Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Sondershausen (Kyffhäuserkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

   

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen      
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde

In Sondershausen lebten Juden bereits im Mittelalter. 1320 wird Jud Joseph von Sondershausen in Nordhausen genannt. 1323 verstarb in Sondershausen die Jüdin Sara, die an das Kloster Volkerode Geld verliehen hatte. 1341 werden Gutkind aus Sondershausen und sein Schwiegersohn in Mühlhausen aufgenommen. Bei der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 wurde das jüdische Leben in der Stadt vernichtet. Eine wichtige Erinnerung an die jüdische Geschichte ist die erhaltene Mikwe aus der Zeit um 1300.    
      
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. 1695 erhielten erstmals Juden in der Stadt sogenannte "Schutzbriefe" unter Graf Christian Wilhelm von Schwarzburg-Sondershausen. 1698 bestand eine Betstube und eine jüdische Schule in einem vermutlich an der Hauptstraße gelegenen jüdischen Wohnhaus. 1699 wurde der Friedhof am Spatenberg angelegt.  
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825/26 26 jüdische Familien, 1871 149 jüdische Einwohner 1880 130.    

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Die ursprünglich vorhandene jüdische Elementarschule (aus den 1820er-Jahren) wurde bereits 1840 den städtischen Schulanstalten angegliedert. Danach bestand nur noch eine jüdische Religionsschule am Ort. Lehrer und Prediger der Gemeinde war zur Zeit der Synagogeneinweihung 1826 und bis zu seiner Berufung nach Breslau J. Wolfsohn. Ab 1842 gab es ein privates jüdisches Knabenpensionat ("Pensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge"), das der israelitische Religionslehrer und Prediger (ab 1845 Rabbiner) Philipp Heidenheim (1814-1906), der zugleich als Lehrer an der Realschule tätig war, unterhielt (siehe Anzeigen und Berichte unten). Die israelitische Religionsschule und das Pensionat befanden sich zunächst im Vorderhaus der Synagoge (Bebrastraße 6). 1847 wurde der Unterricht in die städtischen Schulgebäude in der Pfarrstraße, ab 1903 in das Staatsschulgebäude in der Güntherstraße verlegt.     
 
Im Ersten Weltkrieg waren aus Sondershausen keine jüdischen Gefallenen zu beklagen.  
 
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 75 Personen gehörten, waren die Gemeindevorsteher Rudolf David, Julius Mayer und Max Kaufmann. Vorsteher der Repräsentanz waren Louis Lindau und M. Berl. Die damals acht schulpflichtigen Kinder der Gemeinde erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer Seelig aus Nordhausen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Max Kaufmann (Bebrastraße 27, 1. Vors.), Rechtsanwalt Dr. David  (Göldnerstraße 4, 2. Vors.) und Curt Heilbrun (Hauptstraße 56, Schatzmeister). Vorsteher der Repräsentanz waren Max Kaufmann, Max Redelheimer (Hauptstraße 55) und Julius Meyer (Richard-Wagner-Straße 11). Als Religionslehrer der im Schuljahr 1931/32 14 schulpflichtigen Kinder der Gemeinde kam Lehrer Frühauf aus Bleicherode regelmäßig nach Sondershausen. An jüdischen Vereinen bestanden insbesondere der Frauenverein (1932 unter Vorsitz von Frau Redelmeier, Hauptstraße 55; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger) und der Humanitätsverein (1932 unter Vorsitz von Max Redelmeier, Hauptstraße 55; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger).       

