für den Kantor enthalten soll, verspricht eine Zierde für die Stadt wie
für die israelitische Gemeinde zu werden." |
1891/92 wurde die neue Synagoge auf dem
Grundstück Zerrennerstraße 26/28 erbaut und am 27. Dezember 1892 feierlich
eingeweiht . Der Entwurf zu der im maurisch-gotischen Stil erbauten neuen
Synagoge stammte von Prof. Ludwig Levy (1854-1907) aus Karlsruhe; der
Pforzheimer Architekt Klein war für die Ausführung zuständig. An der
Einweihungsfeier nahmen Vertreter staatlicher und städtischer Ämter sowie
Geistliche der christlichen Kirchen teil. Diese hatte am Nachmittag des 27.
Dezember 1892 mit der Übergabe des Schlüssels durch Architekt Levy an Heinrich
Netter, den Vorstand der Gemeinde begonnen. Der Chor sang im Inneren zu Beginn
aus dem Oratorium "Samson" von Händel "Höre Jakobs Gott, o Ewiger, hör".
Kantor Bloch rezitierte die Gebete unter Mitwirkung eines Doppelquartetts des
Synagogenchors. Stadtrabbiner Dr. Adolf Schwarz aus Karlsruhe und die vier ältesten
Gemeindeglieder brachten die Torarollen zum Toraschrein. Auch Konferenzrabbiner
Dr. Hillel Sondheimer aus Heidelberg war anwesend. Die Festpredigt zum Thema "Die
dreifache Bestimmung des jüdischen Gotteshauses" hielt der Rabbiner Dr.
Schwarz. Im gottesdienstlichen Teil nach der Predigt folgten unter anderem noch
die Fürbitten für Kaiser und Großherzog, Reich und Heimatland, Stadt und
Gemeinde. Vor dem Schlussgebet des Rabbiners sang der Chor Beethovens "Die
Himmel rühmen des Ewigen Ehre".
Die jüdische Gemeinde hatte weder Geld noch Mühen
gescheut, um ein prächtiges Synagogengebäude zu errichten zu lassen. Die nach
damaligem Geldwert gewaltigen Baukosten von 200.000,- Mark finanzierte die
Gemeinde aus dem Verkauf ihres im Wert in den Jahrzehnten zuvor beträchtlich
gestiegenen Anwesens in der Metzgerstraße und aus Mitteln der
Gemeindemitglieder, deren Zahl bis zur Jahrhundertwende auf knapp 450
angestiegen war. Die Synagoge setzte einen architektonischen Glanzpunkt der
Stadt Pforzheim und fand starke überregionale Beachtung; sie diente auch als
Vorbild für den Synagogenneubau in Wuppertal-Barmen. Auch eine große Orgel
wurde eingebaut. Ein gemischter Synagogenchor, der spätestens seit Beginn des
20. Jahrhunderts bestand, bereicherte die Gestaltung der Gottesdienste. Die
Pforzheimer Synagoge gehörte zu den späten Vertretern des neoislamischen
Synagogenstils. Charakteristisch war die zentrale Kuppel. Das Mauerwerk wies
gestreifte Farbwechsel auf, wobei sich roter Sandstein mit grünen
Ziegelstreifen abwechselten. Der Davidstern auf der Kuppel und die stilisierten
Gebotstafeln mit den hebräischen Satzanfängen der Zehn Gebote über dem
Eingang am südwestlichen Eckturm wiesen das Gebäude als Synagoge aus. Hinter
der Synagoge stand ein Gemeindehaus mit Versammlungs- und Unterrichtsräumen,
der Gemeindeverwaltung und mit der Dienstwohnung des Synagogendieners.
