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im Kreis Offenbach"
Langen (Hessen)
(Kreis
Offenbach)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Langen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts
zurück. 1678 wird ein Mose von Langen genannt. Im Jahr 1700 werden in den
Rechnungsbüchern der Stadt die Schutzjuden Wolf, Moses und Süßmann genannt.
1710 waren es vier Familien. Nach Angaben von 1734 hatten die jüdischen
Familien am Ort in diesem Jahr zusammen acht Kinder. 1808 nahmen die
jüdischen Familiennamen feste Familiennamen an. Alteingesessene Familien waren
Bendheim, Eppstein, Kahn, Markus, Neu, Schloß, Simon, Strauß und Wolf.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie
folgt: 1828 31 jüdische Einwohner, 1840 50, 1861 60 (2,0 % von insgesamt
3.978 Einwohnern), 1871 77 (2,1 % von 3.636), 1880 60 (1,8 % von 4.475),
1900 91 (1,6 % von 5.632), 1905 91 (damals waren auch die in Dreieichenhain
lebenden 25 jüdischen Personen der Gemeinde in Langen angeschlossen), 1910 102 (1,4 % von 7,134). Die
jüdischen Haushaltsvorstände in Langen waren zum größten Teil angesehene
Geschäftsleute. Unter ihnen waren bis um 1930 Fabrikanten (Seifenfabrik Max
Markus Wolf, später Samy und Friedrich Wolf), ein Arzt (Sanitätsrat Dr.
Ferdinand Fürst), Rechtsanwalt Emanuel Rothschild, jüdische Viehhändler,
Metzger, ein Altwarenhändler, ein Schuhmachermeister, Kaufleute (Textilien,
Schuhwaren, Holzhandel und Versicherungen). In jüdischen Kreisen in ganz
Deutschland bekannt waren die Produkte der Seifenfabrik Wolf aus Langen (vgl.
Anzeige unten)
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad sowie seit 1876 ein eigener Friedhof. Zuvor waren
die Toten der jüdischen Gemeinde in Groß-Gerau beigesetzt worden. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Die Stelle war
immer wieder neu zu besetzen (vgl. Ausschreibungstexte unten).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen
Gemeinde Gustav Bendheim (geb. 4.4.1889 in Langen, gef. 1.11.1914) und Felix
Strauß (geb. 22.1.1884 in Langen, gef. 25.8.1914). Ihre Namen stehen auf einem
Ehrenmal am Eingang zum jüdischen
Friedhof.
1919 waren die Vorsteher der Gemeinde Max Markus Wolf (Fabrikant), Gustav
Strauß (Handelsmann), Anton Schiff (Schuhmacher), Isaak Markus (Handelsmann),
Markus Kahn (Kaufmann), Um 1924, als noch 80 jüdische Einwohner gezählt wurden (0,8 % von
insgesamt etwa 9.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Max
Wolf, Jonas Schloß und Isaak Markus. Als ehrenamtlicher Lehrer war
damals Jonas Schloß tätig. Sechs schulpflichtige jüdische Kinder erhielten im
Schuljahr 1924/25 jüdischen Religionsunterricht (ebenso viele im Schuljahr
1931/32). An jüdischen Vereinen war ein Pietätsverein (Chewra
Kadischa) vorhanden (1924 30 Mitglieder unter Leitung von Gustav Strauß). Um
1932 waren gleichfalls 80 jüdische Personen in der Stadt gemeldet. Die Vorsteher
waren Jonas Schloß (1. Vors.), Isaak Markus (2. Vors.) und Julius Rossmann (3. Vors.).
Kantor und Lehrer war J. Markus.
1933 lebten noch 76 jüdische Personen in Langen. In
den folgenden Jahren sind die meisten der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Insgesamt 58 Personen
verzogen nach Frankfurt. Sechs Personen emigrierten nach Palästina, drei in die
USA. Mehrere emigrierten von Frankfurt aus nach Amerika, England oder in andere
Länger. Bis
1936 waren auf Grund der letzten Vorsteherwahlen 1933 die Gemeindevorsteher Jonas Schloß, Julius Rossmann und Moritz Kahn.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.) sowie die jüdischen
Wohnungen und Geschäfte verwüstet. Jüdische Bewohner wurden im Rathaus der
Stadt (heute Altes Rathaus, Wilhelm-Leuschner-Platz 3 mit einer Gedenktafel an
der Außenfassade seit Mai 1990) eingesperrt und schwer misshandelt. 1939 lebten nur noch zwei jüdische Personen in Langen. Den
Krieg überlebte in Langen nur eine, in sogenannter "Mischehe" lebende
jüdische Frau.