1933 lebten noch etwa 75 jüdische Personen in Sondershausen.
In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Folgende jüdische Geschäftsleute mussten ihre Gewerbebetriebe in der Folgezeit aufgeben: Stickerei Rudolf David (Aufgabe 1936), Kaufmann Siegmund Spunt-Seemann (1937), Max und Meta Redelmeier (1938), Kaufmann Leopold Reichardt (1939), Sophie Brown (1939), Julie Mayer geb. Rosenberg (1939), Dr. Erich Heilbrun (1939), Kurt und Julie Leser (1939), Familie Artur Simon (1939), Dr. Ludwig David (1939), Kaufhaus Cohn-Heilbrunn (1939) und Wollwarenfabrik Egon Leser (1940). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet; die noch bestehenden jüdische Geschäfte wurden geplündert und jüdische Familien in ihren Wohnungen überfallen. Betroffen waren vor allem die in der Hauptstraße und in der Lohstraße lebenden jüdischen Familien und Geschäfte. Die jüdischen Männer, unter ihnen Rechtsanwalt Dr. Ludwig David, wurden für einige Wochen in das KZ Buchenwald verschleppt. Ab 1942 erfolgten die Deportationen der jüdischen Personen, die in Sondershausen bis dahin noch gelebt hatten.   
   
Von den in Sondershausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Erna Bähr geb. Leser (1891), Jenny Blumenreich geb. Heilbrun (1870), Siegmund Cohn (), Siegfried David (1884), Helene Magdalena Eisenberg geb. Wahl (1863), Johanna Fischel geb. Heilbrun (1887), Ludwig Groß (1900), Harry Hecht (1887), Moritz Hecht (1876), Dorothea (Doro) Hirsch geb. Schwabach (1877), Selma Horwitz geb. Katz (1866), Walter Katz (1909), Irmgard Kaufmann (1922), Margarete Koopmann geb. Liebert (1895), Herta Lehrhaupt geb. Groß (1901), Max Leser (1870), Frieda Lindau geb. Simon (1876), Louis Lindau (1874),  Hildegard (Hilde) Schacher geb. Steinberg (1905), Fanny Schlesinger geb. Redelmaier (1854), Janny Schönfeld geb. Cahn (1869), Margarete Schönlank (1894), Heinz Simon (1931), Rosa Simon geb. Edelmuth (1897), Siegfried Simon (1892), Gertrude Steinberg geb. Heilbrun (1884), Hugo Weiler (1886), Paula Weiler geb. Horwitz (1891). 
 
Nach Kriegsende kamen wenige Überlebende zurück, vor allem einzelne in sogenannter "Mischehe" lebende Personen, die 1944 von den Deportationen erfasst worden waren und die Zwangsarbeit in Arbeitslagern überlebt hatten.
      
      
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  

Publikation von Predigten des Predigers J. Wolfsohn (1837/1838)     

Sondershausen AZJ 15061837.jpg (69651 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juni 1837: "Literatur
Der Prediger J. Wolfsohn in Sondershausen (der übrigens von dort nach Breslau abgeht), gibt zwölf Predigten einzeln heraus, von denen die erste bereits erschienen ist (5 Gr.). Dies ist eine Neujahrspredigt, wo in der Einleitung über die Bedeutsamkeit des Tages, und dann nach dem Texte Psalm 122,6-10, über die Wünsche und Segnungen, die das Neujahrsfest enthält, 1) über zeitliches Wohl, indem man das Beste des Vaterlandes sucht, 2) ewiges Heil im Frieden, gesprochen ist. Es sind zwar nicht tiefe, aber besonders herzliche Worte in prunkloser, fließender Sprache."           
    
Sondershausen AZJ 14041838.jpg (88109 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April 1838: "Religions- und Schulreden für Israeliten.
Nebst einer Sammlung biblischer Texte und Ideen für Sabbat-, Fest- und Gelegenheitsreden. Von Mehren bearbeitet. Herausgegeben von Dr. J. Heinemann in Berlin. 
Zwölf Reden, gehalten in der israelitischen Gemeinde zu Sondershausen von J. Wolfsohn (Inspektor und Religionslehrer in Breslau). 
8. Auf schönem weißen Druckpapier, elegant broch. 1 Thlr. (1 Fl. 48 Kr.). 
Diese Reden schließen sich ähnlichen im Bedürfnisse der Zeit begründeten Erscheinungen an, und können mit vollem Rechte frommen Gemütern als ein den religiösen Sinn belebendes Erbauungsmittel empfohlen werden."      