Die Einweihung der Synagoge am 27. Dezember
1892
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Januar 1893: "Pforzheim,
2. Januar (1893). Am 27. Dezember dieses Jahres wurde die feierliche
Einweihung der nach den Entwürfen des Architekten Ludwig Levy, Professor
an der Baugewerkschule in Karlsruhe, neu erbauten Synagoge vollzogen. Zu
derselben waren als Vertreter des großherzoglichen Kultusministeriums
sowie des großherzoglichen Oberrats die Herren Ministerialrat Becherer
und Regierungsrat Dr. Mayer aus Karlsruhe, sowie außerdem Herr
Konferenzrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg erschienen. Als
Festprediger funktionierte Herr Konferenzrabbiner Dr. Schwarz von
Karlsruhe. Mehrere Nachbargemeinden, insbesondere diejenige zu Karlsruhe,
waren durch Abgeordnete vertreten. Die staatlichen und städtischen Behörden
beteiligten sich nahezu vollzählig an der Feier. Ferner waren die drei
Abgeordneten von Stadt und Bezirk in der zweiten Kammer der Landstände
anwesend. Die rege Beteiligung von Seiten aller Konfessionen, namentlich
auch der evangelischen und altkatholischen Geistlichkeit, sowie ganz
besonders die Mitwirkung von Sängern und Sängerinnen der beiden ersten
Gesangvereine der Stadt zeigten aufs Erfreulichste, in welcher Eintracht
die verschiedenen Bekenntnisse daselbst leben. – Die Feier begann um 3
½ Uhr mit der Zeremonie der Übergabe des Schlüssels durch den
Architekten Herrn Professor Levy an den Vorstand der Gemeinde, Herrn
Heinrich Netter, welcher solchen an Herrn Ministerialrat Becherer als
Vertreter der großherzoglichen Regierung weiter gab. Aus dessen Händen
empfing denselben Herr Rabbiner Dr. Schwarz, welcher nach einer kurzen
Ansprache an die Versammelten die Pforte des Tempels erschloss. Mit dem
Chor aus dem Oratorium ‚Samson’ von Händel: ‚Höre Jakobs Gott, o
Ewiger, hör’,’ begann die Feier im Innern des Gotteshauses. -
Demnächst rezitierte der Kantor, Herr Reallehrer Bloch, das ‚Matowu’
in hebräischer und deutscher Sprache. Hierauf folgte der Vortrag des
Minchagebets durch den Kantor unter Mitwirkung eines Doppelquartetts des
Synagogenchors. Während des Nachspiels zu dem alt Duett gewundnen ‚S’n
scheorim rechochem’ erfolgt alsdann die feierliche Einbringung der
Torarollen durch den Rabbiner und die vier ältesten Gemeindemitglieder.
– Hierauf folgte die Predigt des Rabbiners Dr. Schwarz. Ausgehend von
dem Mahnruf des sterbenden Patriarchen Jakob: ‚Sammelt Euch und höret,
Ihr Kinder Jakobs, höret auf Israel, Eueren Vater (2. Mose 49,2)
beleuchtete Redner die dreifache Bestimmung der Synagoge als Stätte der
geistigen und gemütlichen Sammlung für den einzelnen Israeliten, als
Sammelpunkt für das religiöse Leben der Gemeinde und darüber hinaus als
die rechte Vorbereitungsschule für die Sammlung und Einigung des ganzen
Menschengeschlechts. Die formvollendete und inhaltlich bedeutende Rede,
welch auch des aktuellen Interesses nicht entbehrte, wird dem Vernehmen
nach im Druck erscheinen. – Prächtig erschallte danach von Solo und
Chor das Sulzer’sche ‚Die Lehre des Ewigen ist ohne Tadel’. Es
folgte die Fürbitte für Kaiser und Großherzog, Reich und Heimatland,
Stadt und Gemeinde, dann das herrliche Beethoven’sche ‚Die Himmel rühmen
des Ewigen Ehre’ und das Schlussgebet des Rabbiners." |
| Wesentlich zurückhaltender wurde über
die Einweihung der Synagoge in der Zeitschrift "Der Israelit"
berichtet, wobei eine Kritik an der "Orgelsynagoge" unterblieben
ist: |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Januar 1893:
"Pforzheim (Baden). In diesen Tagen wurde die nach den Plänen des
Professors Levy in Karlsruhe mit einem Kostenaufwande von Mark 180.000
erbaute Synagoge eingeweiht. Bei der Feier waren die Regierung, die
Spitzen der Staats- und städtischen Behörden, die Geistlichkeit aller
Konfessionen und sonstige Körperschaften vertreten. Die Weiherede hielt
Herr Rabbiner Dr. Schwarz aus Karlsruhe." |
Über die Bedeutung eines Synagogen-Chorvereins
schrieb der Vereinsvorsteher Julius Straus 1893 einen Artikel in der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums".
