Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Sankt Ingbert (Saarpfalz-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

      

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In der im 19. Jahrhundert aufblühenden Industriestadt Sankt Ingbert bestand eine jüdische Gemeinde von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1935. Erstmals sind um 1810 jüdische Personen in der Stadt zugezogen. Als erster wird Mendel Beer sen. genannt, der am 13. Mai 1811 ein Wohnhaus in der Blieskasteler Straße ersteigerte.      

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1811 3 jüdische Einwohner, 1840 32, 1848 17 (in drei Familien), 1852 23, 1860 52, 1870 70, 1875 74 (von insgesamt 9.220 Einwohnern), 1900 72, Höchstzahl 1925 mit 90 Personen. 1823 erhielt die Synagogengemeinde St. Ingbert den Status einer Privatkirchengesellschaft (vergleichbar einem Vereinsstatus), aus der 1852 die "Israelitische Kultusgemeinde St. Ingbert (Pfalz)" wurde (vgl. unten die Anzeigen mit den Ausschreibungen der Lehrerstelle).     
  
Die jüdischen Einwohner waren alsbald im Leben der Stadt völlig integriert: Wolfgang Kahn war von 1862 bis zu seinem Tod 1888 Mitglied der Stadtverwaltung; auch der 1926 gestorbene Adolf Beer war langjähriges Stadtratsmitglied. Wolfgang Kahn war Begründer und Inhaber einer der bedeutendsten Seifenfabriken Deutschlands (Seifenfabrik Kahn, gegründet 1846), die bis zu 70 Arbeiter beschäftigte und im Ersten Weltkrieg wichtiger Armeelieferant war (1910: Seifenfabrik W. Kahn & Cie.; Gesellschafter: Isaak gen. Paul Kahn, Kaufmann, St. Ingbert).    
     
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule; von 1861 bis 1882 und von 1919 bis 1922 private Israelitische Konfessionsschule; ansonsten besuchten die jüdischen Schüler die protestantische Volksschule), einen jüdischen Kindergarten (seit 1926/27) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten). Unter den Lehrern sind bekannt: Lippmann Holland (1854-1864, siehe Bericht unten), Lehrer S. Seelig (genannt beim Artikel zum Synagogenbrand 1896) und in einer Anzeige von 1898 s.u., Lehrer Voß (genannt in einer Anzeige von 1902, s.u.), Gustav Strauss (auch Straus, letzter jüdischer Lehrer bis 1935). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Zweibrücken.     
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Eugen August (geb. 17.7.1893 in St. Ingbert, gef. 28.8.1915), Gefreiter Alfred Löb (geb. 24.7.1898 in St. Ingbert, gef. 5.9.1917) und Heinrich Zeilberger (geb. 21.9.1886 in Ermershausen, gef. 6.10.1915). Die Gräber von Eugen August und Alfred Löb befinden sich auf dem jüdischen Friedhof der Gemeinde. 
        
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 83 Personen gehörten (0,42 % von insgesamt etwa 20.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Adolf Beer (gest. 1926 nach 30 Jahren Mitglied im Synagogenrat, siehe Bericht unten, Paul Kahn und der bereits genannte Lehrer Gustav Strauss. Vorsteher der Repräsentanz war Josef August. Lehrer Gustav Strauss erteilte 1924 acht jüdischen Kindern an den öffentlichen Schulen der Stadt den Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen gab es insbesondere den Israelitischen Unterstützungsverein (1924 unter Leitung von Hermine Heer mit 22 Mitgliedern) sowie die Israelitische Frauenvereinigung (1924/32 unter Leitung der Frau von Hermine Beer [Frau des 1926 verstorbenen Adolf Beer], Kaiserstraße 12 mit 22 Mitgliedern, Zweck und Arbeitsgebiet: Wohlfahrtspflege). 1932 waren die Gemeindevorsteher Josef Löb (1. Vors., Kaiserstraße 131), Jakob Stern (2. Vors., Kaiserstraße 3) und Wilhelm Viktor (bzw. Vicktor, siehe Bericht zu seinem Tod 1934 unten). Lehrer und Kantor Gustav Strauss (wohnte neben der Synagoge in der Josefsthaler Straße 20; hier war auch die jüdische Schule) erteilte im Schuljahr 1931/32 18 Kindern den Religionsunterricht.             
   
