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Sankt Ingbert (Saarpfalz-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In der im 19. Jahrhundert aufblühenden Industriestadt Sankt Ingbert bestand eine jüdische Gemeinde
von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis
1935. Erstmals sind um 1810 jüdische Personen in der Stadt zugezogen. Als
erster wird Mendel Beer sen. genannt, der am 13. Mai 1811 ein Wohnhaus in der
Blieskasteler Straße ersteigerte.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1811 3 jüdische Einwohner, 1840 32, 1848 17 (in drei Familien), 1852 23,
1860 52, 1870 70,
1875 74 (von insgesamt 9.220 Einwohnern), 1900 72, Höchstzahl 1925 mit 90 Personen. 1823 erhielt die Synagogengemeinde St. Ingbert den Status einer
Privatkirchengesellschaft (vergleichbar einem Vereinsstatus), aus der 1852 die "Israelitische
Kultusgemeinde St. Ingbert (Pfalz)" wurde (vgl. unten die Anzeigen mit
den Ausschreibungen der Lehrerstelle).
Die jüdischen Einwohner waren alsbald im Leben der Stadt völlig integriert: Wolfgang
Kahn war von 1862 bis zu seinem Tod 1888 Mitglied der Stadtverwaltung; auch
der 1926 gestorbene Adolf Beer war langjähriges Stadtratsmitglied. Wolfgang
Kahn war Begründer und Inhaber einer der bedeutendsten Seifenfabriken
Deutschlands (Seifenfabrik Kahn, gegründet 1846), die bis zu 70 Arbeiter beschäftigte und im Ersten Weltkrieg
wichtiger Armeelieferant war (1910: Seifenfabrik W. Kahn & Cie.;
Gesellschafter: Isaak gen. Paul Kahn, Kaufmann, St. Ingbert).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge
(s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule; von 1861 bis 1882 und von 1919
bis 1922 private Israelitische Konfessionsschule; ansonsten besuchten die
jüdischen Schüler die protestantische Volksschule), einen jüdischen Kindergarten
(seit 1926/27) und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle
unten). Unter den Lehrern sind bekannt: Lippmann Holland (1854-1864, siehe
Bericht unten), Lehrer S. Seelig (genannt beim Artikel zum Synagogenbrand 1896)
und in einer Anzeige von 1898 s.u.,
Lehrer Voß (genannt in einer Anzeige von 1902, s.u.), Gustav Strauss (auch Straus, letzter jüdischer Lehrer bis 1935). Die Gemeinde
gehörte zum Rabbinatsbezirk Zweibrücken.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Eugen August (geb.
17.7.1893 in St. Ingbert, gef. 28.8.1915), Gefreiter Alfred Löb (geb. 24.7.1898
in St. Ingbert, gef. 5.9.1917) und Heinrich Zeilberger (geb. 21.9.1886 in
Ermershausen, gef. 6.10.1915). Die Gräber von Eugen August und
Alfred Löb befinden sich auf dem jüdischen Friedhof
der Gemeinde.
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 83 Personen gehörten (0,42 % von
insgesamt etwa 20.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Adolf
Beer (gest. 1926 nach 30 Jahren Mitglied im Synagogenrat, siehe Bericht unten,
Paul Kahn und der bereits genannte Lehrer Gustav Strauss. Vorsteher der
Repräsentanz war Josef August. Lehrer Gustav Strauss erteilte 1924 acht
jüdischen Kindern an den öffentlichen Schulen der Stadt den
Religionsunterricht. An jüdischen Vereinen gab es insbesondere den Israelitischen
Unterstützungsverein (1924 unter Leitung von Hermine Heer mit 22
Mitgliedern) sowie die Israelitische Frauenvereinigung (1924/32 unter
Leitung der Frau von Hermine Beer [Frau des 1926 verstorbenen Adolf Beer],
Kaiserstraße 12 mit 22 Mitgliedern, Zweck und Arbeitsgebiet: Wohlfahrtspflege). 1932 waren die
Gemeindevorsteher Josef Löb (1. Vors., Kaiserstraße 131), Jakob Stern (2.
Vors., Kaiserstraße 3) und Wilhelm Viktor (bzw. Vicktor, siehe Bericht zu
seinem Tod 1934 unten). Lehrer und Kantor Gustav Strauss (wohnte neben der
Synagoge in der Josefsthaler Straße 20; hier war auch die jüdische Schule) erteilte im Schuljahr 1931/32 18
Kindern den
Religionsunterricht.
