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Sondershausen (Kyffhäuserkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Sondershausen lebten Juden bereits im Mittelalter. 1320 wird Jud Joseph von Sondershausen in Nordhausen genannt. 1323
verstarb in Sondershausen die Jüdin Sara, die an das Kloster Volkerode Geld
verliehen hatte. 1341 werden Gutkind aus Sondershausen und sein Schwiegersohn in
Mühlhausen aufgenommen. Bei der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 wurde das
jüdische Leben in der Stadt vernichtet. Eine wichtige Erinnerung an die
jüdische Geschichte ist die erhaltene Mikwe aus der Zeit um
1300.
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde
geht in das 17. Jahrhundert zurück. 1695 erhielten erstmals Juden in der
Stadt sogenannte "Schutzbriefe" unter Graf Christian Wilhelm von
Schwarzburg-Sondershausen. 1698 bestand eine Betstube und eine
jüdische Schule in einem vermutlich an der Hauptstraße gelegenen jüdischen
Wohnhaus. 1699 wurde der Friedhof am Spatenberg
angelegt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1825/26 26 jüdische Familien, 1871 149 jüdische Einwohner 1880 130.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule,
ein rituelles Bad und ein Friedhof. Die ursprünglich vorhandene jüdische
Elementarschule (aus den 1820er-Jahren) wurde bereits 1840 den städtischen
Schulanstalten angegliedert. Danach bestand nur noch eine jüdische
Religionsschule am Ort. Lehrer und Prediger der Gemeinde war zur Zeit der
Synagogeneinweihung 1826 und bis zu seiner Berufung nach Breslau J. Wolfsohn.
Ab 1842 gab es ein privates jüdisches Knabenpensionat
("Pensionsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge"),
das der israelitische Religionslehrer und Prediger (ab 1845 Rabbiner) Philipp
Heidenheim (1814-1906), der zugleich als Lehrer an der Realschule tätig war,
unterhielt (siehe Anzeigen und Berichte unten). Die israelitische
Religionsschule und das Pensionat befanden sich zunächst im Vorderhaus der
Synagoge (Bebrastraße 6). 1847 wurde der Unterricht in die städtischen
Schulgebäude in der Pfarrstraße, ab 1903 in das Staatsschulgebäude in der
Güntherstraße verlegt.
Im Ersten Weltkrieg waren aus Sondershausen keine jüdischen Gefallenen zu
beklagen.
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 75 Personen gehörten, waren die
Gemeindevorsteher Rudolf David, Julius Mayer und Max Kaufmann. Vorsteher der
Repräsentanz waren Louis Lindau und M. Berl. Die damals acht schulpflichtigen
Kinder der Gemeinde erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer Seelig aus
Nordhausen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Max Kaufmann (Bebrastraße 27, 1.
Vors.), Rechtsanwalt Dr. David (Göldnerstraße 4, 2. Vors.) und Curt
Heilbrun (Hauptstraße 56, Schatzmeister). Vorsteher der Repräsentanz waren Max
Kaufmann, Max Redelheimer (Hauptstraße 55) und Julius Meyer
(Richard-Wagner-Straße 11). Als Religionslehrer der im Schuljahr 1931/32 14
schulpflichtigen Kinder der Gemeinde kam Lehrer Frühauf aus Bleicherode
regelmäßig nach Sondershausen. An jüdischen Vereinen bestanden insbesondere
der Frauenverein (1932 unter Vorsitz von Frau Redelmeier, Hauptstraße 55; Zweck
und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger) und der Humanitätsverein
(1932 unter Vorsitz von Max Redelmeier, Hauptstraße 55; Zweck und
Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger).