Artikel über "Synagogen-Chorvereine" des
Vorstandes des Synagogenchores Pforzheim Julius Straus (1893)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Oktober 1893: "Die
Synagogen-Chorvereine. Es ist eine wenig bestrittene Tatsache, dass in den
Gemeinden, in welchen ein Synagogenchor wirkt, der Gottesdienst an
Feierlichkeit und Erhabenheit gewinnt und der Besuch des Gotteshauses ein
regerer wird. Wohl mancher, der zuerst durch den Klang der Töne angelockt
wurde, der vielleicht seit seiner Kindheit der Synagoge fern geblieben
war, hat bei dieser Gelegenheit erfahren, welch heilige, erhabene Handlung
ein jüdischer Gottesdienst ist, und ist wieder das geworden, was er hätte
immer bleiben sollen: ‚Jude’. Deshalb muss der Gesang in der Synagoge
gepflegt werden; aber ohne die Schönheit und packende Wirkung der alten,
jüdischen Melodien unterschützen zu wollen, muss auch dem deutschen
Gesang ein breites Feld beim Gottesdienst geschaffen werden. Derselbe ist
Allen verständlich, den Großen und Kleinen, Orthodoxen und freier
Gesinnten, und kann deshalb den Weg zum Herzen eines Jeden finden.
Naturgemäß wirken in der Synagoge zum größten Teile gemischte Chöre,
und wird sich bei den meisten derselben ein empfindsamer Mangel dadurch
bemerkbar gemacht haben, dass bis jetzt keine größere Sammlung von
Liedern für gemischten Chor, speziell für den Gottesdienst in der
Synagoge zu haben ist. Dagegen hat jeder derartige Verein eine Anzahl oft
sehr schöner Lieder, durch Abschreiben usw. vervielfältigt, deren
Anschaffung mit größeren Kosten verknüpft war und doch nicht das
bietet, was eigentlich nötig wäre.
Sehr oft ist auch fehlendes Material der Grund, dass, der Ausgaben halber,
ein Studieren neuer Lieder unterbleibt, Sänger und Sängerinnen dadurch
die Lust zum Gesange verlieren und Chöre, die eine Zeitlang bestanden und
zu den besten Hoffnungen berechtigten, sich wieder auflösten.
Das in den verschiedenen Vereinen zerstreute Material zu sammeln, Neues
und Gutes dazu zu suchen, muss Aufgabe der bestehenden Chorvereine werden,
um auf diese Weise die Herausgabe eines jüdisch-deutschen Liederbuches für
gemischten Chor zu ermöglichen, das jeden Verein bei geringer Auslage in
die Lage versetzt, sich mit einer Anzahl für Jahre hinausreichender schöner
Chöre zu versehen. Der Unterzeichnete bitte daher die Herrn Kantoren,
Direktoren und Vorständen der Synagogenchorvereine, sowie Alle, die sich
für angeregte Sache interessieren, um Aufgabe ihrer Adressen, behufs
Verständigung über weiter vorzunehmende Schritte. Mit Sängergruß.
Julius Straus." |
Die Synagoge diente nicht nur den Gottesdiensten der Gemeinde. 1896 kam es in der Synagoge zu einem besonderen musikalischen Ereignis: Die Synagogenchöre aus Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Bruchsal hatten sich am 31. Mai 1896 zu einer gemeinsamen Gesangsaufführung in der Pforzheimer Synagoge getroffen. Hofkapellmeister Langer aus Mannheim dirigierte den Gesamtchor. Zu dem Konzert waren auch die Rabbiner Dr. Appel und Dr. Sander aus Karlsruhe erschienen.
Sehr kritisch berichtete über die orthodox-geprägte Zeitschrift "Der Israelit" wenige Tage zuvor über das Konzert; im Artikel findet sich gleichfalls eine Kritik an den von Julius Straus im Artikel von 1893 geäußerten Ansichten:
Ankündigung des Konzertes in der Synagoge Pforzheim am 31. Mai 1896
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Mai 1896: "Aus Baden. Sonntag
den 31. Mai dieses Jahres findet in der Synagoge zu Pforzheim ein größeres
Konzert statt, vorbei die Synagogenchöre Pforzheim, Karlsruhe, Mannheim
und Bruchsal mitwirken. Auch habe (ich) in Erfahrung gebracht, dass nichtjüdische
Sänger sich hören lassen werden. Die Synagoge in Pforzheim wird an
diesem Tage von Zuhörern überfüllt sein, da der Eintrittspreis auf nur
2 Mark gestellt ist. Ganz abgesehen, von der Entweihung eines jüdischen
Gotteshauses durch Veranstaltung eines Konzerts in demselben, muss auch
noch konstatiert werden, dass die Pflege des Synagogengesanges, zu dessen
Zweck ja eigentlich diese Konzerte abgehalten werden, die
Gemeindemitglieder zu so ‚regem Synagogenbesuch’ anspornt, dass oft
Freitags Abend die vorgeschriebene Zahl (Minjan) nicht komplett wird.