Nach der Eingliederung des Saargebietes in das Deutsche Reich 1935
ist der Großteil der jüdischen Gemeindeglieder (1935/36: 61 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits Anfang Oktober 1935 stand die Auflösung der Gemeinde bevor (siehe Bericht unten vom 3. Oktober 1935). Fast alle der jüdische Geschäfte sind bis Oktober 1936 (zwangs-)verkauft worden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Friedhof geschändet; ein noch in der Stadt lebender jüdischer Mann wurde verhaftet; die Synagoge war bereits verkauft worden. 1939 wurden noch 15 jüdische Einwohner gezählt. Die letzten beiden wurden im Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich deportiert.   
          
Von den in Sankt Ingbert geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Elisabeth Beer geb. Kahn (1900), Fritz Beer (1887), Josephine Haber geb. Lion (1860), Eva Heimann geb. Ochs (1914), Anni Kahn (1921), Erna Kahn geb. Baum (1886), Hermann Kahn (1880), Paul Kahn (1872), Alma Leipziger geb. Kahn (1883), Michael Lion (1858), Bruno Loeb (1899), Herta Loeb geb. Salomon (1901), Inge Loeb (1932), Ruth Loeb (1925), Clara Neuberger geb. Kahn (1867), Susanne (Susi) Neuhaus geb. Cohen (1892), Erich Ochs (1920), Berta Rothschild geb. Kahn (1878), Irene Sruh geb. Kohn (1910), Albert Strauss (1877), Albert Weiler (1882), Friederike (Frieda) Weiler (1865), Erna Wolfermann geb. Friedberg (1900).
      
  
  

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 / 1887 / 1899 / 1909    

St Ingbert Israelit 01121884.jpg (51113 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1884: "Annonce. Die israelitische Kultus-Gemeinde in St. Ingbert sucht einen unverheirateten Religionslehrer, Schächter und Vorbeter. Gehalt Mark 700 per Jahr benebst circa Mark 300 Kasualien. Antritt kann sobald wie möglich geschehen. 
Bewerber um diese Stellen wollen sich persönlich vorstellen.  
St. Ingbert, 23. November 1884. 
Der Kultusvorstand W. Kahn."      
  
St Ingbert Israelit 08091887.jpg (50873 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1887: "Die hiesige israelitische Vorbeter-, Religionslehrer- und Schächterstelle ist sofort zu besetzen. Gehalt Mark 700 fix benebst ca. Mark 300 Kasualien und Mark 50 Wohnungsentschädigung. Bewerber um diese Stelle, Verheiratete mit kleiner Haushaltung erhalten den Vorzug, wollen sich an den unterzeichneten Kultusvorstand wenden. 
St. Ingbert (bayerische Pfalz), 2. September 1887.  
Der Kultus-Vorstand  W. Kahn."  
 
St Ingbert Israelit 26101899.jpg (55877 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899: "Die hiesige Stelle eines Vorbeters, Religionslehrers und Schächters ist zum 1. Januar 1900 zu besetzen. Gehalt Mark 1.000 pro Jahr, nebst ungefähr Mark 800 Nebeneinkünften. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen unter Zusendung ihrer Zeugnisse sich brieflich bei dem unterzeichneten Vorstand melden. 
St. Ingbert, im Oktober. 
Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde:  
Samuel Kahn."    
    