1933 lebten noch etwa 75 jüdische Personen in Sondershausen. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Folgende jüdische
Geschäftsleute mussten ihre Gewerbebetriebe in der Folgezeit aufgeben:
Stickerei Rudolf David (Aufgabe 1936), Kaufmann Siegmund Spunt-Seemann (1937),
Max und Meta Redelmeier (1938), Kaufmann Leopold Reichardt (1939), Sophie Brown
(1939), Julie Mayer geb. Rosenberg (1939), Dr. Erich Heilbrun (1939), Kurt und
Julie Leser (1939), Familie Artur Simon (1939), Dr. Ludwig David (1939),
Kaufhaus Cohn-Heilbrunn (1939) und Wollwarenfabrik Egon Leser (1940). Beim Novemberpogrom
1938 wurde die Synagoge geschändet; die noch bestehenden jüdische
Geschäfte wurden geplündert und jüdische Familien in ihren Wohnungen
überfallen. Betroffen waren vor allem die in der Hauptstraße und in der
Lohstraße lebenden jüdischen Familien und Geschäfte. Die jüdischen Männer,
unter ihnen Rechtsanwalt Dr. Ludwig David, wurden für einige Wochen in das KZ
Buchenwald verschleppt. Ab 1942 erfolgten die Deportationen der jüdischen
Personen, die in Sondershausen bis dahin noch gelebt hatten.
Von den in Sondershausen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Erna Bähr geb. Leser
(1891), Jenny Blumenreich geb. Heilbrun (1870), Siegmund Cohn (), Siegfried David (1884), Helene
Magdalena Eisenberg geb. Wahl (1863), Johanna Fischel geb. Heilbrun (1887),
Ludwig Groß (1900), Harry Hecht (1887), Moritz Hecht (1876), Dorothea (Doro)
Hirsch geb. Schwabach (1877), Selma Horwitz geb. Katz (1866), Walter Katz
(1909), Irmgard Kaufmann (1922), Margarete Koopmann geb. Liebert (1895), Herta
Lehrhaupt geb. Groß (1901), Max Leser (1870), Frieda Lindau geb. Simon (1876),
Louis Lindau (1874), Hildegard (Hilde) Schacher geb. Steinberg (1905),
Fanny Schlesinger geb. Redelmaier (1854), Janny Schönfeld geb. Cahn (1869),
Margarete Schönlank (1894), Heinz Simon (1931), Rosa Simon geb. Edelmuth
(1897), Siegfried Simon (1892), Gertrude Steinberg geb. Heilbrun (1884), Hugo
Weiler (1886), Paula Weiler geb. Horwitz (1891).
Nach Kriegsende kamen wenige Überlebende zurück, vor allem einzelne in
sogenannter "Mischehe" lebende Personen, die 1944 von den
Deportationen erfasst worden waren und die Zwangsarbeit in Arbeitslagern
überlebt hatten.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Publikation von Predigten des Predigers J. Wolfsohn
(1837/1838)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juni
1837: "Literatur.
Der Prediger J. Wolfsohn in Sondershausen (der übrigens von dort
nach Breslau abgeht), gibt zwölf Predigten einzeln heraus, von
denen die erste bereits erschienen ist (5 Gr.). Dies ist eine Neujahrspredigt,
wo in der Einleitung über die Bedeutsamkeit des Tages, und dann nach dem
Texte Psalm 122,6-10, über die Wünsche und Segnungen, die das
Neujahrsfest enthält, 1) über zeitliches Wohl, indem man das
Beste des Vaterlandes sucht, 2) ewiges Heil im Frieden, gesprochen
ist. Es sind zwar nicht tiefe, aber besonders herzliche Worte in
prunkloser, fließender Sprache." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April
1838: "Religions- und Schulreden für Israeliten.
Nebst einer Sammlung biblischer Texte und Ideen für Sabbat-, Fest-
und Gelegenheitsreden. Von Mehren bearbeitet. Herausgegeben von Dr. J.
Heinemann in Berlin.
Zwölf Reden, gehalten in der israelitischen Gemeinde zu Sondershausen
von J. Wolfsohn (Inspektor und Religionslehrer in Breslau).
8. Auf schönem weißen Druckpapier, elegant broch. 1 Thlr. (1 Fl. 48
Kr.).