Fragt man sich über die Ursache, dass eine solche Unsitte, die Synagoge
zu Konzertzwecken zu benützen, so einwurzeln konnte, so kann man dieselbe
nur darin finden, wenn man denkt ‚Und das Alles hat in Ihrem Wahn, die
Orgel in der Synagoge getan’." |
Positiv berichtete die liberal geprägte
"Allgemeine Zeitung des Judentums" über das Konzert:
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. Juni 1896: "Karlsruhe,
22. Juli (1896). Am 31. Mai dieses Jahres fand in der schönen neuen
Synagoge zu Pforzheim eine Gesangsaufführung der Synagogenchöre
Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Bruchsal statt. Die Gesamtchöre, deren
vier zu Aufführung gelangten, wurden von Herrn Hofkapellmeister Langer
aus Mannheim, die vier Spezialchöre von den betreffenden Chordirigenten
geleitet. Die Leistungen verdienen als sehr gute, zum Teil als vorzügliche
bezeichnet zu werden. Unter dem anwesenden Publikum bemerkten wir als
Vertreter des Oberrats Herrn Regierungsrat Dr. Mayer und Herrn
Synagogenrats-Vorsteher Dr. Seeligmann aus Karlsruhe, von Rabbinern waren
Herr Stadtrabbiner Dr. Appel und Herr Rabbiner Dr. Sander aus Karlsruhe
erschienen. Wir können nur wünschen, dass derartigen Veranstaltungen,
die zur Förderung des Synagogengesanges bedeutend beitragen, sich in
jedem Jahre wiederholen. Den Mitgliedern der mitwirkenden Vereine aber gebührt
für ihre nicht geringen Bemühungen aufrichtigster Dank." |
Die Synagoge in Pforzheim
blieb 45 Jahre Zentrum des jüdischen Gemeindelebens in der Stadt. Bereits früh
wurde sie von Nationalsozialisten zu einem Angriffsziel: So wurden Anfang Dezember
1922 mehrere Scheiben
der Vorderfront der Synagoge durch Steine eingeworfen.
1930 wurde die Synagoge
renoviert, wobei die üppigen Wandmalereien dem sachlicheren Zeitgeschmack
entsprechend durch zurückhaltende Ornamente und wohl auch Farben ersetzt
wurden.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge am
Morgen des 10. November von SA-Männern und anderen NSDAP-Partei-Mitgliedern in
Zivil geplündert und zerstört. Am Vormittag wurden noch vor 9 Uhr die Fenster
eingeschlagen, Gebetbücher, Torarollen und Kultgegenstände in den Mühlkanal
geworfen. Wegen der Gefahr für die umliegenden Häuser wurde in der Synagoge
nur eine "kleine Sprengladung" gezündet. Hierfür wurde der Sprengmeister des
Steinbruchs Ispringen nach Pforzheim beordert. Die Verwüstungen dauerten bis in
die Mittagsstunden, zahlreiche Pforzheimer Schüler des Gymnasiums und der
Oberrealschule wurden Zeugen der Untaten. Ein Ersinger Unternehmer erfuhr von
der Aktion gegen die Synagoge, fuhr nach Pforzheim und nahm die drei südseitigen,
jeweils zweiflügeligen Eingangstüren mit sich auf seinem Lastwagen. Erst 2003
wurden die Türbeschläge bei einer Entrümpelung wieder entdeckt und der jüdischen
Gemeinde übergeben.
Das Synagogengebäude musste 1939 auf Kosten der jüdischen
Gemeinde in Höhe von 7.000 RM abgetragen werden. Das auswärtige
Abbruchunternehmen durfte das Kupferdach abmontieren und verkaufen. Das
Synagogengrundstück kaufte ein Fabrikant. Die jüdische Gemeinde konnte bis zu
der Deportation der Juden nach Gurs im Oktober 1940 noch ihr Gemeindehaus
nutzen. 1945 wurde das Synagogengrundstück beschlagnahmt und der jüdischen
Vermögensverwaltung übertragen. Auf Grund eines Restitutionsverfahrens wurde
es dem Fabrikanten gegen Nachzahlung von 25.000 Mark zurückgegeben.