Nach der Eingliederung des Saargebietes in das Deutsche Reich 1935 ist der
Großteil der
jüdischen Gemeindeglieder (1935/36: 61 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits Anfang
Oktober 1935 stand die Auflösung der Gemeinde bevor (siehe Bericht unten vom 3. Oktober 1935).
Fast alle der jüdische Geschäfte sind bis Oktober 1936 (zwangs-)verkauft
worden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Friedhof geschändet; ein noch
in der Stadt lebender jüdischer Mann wurde verhaftet; die Synagoge war bereits
verkauft worden. 1939 wurden noch 15 jüdische Einwohner gezählt. Die letzten
beiden wurden im Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs in Südfrankreich deportiert.
Von den in Sankt Ingbert geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Elisabeth Beer geb. Kahn (1900), Fritz Beer (1887), Josephine Haber geb. Lion (1860), Eva Heimann geb. Ochs (1914),
Anni Kahn (1921), Erna Kahn geb. Baum (1886), Hermann Kahn
(1880), Paul Kahn (1872), Alma Leipziger geb. Kahn (1883), Michael Lion (1858), Bruno Loeb (1899),
Herta Loeb geb. Salomon (1901), Inge Loeb (1932), Ruth Loeb (1925), Clara
Neuberger geb. Kahn (1867), Susanne (Susi) Neuhaus geb. Cohen (1892), Erich Ochs
(1920), Berta Rothschild geb. Kahn (1878), Irene Sruh geb. Kohn (1910), Albert
Strauss (1877), Albert Weiler (1882), Friederike (Frieda) Weiler (1865), Erna Wolfermann geb. Friedberg (1900).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 /
1887 / 1899 / 1909
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1884:
"Annonce. Die israelitische Kultus-Gemeinde in St. Ingbert
sucht einen unverheirateten Religionslehrer, Schächter und Vorbeter.
Gehalt Mark 700 per Jahr benebst circa Mark 300 Kasualien. Antritt kann
sobald wie möglich geschehen.
Bewerber um diese Stellen wollen sich persönlich vorstellen.
St. Ingbert, 23. November 1884.
Der Kultusvorstand W. Kahn." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. September 1887:
"Die hiesige israelitische Vorbeter-, Religionslehrer- und
Schächterstelle ist sofort zu besetzen. Gehalt Mark 700 fix benebst ca. Mark
300 Kasualien und Mark 50 Wohnungsentschädigung. Bewerber um diese
Stelle, Verheiratete mit kleiner Haushaltung erhalten den Vorzug, wollen
sich an den unterzeichneten Kultusvorstand wenden.
St. Ingbert (bayerische Pfalz), 2. September 1887.
Der Kultus-Vorstand W. Kahn." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899:
"Die hiesige Stelle eines Vorbeters, Religionslehrers und
Schächters ist zum 1. Januar 1900 zu besetzen. Gehalt Mark 1.000 pro
Jahr, nebst ungefähr Mark 800 Nebeneinkünften. Seminaristisch gebildete
Bewerber wollen unter Zusendung ihrer Zeugnisse sich brieflich bei dem
unterzeichneten Vorstand melden.
St. Ingbert, im Oktober.
Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde:
Samuel Kahn." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Januar 1909:
"Israelitische Kultusgemeinde St. Ingbert (Pfalz).
Die Stelle als Kantor, Religionslehrer und Schochet ist per 1.
April 1909 dahier vakant. Seminaristisch geprüfte Religionslehrer, welche
zugleich stimmbegabte Vorbeter sein müssen, wollen sich alsbald melden. -
Anfangsgehalt Mark 1.100.- per anno nebst freier Wohnung und großen
Garten. Für Unterricht am Progymnasium werden Mark 180.- vergütet.
Sonstige Nebeneinkünfte circa Mark 500.-
Offerten erbeten an den Ausschuss der israelitischen Gemeinde St.
Ingbert (Pfalz)." |
Über Lehrer Lippmann Holland (von
1854 bis 1864 Lehrer in St. Ingbert)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1907:
"Homburg (Rheinpfalz), 6. Dezember. Unserem Lehrer und Kantor
Herrn Lippmann Holland, wurde anlässlich der Neujahrsauszeichnungen vom
Prinzregenten der 'Hauptlehrertitel' verliehen. Herr Lippmann
Holland hat von 1852-54 die Lehrerbildungsanstalt zu Karlsruhe besucht.
