Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Worblingen (Gemeinde Rielasingen-Worblingen, Kreis Konstanz) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

     
   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 

In dem zum Ritterkanton Hegau, vom Anfang des 18. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts den Freiherren von Liebenfels gehörenden Worblingen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1902. Ihre Entstehung geht in die Zeit des Dreißigjährigen Krieg zurück. Erstmals kamen 1611 Juden nach Worblingen (vermutlich aus dem Thurgau geflüchtet); 1666 werden drei jüdische Familien genannt, 1706 waren es sechs Familien. 1743 wurden durch die Herrschaft Liebenfels mehrere aus dem fürstenbergischen Stühlingen vertriebene Juden aufgenommen. 1760 werden vier jüdische Familien genannt: Biggert, Guggenheim, Salomon und Weyl, 1782 waren es wieder sechs Familien.   
    
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1815 66 jüdische Einwohner (von insgesamt 370 Einwohnern), 1825 63 jüdische Einwohner, 1832 63, 1836 79, 1839 96, um 1857 Höchstzahl 139, 1864 101, 1871 107, 1875 95, 1880 96, 1885 80, 1890 53, 1895 26, 1900 8. Die jüdischen Familien lebten vom Handel mit Vieh, Pferden und verschiedenen Waren.
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad (am Mühlkanal, gespeist mit Aachwasser; 1851 neu gebaut; das Badhaus wurde nach Wegzug der jüdischen Einwohner als Milchsammelstelle verwendet, danach als private Brennerei; abgebrochen nach 1950) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Insgesamt hatte die jüdische Gemeinde sechs bis sieben Lehrer, darunter längere Zeit der unten genannte Lehrer Gustav Brandeis. Die Familie Rothschild am Ort hatte zeitweise ihren eigenen Hauslehrer. Die Gemeinde wurde 1827 dem Rabbinatsbezirk Gailingen zugeteilt. 
 
Das Worblinger Schloss (Liebenfels'sches Schlösschen) war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (seit 1845) in jüdischem Besitz. Hier wurde ein Krämerladen eingerichtet und die jüdische Wirtschaft "Zum Blumenkranz" betrieben (Inh. Frank bis 1862). Die jüdische Wirtschaft "Blumenkranz" war zuvor (von 1760 bis 1845) im Gebäude Riedernstraße 52. Dies war eines der ersten von einer jüdischen Familie am Ort errichtetes Gebäude (bis heute erhalten).    
 
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der Juden am Ort durch Wegzug schnell zurück (siehe Zahlen oben; 1905 nur noch drei jüdische Einwohner). Ziele der Abwanderung waren insbesondere die Städte Konstanz, Zürich und Karlsruhe. Nach der Auflösung der Gemeinde 1902 wurden die hier noch lebenden Juden der Konstanzer Gemeinde zugeteilt. 1908/10 verzogen die beiden letzten jüdischen Einwohner aus Worblingen, Jacob Rothschild (1908) und Jeanette Levi (1910). 
 
Unter den Kriegsteilnehmern des Krieges 1870/71 war aus der jüdischen Gemeinde Emanuel Rothschild. Sein Name steht auf einer Gedenktafel am Haus der örtlichen Verwaltungsstelle (ehemaliges Schul- und Rathaus, Höristraße 40).  
  
Im Ersten Weltkrieg ist gefallen: Ludwig (Louis) Rothschild (geb. 1.10.1884 in Worblingen, vor 191 in Konstanz wohnhaft, gef. 13.7.1918).  
     
Von den in Worblingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):   Rosa Schwarz geb. Levi (1873), Julie Weil geb. Rothschild (1884). 
     
   
  

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1874 / 1877  

Worblingen AZJ 10021874.jpg (82150 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1874: "Die Israelitengemeinde Worblingen sucht einen Religionslehrer, der zugleich die Funktionen eines Elementarlehrers, Vorsängers und Schächters zu besorgen hat, bei einem Gehalte von 800 fl. neben freier Wohnung und mancherlei Nebenverdiensten. Verheiratete Bewerber werden bevorzugt. Portofreie Meldungen nebst Zeugnissen sind innerhalb drei Wochen an den Unterzeichneten zu richten, welcher dieses Stelle geeigneten Kandidaten noch besonders empfiehlt. 
Gailingen (badischer Seekreis), 27. Januar 1874. Dr. Löwenstein, Bezirksrabbiner".   
  