Von den in Langen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Mathilde Baer geb. Kahn (1885),
Rosa Bacharach geb. Strauß (1886), Arthur Bendheim
(1892), Lina Bendheim (1882), Salomon Bendheim (1887), Hannelore Berg (1831), Martha Berg geb. Markus
(1894), Paul Berg (1892), Selma Blum geb. Strauss (1882), Klara Emrich (1877),
Bernhard Eppstein (1895), Johanna Eppstein (1904), Rosa Eppstein geb. Kahn (1870),
Dora Heyum geb. Schloss (1893), Bernhard Kahn (1884), Bertha Kahn (1891), Franziska Kahn geb. Wolf (1862), Manfred Kahn
(1924), Paula Elisabeth Landau geb. Bentheimer (1898), Richard Landau (1897),
Rosa Lazarus (1905), Arthur Neu (1882), Alfred Pappenheimer (1928), Thekla Rossmann
geb. Strauss (1890), Emil Samuel
(1886), Johanna Martha Schiff (1908), Selma Schiff geb. Lazarus (1874), Jenny
Schloss geb. Schloss (1892), Meta Schloss (1904), Julie Schwarzschild geb.
Strauss (1890), Arthur Simon (1889), Guido Simon (1895), Jenny Stern geb. Sichel
(1876), Mina Straub (1867), Edith Strauss (1925),
Jakob Strauss (1866), Ludwig Strauss (1885), Meta Jenny Strauss (1924), Rieka
Strauss geb. Lazarus (1873), Hannchen Wertheimer geb. Junker (1863), Karl Wolf
(1863).
Hinweis: Informationen
zu den Umgekommenen und weitere Biographien auf der Website von
"Stolpersteine für Langen - Initiative gegen das Vergessen"
Anmerkung: seit März 2007 fanden bislang fünf Verlegungen von
"Stolpersteinen" in Langen statt (einschließlich der Verlegung am 16.
Oktober 2009)
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1887 / 1889 /
1903 / 1912 / 1919 / 1921 / 1924
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1887:
"Die israelitische Religionsgemeinde Langen (Hessen) sucht zur
Bekleidung der Religionslehrer- und Vorbeterstelle, verbunden mit dem
Schächteramt, einen seminaristisch gebildeten, jungen Mann. Gehalt Mark
600, bei erheblichen Nebenverdiensten. Geeignete Bewerber wollen sich,
unter Einsendung von Zeugnissen, an den Unterzeichneten wenden.
Langen
(Hessen), im Juni 1887.
Für den Vorstand der israelitischen
Religions-Gemeinde. M. Strauß". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1889: "In
der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ist die Stelle eines
Religionslehrers, Vorbeters und Schächters zu besetzen.
Das Gehalt beträgt 600 Mark bei bedeutendem Nebeneinkommen.
Reflektanten wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisse an den
unterzeichneten Vorstand wenden.
Langen, (Hessen) im Juni 1889. Für den Vorstand der Israelitischen
Religions-Gemeinde: M. Strauß". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. März 1903:
"Die hiesige Gemeinde beabsichtigt, per 1. April 1903 einen Beamten
zu engagieren.
Derselbe hat die Funktionen eines Lehrers, Kantors und Schochets zu
versehen. Das Einkommen beträgt pro Jahr 800 Mark fixem, nebst ca. 400
Mark Nebeneinkommen. Seminaristisch Gebildete und solche, die einen Chor
leiten können, erhalten den Vorzug.
Langen bei Frankfurt am Main.
Für den Vorstand der israelitischen Gemeinde: J. Schloss." |
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Anzeige
im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 15. März 1912: "Die
hiesige Religionslehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle ist am 1. Mai zu
besetzen. Gehalt Mark 850 nebst ca. 400 bis 500 Mark Nebeneinkommen.
Geeignete Bewerber wollen sich baldigst mit Zeugnissen an Unterzeichneten
wenden.