St Ingbert Israelit 07011909.jpg (69157 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1909: "Israelitische Kultusgemeinde St. Ingbert (Pfalz).  
Die Stelle als Kantor, Religionslehrer und Schochet ist per 1. April 1909 dahier vakant. Seminaristisch geprüfte Religionslehrer, welche zugleich stimmbegabte Vorbeter sein müssen, wollen sich alsbald melden. - Anfangsgehalt Mark 1.100.- per anno nebst freier Wohnung und großen Garten. Für Unterricht am Progymnasium werden Mark 180.- vergütet. Sonstige Nebeneinkünfte circa Mark 500.- 
Offerten erbeten an den Ausschuss der israelitischen Gemeinde St. Ingbert (Pfalz)."   

    
Über Lehrer Lippmann Holland (von 1854 bis 1864 Lehrer in St. Ingbert)  

Homburg Israelit 10011907.jpg (55691 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1907: "Homburg (Rheinpfalz), 6. Dezember. Unserem Lehrer und Kantor Herrn Lippmann Holland, wurde anlässlich der Neujahrsauszeichnungen vom Prinzregenten der 'Hauptlehrertitel' verliehen. Herr Lippmann Holland hat von 1852-54 die Lehrerbildungsanstalt zu Karlsruhe besucht. Von 1854-1864, unter Abrechnung eines Jahres, in welchem er seiner Militärpflicht genügte, wirkte er in St. Ingbert als Lehrer und Kantor und ist seit 1. Juni 1864 in hiesiger israelitischer Kultusgemeinde in vorgenannter Eigenschaft zur allseitigen Zufriedenheit tätig. S.R. in H." 

  
Anzeige von Lehrer S. Seelig (1898) 
   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August 1898: 
"Geistig zurückgebliebene Knaben oder solche, welche das hiesige Progymnasium besuchen wollen, finden bei mir liebevolle Aufnahme. Streng religiöse Erziehung. Beste Referenzen. Mäßige Preise.
 S. Seelig, Lehrer, St. Ingbert."    

    
Hilfsvorbeter für Jom Kippur gesucht (1902)
      

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: 
"Die Kultusgemeinde St. Ingbert sucht für Jom Kippur einen 
Hilfsvorbeter

Meldungen und Honoraransprüche sind zu richten an Kantor Voß."    

       
      
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
 

Ende der jüdischen Gemeinde in der NS-Zeit (1935)

Homburg Israelit 03101935.jpg (41870 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1935. "Mannheim. Nach einer Mitteilung des 'Mannheimer Gemeindeblattes' werden demnächst viele jüdische Gemeinden im Saargebiet aufgelöst werden, u.a. die Gemeinde Homburg, in der die vier oder fünf zurückbleibenden Familien die Gemeindeeinrichtungen nicht mehr halten können. In St. Ingbert wohnen fast gar keine Juden mehr."

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Goldenen Hochzeit des Ehepaares Wolfgang Kahn (1887)

St Ingbert Israelit 07021887.jpg (122656 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1887: "St. Ingbert. Am 25. Januar (1887) feierte das Ehepaar Wolfgang Kahn das Fest seiner goldenen Hochzeit. Dasselbe zählt zusammen 144 Jahre: Herr Kahn 73 und Frau Kahn, eine geborene Beer von hier, 71. Sechs Kinder, welche sich in angesehenen und günstigen Lebensstellungen befinden, und 18 blühende Enkel feierten das frohe Fest mit. Doch dasselbe reichte über den Rahmen eines Familienfestes weit hinaus; denn an ihm nahm die ganze hiesige israelitische Kultusgemeinde, deren langjähriger Vorstand Herr Kahn ist, den lebhaftesten Anteil. Aber auch bei unserer bürgerlichen Gemeinde ist der Jubeltag des Herrn Kahn nicht unvermerkt vorübergegangen. Denn nicht allein, dass Herr Kahn schon seit 25 Jahren tätiges und rühriges Mitglied der Stadtverwaltung ist und gleichzeitig dem Distriktsrate als Ausschussmitglied angehörte und in beiden Korporationen stets das Beste zum Wohle des Ganzen anstrebte, - in hochherziger Weise vermachte er dieser Tage aus Anlass seines goldenen Hochzeitsfestes für die hiesigen Ortsarmen ohne Unterschied der Konfession das ansehnliche Geschenk von 300 Mark, die am Jubiläumstage verteilt wurden."   

