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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Bad Wimpfen (Kreis
Heilbronn)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts freien
Reichsstadt Wimpfen waren jüdische Personen mit einigen Unterbrechungen vom 13.
bis 20. Jahrhundert wohnhaft. Zur Bildung einer Gemeinde mit Einrichtungen kam
es im 14./15. und im 19./20. Jahrhundert (bis 1940). Bereits seit dem
Mittelalter ist der Name der Stadt in der jüdischen Welt ein Begriff. Es war
der Frankfurter Kaufmann Alexander ben Salomo genannt Süßkind Wimpfen, der
1307 die Gebeine seines 1293 in der Haft gestorbenen Lehrers Rabbi Meir von
Rothenburg auslöste und in Worms beisetzen ließ. Süßkind, der vermutlich in
Wimpfen geboren ist, starb im Herbst 1307. Bis heute kann man sein und Rabbi
Meirs Grab im jüdischen Friedhof in Worms besuchen. Weitere
Nennungen jüdischer Personen im 14. Jahrhundert liegen u.a. zu Frumold von
Wimpfen, seiner Frau Frauelin und dem Sohn Mayer vor. Bis zur Mitte des 14.
Jahrhunderts ließen sich vereinzelt Juden aus Wimpfen auch in Nürnberg und
Speyer nieder. Ob es zur Pestzeit 1348/49 zu einer Verfolgung in der Stadt kam,
ist nicht bekannt. 1387 wird in einem Heilbronner Betbuch Judelin von Wimpfen
genannt.
Auch vom 15. bis zum 18. Jahrhundert lebten Juden in der
Stadt. 1471/73 wird Jud David von Wimpfen mehrfach genannt. Im 16. Jahrhundert
war der Arzt Seligmann von Wimpfen von größerer Bedeutung (s.u.). Um 1550
wurden die Juden oder zumindest die beiden Juden Seligmann und Johel aus Wimpfen
ausgewiesen. 1563 wird Jud Seligmann genannt, der ein Haus in Wimpfen besaß.
Sein Sohn Lemle handelte mit Fellen, sein Schwiegersohn Simon mit Pferden.
Lemles Söhne waren Jacob und Alexander (an den letzteren erinnert die
Bauinschrift am Haus Schwibbogengasse 5; Ascher ha-Levi = Lemle).
Mitte des 17. Jahrhunderts bewohnten jüdische Familien fünf Häuser in der
Stadt. 1672 wurden alle Juden ausgewiesen, jedoch wurde zwei Jahre später die
Rückkehr gestattet. 1794 waren sieben jüdische Familien in der Stadt ansässig, 1804 fünf.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde beziehungsweise die
jüdischen Familien zeitweise einen eigenen Betsaal / eine Synagoge (s.u.). Vom
16. bis 18. Jahrhundert wurden die Gottesdienste meist in Heinsheim
besucht; auch diente der Heinsheimer Friedhof
als Begräbnisplatz (am Ende des 15. Jahrhunderts wurde der Friedhof
in Neudenau benutzt). Zeitweise könnte es auch einen eigenen jüdischen
Friedhof in Wimpfen gegeben haben, worauf der nur im Volksmund bis zum 19.
Jahrhundert geläufige Flurname "Judenkirchhof" hinweist (Lage nicht
mehr bekannt). 1896 wurde ein Friedhof in Bad
Wimpfen neu angelegt. Eine jüdische Religionsschule bestand zeitweise im
Haus des Betsaals (siehe unten). Ein rituelles Bad befand sich 1831 im Haus des
Jakob Baer eingerichtet; in früherer Zeit war ein rituelles Bad im Keller des
Hauses Schwibbogengasse 5 (siehe Fotos unten).
Im 19./20.
Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1829 42, 1860 32, 1885 50, um 1895 Höchstzahl mit 65 Personen, 1900 56.
Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts angenommenen Familiennamen waren Baer,
Benedict, Dreyfuß, Hirsch, Kahn und Mannheimer; durch Zuzug kamen weitere Namen
dazu.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Wimpfen als damals
hessische Stadt zum Rabbinat von Michelstadt, später
(1898) wurde die israelitische
Religionsgemeinde Wimpfen dem Rabbinat Darmstadt II (später Darmstadt I)
zugeordnet.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Friedrich Kahn (geb.
26.2.1893 in Wimpfen, gef. 24.9.1914). Sein Name
findet sich auf den Bronzetafeln für die Gefallenen der Weltkriege im Alten
Friedhof, Erich-Sailer-Straße.
Die 1933 hier wohnhaften jüdischen Einwohner waren wirtschaftlich für
die Stadt nur von geringer Bedeutung. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden
Handelsbetrieben sind bekannt: Viehhandlung Ludwig Adler (Neuer Weg 7), Antiquitätengeschäft Adolf Bär (Marktrain 6), Geschäfts- und Wohnhaus Louis Kahn Erben
(Hauptstraße 77), Geschäfts- und Wohnhaus Ernst Mannheimer Erben (Hauptstraße
35), Manufakturwarenhandlung Simon Strauß (Hauptstraße 30 bis 1936, Klostergasse 3 bis 1939).
1933 wurden 22 jüdische Einwohner gezählt. Auf Grund der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung
verließen mehrere von ihnen in den folgenden Jahren die Stadt. 1935 wurden
jüdische Personen von Märkten, städtischen Arbeiten und Lieferungen sowie vom
Erwerb von Haus- und Grundbesitz ausgeschlossen; die Benutzung gemeindlicher
Einrichtungen wurde ihnen untersagt. Beim Novemberpogrom 1938 wurden
mehrere jüdische Wohnungen und Geschäfte überfallen, jüdische Personen
wurden misshandelt.
Von den in Bad Wimpfen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Adolf Bär (1854), Hedwig
Bär (1892), Karl Kahn (1884), Hedwig Maier (1898), Wilhelm Maier (1906), Albert
Mannheimer (1887), Eugen Mannheimer (1882), Friederike Mannheimer (1872), Arthur
Rosenthal (1890), Ludwig Rosenthal (1894), Moritz Rosenthal (1897), Meta Strauß
(1913).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Israelitisches
Knabenpensionat / Höhere Töchterschule
Anzeigen des "Israelitischen Knaben-Pensionates" sowie "Höhere
Töchterschule" Wimpfen am Neckar" (1887)
Anmerkung: Es ist nicht bekannt, wie lange
diese Einrichtungen nach 1887 bestanden.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1887: "Israelitisches
Knaben-Pensionat Wimpfen am Neckar.
Für auswärtige Israeliten, welche die Großherzogliche Realschule
besuchen wollen, um an derselben die Einjährigenberechtigung *) zu
erlangen, errichtet der Unterzeichnete zum Herbst dieses Jahres dahier ein
Pensionat. Streng religiöses Leben, Sabbat-Gottesdienst - auf Wunsch der
Eltern Dispensation von den schriftlichen Arbeiten am Samstag -
gewissenhafte Aufsicht, vorzügliche Pflege. Gute Referenzen. Baldige
Anmeldung erwünscht. Beginn des Wintersemesters Mitte September 1887.
Näheres durch die Prospekte.
Jakob Rosenthal, Religionslehrer an der Großherzoglichen
Realschule, zur Zeit in Kochendorf.
*) Wird nach den gesetzlichen Bestimmungen Demjenigen, der die oberste
Klasse zur Zufriedenheit des Lehrer-Kollegiums absolviert hat, ohne
besonderes Examen erteilt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1887: "Israelitisches
Knaben-Pensionat Wimpfen am Neckar. Pensionat und Höhere Töchterschule
von Frau Dr. Leverson in Hannover, Thiergartenstraße 3 und 4.