Herz Strauss, Vorsteher. Langen, bei Frankfurt am Main." |
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Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. Juli 1919:
"Die hiesige Religionslehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle
ist sofort zu besetzen. Gehalt Mark 850.- nebst ca. 400-500 Mark
Nebeneinkommen. Geeignete Bewerber wollen sich baldigst mit Zeugnissen an
den Unterzeichneten wenden.
Herz Strauss, Vorsteher. Langen bei Frankfurt am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Dezember 1921:
"In unserer Gemeinde wird die Stelle eines Religionslehrers, Kantors
und Schächters per Januar 1922 frei und suchen wir einen ledigen
seminaristisch gebildeten Beamten.
Der Vorstand der Religionsgemeinde Langen (Bezirk Darmstadt)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Mai 1924:
"Die hiesige Gemeinde beabsichtigt einen tüchtigen Vorbeter und
geprüften Lehrer anzustellen mit einem eventuellen sofortigen Eintritt.
Es wird hauptsächlich auf einen verheirateten Kandidaten reflektiert.
Geboten wird ein auskömmliches zeitgemäßes Gehalt. Die Stellung würde
aber auch für einen ledigen jungen Mann in Frage kommen, der solche im
Nebenberufe, indem er sich in den benachbarten Städten zum Studium
aufhält, ausfüllen könnte. Langen (Bezirk Darmstadt). Der Vorstand: Max
Wolf". |
Lehrer Waldek übernimmt den Religionsunterricht in Egelsbach (Juli 1905)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Juli 1905:
"Egelsbach. Seit dem Weggange der Herrn Friedmann ist die Stelle
eines israelitischen Religionslehrers noch nicht wieder besetzt. Dieselbe
wird durch Herrn Eschwege aus Frankfurt, der den Gottesdienst abhält,
verwaltet, während der Religionsunterricht durch Herrn Lehrer Waldek aus
Langen abgehalten wird. - Das Verhältnis wird - wie es scheint - auch in
der nächsten Zeit keine Änderung erfahren, sind die beteiligten Kreise
bis jetzt doch ganz zufrieden damit." |
Lehrer Anhalter übernimmt den Religionsunterricht in Egelsbach (Dezember
1905)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 1. Dezember
1905: "Egelsbach. Durch
den Weggang des Herrn Lehrer Uhlfelder ist die hiesige Vorbeterstelle
Herrn Eschwege aus Frankfurt, welcher dieselbe schon einmal versehen hat,
und die Religionslehrerstelle Herrn Lehrer Anhalter - Langen
übertragen worden." |
Max Fuchs wird die Lehrerstelle an der
Simultanschule in Langen übertragen (1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1921: "Langen
(Hessen), 4. Juli (1921). Herr Max Fuchs, Sohn des Lehrers Fuchs, Oberaltertheim
bei Würzburg, der sich an der Universität Frankfurt den Titel Dipl.
Handelslehrer erworben hat, wurde an der Simultanschule der Stadt Langen
eine Lehrerstelle durch das Hessische Landesamt für das Bildungswesen entgültig
übertragen." |
Lehrer Max Fuchs wird nach Wiesbaden berufen (1922)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1922:
"Langen, 4. April (1922). Herr Max Fuchs, Lehrer an der
Simultanschule zu Langen, wurde an die öffentliche höhere Handelsschule
der Stadt Wiesbaden berufen. Er wurde vorerst auf ein Jahr vom Hessischen
Landesamt für das Bildungswesen beurlaubt." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
70. Geburtstag von Isaak Markus (1934)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1934:
"Langen in Hessen, 10. Januar (1934). Herr Isaak Markus
in Langen begeht am 29. Januar seinen 70. Geburtstag. Herr Markus war
lange Jahre zweiter Vorsteher der Gemeinde und amtierte auch als
Ehrenvorbeter an den hohen Feiertagen. Wir wünschen ihm weiteres
tatfrohes Leben bis 120 Jahre." |
Anzeigen jüdischer
Gewerbebetriebe
Anzeige der Seifenfabrik von Max Wolf in Langen (1890)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juli 1890: "Koscher
- flüssige Seite. Toilettenseife. Die Koscher-Seifenfabrik
in Langen (Hessen) empfiehlt ihre unter einem von Seiner Ehrwürden Herrn
Rabbiner Dr. Marx in Darmstadt bestellten Schomer hergestellte Koscher-Seife,
als Ia. Kernseife, Harzkernseife, Haushaltungs-, Putz- und
Schmierseife.