   
Lehrer Philipp Heidenheim ist als "wirklicher Lehrer" und als "Ordinarius" an der Realschule angestellt (1841) 
Anmerkung:  Philipp Heidenheim (geb. 1814 in Bleicherode, gest. 1906 in Sondershausen) schloss eine Ausbildung zum Lehrer mit dem Lehrerexamen 1835 in Erfurt ab. Seit 1837 war er als Prediger und Schuldirektor in Sondershausen tätig. Seine privaten rabbinischen Studien konnte er 1845 mit einer rabbinischen Prüfung und Ordination in Schönlanke (Trzcianka) abschließen. Darauf wurde er zum Landesrabbiner in Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg Rudolstadt mit Sitz in Sondershausen ernannt. Er unterrichtete - bereits seit 1841 als "Ordinarius" an der Realschule in Sondershausen; 1881 wurde er zum Professor ernannt.     

Sondershausen AZJ 27031841.jpg (99722 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. März 1841: "Sondershausen, 8. März (1841). Seit Ostern vorigen Jahres ist der Prediger und Religionslehrer der hiesigen Israeliten-Gemeinde, Heidenheim, zugleich als wirklicher Lehrer, und seit Juli als Ordinarius der zweiten Klasse an der fürstlichen Realschule angestellt worden. Die Elementarschule der Gemeinde, ungenügend aus Mangel an Mitteln, ward aufgelöst, und dafür regelmäßige3r Religionsunterricht eingerichtet. An Sabbaten und Festtagen ist der Gedachte von jedem Unterrichte dispensiert. Mit seinen sämtlichen Kollegen steht derselbe im freundlichsten Vernehmen, und von seinen Vorgesetzten, ja selbst vom durchlauchtigsten Fürsten hat er bereits mehrere Äußerungen der Zufriedenheit mit seinen Leistungen erhalten."       

   
Gründung einer Pensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge in Sondershausen durch Prediger und Lehrer Philipp Heidenheim (1842)  

Sondershausen AZJ 29011842.jpg (350511 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Januar 1842: "Errichtung einer größeren Pensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge. Mit Gott und für Gott
Seit einer Reihe von Jahren habe ich mich dem Lehr- und Erziehungsfache mit Liebe und Erfolg gewidmet und mein höchstes Lebensglück in der Erfüllung meines Berufes gefunden. Der Herr hat mich auch Gunst finden lassen in den Augen der Menschen und mir eine Stellung verliehen, wie selten einem meiner Brüder in Israel. Dadurch bewogen, übergaben mit seit einiger Zeit selbst fernwohnende Eltern ihre Kinder zur Erziehung. Die Anträge haben sich nun gemehrt, nachdem das Vertrauen, das man in mich gesetzt, gerechtfertigt wurde. Ich habe mich daher bestimmen lassen, unter Mitwirkung einiger biederer, wissenschaftlich gebildeter Männer, sämtlich Lehrer an den hiesigen höheren Schulanstalten und vornehmlich unter Beihilfe eines religiösen, tüchtigen Talmudisten eine größere Erziehungsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge zu gründen, und glaube sogar, damit einem fühlbaren Bedürfnisse abzuhelfen, da meines Wissens in Deutschland noch wenig derartige, umfangreiche, so viel Annehmbares darbietende Anstalten bestehen. Eltern, die mich mit ihrem Vertrauen beehren, werden es nicht bereuen, mir ihr Teuerstes übergeben zu haben; ich bin selbst Familienvater und weiß, was und wie Eltern fühlen und wünschen. Mein nächster und höchster Zweck ist, meine Zöglinge in der Furcht des Herrn zu erziehen, dass sie ihren heiligen Glauben unmittelbar aus jenen ewig frischen Quellen geschöpft, wahrhaft erfassen und innig lieben lernen, dass das Feuer unserer göttlichen Religion ihre Herzen erwärme und ihr ganzes Sein durchdringe; denn in unserer glaubensarmen, gleichgültigen Zeit müssen alle Bessergesinnten ihr Augenmerk, ihre Hoffnung auf die heranwachsende Jugend gerichtet haben; nur wenn sie begeistert und erwärmt wurde für das himmlische Erbe ihrer Väter, kann Israel in Wahrheit wiedergeboren werden. Dann will ich sie aber auch für das Leben und seine Anforderungen, die sich mit jedem Tage mehren, tüchtig befähigen: dass sie in derselben Weise in Talmud- und Torawissen wie auch in profanem Wissen kundig werden (frei übersetzt).  Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken
Sondershausen, im Januar 1842. Philipp Heidenheim. Prediger und Religionslehrer der hiesigen israelitischen Gemeinde und ordentlicher Lehrer an der fürstlichen Realschule, Ordinarius der zweiten Klasse."     
Sondershausen AZJ 29011842b.jpg (234242 Byte) Es folgen Empfehlungen für Philipp Heidenheim. Zum Lesen bitte Textabbildung anklicken.      