Unweit des ehemaligen Synagogenstandortes wurde am 10.
November 1967 ein Gedenkstein aufgestellt. Das drei Meter hohe
Erinnerungsmal aus Muschelkalk wurde von Oberbürgermeister Dr. Weigelt in
Anwesenheit von mehr als hundert Bürgern enthüllt. Dr. Alfred Wachsmann,
Vizepräsident der Israeliten Badens, hielt eine Ansprache. 1989 wurde das Gelände
um den Gedenkstein neu angelegt (seitdem "Platz der Synagoge"
genannt).
Der Betsaal der Israelitischen
Religionsgesellschaft
Die orthodoxe Israelitische
Religionsgesellschaft "Adass Jeschurun"
(Gemeinde Israel; "Jeschurun" ist ein poetischer Name für "Israel",
vgl. 5. Mose 32,15 und 33,26) hatte einen eigenen Betsaal.
Sie entstand aus kleinen Anfängen 1905 und konnte zunächst einen kleineren Betsaal einrichten. Mitglieder der Gemeinde waren hauptsächlich
Ostjuden, die um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) vor Pogromen aus
Osteuropa geflohen waren und auf eine strenge Einhaltung der Religionsgesetze
achteten.
Am 4. September 1926 konnte in der Rennfeldstraße ein neuer Betsaal
eingerichtet werden. Zur Einrichtung erhielt die Gemeinde die Inneneinrichtung
der nicht mehr verwendeten Synagoge in Menzingen:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1926:
"Pforzheim, 5. September (1926). Am gestrigen Schabbat Nizawim
WaJelech (4. September 1926) wurde das neue Beit Haknesset
(Synagoge) der hiesigen Adaß Jeschurun in Benutzung genommen und damit
einem lange gefühlten Bedürfnis entsprochen, da die Räume, welche
bisher den Zwecken der Gemeinde dienten, in jeder Beziehung unzulänglich
waren und nur infolge der Wohnungsnot nicht aufgegeben werden konnten. Von
einer größeren Feier musste aus äußeren Gründen Abstand genommen
werden, und des freudigen Anlasses wurde deswegen beim Gottesdienst am Schabbat
gedacht. In seiner Ansprache gab der 2. Vorsitzende, Herr S. Puder, einen
geschichtlichen Überblick über die Entstehung des Minjan, welches
sich aus den kleinsten Anfängen im Jahre 1905 bis zu dem jetzigen
Bestande trotz der schweren Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit
entwickelt hat und nur unter Aufwendung größter Energie und erheblicher
materieller Opfer für jedes Mitglied zu erhalten war. Herr Louis
Reutlinger gab alsdann in längerer Rede unter Anlehnung an den
Wochenabschnitt dem Geiste Ausdruck, welcher die Gründer und Erhalter des
Minjan beseelte und wies auf die Pflichten hin, welche die Idee des
Tora Im Derech Erez im Sinne S. R. Hirschs - das Gedenken an den
Gerechten sei zum Segen - jedem Einzelnen in Lehre und Leben
auferlegt, ganz besonders im Hinblick auf die Erziehung der Kinder zu
wissenden Juden. Herr J. Goldberg schloss die Reihe der Redner mit
geistvollen Zitaten aus Midrasch und Gemara.
Die Adaß Jeschurun verfügt jetzt über eine schöne und würdige
Synagoge mit 60 Männer- und 50 Frauenplätzen, welche bereits alle
vergeben sind. Der Badische Oberrat der Israeliten hat durch den
Synagogenrat in dankenswerter Weise eine sehr schöne Inneneinrichtung,
welche früher der leider eingegangenen Gemeinde Menzingen bei Bruchsal
gehörte, nebst einer herrlichen Sefer Tora (Torarolle) zur Verfügung
gestellt und damit das vorhandene Inventar ergänzt. Es ist zu wünschen,
dass die Adaß Jeschurun, welche das traditionell gesinnte Element in der
Pforzheimer, von jeher neologen Gemeinde darstellt, den vielen und
schweren Aufgaben, welche ihrer warten, mit Gottes Hilfe gerecht werden
kann. |
Am 10. November 1938 wurde auch dieser Betsaal geplündert und zerstört.