Zu haben in jeder jüdischen Kolonialwarenhandlung Deutschlands und der
Schweiz. Hochachtend Max Wolf". |
Anzeige des Manufaktur-, Kurzwaren- und
Herrenkonfektionsgeschäftes Leopold Bauer Nachf.
(1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1902:
"Für mein Manufaktur-, Kurzwaren- und Herrenkonfektionsgeschäft
suche per sofort einen Lehrling mit guter Schulbildung. Freie
Station im Haus.
Leopold Bauer Nachfolger. Langen bei Frankfurt am
Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die
Gottesdienst in einem gemieteten Betsaal abgehalten. 1852 erwarb
die jüdische Gemeinde ein Gebäude in der Borngasse 10 (unweit des damaligen
Ludwigsplatzes, heute Wilhelm-Leuschner-Platz), in dem ein Betsaal
eingerichtet wurde. Um 1880 wurde dieses Gebäude ausgebaut, da die Räume
für die gewachsene Zahl der Gemeindeglieder zu klein waren. 1901 konnte die jüdische
Gemeinde einen Bauplatz in der Dieburger Straße 25 erwerben und auf diesem
1901/02 eine Synagoge erbauen.
Über die Einweihung der Synagoge durch Rabbiner
Dr. Lehmann Marx aus Darmstadt im September 1902 liegt folgender Bericht
vor:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1902:
"Langen, 10. September (1902) (Synagogen-Einweihung). Hierselbst fand
dieser Tage die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt, mit deren
Bau man vor Jahresfrist begonnen hatte. Das Gebäude steht an der Dieburgerstraße
(nicht: Dillenburger Straße), am Südostausgange des Städtchens, es ist in roten
Backsteinen errichtet und macht auf den Beschauer einen guten Eindruck.
Die Kosten zu dem Bau inklusive des Bauplatzes beliefen sich auf ca.
20.000 Mark, eine Summe, die die Gemeinde aus eigenen Mitteln aufbrachte.
Architekt war Herr Friedrich Munz - Langen. Eine israelitische Gemeinde
bestand in Langen schon vor dem Jahre 1853. Dem Gottesdienste der
Israeliten diente bisher ein unscheinbares Gebäude, unweit des
Ludwigsplatzes. Hier versammelten sich um die zweite Nachmittagsstunde die
Teilnehmer an der Einweihungsfeierlichkeit. Im alten Gotteshaus fand ein
Abschiedsgottesdienst statt. Nach dem Gebet und einem Chorgesang wurden
die Torarollen ausgehoben und an die Träger übergeben. Sodann schritt
man in gemeinsamem Festzuge nach der neuen Synagoge. Voran das verstärkte
Musikkorps der Feuerwehrkapelle, ihm folge der Synagogenchor mit dem
Dirigenten, Herrn Eisenberger an der Spitze. Hieran schlossen sich eine
Anzahl in Weiß gekleidete Ehrendamen, mit der Trägerin des Schlüssels
der neuen Synagoge in der Mitte. Hinter ihnen schritten Rabbiner Dr.