  
Feierliche Vereidigung und "förmliche Installation" des Rabbiners Philipp Heidenheim (1846)      

Sondershausen AZJ 12011846.jpg (326929 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Januar 1846: "Sondershausen, 30. Dezember (1846). Am 12. vorigen Monats fand die feierliche Vereidigung und förmliche Installation des Rabbiners hiesiger Stadt, Ph. Heidenheim, vor dem in pleno versammelten Regierungskollegio, dem löblichen Vorstande hiesiger israelitischer Gemeinde, einigen anderweitigen Mitgliedern derselben und den Synagogenbeamten auf eine wahrhaft erhebende Weise statt. Der Herr Regierungspräsident hielt vor der Verteidigung eine ergreifende Rede, worin er namentlich hervorhob, wie in unserer Zeit allerdings ein ruhiger, besonnener Fortschritt gar sehr Not tue, dass man aber keineswegs vorschnell das bewährte Alte aus Hang zur Neuerungssucht stürzen solle. Hierauf wurde die Dienstinstruktion von einem Regierungsbeamten vorgelesen und der Rabbiner darauf vereidigt, wobei kein weiteres Zeremoniell vorkam. Die Synagogenbeamten mussten ihm alsdann den Handschlag geben, seinen Anordnungen pünktlich Folge leisten zu wollen. Unterm 22. ward dessen Bestallung und Vereidigung im hiesigen Regierungsblatte N. 47 publiziert und unterm 29. hielt er vor einem zahlreichen Auditorio seine Antrittsrede als Rabbiner, nachdem er schon seit 12 Jahren als Religionslehrer und Prediger in hiesiger Gemeinde mit Segen und Eifer gewirkt. Er hatte zum Text: Maleachi 2,6.7 und sprach über den hohen Beruf des Geistlichen; er bestehe darin: 1) dass er seine Gemeinde leite zu innerer lauterer Gotteserkenntnis, 2) dass er seine Gemeinde erfülle mit immer wärmerer Menschenliebe, 3) dass er seiner Gemeinde vorangehe mit seinem eigenen Beispiele. Er hat schon seit längerer Zeit die Einrichtung getroffen, an jedem Sabbat, an welchem nicht gepredigt wird, vor dem EInheben einen extemporierten Vortrag über die Sedra oder Haphtora (sc. Tora- oder Prophetenabschnitt zu diesem Sabbat) in der Synagoge zu halten, was sich als recht zweckmäßig herausgestellt hat.
Da die Instruktion für den Rabbiner höchst human abgefasst, und dergleichen Dokumente wenige noch veröffentlicht sind, so folgt sie hierbei in ihren Hauptbestimmungen:  zum weiteren Lesen bitte Textabbildungen anklicken.             

Sondershausen AZJ 12011846b.jpg (315725 Byte)Die Instruktion endet mit den Sätzen
"Wir versehen uns von dem Rabbiner Heidenheim, dass er alle ihm hiernach obliegenden Pflichten mit Treue und Eifer erfüllen, sich als rechtlicher und gewissenhafter Beamter bewähren, der ihm anvertrauten Gemeinde ein Vorbild in allem Guten sein und so dem in ihn gesetzten Vertrauen vollkommen entsprechen werde, und sichern ihm in dieser Voraussetzung kraft höchster Ermächtigung nicht nur kräftigen obrigkeitlichen Schutz bei Ausübung seiner amtlichen Funktionen, sondern auch den Genuss der mit seinem Amte verbundenen Einkünfte und Emolumente und der herkömmlichen von demselben abhängigen Prärogativen an Ehre und Rang zu. 
Zu Urkunde dessen haben wir diese Bestallung ausgefertigt und dieselbe mit unserem Dienstsiegel und gewöhnlicher Unterschrift versehen. 
Sondershausen am 1. November 1845. Fürstlich schwarzburgische Regierung. F. W. Leopold. A. Hesse."       