   
Rechtspraktikant Hermann Kahn in St. Ingbert wird Amtsanwalt beim Amtsgericht in Kandel (1906)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. April 1906: "Der geprüfte Rechtspraktikant Hermann Kahn in St. Ingbert wurde zum Amtsanwalt beim Amtsgericht in Kandel ernannt und zwar widerruflich".        

  
Zum Tod von Lina Kahn - mit militärischen Ehren beigesetzt (1907)

St Ingbert AZJ 11101907.jpg (36040 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Oktober 1907: "Der gewiss seltene Fall, dass eine Frau unter Trommelwirbel in Begleitung militärischer Vereine zu Grabe getragen wurde, ist in St. Ingbert vorgekommen. Frau Lina Kahn, Witwe, welche Inhaberin der Kriegsmünze von 1870/71 für Nichtkombattanten und der Kaiser Wilhelms-Erinnerungsmedaille war, wurde diese Ehrung auf dem Wege zur letzten Ruhestätte zuteil."   

  
Ernst und Fritz Beer werden zum Leutnant befördert (1916)  

St Ingbert FrfIsrFambl 18081916.jpg (23716 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. August 1916: "St. Ingbert. Ernst Beer, Bruder des mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichneten Leutnants Otto Beer, ist zum Leutnant befördert worden. Auch der Vetter Fritz Beer wurde zum Leutnant befördert."  

    
Zum Tod des langjährigen Stadtratsmitglied und Vorsitzenden des Synagogenrates Adolf Beer (1926)

St Ingbert BayrGZ 08091926aa.jpg (114626 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8. September 1926: "Adolf Beer s.A. Die Tagung israelitischer Gemeinden Bayerns ist stolz darauf, in ihrer Mitte noch die Vertretung des zeitweilig vom deutschen Vaterlande abgesplitterten bayerischen Saarlands zu bergen. Und ganz besonders stolz waren wir auf die Persönlichkeit Adolf Beers von St. Ingbert, der trotz seiner 75 Jahre niemals den weiten Weg zu uns scheute und uns aus dem reichen Borne seiner Erfahrung immer wieder unterstützte und belehrte. Am Samstag, dem 7. August 1926, ist Adolf Beer, im Begriffe, sich zum Gottesdienste zu begeben, von einem Schlaganfalle betroffen worden, dem er alsbald erlag. Zur Sabbatruhe ist der unermüdlich tätige Mann nun eingegangen. Um ihn trauert die israelitische Kultusgemeinde St. Ingbert, deren Geschicke er 30 Jahre lang leitete. Der Verband pfälzischer israelitischer Gemeinden, den er mit begründete, der Stadtrat St. Ingbert, dem er mehrere Wahlperioden angehörte, die Wohlfahrts- und Fürsorge-Ausschüsse sowie das pfälzische israelitische Altersheim, denen sein stets Andenken und Sorgen galt, der Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dem er als Mitglied des Vorstands des Landesverbandes Pfalz angehörte, die Saarloge, die vielen Ungenannten, die er mit Rat und Tat unterstützte, die Familie, deren verehrtes Haupt er war, nicht zum mindesten auch der Verband israelitischer Gemeinden Bayerns. Als wir ihm in schwerer Zeit Abschieds- und Trostworte zur Heimkehr in das Saarland mitgaben, da rief er uns zu: 'Seien Sie unbesorgt, ich werde niemals vergessen, dass ich ein deutscher Jude bin!' Er hat es niemals vergessen, und wie er seinem Vaterlande und seiner Religion die Treue wahrte, so wird auch sein Andenken gesegnet sein bis in ferne Geschlechter."   
 