Von 1854-1864, unter Abrechnung eines Jahres, in welchem er seiner
Militärpflicht genügte, wirkte er in St. Ingbert als Lehrer und Kantor
und ist seit 1. Juni 1864 in hiesiger israelitischer Kultusgemeinde in
vorgenannter Eigenschaft zur allseitigen Zufriedenheit tätig. S.R. in
H." |
Anzeige von Lehrer S. Seelig (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August 1898:
"Geistig zurückgebliebene Knaben oder solche, welche das hiesige
Progymnasium besuchen wollen, finden bei mir liebevolle Aufnahme.
Streng religiöse Erziehung. Beste Referenzen. Mäßige Preise.
S. Seelig, Lehrer, St. Ingbert." |
Hilfsvorbeter für Jom Kippur gesucht (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902:
"Die Kultusgemeinde St. Ingbert sucht für Jom Kippur einen
Hilfsvorbeter.
Meldungen und Honoraransprüche sind zu richten an Kantor Voß." |
Aus
dem jüdischen Gemeindeleben
Ende der jüdischen Gemeinde in der NS-Zeit (1935)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1935.
"Mannheim. Nach einer Mitteilung des 'Mannheimer Gemeindeblattes'
werden demnächst viele jüdische Gemeinden im Saargebiet aufgelöst
werden, u.a. die Gemeinde Homburg, in der die vier oder fünf
zurückbleibenden Familien die Gemeindeeinrichtungen nicht mehr halten
können. In St. Ingbert wohnen fast gar keine Juden mehr." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zur Goldenen Hochzeit des Ehepaares Wolfgang Kahn (1887)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1887: "St.
Ingbert. Am 25. Januar (1887) feierte das Ehepaar Wolfgang Kahn das
Fest seiner goldenen Hochzeit. Dasselbe zählt zusammen 144 Jahre: Herr
Kahn 73 und Frau Kahn, eine geborene Beer von hier, 71. Sechs Kinder,
welche sich in angesehenen und günstigen Lebensstellungen befinden, und
18 blühende Enkel feierten das frohe Fest mit. Doch dasselbe reichte
über den Rahmen eines Familienfestes weit hinaus; denn an ihm nahm die
ganze hiesige israelitische Kultusgemeinde, deren langjähriger Vorstand
Herr Kahn ist, den lebhaftesten Anteil. Aber auch bei unserer bürgerlichen
Gemeinde ist der Jubeltag des Herrn Kahn nicht unvermerkt
vorübergegangen. Denn nicht allein, dass Herr Kahn schon seit 25 Jahren
tätiges und rühriges Mitglied der Stadtverwaltung ist und gleichzeitig
dem Distriktsrate als Ausschussmitglied angehörte und in beiden
Korporationen stets das Beste zum Wohle des Ganzen anstrebte, - in
hochherziger Weise vermachte er dieser Tage aus Anlass seines goldenen Hochzeitsfestes
für die hiesigen Ortsarmen ohne Unterschied der Konfession das
ansehnliche Geschenk von 300 Mark, die am Jubiläumstage verteilt
wurden." |
Rechtspraktikant Hermann Kahn in St. Ingbert wird
Amtsanwalt beim Amtsgericht in Kandel (1906)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 27. April 1906: "Der geprüfte Rechtspraktikant Hermann Kahn
in St. Ingbert wurde zum Amtsanwalt beim Amtsgericht in Kandel
ernannt und zwar widerruflich". |
Zum Tod von Lina Kahn - mit militärischen Ehren
beigesetzt (1907)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Oktober 1907:
"Der gewiss seltene Fall, dass eine Frau unter Trommelwirbel in
Begleitung militärischer Vereine zu Grabe getragen wurde, ist in St.
Ingbert vorgekommen. Frau Lina Kahn, Witwe, welche Inhaberin der
Kriegsmünze von 1870/71 für Nichtkombattanten und der Kaiser
Wilhelms-Erinnerungsmedaille war, wurde diese Ehrung auf dem Wege zur
letzten Ruhestätte zuteil." |
Ernst und Fritz Beer werden zum Leutnant befördert
(1916)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. August
1916: "St. Ingbert. Ernst Beer, Bruder des mit dem Eisernen
Kreuz 1. Klasse ausgezeichneten Leutnants Otto Beer, ist zum Leutnant
befördert worden. Auch der Vetter Fritz Beer wurde zum Leutnant
befördert." |
Zum Tod des langjährigen Stadtratsmitglied und
Vorsitzenden des Synagogenrates Adolf Beer (1926)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8.