Worblingen Israelit 31011877.jpg (54399 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1877: "Die Israelitengemeinde Worblingen sucht zum 1. Mai dieses Jahres einen verheirateten Religionslehrer, der den Vorsänger- und Schächterdienst mit zu versehen hat. Geeignete Bewerber, denen ein hoher Gehalb zugesichert wird, wollen sich mit portofreiem Gesuche unter Beilage ihrer Zeugnisse innerhalb 4 Wochen an den Unterzeichneten wenden. 
Gailingen (Baden), 25. Januar 1877. Dr. Löwenstein, Bezirksrabbiner."     

  
Lehrer Gustav Brandeis fertigt und verkauft Mappot (Wimpeln) (1885)  

Worblingen Israelit 04061885.jpg (30570 Byte)Anzeige in der  Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1885: "Mappot (Wimpeln) werden schön gefertigt von zwei Mark an von 
Lehrer Brandeis in Worblingen bei Konstanz (Baden)."   

   
Auszeichnung an Lehrer Gustav Brandeis (1899)   

Worblingen Israelit 26101899.jpg (36249 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899: "Eppingen, 12. Oktober (1899). In der jüngsten Zeit wurden drei israelitische Religionslehrer von Seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzog von Baden goldene Verdienst-Medaillen gnädigst verliehen: den Herrn Lehrern Brandeis in Worblingen, Schwarzwälder in Schluchtern und Wolf in Sennfeld..."  

    
    
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Aus dem Rabbinatsbericht von 1867  

Über die Vereine und das rituelle Bad in der Gemeinde:   
Worblingen Israelit 11121867.jpg (204339 Byte)Aus dem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Dezember 1867 zu Worblingen: "V. Israelitische Gemeinde Worblingen. 1) Wohltätigkeitsverein. Vermögen fl. 325... 

weiter unten: 
  
Aus dem Abschnitt über die rituellen Bäder führen wir an: Die Bäder in Gailingen und Worblingen sind in guter Ordnung." 
     
Über die vorhandenen Stiftungen in der Gemeinde: 
Worblingen Israelit 27111867.jpg (23147 Byte)Aus dem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1867 zu Worblingen: 
"V. In der israelitischen Gemeinde Worblingen: 1) die Stiftung des Salomon Rothschild im Betrage von fl. 200;  
2) des Wolf Rothschild im Betrage von fl. 100.   (Fortsetzung folgt)."   

  
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  

Zum Tod der aus Worblingen stammenden Fanny Gut geb. Rothschild (1893 in Gailingen)
  

Wangen Israelit 04051893.jpg (77874 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1893: "Wangen (Baden), 24. April (1893). Vorigen Donnerstag fand in Gailingen unter großer Teilnahme von Nah und Fern die Beerdigung von Frau Fanny Gut statt. Mancher Leser des "Israelit" wird mit Wehmut ihrer gedenken. Denn die Wohnstätte der Verblichenen wurde in ihrem früheren Aufenthaltsorte St. Gallen von gesetzestreuen Glaubensgenossen seinerzeit gerne aufgesucht, wo sie als wahrhaft fromme Priesterin des Hauses waltete. Unbemittelten war zu jeder Zeit diese gastfreundliche Stätte geöffnet. Manche haben daselbst Labung für den Körper, Trost und Aufmunterung für die Seele gefunden. Für das Wohl der Ihrigen war der Verstorbenen kein Opfer zu schwer und kein Mittel zu groß. Mit recht konnte der Herr Rabbiner am Schlusse seiner Rede sagen: 'Mit ihr wurde ein Stück echt jüdischen Lebens und Strebens zu Grabe getragen.'"  
Nach Friedhofsdokumentation Bamberger zu Friedhof Gailingen Nd. II S. 188 Grab Nr. 281 ist Fanny Gut geb. Rothschild am 18. April 1893 im Alter von 75 Jahren gestorben. Sie ist geboren in Worblingen als Tochter des Handelsmannes Baruch Rothschild und seiner Frau Rachel geb. Ochs. Sie war verheiratet mit Daniel Gut. Ihr Grab in Gailingen ist erhalten. 