    
Amtseinführung von Rabbiner Dr. Philipp Heidenheim (1855)  

Frankenhausen AZJ 15011855.JPG (113547 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Januar 1855: "Frankenhausen (Thüringen), im Dezember (1855). Unsere Staatsregierung hat unsere Gemeindestatuten bestätigt und uns demgemäss in der Person des Herrn Rabbiner Ph. Heidenheim - Oberlehrer der fürstlichen Realschule zu Sondershausen - einen würdigen und wackeren Geistlichen eingesetzt. Der von uns allen hochgeschätzte Herr Rabbiner hielt demnach am 9. Dezember dieses Jahres, nachdem er am Tage zuvor amtlich verpflichtet worden, im Beisein vieler respektiven Zuhörer, namentlich auch evangelischer Konfession, in unserer Synagoge seine Antrittspredigt, in welcher er den beruf des jüdischen Geistlichen im Judentum, verbinden mit den Hauptprinzipien des Mosaismus, trefflich entwickelte (1. Mose 35,10). Der Eindruck, den die ganze Feier überhaupt, verbunden mit Choralgesang und neuer Einrichtung des Gottesdienstes, auf Herz und Gemüt der Zuhörer hinterlassen, ist nicht zu schildern, und lange noch wird uns diese erhebende Feier im Geiste vorschweben. Möge der Allmächtige seinen reichen Segen dem neugeschlossenen Bunde spenden! - Frieden den Nahen und den Fernen! - S.W."   

     
Ausschreibung der Stelle des Schächters in der israelitischen Gemeinde (1858)        

Sondershausen AJZ 05041858.jpg (51845 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. April 1858: "Offene Stelle. 
Bei der hiesigen israelitischen Gemeinde ist die Stelle eines 'Schächters' mit einem jährlichen Einkommen von '200 Thalern' vakant. Darauf Reflektierende wollen sich gefälligst franco an den unterzeichneten Vorstand wenden.
Sondershausen, den 19. März 1858. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde. Hofagent M. Czarnikow."    

      
Zum Tod von Lina Heidenheim, Frau von Professor Dr. Philipp Heidenheim (1897)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom  19. November 1897: "Sondershausen, 9. November (1897). Am 22. vorigen Monats verschied in fast vollendetem 86. Lebensjahre die Gattin des ehrwürdigen Rabbiners Professor Heidenheim. Der Tod endete das glücklichste, reich gesegnete Bündnis zweiter Menschen, die über 58 Jahre in Treue und Liebe den Kampf des Daseins mitsammen trugen. Die edle Entschlafene war das Urbild eines echt jüdischen Weibes, ihr Haus war gegründet auf Frömmigkeit, Fleiß und Frieden. Sie sorgte als unermüdliche Hausfrau vom dämmernden Morgen bis zum späten Abend mit weiser Sparsamkeit für die große Wirtschaft; aber sie war auch die geistige Genossin ihres Mannes, seines Helferin im Wohl tun, seine Trösterin und Pflegerin in kummervollen Zeiten. Nicht nur sechs eigene Kinder lenkte ihre sorgende Mutterliebe zu dem Pfad der Pflicht, auf dem sie als brave, tüchtige Menschen den Eltern zur Freude wandelten, sondern gegen dreihundert Knaben erzog sie vereint mit ihrem Gatten voll Aufopferung und Liebe. Manches Zögling in fernen Landen wird den Heimgang der verehrten Pflegemutter durch diese Notiz erfahren und ihrem Andenken eine Träne der Erinnerung weihen, des Lehrers gedenkend, der seine treue Gefährtin verloren. Und wenn es einen Trost gibt, so ist es der, dass nicht nur Kinder, Enkel und Urenkel mit ihm trauern, sondern alle Heimatgenossen, alle Freunde in der Ferne. Die Teilnahme der Gemeinde, der Kollegen der fürstlichen Schule, aller christlichen Mitbürger zeigte am Begräbnistage die Wertschätzung, die das rastlose Wirken ihm erworben. Über 63 Jahre ist Rabbiner Heidenheim ja der Seelsorger der Gemeinde, und noch jetzt waltet er in ungetrübter geistiger Frische seines Amtes als Prediger. Sechsundvierzig Jahre unterrichtete er in den höheren Klassen der Realschule. Welch eine Welt von Arbeit und Mühen, aber auch von Genugtuung und segensreichen Erfolgen. Nun, da er sein bestes Erdengut dem Schoße der Erde vertraute, musste der beredte Mund schweigen, der so oft ein Tröster der Trauernden geworden an der letzten Ruhestätte. Am Grabe der Frau Lina Heidenheim sprach der Kantor Schönlank in ergreifender Weise den Scheidegruß. Er schilderte die Tugenden der Heimgegangenen und betete für die, die sie auf Erden verlassen. Ihr Lebenslicht ist verglüht, aber das Werk ihres Lebens wird bleiben! Die Verblichene ward die Stammmutter einer weit verzweigten Familie, und ihre Unsterblichkeit ist, dass sie das Vorbild ihrer Nachkommen bleiben wird in allen Eigenschaften einer wahrhaft frommen, edlen jüdischen Frau."       