Diese Reden schließen sich ähnlichen im Bedürfnisse der Zeit
begründeten Erscheinungen an, und können mit vollem Rechte frommen
Gemütern als ein den religiösen Sinn belebendes Erbauungsmittel
empfohlen werden." |
Lehrer Philipp Heidenheim ist als "wirklicher
Lehrer" und als "Ordinarius" an der Realschule angestellt (1841)
Anmerkung: Philipp Heidenheim
(geb. 1814 in Bleicherode, gest. 1906 in Sondershausen) schloss eine
Ausbildung zum Lehrer mit dem Lehrerexamen 1835 in Erfurt ab. Seit 1837
war er als Prediger und Schuldirektor in Sondershausen tätig.
Seine privaten rabbinischen Studien konnte er 1845 mit einer
rabbinischen Prüfung und Ordination in Schönlanke (Trzcianka)
abschließen. Darauf wurde er zum Landesrabbiner in
Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg Rudolstadt mit Sitz in Sondershausen
ernannt. Er unterrichtete - bereits seit 1841 als "Ordinarius" an der Realschule in Sondershausen; 1881 wurde
er zum Professor ernannt.
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. März
1841: "Sondershausen, 8. März (1841). Seit Ostern vorigen
Jahres ist der Prediger und Religionslehrer der hiesigen Israeliten-Gemeinde,
Heidenheim, zugleich als wirklicher Lehrer, und seit Juli als Ordinarius
der zweiten Klasse an der fürstlichen Realschule angestellt worden. Die
Elementarschule der Gemeinde, ungenügend aus Mangel an Mitteln, ward
aufgelöst, und dafür regelmäßige3r Religionsunterricht eingerichtet.
An Sabbaten und Festtagen ist der Gedachte von jedem Unterrichte
dispensiert. Mit seinen sämtlichen Kollegen steht derselbe im
freundlichsten Vernehmen, und von seinen Vorgesetzten, ja selbst vom
durchlauchtigsten Fürsten hat er bereits mehrere Äußerungen der
Zufriedenheit mit seinen Leistungen erhalten." |
Gründung einer Pensionsanstalt für israelitische
Knaben und Jünglinge in Sondershausen durch Prediger und Lehrer Philipp
Heidenheim (1842)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Januar
1842: "Errichtung einer größeren Pensionsanstalt für
israelitische Knaben und Jünglinge. Mit Gott und für Gott.
Seit einer Reihe von Jahren habe ich mich dem Lehr- und Erziehungsfache
mit Liebe und Erfolg gewidmet und mein höchstes Lebensglück in der
Erfüllung meines Berufes gefunden. Der Herr hat mich auch Gunst finden
lassen in den Augen der Menschen und mir eine Stellung verliehen, wie
selten einem meiner Brüder in Israel. Dadurch bewogen, übergaben mit
seit einiger Zeit selbst fernwohnende Eltern ihre Kinder zur Erziehung.
Die Anträge haben sich nun gemehrt, nachdem das Vertrauen, das man in
mich gesetzt, gerechtfertigt wurde. Ich habe mich daher bestimmen lassen,
unter Mitwirkung einiger biederer, wissenschaftlich gebildeter Männer, sämtlich
Lehrer an den hiesigen höheren Schulanstalten und vornehmlich unter
Beihilfe eines religiösen, tüchtigen Talmudisten eine größere
Erziehungsanstalt für israelitische Knaben und Jünglinge zu gründen,
und glaube sogar, damit einem fühlbaren Bedürfnisse abzuhelfen, da
meines Wissens in Deutschland noch wenig derartige, umfangreiche, so viel
Annehmbares darbietende Anstalten bestehen. Eltern, die mich mit ihrem
Vertrauen beehren, werden es nicht bereuen, mir ihr Teuerstes übergeben
zu haben; ich bin selbst Familienvater und weiß, was und wie Eltern
fühlen und wünschen. Mein nächster und höchster Zweck ist, meine Zöglinge
in der Furcht des Herrn zu erziehen, dass sie ihren heiligen Glauben
unmittelbar aus jenen ewig frischen Quellen geschöpft, wahrhaft erfassen
und innig lieben lernen, dass das Feuer unserer göttlichen Religion ihre
Herzen erwärme und ihr ganzes Sein durchdringe; denn in unserer
glaubensarmen, gleichgültigen Zeit müssen alle Bessergesinnten ihr Augenmerk,
ihre Hoffnung auf die heranwachsende Jugend gerichtet haben; nur wenn sie
begeistert und erwärmt wurde für das himmlische Erbe ihrer Väter, kann
Israel in Wahrheit wiedergeboren werden. Dann will ich sie aber auch für
das Leben und seine Anforderungen, die sich mit jedem Tage mehren,
tüchtig befähigen: dass sie in derselben Weise in Talmud- und
Torawissen wie auch in profanem Wissen kundig werden (frei
übersetzt). Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken.