St Ingbert Bayr GZ 08091926.jpg (120619 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8. September 1926 - Bericht über die Beisetzung von Adolf Beer: "St. Ingbert. Am 9. August (1926) bewegte sich ein stattlicher Trauerzug durch die Straßen St. Ingberts zum jüdischen Friedhof. Galt es doch, die sterbliche Hülle eines allgemein hoch geschätzten Mitbürgers, eines tief religiösen und vorbildlichen Glaubensgenossen zur ewigen Ruhe zu betten, Herrn Adolf Beer, dem langjährigen Stadtratsmitgliede, dem 1. Vorsitzenden des hiesigen Synagogenrates, dem er über 30 Jahre lang angehörte, dem Abgeordneten des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, galt diese letzte Ehre. Mit ihm schied ein Mann, der beseelt war von vorbildlicher Willens- und Tatkraft, von reichem Wissen und großer Welterfahrung, ein selbstloser Charakter von zäher Zielstrebigkeit, eine ganze Persönlichkeit, deren Abglanz sich wiederspiegelte in all den Kreisen, die ihm nahe standen. Zahlreich waren daher auch seine Freunde und Bekannte von nah und fern zusammengekommen, um ihm den letzten wohl verdienten Tribut der Anerkennung und des Dankes zu zollen für sein verdienstvolles Wirken auf den verschiedenen religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Gebieten. An seinem Grabe sprachen neben Herrn Rabbiner Dr. Mayer (Pirmasens), Herr Lehrer Straus für die Kultusgemeinde St. Ingbert, Herr Israel (Saarbrücken) für die Saarloge, Herr Bürgermeister Kempf für die Stadtverwaltung St. Ingbert, Herr Kommerzienrat Josef (Landau) für den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, Herr Behr (Neustadt) für das Israelitische Altersheim Neustadt a.d. Haardt, Herr Rechtsanwalt Dr. Kehr (Kaiserslautern) für den Verband der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Das Fazit aus all den beredten Kundgebungen aber lautet: Dem arbeits- und erfolgreichen Leben eines edlen seltenen Menschen hat der Tod einen Markstein gesetzt. Sein Name aber wird unverwischbar weiterleben und stets nur mit Gefühlen der Verehrung genannt werden. Secher lazadik lifrocho (= das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen."
 
St Ingbert Bayr GZ 08091926a.jpg (66597 Byte)Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8. September 1926: "Der unterfertigte Verband erfüllt hiermit die schmerzliche Pflicht, die Mitglieder seiner Vertretungen und die ihm angeschlossenen Gemeinden von dem Hinscheiden des 
Herrn Adolf Beer (St. Ingbert)
 
Mitglied der Tagung, in Kenntnis zu setzen. 
Der Dahingeschiedene gehörte der Tagung des Verbandes seit seiner Gründung an. Trotz seines hohen Alters hat er in unermüdlichem Pflichteifer zum Wohle der bayerischen Judenheit gewirkt und dem Verbande zu jeder Zeit und mit ganzem Herzen seine wertvolle Arbeit geleistet. Ihm ist es in erster Linie zu danken, wenn die Juden des Saarlandes in schwerster Zeit mit den Juden der Pfalz verbunden blieben. Wir werden dem Verblichenen stets ein ehrendes und dankbares Gedenken bewahren.  
München, den 3. September 1926. 
Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden
Für den Rat: Dr. Neumeyer. Für die Tagung: Dr. Silberschmidt."   
   
St Ingbert Bayr GZ 08091926b.jpg (48979 Byte)Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8. September 1926: "Nachruf
Am 7. August verschied plötzlich und unerwartet der Vorstand des Synagogenrates der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde und Abgeordnete des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden  
Herr Adolf Beer. 
30. Jahre lang hat er mit seltener Tatkraft, sicherer Zielstrebigkeit und vorbildlicher Hingabe die Geschicke unserer Gemeinde erfolgreich geleitet. Durch seine tiefe Religiosität war er der berufene Führer seiner Glaubensbrüder. Die Nachahmung seines Vorbildes sei unser Dank.  
Für die Synagogengemeinde St. Ingbert.
Der Synagogenrat."  