Aufnahme von Zöglingen zu jeder Zeit." |
Zu einzelnen Personen aus der
Gemeinde
Alexander ben Salomon Wimpfen (13./14. Jahrhundert)
| Alexander ben Salomon Wimpfen (13./14.Jh.), Kaufmann in Frankfurt; er oder seine Familie stammten wahrscheinlich aus Wimpfen: Alexander löste 1307 den Leichnam seines von 1287 bis zu seinem Tod 1293 von König Rudolf von Habsburg gefangengehaltenen Lehrers Meir ben Baruch aus Rothenburg (größte rabbinische Autorität seiner Zeit) für ein hohes Lösegeld aus und ließ ihn in Worms beisetzen. |
Salomon von Wimpfen (1500-1577)
| Salomon von Wimpfen (1500 Wimpfen – 1577 Esslingen), bekannter jüd. Arzt im 16 Jh., wirkte in der Pfalz, in Württemberg, Hohenzollern sowie den Reichsstädten Reutlingen und Hohenzollern. |
Anzeigen
Werbeanzeige für Bad Wimpfen (1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1921:
"Wimpfen am Neckar. Sehenswürdigkeiten I. Ranges. Solbad und
Sommerfrische.
Herrliche Lage. Gute Verpflegung. Hübsche Spazierwege in Waldungen und
Anlagen. Flußbad. Wassersport.
Auskunft erteilt der Stadtvorstand: Bürgermeister
Sailer." |
Zur Geschichte des Betsaals/der Synagoge
Wohngebiet: Im Mittelalter
gab es in Wimpfen eine "Judengasse" (1327 und 1351 genannt), worauf sich
das jüdische Wohngebiet konzentrierte, vermutlich identisch mit der heutigen
Schwibbogengasse beziehungsweise Unteren Burggasse. In ihr befanden sich auch
eine Synagoge ("Judenschule") und das "Judenhaus" (vielleicht beides identisch),
die im 14./15. Jahrhundert genannt werden (erstmals 1327).
Ende des 16. Jahrhundert gab es zwei "Judenhäuser"; bei
einem davon handelte es sich um das Eckhaus Schwibbogengasse 5/Burgstaffel ("Judenstaffel"),
an dem eine hebräische Inschrift auf den Erbauer "Sander, Sohn des Ascher
ha-Levi" und das Jahr 1579/80 hinweist. Sander (Alexander) war von Beruf
Kaufmann und handelte u.a. mit Landesprodukten. Ob schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine Synagoge oder ein
Betsaal in dem von Alexander erbauten Haus eingerichtet war, ist unsicher, denn
den Juden war nach der Judenordnung von 1626/30 untersagt, "Schul und
Synagog alhie uffzurichten". Den Wimpfener Juden war damals "wie vor alters"
gestattet, am Schabbat nach Heinsheim zu
gehen.
Die Judenordnung von 1626/30 wurde 1756 und 1760 erneuert.
Auf Grund der darin festgehaltenen Bestimmungen war nach wie vor die Einrichtung
einer Schule oder Synagoge verboten, dennoch kam es im 18. Jahrhundert zu
Zusammenkünften der Juden am Schabbat in Wimpfen, zu denen sie angesichts ihrer
geringen Zahl auswärtige Juden hinzuzogen. So bat 1750 Joseph Salomon den Rat
um Erlass von vier Kreuzer Zoll für jeden der beiden über 13 Jahre alten
Juden, die man am Schabbat in Wimpfen benötige, um die "Schule allhier
frequentieren zu können". Auch 1778 musste für "Schabes Buben" Zoll entrichtet
werden, 1781 wurden vier bis fünf fremde Juden für Gottesdienst und "Schulgang"
bezahlt. Die Kosten übernahm der reichere Jude David Joseph, der auch dem bei
ihm lebenden "Schulmeister" Verpflegung und Lohn gewährte.