Sondershausen, im Januar 1842. Philipp Heidenheim. Prediger
und Religionslehrer der hiesigen israelitischen Gemeinde und ordentlicher
Lehrer an der fürstlichen Realschule, Ordinarius der zweiten
Klasse." |
Es
folgen Empfehlungen für Philipp Heidenheim. Zum Lesen bitte Textabbildung
anklicken. |
Feierliche Vereidigung und "förmliche
Installation" des Rabbiners Philipp Heidenheim (1846)
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Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Januar
1846: "Sondershausen, 30. Dezember (1846). Am 12. vorigen
Monats fand die feierliche Vereidigung und förmliche Installation des
Rabbiners hiesiger Stadt, Ph. Heidenheim, vor dem in pleno versammelten
Regierungskollegio, dem löblichen Vorstande hiesiger israelitischer
Gemeinde, einigen anderweitigen Mitgliedern derselben und den
Synagogenbeamten auf eine wahrhaft erhebende Weise statt. Der Herr
Regierungspräsident hielt vor der Verteidigung eine ergreifende Rede,
worin er namentlich hervorhob, wie in unserer Zeit allerdings ein ruhiger,
besonnener Fortschritt gar sehr Not tue, dass man aber keineswegs
vorschnell das bewährte Alte aus Hang zur Neuerungssucht stürzen solle.
Hierauf wurde die Dienstinstruktion von einem Regierungsbeamten vorgelesen
und der Rabbiner darauf vereidigt, wobei kein weiteres Zeremoniell vorkam.
Die Synagogenbeamten mussten ihm alsdann den Handschlag geben, seinen
Anordnungen pünktlich Folge leisten zu wollen. Unterm 22. ward dessen Bestallung
und Vereidigung im hiesigen Regierungsblatte N. 47 publiziert und unterm
29. hielt er vor einem zahlreichen Auditorio seine Antrittsrede als
Rabbiner, nachdem er schon seit 12 Jahren als Religionslehrer und Prediger
in hiesiger Gemeinde mit Segen und Eifer gewirkt. Er hatte zum Text:
Maleachi 2,6.7 und sprach über den hohen Beruf des Geistlichen; er
bestehe darin: 1) dass er seine Gemeinde leite zu innerer lauterer
Gotteserkenntnis, 2) dass er seine Gemeinde erfülle mit immer wärmerer
Menschenliebe, 3) dass er seiner Gemeinde vorangehe mit seinem eigenen
Beispiele. Er hat schon seit längerer Zeit die Einrichtung getroffen, an
jedem Sabbat, an welchem nicht gepredigt wird, vor dem EInheben einen
extemporierten Vortrag über die Sedra oder Haphtora (sc. Tora- oder
Prophetenabschnitt zu diesem Sabbat) in der Synagoge zu halten, was
sich als recht zweckmäßig herausgestellt hat.
Da die Instruktion für den Rabbiner höchst human abgefasst, und
dergleichen Dokumente wenige noch veröffentlicht sind, so folgt sie
hierbei in ihren Hauptbestimmungen: zum weiteren Lesen bitte
Textabbildungen anklicken.
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Die
Instruktion endet mit den Sätzen:
"Wir versehen uns von dem Rabbiner Heidenheim, dass er alle ihm
hiernach obliegenden Pflichten mit Treue und Eifer erfüllen, sich als
rechtlicher und gewissenhafter Beamter bewähren, der ihm anvertrauten
Gemeinde ein Vorbild in allem Guten sein und so dem in ihn gesetzten
Vertrauen vollkommen entsprechen werde, und sichern ihm in dieser
Voraussetzung kraft höchster Ermächtigung nicht nur kräftigen
obrigkeitlichen Schutz bei Ausübung seiner amtlichen Funktionen, sondern
auch den Genuss der mit seinem Amte verbundenen Einkünfte und Emolumente
und der herkömmlichen von demselben abhängigen Prärogativen an Ehre und
Rang zu.