September 1926: "Adolf Beer s.A. Die Tagung israelitischer
Gemeinden Bayerns ist stolz darauf, in ihrer Mitte noch die Vertretung des
zeitweilig vom deutschen Vaterlande abgesplitterten bayerischen Saarlands
zu bergen. Und ganz besonders stolz waren wir auf die Persönlichkeit
Adolf Beers von St. Ingbert, der trotz seiner 75 Jahre niemals den weiten
Weg zu uns scheute und uns aus dem reichen Borne seiner Erfahrung immer
wieder unterstützte und belehrte. Am Samstag, dem 7. August 1926, ist
Adolf Beer, im Begriffe, sich zum Gottesdienste zu begeben, von einem
Schlaganfalle betroffen worden, dem er alsbald erlag. Zur Sabbatruhe ist
der unermüdlich tätige Mann nun eingegangen. Um ihn trauert die
israelitische Kultusgemeinde St. Ingbert, deren Geschicke er 30 Jahre lang
leitete. Der Verband pfälzischer israelitischer Gemeinden, den er mit
begründete, der Stadtrat St. Ingbert, dem er mehrere Wahlperioden
angehörte, die Wohlfahrts- und Fürsorge-Ausschüsse sowie das
pfälzische israelitische Altersheim, denen sein stets Andenken und Sorgen
galt, der Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dem er als
Mitglied des Vorstands des Landesverbandes Pfalz angehörte, die Saarloge,
die vielen Ungenannten, die er mit Rat und Tat unterstützte, die Familie,
deren verehrtes Haupt er war, nicht zum mindesten auch der Verband
israelitischer Gemeinden Bayerns. Als wir ihm in schwerer Zeit Abschieds-
und Trostworte zur Heimkehr in das Saarland mitgaben, da rief er uns zu:
'Seien Sie unbesorgt, ich werde niemals vergessen, dass ich ein deutscher
Jude bin!' Er hat es niemals vergessen, und wie er seinem Vaterlande und
seiner Religion die Treue wahrte, so wird auch sein Andenken gesegnet sein
bis in ferne Geschlechter." |
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Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8.
September 1926 - Bericht über die Beisetzung von Adolf Beer: "St. Ingbert. Am 9. August (1926) bewegte sich
ein stattlicher Trauerzug durch die Straßen St. Ingberts zum jüdischen
Friedhof. Galt es doch, die sterbliche Hülle eines allgemein hoch
geschätzten Mitbürgers, eines tief religiösen und vorbildlichen
Glaubensgenossen zur ewigen Ruhe zu betten, Herrn Adolf Beer, dem
langjährigen Stadtratsmitgliede, dem 1. Vorsitzenden des hiesigen
Synagogenrates, dem er über 30 Jahre lang angehörte, dem Abgeordneten
des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, galt diese letzte
Ehre. Mit ihm schied ein Mann, der beseelt war von vorbildlicher Willens-
und Tatkraft, von reichem Wissen und großer Welterfahrung, ein
selbstloser Charakter von zäher Zielstrebigkeit, eine ganze
Persönlichkeit, deren Abglanz sich wiederspiegelte in all den Kreisen,
die ihm nahe standen. Zahlreich waren daher auch seine Freunde und
Bekannte von nah und fern zusammengekommen, um ihm den letzten wohl
verdienten Tribut der Anerkennung und des Dankes zu zollen für sein
verdienstvolles Wirken auf den verschiedenen religiösen, sozialen und
wirtschaftlichen Gebieten. An seinem Grabe sprachen neben Herrn Rabbiner
Dr. Mayer (Pirmasens), Herr Lehrer
Straus für die Kultusgemeinde St. Ingbert, Herr Israel
(Saarbrücken) für die Saarloge, Herr Bürgermeister Kempf für die
Stadtverwaltung St. Ingbert, Herr Kommerzienrat Josef (Landau) für
den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden, Herr Behr (Neustadt)
für das Israelitische Altersheim Neustadt a.d. Haardt, Herr Rechtsanwalt
Dr. Kehr (Kaiserslautern) für den Verband der deutschen Staatsbürger
jüdischen Glaubens. Das Fazit aus all den beredten Kundgebungen aber
lautet: Dem arbeits- und erfolgreichen Leben eines edlen seltenen Menschen
hat der Tod einen Markstein gesetzt. Sein Name aber wird unverwischbar
weiterleben und stets nur mit Gefühlen der Verehrung genannt werden. Secher
lazadik lifrocho (= das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen." |
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Anzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8.