  
Hinweise zu weiteren Personen aus der jüdischen Gemeinde 

Die Großmutter väterlicherseits (aus der Familie Rothschild) des Dichters Jacob Picard stammt aus Worblingen. 
   
  
      
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
  
Anzeige von Sigmund Levi (1891)  

Worblingen Israelit 04051891.jpg (29166 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1891: "Ein älterer, alleinstehender Mann sucht ein braves Mädchen, gesetzten Alters, gegen guten Lohn bis 1. Juni dieses Jahres. 
Offerten an Sigmund Levi in Worblingen bei Radolfzell (Baden)."   

    
     
      

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Seit 1775 bestand ein Betsaal im Haus des Lämmle Guggenheim. Die jüdische Gemeinde hatte ihm 50 Gulden für seine Teilentschuldung geben. Bedingung war, dass im obersten Stock seines Hauses der Betsaal eingerichtet werden konnte. 1786 wird erstmals ein "Judenschulmeister" am Ort genannt.  
     

Worblingen Israelit 13111867.jpg (25555 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. November 1967: "Die Synagoge zu Worblingen wurde gleichfalls im Sommer 1865 schön renoviert mit einem Aufwande von 1.000 Gulden, welcher der aus freiwilligen Gaben gebildeten Synagogenkasse entnommen wurden."   

Um 1880/90 wurde es immer schwieriger, die erforderliche Zahl von zehn jüdischen Männern zum Gottesdienst zusammen zu bekommen. Immer wieder halfen zur Erreichung der Zehnzahl nach der Überlieferung am Ort auch christliche Männer aus.  
     
Das Synagogengebäude wurde 1906 auf Abbruch an den Zimmermann Nikolaus Rehm verkauft; an seiner Stelle wurde ein Wohnhaus erbaut. Auch dieses Haus ist nicht mehr erhalten. Es befand sich in der Riedernstraße auf dem heutigen freien Platz mit dem Brunnen gegenüber der Kirche (Parkplatz des Gasthauses "Goldenes Rössle").
      


Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  
(Foto: Hahn, um 1985)  

Tafel am Rathaus "Den tapfern 
Kriegern der Gemeinde Worblingen
 1870-1871"  

Worblingen Tafel 010.jpg (102047 Byte)     
     Auf der Tafel findet sich auch der 
Name von Emanuel Rothschild 
    

     
  

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

April 2011: Vortrag von Franz Hofmann zur jüdischen Geschichte in Worblingen   
Artikel im "Südkurier" (Kreis Konstanz" vom 9. April 2011 (Artikel): "Auf den Spuren jüdischer Kultur.  
Einen faszinierenden Vortrag hielt der Historiker Franz Hofmann für den Bürger- und Museumsverein
Rielasingen-Worblingen
– Von der jüdischen Kultur, die im 19. Jahrhundert nicht nur in Worblingen ihre Blüte erlebte, zeugen im Ort nur noch wenige Bauten wie das ehemalige Wohnhaus der Familie Rothschild in der Liebenfelsstrasse. Umso mehr faszinierten die Ausführungen des Historikers Franz Hofmann, der zur Hauptversammlung des Bürger- und Museumsvereins über 'Synagogen und jüdische Gebetsstätten im Hegau' referierte..."      
  
  

       

     

Links und Literatur 

Links:   

Website der Gemeinde Rielasingen  
Rundgang durch das jüdische Worblingen: Seite des Museumsvereins Worblingen: hier anklicken  

Literatur: 

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 301-302.    
Emil Zinsmayer/Karl Wieland: Worblingen. Geschichte eines ehemaligen Ritterdorfes des Kantons Hegau. 1952. 
Naftali Bar-Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof in Gailingen. 1994.  
Gertrud Streit: Geschichte des Dorfes Rielasingen. Hegau-Bibliothek. Band 82. 1993. 
Ottokar Graf/Hermann Timm: Jüdische Vergangenheit in Worblingen. In: Berichte des Museumsvereins Worblingen (im Internet zugänglich: hier anklicken). 
Hermann Timm: "Ein verdienter Mitbürger aus Worblingen". Eingestellt auf einer Seite im vile-netzwerk.de    

    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 09. Dezember 2011