      
Zum Tod von Wilhelm Vicktor sen. (1934) 

St Ingbert Bayr GZ 01121934.jpg (72367 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Dezember 1934: "St. Ingbert (Saar). Von einem herben Schicksalsschlage wurde die Familie Wilhelm Vicktor betroffen. Auf einer Geschäftsfahrt nach Metz erlitt Herr Vicktor sen. einen Autounfall, an dessen Folgen er verstorben ist. Der Verstorbene war Mitglied des Synagogenrates der hiesigen Kultusgemeinde und stand auch in allen Kreisen der Bevölkerung in höchstem Ansehen. Alle Tageszeitungen widmeten ihm ehrende Nachrufe. In einem imposanten Trauerzuge erwies ihm die ganze Bevölkerung die letzte Ehre, darunter sein Soldatenverein, dem er als Kriegsteilnehmer angehörte, in geschlossener Formation mit Fahne und Musik. In ergreifender Trauerrede schilderte Herr Rabbiner Dr. Nellhaus die Verdienste des Verstorbenen. Ebenso sprachen am Grabe der Vorsitzende seiner Berufsorganisation, Herr Otto Löb, Saarbrücken und der Vorstand des Artillerievereins St. Ingbert. - Wir alle wollen dem Verstorbenen ein ehrendes Andenken wahren.  G.St."   

   
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige der Frau von Michael Beer (1901)
    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1901: 
"Suche zum sofortigen Eintritt ein im Haushalt und bürgerlicher Küche durchaus gewandtes, jüdisches Mädchen, das auch etwas Nähen und Bügeln kann: zweites Hausmädchen vorhanden. Offerten mit Gehaltsansprüchen an 
Frau Michael Beer
, St. Ingbert (Pfalz)."    

  
Anzeige der Frau von Leopold Löb (1901)
 
  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. August 1901: 
"Zur Stütze der Hausfrau wird ein braves, fleißiges Mädchen 
für eine kleine Familie gesucht. Näheres bei 
Frau Leopold Löb
, St. Ingbert, Pfalz."   

    
Anzeige des Frau von Joseph Löb (1903)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1903: 
"Suche ein gebildetes religiöses 
Mädchen
 
zur Stütze im Haushalt. Dasselbe muss bürgerlich kochen und Handarbeiten können und Liebe zu Kindern haben. Christliches Dienstmädchen vorhanden. 
Fr. Joseph Löb
, St. Ingbert (Pfalz)."     

 
Anzeige von A. Beer Nachfolger (1906)  

St Ingbert FrfIsrFambl 02111906.jpg (30001 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. November 1906: 
"Eine tüchtige Verkäuferin  
zum Verkauf von Haushaltungs-Gegenständen per 15. November dieses Jahres suchen  
A. Beer Nachfolger, St. Ingbert, Pfalz."    

  

     

     

Zur Geschichte der Synagoge   
           
Bis 1876 war ein Betraum im Haus des langjährigen Gemeindevorstehers Wolfgang Kahn eingerichtet (Ecke Ludwigstraße / Poststraße).   
 
1875/76 konnte die jüdische Gemeinde eine Synagoge bauen, die am 14. Januar 1876 feierlich eingeweiht werden konnte. 

Bericht zur Einweihung im "St. Ingberter Anzeiger" vom 15. Januar 1876: "...Gestern fand unter großer Beteiligung der hiesigen Einwohnerschaft, der freiwilligen Feuerwehr, sowie von Bürgermeister und Stadtrat, die Einweihung der neu erbauten Synagoge hier statt. Auch der Herr kgl. Bezirksamtmann von Zweibrücken beehrte das Fest durch seine Gegenwart.  
Der ansehnliche Festzug bewegte sich programmgemäß um 2 Uhr durch Überbringung der heiligen Thora-Rollen, unter Böllerschüssen und Musik, durch beflaggte Straßen von der alten zur neuen Synagoge, allwo der Herr kgl. Bezirksamtmann... die Türe zur neuen Synagoge öffnete, deren Inneres, einfach und geschmackvoll, die Teilnehmer nicht alle zu fassen vermöchte, wo durch eine erhebende kirchliche Feier das schöne gestrige Fest seinen Abschluss fand." 