Zu Urkunde dessen haben wir diese Bestallung ausgefertigt und dieselbe mit
unserem Dienstsiegel und gewöhnlicher Unterschrift versehen.
Sondershausen am 1. November 1845. Fürstlich schwarzburgische Regierung.
F. W. Leopold. A. Hesse." |
Amtseinführung von Rabbiner Dr. Philipp
Heidenheim (1855)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Januar 1855:
"Frankenhausen (Thüringen), im Dezember (1855). Unsere
Staatsregierung hat unsere Gemeindestatuten bestätigt und uns demgemäss
in der Person des Herrn Rabbiner Ph. Heidenheim - Oberlehrer der
fürstlichen Realschule zu Sondershausen - einen würdigen und wackeren
Geistlichen eingesetzt. Der von uns allen hochgeschätzte Herr Rabbiner
hielt demnach am 9. Dezember dieses Jahres, nachdem er am Tage zuvor
amtlich verpflichtet worden, im Beisein vieler respektiven Zuhörer,
namentlich auch evangelischer Konfession, in unserer Synagoge seine
Antrittspredigt, in welcher er den beruf des jüdischen Geistlichen im
Judentum, verbinden mit den Hauptprinzipien des Mosaismus, trefflich
entwickelte (1. Mose 35,10). Der Eindruck, den die ganze Feier überhaupt,
verbunden mit Choralgesang und neuer Einrichtung des Gottesdienstes, auf
Herz und Gemüt der Zuhörer hinterlassen, ist nicht zu schildern, und
lange noch wird uns diese erhebende Feier im Geiste vorschweben. Möge der
Allmächtige seinen reichen Segen dem neugeschlossenen Bunde spenden! -
Frieden den Nahen und den Fernen! - S.W." |
Ausschreibung der Stelle des Schächters in der
israelitischen Gemeinde (1858)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom
5. April 1858: "Offene Stelle.
Bei der hiesigen israelitischen Gemeinde ist die Stelle eines
'Schächters' mit einem jährlichen Einkommen von '200 Thalern' vakant.
Darauf Reflektierende wollen sich gefälligst franco an den
unterzeichneten Vorstand wenden.
Sondershausen, den 19. März 1858. Der Vorstand der israelitischen
Gemeinde. Hofagent M. Czarnikow." |
Zum Tod von Lina Heidenheim, Frau von Professor Dr.
Philipp Heidenheim (1897)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 19. November 1897: "Sondershausen, 9. November
(1897). Am 22. vorigen Monats verschied in fast vollendetem 86.
Lebensjahre die Gattin des ehrwürdigen Rabbiners Professor Heidenheim.
Der Tod endete das glücklichste, reich gesegnete Bündnis zweiter
Menschen, die über 58 Jahre in Treue und Liebe den Kampf des Daseins
mitsammen trugen. Die edle Entschlafene war das Urbild eines echt
jüdischen Weibes, ihr Haus war gegründet auf Frömmigkeit, Fleiß und
Frieden. Sie sorgte als unermüdliche Hausfrau vom dämmernden Morgen bis
zum späten Abend mit weiser Sparsamkeit für die große Wirtschaft; aber
sie war auch die geistige Genossin ihres Mannes, seines Helferin im Wohl tun,
seine Trösterin und Pflegerin in kummervollen Zeiten. Nicht nur sechs
eigene Kinder lenkte ihre sorgende Mutterliebe zu dem Pfad der Pflicht,
auf dem sie als brave, tüchtige Menschen den Eltern zur Freude wandelten,
sondern gegen dreihundert Knaben erzog sie vereint mit ihrem Gatten voll
Aufopferung und Liebe. Manches Zögling in fernen Landen wird den Heimgang
der verehrten Pflegemutter durch diese Notiz erfahren und ihrem Andenken
eine Träne der Erinnerung weihen, des Lehrers gedenkend, der seine treue
Gefährtin verloren. Und wenn es einen Trost gibt, so ist es der, dass
nicht nur Kinder, Enkel und Urenkel mit ihm trauern, sondern alle Heimatgenossen,
alle Freunde in der Ferne. Die Teilnahme der Gemeinde, der Kollegen der
fürstlichen Schule, aller christlichen Mitbürger zeigte am
Begräbnistage die Wertschätzung, die das rastlose Wirken ihm erworben.