Marx-Darmstadt, der in vollem Ornate war, und Kantor Heilmann. Unter den
Staats- und städtischen Behörden bemerkte man den Kreisrat von
Offenbach, Herrn von Hombergk, und den Bürgermeister von Langen, Herrn
Metzger. Die schon genannten Baumeister und Bauleute bildeten im Zuge die
Fortsetzung. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde, die Herren Schloß,
Metzger, Herz-Strauß, Simon und Wolff, schritt vor den sich beteiligenden
Vereinen her, welche sich wie folgt anschlossen: Bürgerverein,
Schützenverein, Kirchengesangverein, Verschönerungsverein, Gesangverein
'Eintracht', Gesangverein 'Frohsinn'. Gesangverein 'Liederkranz',
Militärverein, Veteranenverein, Turngemeinde, Turngesellschaft,
Turnverein, Turnverein 'Vorwärts', Radfahrerverein, Lehrerkollegien der
Volks- und Bürgerschule, katholischer und evangelischer Kirchenvorstand,
Gemeindemitglieder und Gäste beschlossen den Zug, der, vor der neuen
Synagoge angelangt, zunächst Halt machte. Fräulein Rosa Wolff
überreichte dem Rabbiner den Schlüssel mit einer Ansprache in poetischer
Form. Herr Dr. Marx öffnete nun die Eingangspforte, indem er auf
hebräisch die Worte sprach: 'Öffne sich nun die Pforte, auf dass ein
Volk einziehe, das die Treue bewahrt. Wie Gott uns im alten Hause
geschützt hat, so möge er uns von nun an bis in Ewigkeit schützen.' Der
Festgottesdienst wurde durch mehrere Gesänge des Kantors mit dem Chor
eingeleitet. Die Festpredigt, verknüpft mit einem Gebet für den
Landesfürsten, hielt nunmehr Herr Dr. Marx. Er sprach den
Beitragszeichnern, Bauleuten und der Stadtgemeinde Langen in erster Reihe
den Dank für ihr Entgegenkommen und für ihre Verdienste um die
Errichtung des Gotteshauses aus. Im weiteren segnete er das Gebäude ein
und wie auf dessen Bedeutung, Bestimmung und Zweck hin. War der Umzug der
Torarollen schon vor der Predigt geschehen, so stellte man jetzt die
Rollen in die heilige Lade, die am Ende der Feierlichkeit geschlossen
wurde.
Die Synagoge ist im Innern weiß gemalt, die Decke mit goldenen Sternen
verziert, sie besitzt eine Galerie, zu der ein besonderer Aufgang führt.
Ein prachtvolles Gärtchen umringt das ganze Gebäude und trägt zu dessen
Verschönerung viel bei". |
Die Synagoge hatte 80 Männer- und 36
Frauenplätze.
1927 waren es 25 Jahre, seitdem die
Synagoge eingeweiht wurde. Aus diesem Anlass ließ die jüdische Gemeinde den
Bau renovieren. Dabei wurden bauliche Veränderungen im Innenraum vorgenommen,
zumal die Gemeinde die Loslösung vom orthodoxen Rabbinatsbezirk in Darmstadt
und den Übertritt zum liberalen Verband beschlossen hatte. Auch eine Ausmalung
der Synagoge wurde in Auftrag gegeben. Der Trierer Maler Max Lazarus (1892-1962)
erhielt diesen Auftrag. Er hatte zuvor bereits die Synagogen u.a. in Merzig
und Neumagen ausgemalt. In Langen hat
Lazarus in expressionistischer Großflächigkeit die Längswände des Ostteils
mit dem siebenarmigen Leuchter, der auf einem Unterbau steht und von
halbkreisförmigen Wolkenbändern hinterfangen wird, bemalt. Die Ostwand über
dem Toraschrein wurde mit dem gestirnten Himmel, einem umspannenden Regenbogen-
beziehungsweise einer Wolkenband unter Einbeziehung des östlichen Rundfensters
als gleichsam aufgehende Sonne geschmückt, deren Straßen in einem
Halbkreisbogen die Zwickel füllen. Die Flachdecke über dem Ostteil der
Synagoge zierte ein Davidsstern auf dunklem Grund (Beschreibung nach Harold
Hammer-Schenk s.Lit.).
Bereits im Sommer 1935 kam es zu Anschlägen auf die Synagoge in
Langen. In einer Mitteilung der Stadt vom 14. August 1935 an das Kreisamt
Offenbach heißt es: "In der Nacht von Freitag auf Samstag in der
vergangenen Woche wurden an der Synagoge mit Farbe Totenköpfe und dergleichen
angebracht und das Schloß der Eingangstür vollkommen verkeilt. Die Juden
mussten deshalb bis jetzt aus der Synagoge bleiben. Die Öffnung der Tür ist
bis jetzt noch nicht erfolgt, da sich die Langener Geschäftsleute weigern, eine
Reparatur an derselben vorzunehmen. Der Jude Schloß hat heute bei dem
Unterzeichneten um Hilfe nachgesucht, die jedoch aus weltanschaulichen Gründen abgelehnt
werden musste. Wir geben dem Kreisamt hiervon Kenntnis. - gez. (Barth)."