20 Jahre nach der Einweihung wurde die Synagoge durch einen Brand schwer beschädigt:   

Feuer in der Synagoge (1896)

St Ingbert AZJ 17011896.jpg (17174 Byte)Meldung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Januar 1896: "In der Synagoge zu St. Ingbert in der Pfalz brach ein Feuer aus, welches das Innere vollständig zerstörte. Sämtliche Torarollen sind verbrannt."  
  
St Ingbert Israelit 16011896.jpg (148462 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1896: "St. Ingbert, 8. Januar (1896). Vergangene Woche wurde unsere Gemeinde von einem großen Unglück heimgesucht. In der Nacht vom Freitag auf Samstag (Schabbat Paraschat Schemot, d.i. der Schabbat mit der Toralesung Schemot = 2. Mose 1,1 - 6,1, das war Samstag, 4. Januar 1896) brach in der vor 20 Jahren unter großen Opfern erbauten Synagoge auf bis jetzt ungeklärte Weise Feuer aus, welches das Innere des einfachen, aber würdigen Gotteshauses zerstört; u.a. fiel der Aron HaKodesch (Toraschrein) mit sämtlichen Torarollen dem Element zum Opfer. Der Schrank mit den vielen Mappot (Torawimpeln) und wertvollen Parochot (Toraschrein-Vorhänge) usw. wurde ein Raub der Flammen, der Almemor wurde gänzlich zerstört. Der großen Opferwilligkeit unserer christlichen Mitbürger, die auf die Feuerzeichen herbeigeeilt waren und rasch das Löschungswerk begonnen, ist es zu verdanken, dass das Feuer auf seinen Herd beschränkt blieb. Der Schaden belauft sich auf ungefähr 8.000 Mark. Diese Summe ist für unsere aus 12 Mitgliedern bestehende Gemeinde eine enorm große und die Wiederherstellung erfordert abermals große Opfer. Toraschreiber und Gemeinden, welche Torarollen zu verkaufen beabsichtigen, können ihre Offerten an den hiesigen Vorstand, oder an die Adresse des Unterzeichneten gelangen lassen; Geschenke werden dankend angenommen. - Traurig stehen wir an der Brandstätte und betrachten mit stiller Wehmut die verkohlten heiligen Torarollen, doch hoffen wir (hebräisch und deutsch:): 'die Verwaiste wird Erbarmen finden, denn gnädig und barmherzig ist der Ewige!'  Seelig, Lehrer."   

Die Synagoge wurde wieder hergestellt und war weitere fast 40 Jahre Zentrum des Lebens der jüdischen Gemeinde in St. Ingbert. 
  
Nachdem in der NS-Zeit die meisten der jüdischen Einwohner St. Ingbert verlassen hatten, wurde das Gebäude im September 1936 an die Stadt verkauft, die es bis 1944 als Luftschutzschule nutzte bzw. besser zweckentfremdete. 1945 war das Gebäude vorübergehend noch einmal Synagoge für amerikanische Soldaten, seit 1947 ein christlicher Betsaal. 1949 erfolgte die Rückübertragung an die jüdische Kultusgemeinde Saar, die es 1950 an die Protestantische Kirchengemeinde St. Ingbert verkaufte, die es 1956 ui einem Jugendheim umbaute. Seit 1991 befindet sich im Gebäude das Amt für Religionsunterricht der Evangelischen Kirche der Pfalz mit dem Beauftragten für Religionsunterricht im Saarland. Zuletzt wurde das Gebäude 2001/02 umfassend renoviert. Durch die Umbauten nach 1945 wurde das Gebäude als frühere Synagoge weitgehend unkenntlich gemacht.    
      