Über 63 Jahre ist Rabbiner Heidenheim ja der Seelsorger der Gemeinde, und
noch jetzt waltet er in ungetrübter geistiger Frische seines Amtes als
Prediger. Sechsundvierzig Jahre unterrichtete er in den höheren Klassen
der Realschule. Welch eine Welt von Arbeit und Mühen, aber auch von
Genugtuung und segensreichen Erfolgen. Nun, da er sein bestes Erdengut dem
Schoße der Erde vertraute, musste der beredte Mund schweigen, der so oft
ein Tröster der Trauernden geworden an der letzten Ruhestätte. Am Grabe
der Frau Lina Heidenheim sprach der Kantor Schönlank in ergreifender
Weise den Scheidegruß. Er schilderte die Tugenden der Heimgegangenen und
betete für die, die sie auf Erden verlassen. Ihr Lebenslicht ist
verglüht, aber das Werk ihres Lebens wird bleiben! Die Verblichene ward
die Stammmutter einer weit verzweigten Familie, und ihre Unsterblichkeit
ist, dass sie das Vorbild ihrer Nachkommen bleiben wird in allen
Eigenschaften einer wahrhaft frommen, edlen jüdischen
Frau." |
Zum Tod von Lehrer und Kantor a.D. Schönlank (1921)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Januar
1921: "In Sondershausen starb im hohen Alter von 90 Jahren
der Lehrer und Kantor a.D. Schönlank. Mit ihm ist einer der
ältesten jüdischen Lehrer dahingegangen, der sich noch durch große
jüdische Kenntnisse ausgezeichnet hat." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Metzgermeister M. Leser (1873)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Januar
1873: "Koscher.
Gute Rindswurst à Pfd. 12 1/2 Sgr., Gänsewurst 17 1/2 Sgr.,
Gänsebrüste sehr schön à Pfd. 17 1/2 Sgd., Gänsekeulen à St. 7 1/2
bis 10 Sgr., Gänseschmalz reines und weißes unverfälschtes à Pfd. 20
Sgr., Rauchbrust à Pfd. 12 1/2 Sgr. ohne Knochen bei
M. Leser, Sondershausen (Thüringen)." |
Anzeige des Mädchenpensionates von Frau Oberlehrer
Goldschmidt (1885)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 10. Februar 1885: "Pensionat in Sondershausen.
Zu Ostern finden junge Mädchen freundliche Aufnahme. Höhere
Töchterschule, Lehrerinnen-Seminar und Konservatorium der Musik a Platze,
gründliche Erlernung des Haushalts und aller weiblichen Handarbeiten,
sowie Gelegenheit zur gesellschaftlichen Ausbildung im Hause. Gute
Referenzen durch den Herrn Realschul-Direktor Schmidt.
Frau Oberlehrer Goldschmidt." |
Zur Geschichte der Synagoge
Bereits im Mittelalter gab es eine
vermutlich Synagoge. Bei Ausgrabungen 1998/99 zum Bau der "Galerie am
Schlossberg" wurden wenige Meter nördlich der damals wiederentdeckten
Grundmauern der Synagoge aus dem 19. Jahrhundert (siehe unten) die Reste eines rund 700 Jahre
alten rituellen jüdischen
Bades (Mikwe) entdeckt. 2001 wurde das Bad bei weiteren Grabungen offen gelegt.