   
Zum Tod von Lehrer und Kantor a.D. Schönlank (1921)      

Sondershausen AZJ 07011921.jpg (38514 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Januar 1921: "In Sondershausen starb im hohen Alter von 90 Jahren der Lehrer und Kantor a.D. Schönlank. Mit ihm ist einer der ältesten jüdischen Lehrer dahingegangen, der sich noch durch große jüdische Kenntnisse ausgezeichnet hat."           

 
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Anzeige von Metzgermeister M. Leser (1873)       

Sondershausen AZJ 01011873.jpg (37404 Byte) Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Januar 1873: "Koscher
Gute Rindswurst à Pfd. 12 1/2 Sgr., Gänsewurst 17 1/2 Sgr., Gänsebrüste sehr schön à Pfd. 17 1/2 Sgd., Gänsekeulen à St. 7 1/2 bis 10 Sgr., Gänseschmalz reines und weißes unverfälschtes à Pfd. 20 Sgr., Rauchbrust à Pfd. 12 1/2 Sgr. ohne Knochen bei 
M. Leser, Sondershausen (Thüringen)."         

    
Anzeige des Mädchenpensionates von Frau Oberlehrer Goldschmidt (1885)      

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1885: "Pensionat in Sondershausen. 
Zu Ostern finden junge Mädchen freundliche Aufnahme. Höhere Töchterschule, Lehrerinnen-Seminar und Konservatorium der Musik a Platze, gründliche Erlernung des Haushalts und aller weiblichen Handarbeiten, sowie Gelegenheit zur gesellschaftlichen Ausbildung im Hause. Gute Referenzen durch den Herrn Realschul-Direktor Schmidt. 
Frau Oberlehrer Goldschmidt."     


  
   
 

Zur Geschichte der Synagoge    
     
Bereits im Mittelalter gab es eine vermutlich Synagoge. Bei Ausgrabungen 1998/99 zum Bau der "Galerie am Schlossberg" wurden wenige Meter nördlich der damals wiederentdeckten Grundmauern der Synagoge aus dem 19. Jahrhundert (siehe unten) die Reste eines rund 700 Jahre alten rituellen jüdischen Bades (Mikwe) entdeckt. 2001 wurde das Bad bei weiteren Grabungen offen gelegt. Dieses Bad an der Außenseite alten Stadtmauer ist vermutlich im Mittelalter nach den Pestpogromen in der Mitte des 14. Jahrhunderts  zugeschüttet und dann vergessen worden. Das 1975 abgerissene Altstadt-Areal gehörte zum einstigen jüdischen Viertel. Das Bad ist nun als Denkmal in den Neubau der "Galerie am Schlossberg" integriert und erinnert an die in der NS-Zeit ausgelöschte jüdische Gemeinde der Stadt. 
        