Im 19. Jahrhundert fielen dann auch in dem seit 1805 zu
Hessen gehörenden Wimpfen die rechtlichen Einschränkungen. Die Zahl der Juden
in der Stadt blieb jedoch klein. Gottesdienste wurden (vermutlich schon längere
Zeit) in dem Haus Schwibbogengasse 5 gefeiert, das 1830 Nathan Dreyfuß
gehörte. Der Betsaal war im Erdgeschoss; im Keller befand sich ein
rituelles Bad. Auch wurde den Kindern in diesem Haus Unterricht erteilt, wozu
ein "Schullocal" eingerichtet war. Offensichtlich gab es in den 1820er Jahren
einen längeren Streit zwischen Nathan Dreyfuß und der jüdischen Gemeinde über
die Benutzung des Raumes und die im Betlokal befindlichen Kult- und
Einrichtungsgegenstände. Rabbiner Wolf Muhr von Michelstadt musste vermitteln.
Vor dem Landgericht in Wimpfen wurde am 7. Juni 1830 ein Vergleich geschlossen,
in dem bestimmt wurde, dass Nathan Dreyfuss weiterhin Eigentümer des gesamten
Hauses sei und die Judenschaft ihm jährlich sieben Gulden Miete zu zahlen hat.
Dreyfuß musste versichern, den Betsaal ordnungsgemäß zu erhalten. Ihm wurde
verboten, der Judenschaft den Raum zu kündigen. Ergänzende Abmachungen wurden
1842/43 getroffen, mit denen geregelt wurde, dass Nathan Dreyfuß die Mobilien
im Betlokal beließ und künftige Anschaffungen Eigentum aller Wimpfener Juden
seien.
Das Haus Schwibbogengasse 5 wurde 1892 an einen
Nichtjuden verkauft (Wilhelm Fackler), der sich jedoch verpflichtete, den jüdischen
Gottesdienst in seinem Haus "fernerhin und für alle Zeiten" unentgeltlich zu
dulden. Dennoch wurden seither meist nur noch an den Feiertagen Gottesdienste im
Betsaal gefeiert. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden
die Rechte der jüdischen Familien in der Stadt im Blick auf den Betsaal streitig gemacht. Wann der letzte
Gottesdienste in dem Haus gefeiert wurde, ist nicht bekannt.
Fotos
Historische Fotos:
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Historische Fotos sind nicht bekannt,
eventuelle Hinweise bitte an den
Webmaster von Alemannia Judaica: Adresse siehe Eingangsseite |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) |
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| Das Haus des Betsaals wird
renoviert |
Inschrift für "Sander,
Sohn des Ascher ha-Levi" von 1580 |
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn; Datum der Innenaufnahmen: 5.9.2003; Datum
der Außenaufnahmen: 11.5.2004) |
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Das Haus des Betsaals |
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| Inschrift für "Sander,
Sohn des Ascher ha-Levi" von 1580 |
Im ersten Stock des Gebäudes
(bzw. Erdgeschoss vom oberen Eingang) befand sich einmal der Betsaal der
Gemeinde |
Seiteneingang
zum rituellen
Bad |
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Wandnische beim
rituellen Bad |
Das rituelle Bad (nur
teilweise ausgegraben) |
Bis zur Gegenwart steht das ganze Jahr
Wasser im Tauchbecken |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S.
43-46. |
 | Akten des Reichskammergerichts im Hauptstaatsarchiv Stuttgart Nr. 2291
(nennt Jud Xander für 1596/97 in Wimpfen, vgl. Bauinschrift). 2297. |
 | Germania Judaica II,2 S. 90f; III,2 S. 1646ff. |
 | Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinde in
Kreis und Stadt Heilbronn. 1986 S. 31-45. |
 | Otto Böcher: Eine hebräische Bauinschrift in Wimpfen, in:
Forschungen und Berichte der Archäologie des MA in Baden-Württ. 8 (1983)
S. 473-476. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
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