September 1926: "Der unterfertigte Verband erfüllt hiermit die
schmerzliche Pflicht, die Mitglieder seiner Vertretungen und die ihm
angeschlossenen Gemeinden von dem Hinscheiden des
Herrn Adolf Beer (St. Ingbert)
Mitglied der Tagung, in Kenntnis zu setzen.
Der Dahingeschiedene gehörte der Tagung des Verbandes seit seiner
Gründung an. Trotz seines hohen Alters hat er in unermüdlichem
Pflichteifer zum Wohle der bayerischen Judenheit gewirkt und dem Verbande
zu jeder Zeit und mit ganzem Herzen seine wertvolle Arbeit geleistet. Ihm
ist es in erster Linie zu danken, wenn die Juden des Saarlandes in
schwerster Zeit mit den Juden der Pfalz verbunden blieben. Wir werden dem
Verblichenen stets ein ehrendes und dankbares Gedenken
bewahren.
München, den 3. September 1926.
Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden.
Für den Rat: Dr. Neumeyer. Für die Tagung: Dr. Silberschmidt." |
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Anzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8.
September 1926: "Nachruf.
Am 7. August verschied plötzlich und unerwartet der Vorstand des
Synagogenrates der hiesigen Israelitischen Kultusgemeinde und Abgeordnete
des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden
Herr Adolf Beer.
30. Jahre lang hat er mit seltener Tatkraft, sicherer Zielstrebigkeit und
vorbildlicher Hingabe die Geschicke unserer Gemeinde erfolgreich geleitet.
Durch seine tiefe Religiosität war er der berufene Führer seiner
Glaubensbrüder. Die Nachahmung seines Vorbildes sei unser
Dank.
Für die Synagogengemeinde St. Ingbert. Der
Synagogenrat." |
Zum Tod von Wilhelm Vicktor sen. (1934)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Dezember 1934: "St. Ingbert (Saar). Von einem herben
Schicksalsschlage wurde die Familie Wilhelm Vicktor betroffen. Auf einer
Geschäftsfahrt nach Metz erlitt Herr Vicktor sen. einen Autounfall, an
dessen Folgen er verstorben ist. Der Verstorbene war Mitglied des
Synagogenrates der hiesigen Kultusgemeinde und stand auch in allen Kreisen
der Bevölkerung in höchstem Ansehen. Alle Tageszeitungen widmeten ihm
ehrende Nachrufe. In einem imposanten Trauerzuge erwies ihm die ganze
Bevölkerung die letzte Ehre, darunter sein Soldatenverein, dem er als
Kriegsteilnehmer angehörte, in geschlossener Formation mit Fahne und
Musik. In ergreifender Trauerrede schilderte Herr Rabbiner Dr. Nellhaus
die Verdienste des Verstorbenen. Ebenso sprachen am Grabe der Vorsitzende
seiner Berufsorganisation, Herr Otto Löb, Saarbrücken und der Vorstand
des Artillerievereins St. Ingbert. - Wir alle wollen dem Verstorbenen ein
ehrendes Andenken wahren. G.St." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Frau von Michael Beer (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1901:
"Suche
zum sofortigen Eintritt ein im Haushalt und bürgerlicher Küche durchaus
gewandtes, jüdisches Mädchen, das auch etwas Nähen und Bügeln kann:
zweites Hausmädchen vorhanden. Offerten mit Gehaltsansprüchen an
Frau Michael Beer, St. Ingbert (Pfalz)." |
Anzeige der Frau von Leopold Löb (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. August 1901:
"Zur Stütze der Hausfrau wird ein braves, fleißiges Mädchen
für eine kleine Familie gesucht. Näheres bei
Frau Leopold Löb, St. Ingbert, Pfalz." |
Anzeige des Frau von Joseph Löb (1903)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. Juni 1903:
"Suche ein gebildetes religiöses
Mädchen
zur Stütze im Haushalt. Dasselbe muss bürgerlich kochen und Handarbeiten
können und Liebe zu Kindern haben. Christliches Dienstmädchen
vorhanden.