Adresse/Standort der Synagoge   Josefsthaler Straße 22 / Ecke Synagogenstraße (heute Staugärtenstraße)  
   

  
Fotos   
(sw-Fotos aus der Publikation des Landesamtes s.Lit. S. 458-459; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.6.2009)  

Aufnahmen des Synagogengebäudes 
von 1940
St Ingbert Synagoge 111.jpg (63015 Byte) St Ingbert Synagoge 110.jpg (42268 Byte)
  Das Synagogengebäude 
von Südwesten
Die Ostfassade des 
Synagogengebäudes
      
Innenansicht St Ingbert Synagoge 112.jpg (53778 Byte)   
   Rekonstruktion des Innenraumes 
von Helmut Repp (2003)
   
        
Das ehemalige Synagogengebäude 
im Juni 2009 
St Ingbert Synagoge 206.jpg (73287 Byte) St Ingbert Synagoge 202.jpg (80218 Byte)
Blick auf das ehemalige 
Synagogengebäude von Südwesten
Hinweistafel
 
        
St Ingbert Synagoge 204.jpg (76016 Byte) St Ingbert Synagoge 207.jpg (82108 Byte) St Ingbert Synagoge 208.jpg (86286 Byte)
Das Gebäude von Süden Das Gebäude von Südost Bibelzitat aus Daniel 3,17
        
St Ingbert Synagoge 201.jpg (76190 Byte) St Ingbert Synagoge 210.jpg (77176 Byte) St Ingbert Synagoge 209.jpg (63655 Byte) 
Das ehemalige Synagogengebäude 
von Nordosten
Die Ostfassade - an der Stelle der Apsis 
des Toraschreines befinden sich Fenster
Straßenschild Staugärtenstraße mit Hinweis:
 "von 1909 bis 1935 Synagogenstraße" 

     
     

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt St. Ingbert 
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in St. Ingbert (interner Link)    

Literatur:    

Christoph Nimsgern / Eva Zutter: Juden in St. Ingbert - eine Dokumentation. St. Ingbert. 1990².
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. Abschnitt zu St. Ingbert von Reinhard Schneider. S. 457-459 (mit weiteren Literaturangaben).   
Literaturhinweis zur Seifenfabrik Kahn: Anne Kerber (Hrsg.): Das saarländische Seifenbuch. Seifensieder früher und heute.   Website der Verfasserin. 
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Sankt Ingbert  Palatinate. The first Jew arrived in 1811, acquiring 12 parcels of land by 1845. In 1848, the Jewish population was 17 (three families) and in 1875 it was 74 (total 9.220). In 1867, Jews founded a credit society, the first of its kind in the Saar district. It contributed significantly to economic development in the region. Wolfgang Kahn, chairman of the community, was a member of the municipal coucil for 20 years until his death in 1888. Je also operated a soap factory that became one of the most important in southern German, employing 70 workers and supplying the German army in Worldwar I. The community became independent in 1852, ipeting a synagogue in 1876. A private Jewish elementary school operated from 1861 until 1882 and again in 1919-22. A privat Jewish Kindergarten war started in 1926-27. In December 1931, swastikas were painted on Jewish homes and stores but the League of Nations administration regularly suppressed anti-Jewish activity. Such activities increased in 1933-35 under the impact of Nazi rule in the Reich. In 1933, the Jewish population was 75, down from 90 in 1925. In June 1935, 46 Jews remained. With the annexation of the Saar district to the Reich in march 1935, the economic and social isolation of the Jews intensified. Most Jewish businesses were sold before October 1936. In march 1936, the community lost its legal standing as a public body and in effect, community liufe all vut ceased to exist and the synagogue was sold. Of the Jews who emigrated, 50 left for the United States and 16 for Luxemnbourg. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the Jewish cemetery was desecrated and a Jews was arrested. Jewish children were expelled from the public schools in November 1938 and the last two jews were deported to the Gurs concentration camp in October 1940. In all, 16 Jews perished in the Holocuast, including eight in Auschwitz and five in the Theresienstadt ghetto.           
       

 

                   
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Stand: 27. August 2011