Die Torarollen wurden später auf einem Misthaufen gefunden.
Fotos
Historische Fotos:
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November
2009: Gedenken zum 71. Jahrestag des
Novemberpogroms 1938 |
Artikel von Olaf
Lorch-Gerstenmaier in der "Pforzheimer Zeitung" vom 10. November
2009 (Artikel):
"Brennende Synagoge vor 71 Jahren: Zivilcourage am Boden
PFORZHEIM. Mehr als 300 Menschen – darunter auch Schüler aus den umliegenden Gymnasien – haben am Montag am 71. Jahrestag der Reichspogromnacht der Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der Juden
gedacht..." |
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| November
2010: Gedenken zum 72. Jahrestag des
Novemberpogroms 1938 |
Artikel im "Schwarzwälder Boten" vom 12. November 2010 (Artikel):
"OB Hager: Weg des Dritten Reichs führte in den Abgrund
Pforzheim. Der Historiker Uri Kaufmann und Oberbürgermeister Gert Hager haben an die brennenden Synagogen in der Pogromnacht vor 72 Jahren erinnert und aufgerufen, die Lehren aus den Geschehnissen zu ziehen..."
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 231-237. |
 | Germania Judaica II,2 S. 645f; III,2 S. 1106-1107. |
 | Gerhard Brändle: Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim.
Pforzheim 1985. |
 | ders.: Jüdische Gotteshäuser in Pforzheim. Pforzheim 1990. |
 | ders.: Jüdisches Pforzheim. Einladung zur Spurensuche. Haigerloch 2001. |
 | Monika Preuß: Der jüdische Friedhof auf der Schanz in
Pforzheim. Pforzheim 1994. |
 | Franz-Josef Ziwes (Hg.): Badische Synagogen. 1997 S. 56-59. |
 | Jüdisches
Leben in Pforzheim - Dokumentation. Zwei Broschüren (der Ergänzungsteil
mit Unterrichtsmaterialien). Erschienen 2012.
Vorstellung
der Broschüre in der Website der Stadt Pforzheim. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Pforzheim Baden.
The 13th century Jewish community was victimized in a blood libel in 1267, with
Jews tortured on the rack and hanged. The Jews also suffered in the Black Death
persecutions of 1348-49.
Few Jews were present in Pforzheim until the 17th century. In 1614, they were
expelled together with all the Jews of Baden-Durlach and only began to settle
again in 1670. After the destruction of the city by the French in 1689 (in the
Nine Years War) Jews were invited back under a letter of protection to helb
rebuild it. In the late 1760s, Jews were among the founders of the gold and
jewelry industry that brought prosperity to the city. However, all through the
19th century the Jews were subjected to local agitation aimed at curtailing
their economic activity.
In the early 19th century, a number of special taxes
and disabilities were discontinued and Jews were permitted to purchase farm
land. Toward the end of the 19th century most of the Jews were well off, owning
banks and department stores as well as factories. A new synagogue was built in
1892, equipped with an organ and choir in keeping with the comumnity's Reform
and assimilationist tendencies. By 1910 the community had grown to 766 (total
69,066) and by 1927 to a peak of 1,000. After Worldwar I, community life
expanded, with the Zionists becoming active. An Adass Jeshurun congregation of
20 families was formed by Orthodox Jews of East European origin, with a separate
synagogue erected in 1926. From the 1920s on, antisemitism became rampant. At
the outset of the Nazi era, the Jewish population was 770. Persecution and the
ecconomic boycott were soon intensified. In March 1933, 18 Jewish families of
Polish origin were expelled from the public service and in 1935 a number of Jews
were arrested for "racial defilement". The remaining East European
Jews were expelled on 28 October 1938 and on Kristallnacht (9-10 November
1938), Jews were beaten, Jewish stores were looted, and the synagogue was set on
fire. Twenty-three Jewish men were sent to the Dachau concentration camp. Of the
514 Jews allowed to emigrate, 175 went to the United States, 102 to Palestine,
and 87 to Latin America. On 22 October 1940, 183 were deported to the Gurs
concentration camp where 20 died; 50 persished in Auschwitz and 66 in otter
camps; 46 survived the Holocaust. The 51 Jews remaining in Pforzheim were
deported mainly to Izbica (Poland) and to the Theresienstadt ghetto; 17 survived.
The community formed after the war numbered 120 in 1976.

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