Dieses Bad an der Außenseite alten Stadtmauer ist vermutlich im Mittelalter nach
den Pestpogromen in der Mitte des 14. Jahrhunderts zugeschüttet
und dann vergessen worden. Das 1975 abgerissene Altstadt-Areal gehörte zum
einstigen jüdischen Viertel. Das Bad ist nun als Denkmal in den Neubau der
"Galerie am Schlossberg" integriert und erinnert an die in der NS-Zeit
ausgelöschte jüdische Gemeinde der Stadt.
Ende des 17. Jahrhunderts lässt sich wiederum ein Betsaal nachweisen. Er
befand sich 1698 in einem - vermutlich an der Hauptstraße gelegenen -
jüdischen Wohnhaus. Vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis
1826 befand sich ein ein Betsaal im Hinterhaus des Gebäudes Bebrastraße 31.
1825/26
erbaute die jüdische Gemeinde eine Synagoge im Hinterhaus des Gebäudes Bebrastraße. Sie wurde am 1. September 1826 mit einem großen Fest der
Gemeinde eingeweiht:
Einweihung der Synagoge in Sondershausen (1826)
Artikel
in der Zeitschrift "Sulamith" Jahrgang 1826: "Am 1. September
1826 wurde zu Sondershausen die neu erbaute Israelitische Synagoge
feierlichst eingeweiht. So gering auch die Anzahl der Gemeindeglieder ist, und
so unbemittelt die meisten sind, so gelang es ihnen doch durch den vereinten
Willen und die allgemeinen Aufopferungen, das Gotteshaus zu erbauen, und mit den
gehörigen heiligen Geräten zu versehen. Am meisten wirksam zeigten sich die
zeitigen Vorsteher der Gemeinden, der Herr Hofagent Leser und Herr A. Levy, die
durch Wort und Tat die Gemeinde zur Ausführung des Werks aufmunterten und
unterstützten. Das Einweihungsfest war ganz geeignet, die Herzen der Bewohner
Sondershausens zu rühren, und der Würde des Gegenstandes angemessen. Die von
den Vorstehern der Gemeinde dem Durchlauchtigsten Fürsten überreichten
Schlüssel des Tempels wurden von Seiner Excellenz dem allgemeinen verehrten
Herrn Geheimrat von Ziegeler denselben feierlichst wiedergegeben, worauf Seine
Exzellenz, von den Vorstehern der Gemeinde begleitet, den Zug zum Gotteshause
eröffnete, der aus den sämtlichen Gemeindemitgliedern, aus den Honoratioren
und der Geistlichkeit der Stadt bestand. Im Tempel selbst hielt der gedacht Herr
Geheimrat eine kleine, jeden der Anwesenden ergreifende Rede, und las zugleich
ein gnädigstes Reskript Seiner Durchlaucht vor, worin der Gemeinde die
Zufriedenheit und der ferne Schutz des Durchlauchtigsten Landesvaters gnädigst
versichert wurde und das, auf diese Art, die Gemeinde für alle überstandenen Schwierigkeiten,
die sich bei dem, ohne alle Unterstützung von andern Gemeinden, unternommenen
Bau in den Weg stellten, überschwänglich belohnten. - Von einem Chor wurden
alsdann Psalmen und Danklieder gesungen, die vom Herrn Organisten Kindscher, in
Dessau, komponiert, und deren Solopartien vom Herrn Kantor Hirsch Königsberger
aus Dessau vorgetragen wurden, Auch eine deutsche Predigt, die der Feierlichkeit
angemessen war, fand statt. Gewiss wird dieser Tag noch lange in dem Gemüte
jedes der erwähnten Gemeindemitglieder leben und die segensreichsten Folgen
haben!" |
Hoher Besuch in der Synagoge (1838)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Mai
1838: "Sondershausen, 13. April (1838). Am ersten Tage
des Pessachfestes wurde uns das Glück zuteil, dass unser
durchlauchtigster Fürst in Begleitung Seiner Excellenz des
Geheimrates von Ziegeler und Seiner Excelenz des Geheimrates von Kaufberg,
unser Gotteshaus besuchte. Die höchsten Geistlichen und der Magistrat
hiesiger Residenz hatten sich zu gleicher Zeit eingefunden. Der bisherige
Lehrer der Israeliten-Gemeinde, Herr Heidenheim, der zur Vollendung
seiner Studien auf einige Jahre nach Breslau geht, hielt gerade seine
Abschiedsrede. Ein vierstimmiger Choralgesang ging voran. Nach Anhörung
der Predigt verweilte unser geliebter Landesvater noch einige Zeit, um
auch dem Festgottesdienste beizuwohnen, und verließ dann die Synagoge,
nachdem Höchstderselbe dem Vorstande nicht nur seinen Beifall versichert
hatte, sondern auch zu erkennen geben, dass er sich wahrhaft erbaut
habe." |
Die 1826 erbaute Synagoge diente - im Laufe
der Jahrzehnte mehrfach renoviert - bis 1938 als Mittelpunkt des jüdischen
Gemeindelebens in Sondershausen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Synagoge durch Nationalsozialisten geschändet. Mit Rücksicht auf die
Nachbarhäuser wurde das Gebäude nicht angezündet. Allerdings ist es bei einem Bombenangriff
Anfang April 1945 niedergebrannt; die Brandruine stand noch bis 1960.