Ende des 17. Jahrhunderts lässt sich wiederum ein Betsaal nachweisen. Er befand sich 1698 in einem - vermutlich an der Hauptstraße gelegenen - jüdischen Wohnhaus. 
Vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1826 befand sich ein ein Betsaal im Hinterhaus des Gebäudes Bebrastraße 31. 

1825/26
erbaute die jüdische Gemeinde eine Synagoge im Hinterhaus des Gebäudes Bebrastraße. Sie wurde am 1. September 1826 mit einem großen Fest der Gemeinde eingeweiht: 
  
Einweihung der Synagoge in Sondershausen (1826)      

Sondershausen Sulamith 1826.jpg (147206 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Sulamith" Jahrgang 1826: "Am 1. September 1826 wurde zu Sondershausen die neu erbaute Israelitische Synagoge feierlichst eingeweiht. So gering auch die Anzahl der Gemeindeglieder ist, und so unbemittelt die meisten sind, so gelang es ihnen doch durch den vereinten Willen und die allgemeinen Aufopferungen, das Gotteshaus zu erbauen, und mit den gehörigen heiligen Geräten zu versehen. Am meisten wirksam zeigten sich die zeitigen Vorsteher der Gemeinden, der Herr Hofagent Leser und Herr A. Levy, die durch Wort und Tat die Gemeinde zur Ausführung des Werks aufmunterten und unterstützten. Das Einweihungsfest war ganz geeignet, die Herzen der Bewohner Sondershausens zu rühren, und der Würde des Gegenstandes angemessen. Die von den Vorstehern der Gemeinde dem Durchlauchtigsten Fürsten überreichten Schlüssel des Tempels wurden von Seiner Excellenz dem allgemeinen verehrten Herrn Geheimrat von Ziegeler denselben feierlichst wiedergegeben, worauf Seine Exzellenz, von den Vorstehern der Gemeinde begleitet, den Zug zum Gotteshause eröffnete, der aus den sämtlichen Gemeindemitgliedern, aus den Honoratioren und der Geistlichkeit der Stadt bestand. Im Tempel selbst hielt der gedacht Herr Geheimrat eine kleine, jeden der Anwesenden ergreifende Rede, und las zugleich ein gnädigstes Reskript Seiner Durchlaucht vor, worin der Gemeinde die Zufriedenheit und der ferne Schutz des Durchlauchtigsten Landesvaters gnädigst versichert wurde und das, auf diese Art, die Gemeinde für alle überstandenen Schwierigkeiten, die sich bei dem, ohne alle Unterstützung von andern Gemeinden, unternommenen Bau in den Weg stellten, überschwänglich belohnten. - Von einem Chor wurden alsdann Psalmen und Danklieder gesungen, die vom Herrn Organisten Kindscher, in Dessau, komponiert, und deren Solopartien vom Herrn Kantor Hirsch Königsberger aus Dessau vorgetragen wurden, Auch eine deutsche Predigt, die der Feierlichkeit angemessen war, fand statt. Gewiss wird dieser Tag noch lange in dem Gemüte jedes der erwähnten Gemeindemitglieder leben und die segensreichsten Folgen haben!"  

  
Hoher Besuch in der Synagoge (1838)       

Sondershausen AZJ 03051838.jpg (108861 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Mai 1838: "Sondershausen, 13. April (1838). Am ersten Tage des Pessachfestes wurde uns das Glück zuteil, dass unser durchlauchtigster Fürst in Begleitung Seiner Excellenz des Geheimrates von Ziegeler und Seiner Excelenz des Geheimrates von Kaufberg, unser Gotteshaus besuchte. Die höchsten Geistlichen und der Magistrat hiesiger Residenz hatten sich zu gleicher Zeit eingefunden. Der bisherige Lehrer der Israeliten-Gemeinde, Herr Heidenheim, der zur Vollendung seiner Studien auf einige Jahre nach Breslau geht, hielt gerade seine Abschiedsrede. Ein vierstimmiger Choralgesang ging voran. Nach Anhörung der Predigt verweilte unser geliebter Landesvater noch einige Zeit, um auch dem Festgottesdienste beizuwohnen, und verließ dann die Synagoge, nachdem Höchstderselbe dem Vorstande nicht nur seinen Beifall versichert hatte, sondern auch zu erkennen geben, dass er sich wahrhaft erbaut habe."          