Am 22. November 1935 schrieb - von Frankfurt aus - ein Holländer an den
Bürgermeister in Langen: "... Ich bin bei einer Rundfahrt durch
Deutschland auch durch Ihr Dorf gekommen. Ich habe entrüstet gesehen, dass die
Kirche der Israeliten von Bubenhänden mit der Einschrift - Tod den Semiten -
verschmiert worden ist. Ich habe Mitleid mit der Obrigkeit für ihre Feigheit,
dass die Einschrift nicht abgewischt wird, was wir in meinem Vaterland nicht
denken können, dass ein Gotteshaus besudelt wird und die Obrigkeit straft nicht
dafür. Ich habe von der Kirche mit der Einschrift einen Film genommen für die
Zeitung in meinem Lande zu veröffentlichen."
Auf Grund dieser Zuschrift beauftragte der Bürgermeister mit Brief vom 23.
November 1935 die Israelitische Religionsgemeinde, mit Frist bis Montag, 23.
November 1935, abends 7 Uhr, die Inschrift an der Synagoge zu entfernen,
andernfalls würde Strafanzeige erfolgen."
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA- und SS-Trupps am
Vormittag des 10. November 1938 geschändet
und durch Brandstiftung zerstört.
1946 wurde am Platz der ehemaligen Synagoge ein Erinnerungsmal aus
Steinen der zerstörten Synagoge erstellt. Auf einem Denkmal ist die Kuppel der
früheren Synagoge mit dem Davidstern abgebildet. Es war eine der ersten
Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust in Hessen. Die Inschrift
lautet: "In Langen lebten seit dem 17. Jahrhundert jüdische Einwohner. Im
Jahre 1933 zählte die jüdische Gemeinde 77 Mitglieder. Während der
Nazigewaltherrschaft von 1933 bis 1945 wurden diese Menschen gedemütigt,
entrechtet, vertrieben, misshandelt und ermordet. Ihr Schicksal wird nicht
vergessen. Aus den Trümmern der an dieser Stelle von den Nazischergen
zerstörten Synagoge wurde im Jahre 1946 dieses Mahnmal errichtet. Heilig ist
uns die Erinnerung an die Opfer ohne Zahl."
Adresse/Standort der Synagoge: Dieburger
Straße 25
Fotos
(Quellen: Fotozeilen eins bis drei mit Darstellungen/Rekonstruktionen der Innenansicht:
Stadt Langen; vierte Reihe aus: Harold
Hammer-Schenk Bd. II Abb. 480-481; fünfte Fotozeile links: Paul Arnsberg
Bilder S. 132; Farbige Aufnahmen zur Gedenkstätte und
zur Mikwe: www.zum.de (direkter
Link Foto Gedenkstätte, direkter
Link Foto Mikwe 1, direkter
Link Foto Mikwe 2)
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Oktober 2009:
"Stolperstein"-Verlegung in Langen - weitere
Informationen über www.stolpersteine-langen.de
|
Artikel von Denis Düttmann in der "Offenbach-Post" vom 6.
Oktober 2009 (Artikel
bei op-online.de)
Stolpersteine für weitere 17 jüdische Opfer des Nationalsozialismus -
Gegen das Vergessen.
Langen - Sie waren Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen – Langener Bürger wie Julius Strauß, Jonas Schloß und Ilse Sichel. Nach der Machtergreifung 1933 erklärten die Nationalsozialisten sie zu Feinden des deutschen Volkes: Zunächst wurden ihre Geschäfte boykottiert und ihr Vermögen eingezogen, wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, den deportierte die SS in Konzentrationslager, wo sie ermordet wurden.
Bei der fünften Verlegeaktion erhalten nun 17 weitere Langener Juden einen Stolperstein. Die mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Steine werden vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen und sollen an das Schicksal der Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnern. Die Idee dazu stammt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der mit der Aktion ein Stück Geschichte in das alltägliche Leben zurück- und die Opfer des Nazi-Regimes aus der Anonymität herausholen möchte..."
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| Oktober 2009:
Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Langen |
Artikel von Achim Ritz in der
"Frankfurter Rundschau" (fr-online.de; Artikel):
"Langen. Wiederaufbau am Computer.
Die Stadt Langen lässt die im November 1938 während der Nazi-Zeit von den Bürgern zerstörte Synagoge wieder auferstehen.