Fr. Joseph Löb, St. Ingbert (Pfalz)." |
Anzeige von A. Beer Nachfolger (1906)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. November
1906:
"Eine tüchtige Verkäuferin
zum Verkauf von
Haushaltungs-Gegenständen per 15. November dieses Jahres
suchen
A. Beer Nachfolger, St. Ingbert,
Pfalz." |
Zur Geschichte der Synagoge
Bis 1876 war ein Betraum im Haus des langjährigen
Gemeindevorstehers Wolfgang Kahn eingerichtet (Ecke Ludwigstraße /
Poststraße).
1875/76 konnte die jüdische Gemeinde eine Synagoge bauen, die am 14.
Januar 1876 feierlich eingeweiht werden konnte.
Bericht zur Einweihung
im "St. Ingberter Anzeiger" vom 15. Januar 1876:
"...Gestern fand unter großer Beteiligung der hiesigen
Einwohnerschaft, der freiwilligen Feuerwehr, sowie von Bürgermeister und
Stadtrat, die Einweihung der neu erbauten Synagoge hier statt. Auch der
Herr kgl. Bezirksamtmann von Zweibrücken beehrte das Fest durch seine
Gegenwart.
Der ansehnliche Festzug bewegte sich programmgemäß um 2 Uhr durch
Überbringung der heiligen Thora-Rollen, unter Böllerschüssen und Musik,
durch beflaggte Straßen von der alten zur neuen Synagoge, allwo der Herr
kgl. Bezirksamtmann... die Türe zur neuen Synagoge öffnete, deren
Inneres, einfach und geschmackvoll, die Teilnehmer nicht alle zu fassen
vermöchte, wo durch eine erhebende kirchliche Feier das schöne gestrige
Fest seinen Abschluss fand." |
20 Jahre nach der Einweihung wurde die Synagoge durch einen
Brand schwer beschädigt:
Feuer in der Synagoge (1896)
Meldung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Januar 1896:
"In der Synagoge zu St. Ingbert in der Pfalz brach ein Feuer
aus, welches das Innere vollständig zerstörte. Sämtliche Torarollen
sind verbrannt." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1896: "St.
Ingbert, 8. Januar (1896). Vergangene Woche wurde unsere Gemeinde von
einem großen Unglück heimgesucht. In der Nacht vom Freitag auf Samstag (Schabbat
Paraschat Schemot, d.i. der Schabbat mit der Toralesung Schemot
= 2. Mose 1,1 - 6,1, das war Samstag, 4. Januar 1896) brach in der vor 20
Jahren unter großen Opfern erbauten Synagoge auf bis jetzt ungeklärte
Weise Feuer aus, welches das Innere des einfachen, aber würdigen
Gotteshauses zerstört; u.a. fiel der Aron HaKodesch (Toraschrein)
mit sämtlichen Torarollen dem Element zum Opfer. Der Schrank mit
den vielen Mappot (Torawimpeln) und wertvollen Parochot
(Toraschrein-Vorhänge) usw. wurde ein Raub der Flammen, der Almemor wurde
gänzlich zerstört. Der großen Opferwilligkeit unserer christlichen
Mitbürger, die auf die Feuerzeichen herbeigeeilt waren und rasch das
Löschungswerk begonnen, ist es zu verdanken, dass das Feuer auf seinen Herd
beschränkt blieb. Der Schaden belauft sich auf ungefähr 8.000 Mark.
Diese Summe ist für unsere aus 12 Mitgliedern bestehende Gemeinde eine
enorm große und die Wiederherstellung erfordert abermals große Opfer. Toraschreiber
und Gemeinden, welche Torarollen zu verkaufen beabsichtigen, können
ihre Offerten an den hiesigen Vorstand, oder an die Adresse des
Unterzeichneten gelangen lassen; Geschenke werden dankend angenommen. -
Traurig stehen wir an der Brandstätte und betrachten mit stiller Wehmut
die verkohlten heiligen Torarollen, doch hoffen wir (hebräisch und
deutsch:): 'die Verwaiste wird Erbarmen finden, denn gnädig und
barmherzig ist der Ewige!' Seelig,
Lehrer." |
Die Synagoge wurde wieder hergestellt und war weitere
fast 40 Jahre Zentrum des Lebens der jüdischen Gemeinde in St. Ingbert.