Die 1826 erbaute Synagoge diente - im Laufe der Jahrzehnte mehrfach renoviert - bis 1938 als Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Sondershausen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch Nationalsozialisten geschändet. Mit Rücksicht auf die Nachbarhäuser wurde das Gebäude nicht angezündet. Allerdings ist es bei einem Bombenangriff Anfang April 1945 niedergebrannt; die Brandruine stand noch bis 1960. 
    
1960 wurde im Zuge von "Sanierungsmaßnahmen" in der nordöstlichen Bebrastraße das Gebäude der ehemaligen Synagoge abgebrochen. 1999 wurde das Grundstück mit einem neuen Einkaufszentrum überbaut ("Galerie am Schlossberg").  
  
An die Synagoge erinnert eine Gedenktafel an der Westseite des Einkaufszentrums mit der Inschrift: "Hier stand die Synagoge - nicht vergessen (15 mal wiederholt). 1826 geweiht - 1938 geschändet".      
   

Adresse/Standort der Synagoge:    Bebrastraße 6     

Foto
(Quelle: Historische Innenansicht: Wikipedia-Artikel "Jüdisches Leben in Sondershausen" s.u. Links)    

Innenansicht der 
ehemaligen Synagoge
Sondershausen Synagoge 101.jpg (83264 Byte)   
   Rechts des Toraschreines findet sich 
eine Erinnerungstafel an 
Rabbiner Philipp Heidenheim
  
      
       
Sondershausen Synagoge 150.jpg (166210 Byte) Sondershausen Synagoge 151.jpg (112033 Byte)  Sondershausen Synagoge 152.jpg (106116 Byte)
Gedenktafel für die ehemalige Synagoge 
an ihrem Standort in der Bebrastraße  
Standort der Synagoge - die Gedenktafel ist jeweils in der 
Mitte des Fotos erkennbar  

       
      

Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Sondershausen   
Wikipedia-Artikel "Jüdisches Leben in Sondershausen"    und   Wikipedia-Artikel "Mikwe von Sondershausen"   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Sondershausen (interner Link)    

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 771-772.     
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt am Main 2003. S. 176-178.     
Falk Nicol: Juden im mittelalterlichen Sondershausen - archäologische Untersuchung einer Mikwe aus der Zeit um 1300. - in: Alt-Thüringen Jahresschrift des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens / des Thüringischen Landesamtes für Archäologische Denkmalpflege bzw. Landesamtes für Archäologie mit Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens (ab Band 37) Weimar: Böhlau Stuttgart: Theiss (ab Bd. 27)
Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Berlin 1992. S. 286-287. 
Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de) 2007. Zum Download der Dokumentation (interner Link). S. 233-238.        
Bettina Bärnighausen (Red.): Juden in Schwarzburg Bd.1. Hrsg. vom Schlossmuseum Sondershausen (Sondershäuser Kataloge IV). Dresden 2006.   

       

   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Sondershausen Thuringia. Jews lived there in the early 14th century and in the first half of the 15th century, suffering persecution during the Black Death disturbances of 1348-49. In the late 17th century, a Jewish community with a prayer hall is mentioned. In the 18th century, the community acquired a cemetery. In 1826, a new synagogue was dedicated. The Jewish population numbered 40 Jewish families in 1835 and 130 Jews in 1884. Most of the 67 Jews who lived in Sondershausen in 1933 left the town before the outbreak of war, emigrating to the United States, Australia, New Zealand, England and Palestine. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was destroyed. Those Jews who remained (19 in 1939) were deported to the Riga and Theresienstadt ghettoes.  
    

     

                   
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Stand: 17. Februar 2012