Nicht real, sondern virtuell in Form eines computer-animierten Drei-D-Films wird der religiöse Mittelpunkt der einstigen jüdischen Gemeinde wieder lebendig.
Damit steht Langen nach Darstellung des Projektleiters der für den Film zuständigen
Firma Architectura
Virtualis, Marc Grellert, als Vorbild in einer Reihe mit Großstädten wie Leipzig, München, Dortmund oder Berlin, die ebenfalls Filme über die ehemaligen Synagogen haben herstellen lassen. "Doch Langen hat technisch die beste Animation", sagt
Grellert..." |
| Die Synagoge. Das Haus in der Dieburger Straße wurde 1902 eröffnet. Nach Darstellung des Stadtarchivars Herbert Bauch gehörten früher 70 Langener zu der jüdischen Gemeinde.
Schon vor der Zerstörung der Synagoge am 10. November 1938 wurden Hakenkreuze und Sprüche gegen Juden an die Hauswand gemalt.
Der virtuelle Rundgang durch die Synagogen wird am Sonntag, 8. November um 14.45 Uhr im UT-Kino in der Rheinstraße erstmals gezeigt.
Danach läuft der Film "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama". Es geht um die Freundschaft eines arischen und eines jüdischen Jungen in den 40er Jahren.
(aim) |
Link: die virtuelle
Rekonstruktion der Synagoge in Langen in der Website von www.architecura-virtualis.de
pdf-Datei über die
virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Langen |
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Artikel von Frank Mahn vom 1. November 2009
in der "Offenbach-Post" - op-online.de (Artikel):
"Kleines Meisterwerk: 3-D-Animation über ehemalige Langener
Synagoge
Langen ‐ Er ist ein kleines Meisterwerk, der 3-D-Animationsfilm über die ehemalige Synagoge an der Dieburger Straße.
Langen steht damit in einer Reihe mit Großstädten wie Berlin, Leipzig, Dortmund oder München, die ihre von Nazis zerstörten jüdischen Gotteshäuser von der Darmstädter Firma Architectura Virtualis virtuell rekonstruieren ließen. Projektleiter Dr. Marc Grellert sprach bei der Präsentation vor der Presse von
'unserer bislang besten Umsetzung', die sich stetig entwickelnden technischen Möglichkeiten machen’s möglich. Etwa 25 Synagogen in der ganzen Republik hat seine Firma am Computer bislang zum
'Leben erweckt'. Der rote Sandsteinbau an der Dieburger Straße war 1902 eingeweiht worden. Zerstört wurde das Gotteshaus der etwa 70 Mitglieder zählenden Gemeinde am Vormittag des 10. November 1938, einen Tag später als die meisten anderen Synagogen in Deutschland, die der nationalsozialistischen Gewalt zum Opfer fielen..."
Die Spurens |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 467-470. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 132. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 276-278. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 224-226. |
 | Gerd J. Grein: 'Reichskristallnacht' 1938; eine
Dokumentation. Langen 1978. |
 | ders.: Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Langen und
ihrer Synagoge (Dokumentation). Langen 1978. |
 | Harold Hammer-Schenk: Synagogen in Deutschland.
Geschichte einer Baugattung im 19. und 20. Jahrhundert. Teil I S. 526, Teil.
II Abbildungen 480 und 481. |
 | Marion
Imperatori: Als die Kinder in Langen samstags zur Synagoge gingen.
Eine Zeitreise in die Vergangenheit. Materialien für die pädagogische
Arbeit. Hrsg. vom Fritz-Bauer-Institut Frankfurt am Main 2009. Studien- und
Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.
Pädagogische Materialien Nr. 9. ISBN 978-3-932883-23-1 Zu bestellen
bei info@karl-marx-buchhandlung.de |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Langen, Hesse.
Founded by petty traders in the 17th century, the community grew from 60 (2 % of
the total) in 1861 to 102 in 1910. After Worldwar I, its allegiance changed from
the Orthodox to the Liberal rabbinate of Darmstadt. In May 1935, after the
synagogue was desecrated by hooligans, the community proclaimed a fast day. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), local Nazis burnd down the synagogue and a courageous
Social Democrat rescued the 19 remaining Jews from the mob. Of the 53 Jews
living there in 1933, 25 emigrated and the rest left before 1939. A memorial to
the synagogue was erected by Langen's town council in 1947.

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