Nachdem in der NS-Zeit die meisten der jüdischen Einwohner St. Ingbert
verlassen hatten, wurde das Gebäude im September 1936 an die Stadt verkauft, die es
bis 1944 als Luftschutzschule nutzte bzw. besser zweckentfremdete. 1945
war das Gebäude vorübergehend noch einmal Synagoge für amerikanische
Soldaten, seit 1947 ein christlicher Betsaal. 1949 erfolgte die
Rückübertragung an die jüdische Kultusgemeinde Saar, die es 1950 an die
Protestantische Kirchengemeinde St. Ingbert verkaufte, die es 1956 ui einem
Jugendheim umbaute. Seit 1991 befindet sich im Gebäude das Amt für
Religionsunterricht der Evangelischen Kirche der Pfalz mit dem Beauftragten für
Religionsunterricht im Saarland. Zuletzt wurde das Gebäude 2001/02 umfassend
renoviert. Durch die Umbauten nach 1945 wurde das Gebäude als frühere Synagoge
weitgehend unkenntlich gemacht.
Adresse/Standort der Synagoge:
Josefsthaler Straße 22 / Ecke Synagogenstraße (heute Staugärtenstraße)
Fotos
(sw-Fotos aus der Publikation des Landesamtes s.Lit. S.
458-459; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.6.2009)
Aufnahmen des
Synagogengebäudes
von 1940 |
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Das Synagogengebäude
von
Südwesten |
Die Ostfassade des
Synagogengebäudes |
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| Innenansicht |
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Rekonstruktion des Innenraumes
von Helmut Repp (2003) |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
im Juni 2009 |
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Blick auf das ehemalige
Synagogengebäude von Südwesten |
Hinweistafel |
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| Das Gebäude von Süden |
Das Gebäude von Südost |
Bibelzitat aus Daniel 3,17 |
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Das ehemalige
Synagogengebäude
von Nordosten |
Die Ostfassade - an der Stelle
der Apsis
des Toraschreines befinden sich Fenster |
Straßenschild
Staugärtenstraße mit Hinweis:
"von 1909 bis 1935
Synagogenstraße" |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Christoph Nimsgern / Eva Zutter: Juden in St.
Ingbert - eine Dokumentation. St. Ingbert. 1990². |
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. Abschnitt zu St. Ingbert von Reinhard Schneider. S.
457-459 (mit weiteren Literaturangaben).
|
 | Literaturhinweis zur Seifenfabrik Kahn: Anne Kerber
(Hrsg.): Das saarländische Seifenbuch. Seifensieder früher und
heute. Website
der Verfasserin. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Sankt Ingbert Palatinate.
The first Jew arrived in 1811, acquiring 12 parcels of land by 1845. In 1848,
the Jewish population was 17 (three families) and in 1875 it was 74 (total
9.220). In 1867, Jews founded a credit society, the first of its kind in the
Saar district. It contributed significantly to economic development in the
region. Wolfgang Kahn, chairman of the community, was a member of the municipal
coucil for 20 years until his death in 1888. Je also operated a soap factory
that became one of the most important in southern German, employing 70 workers
and supplying the German army in Worldwar I. The community became independent in
1852, ipeting a synagogue in 1876. A private Jewish elementary school operated
from 1861 until 1882 and again in 1919-22. A privat Jewish Kindergarten war
started in 1926-27. In December 1931, swastikas were painted on Jewish homes and
stores but the League of Nations administration regularly suppressed anti-Jewish
activity. Such activities increased in 1933-35 under the impact of Nazi rule in
the Reich. In 1933, the Jewish population was 75, down from 90 in 1925. In June
1935, 46 Jews remained. With the annexation of the Saar district to the Reich in
march 1935, the economic and social isolation of the Jews intensified. Most
Jewish businesses were sold before October 1936. In march 1936, the community
lost its legal standing as a public body and in effect, community liufe all vut
ceased to exist and the synagogue was sold. Of the Jews who emigrated, 50 left
for the United States and 16 for Luxemnbourg. On Kristallnacht (9-10 November
1938), the Jewish cemetery was desecrated and a Jews was arrested. Jewish
children were expelled from the public schools in November 1938 and the last two
jews were deported to the Gurs concentration camp in October 1940. In all, 16
Jews perished in the Holocuast, including eight in Auschwitz and five in the
Theresienstadt ghetto.

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