1960 wurde im Zuge von "Sanierungsmaßnahmen" in
der nordöstlichen Bebrastraße das Gebäude der ehemaligen Synagoge
abgebrochen. 1999 wurde das Grundstück mit einem neuen Einkaufszentrum
überbaut ("Galerie am Schlossberg").
An die Synagoge erinnert eine Gedenktafel an der Westseite des
Einkaufszentrums mit der Inschrift: "Hier
stand die Synagoge - nicht vergessen (15 mal wiederholt). 1826 geweiht -
1938 geschändet".
Adresse/Standort der Synagoge:
Bebrastraße 6
Foto
(Quelle: Historische Innenansicht: Wikipedia-Artikel
"Jüdisches Leben in Sondershausen" s.u. Links)
Innenansicht der
ehemaligen Synagoge |
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Rechts des Toraschreines
findet sich
eine Erinnerungstafel an
Rabbiner Philipp Heidenheim |
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Gedenktafel für die
ehemalige Synagoge
an ihrem Standort in der Bebrastraße |
Standort der
Synagoge - die Gedenktafel ist jeweils in der
Mitte des Fotos erkennbar |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,2 S. 771-772. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Band 8 Thüringen. Frankfurt am Main 2003. S.
176-178. |
 | Falk Nicol: Juden im mittelalterlichen Sondershausen - archäologische
Untersuchung einer Mikwe aus der Zeit um 1300. - in: Alt-Thüringen
Jahresschrift des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens / des Thüringischen
Landesamtes für Archäologische Denkmalpflege bzw. Landesamtes für Archäologie
mit Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens (ab Band 37) Weimar: Böhlau
Stuttgart: Theiss (ab Bd. 27) |
 | Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und
Thüringen. Berlin 1992. S. 286-287. |
 | Israel Schwierz: Zeugnisse jüdischer Vergangenheit
in Thüringen. Eine Dokumentation - erstellt unter Mitarbeit von Johannes
Mötsch. Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen ( www.lzt.thueringen.de)
2007. Zum Download
der Dokumentation (interner Link). S. 233-238. |
 | Bettina Bärnighausen (Red.): Juden in Schwarzburg
Bd.1. Hrsg. vom Schlossmuseum Sondershausen (Sondershäuser Kataloge IV).
Dresden 2006. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Sondershausen
Thuringia. Jews lived there in the early 14th century and in the first half of
the 15th century, suffering persecution during the Black Death disturbances of
1348-49. In the late 17th century, a Jewish community with a prayer hall is
mentioned. In the 18th century, the community acquired a cemetery. In 1826, a
new synagogue was dedicated. The Jewish population numbered 40 Jewish families
in 1835 and 130 Jews in 1884. Most of the 67 Jews who lived in Sondershausen in
1933 left the town before the outbreak of war, emigrating to the United States,
Australia, New Zealand, England and Palestine. On Kristallnacht (9-10
November 1938), the synagogue was destroyed. Those Jews who remained (19 in
1939) were deported to the Riga and Theresienstadt ghettoes.

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