|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Worblingen (Gemeinde
Rielasingen-Worblingen, Kreis Konstanz)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In dem zum Ritterkanton Hegau, vom Anfang des 18. bis zum
Anfang des 19. Jahrhunderts den Freiherren von Liebenfels gehörenden Worblingen
bestand eine jüdische Gemeinde bis 1902. Ihre Entstehung geht in die Zeit des
Dreißigjährigen Krieg zurück. Erstmals kamen 1611 Juden nach
Worblingen (vermutlich aus dem Thurgau geflüchtet); 1666
werden drei jüdische Familien genannt, 1706 waren es sechs Familien. 1743
wurden durch die Herrschaft Liebenfels mehrere aus dem fürstenbergischen Stühlingen
vertriebene Juden aufgenommen. 1760 werden vier jüdische Familien
genannt: Biggert, Guggenheim, Salomon und Weyl, 1782 waren es wieder
sechs Familien.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1815 66 jüdische Einwohner (von insgesamt 370 Einwohnern), 1825 63 jüdische Einwohner, 1832 63, 1836 79, 1839 96, um 1857
Höchstzahl 139, 1864 101, 1871 107, 1875 95, 1880 96, 1885 80, 1890 53, 1895
26, 1900 8. Die jüdischen Familien lebten vom
Handel mit Vieh, Pferden und verschiedenen Waren.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad (am Mühlkanal, gespeist mit Aachwasser; 1851
neu gebaut; das Badhaus wurde nach Wegzug der jüdischen Einwohner als
Milchsammelstelle verwendet, danach als private Brennerei; abgebrochen nach
1950) und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl.
Ausschreibungen der Stelle unten). Insgesamt hatte die jüdische Gemeinde sechs
bis sieben Lehrer, darunter längere Zeit der unten genannte Lehrer Gustav
Brandeis. Die Familie Rothschild am Ort hatte zeitweise ihren eigenen
Hauslehrer. Die Gemeinde wurde 1827 dem
Rabbinatsbezirk Gailingen zugeteilt.
Das Worblinger Schloss (Liebenfels'sches Schlösschen) war in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts (seit 1845) in jüdischem Besitz. Hier wurde ein
Krämerladen eingerichtet und die jüdische Wirtschaft "Zum
Blumenkranz" betrieben (Inh. Frank bis 1862). Die jüdische Wirtschaft
"Blumenkranz" war zuvor (von 1760 bis 1845) im Gebäude Riedernstraße
52. Dies war eines der ersten von einer jüdischen Familie am Ort errichtetes
Gebäude (bis heute erhalten).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
ging die Zahl der Juden am Ort durch Wegzug schnell zurück (siehe Zahlen oben;
1905 nur noch drei jüdische Einwohner). Ziele der Abwanderung waren
insbesondere die Städte Konstanz, Zürich und Karlsruhe. Nach der Auflösung der Gemeinde 1902 wurden die hier noch
lebenden Juden der Konstanzer Gemeinde zugeteilt. 1908/10 verzogen die beiden
letzten jüdischen Einwohner aus Worblingen, Jacob Rothschild (1908) und
Jeanette Levi (1910).
Unter den Kriegsteilnehmern des Krieges 1870/71 war aus der jüdischen
Gemeinde Emanuel Rothschild. Sein Name steht auf einer Gedenktafel am Haus der
örtlichen Verwaltungsstelle (ehemaliges Schul- und Rathaus, Höristraße 40).
Im Ersten Weltkrieg ist gefallen: Ludwig (Louis) Rothschild (geb.
1.10.1884 in Worblingen, vor 191 in Konstanz wohnhaft, gef.
13.7.1918).
Von den in Worblingen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa
Schwarz geb. Levi (1873), Julie Weil geb. Rothschild (1884).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1874 /
1877
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1874:
"Die Israelitengemeinde Worblingen sucht einen
Religionslehrer, der zugleich die Funktionen eines Elementarlehrers,
Vorsängers und Schächters zu besorgen hat, bei einem Gehalte von 800 fl.
neben freier Wohnung und mancherlei Nebenverdiensten. Verheiratete
Bewerber werden bevorzugt. Portofreie Meldungen nebst Zeugnissen sind
innerhalb drei Wochen an den Unterzeichneten zu richten, welcher dieses
Stelle geeigneten Kandidaten noch besonders empfiehlt.
Gailingen (badischer Seekreis), 27. Januar 1874. Dr. Löwenstein,
Bezirksrabbiner". |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Januar 1877:
"Die Israelitengemeinde Worblingen sucht zum 1. Mai dieses
Jahres einen verheirateten Religionslehrer, der den Vorsänger- und
Schächterdienst mit zu versehen hat. Geeignete Bewerber, denen ein hoher
Gehalb zugesichert wird, wollen sich mit portofreiem Gesuche unter Beilage
ihrer Zeugnisse innerhalb 4 Wochen an den Unterzeichneten wenden.
Gailingen (Baden), 25. Januar 1877. Dr. Löwenstein,
Bezirksrabbiner." |
Lehrer Gustav Brandeis fertigt und verkauft Mappot (Wimpeln) (1885)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1885: "Mappot
(Wimpeln) werden schön gefertigt von zwei Mark an von
Lehrer Brandeis in Worblingen bei Konstanz
(Baden)." |
Auszeichnung an Lehrer Gustav Brandeis (1899)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899: "Eppingen,
12. Oktober (1899). In der jüngsten Zeit wurden drei israelitische
Religionslehrer von Seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzog von Baden
goldene Verdienst-Medaillen gnädigst verliehen: den Herrn Lehrern
Brandeis in Worblingen, Schwarzwälder in Schluchtern
und Wolf in Sennfeld..." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Aus dem Rabbinatsbericht von 1867
| Über die Vereine und das rituelle Bad in
der Gemeinde: |
Aus
dem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Dezember
1867 zu Worblingen: "V. Israelitische Gemeinde Worblingen. 1)
Wohltätigkeitsverein. Vermögen fl. 325...
weiter unten:
Aus dem Abschnitt über die rituellen Bäder führen wir an: Die Bäder in
Gailingen und Worblingen sind in guter Ordnung." |
| |
| Über die vorhandenen Stiftungen in der
Gemeinde: |
Aus
dem Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November
1867 zu Worblingen:
"V. In der israelitischen Gemeinde Worblingen: 1) die Stiftung des Salomon
Rothschild im Betrage von fl. 200;
2) des Wolf Rothschild im Betrage von fl. 100. (Fortsetzung
folgt)." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod der aus Worblingen stammenden Fanny Gut geb. Rothschild (1893 in
Gailingen)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1893: "Wangen
(Baden), 24. April (1893). Vorigen Donnerstag fand in Gailingen
unter großer Teilnahme von Nah und Fern die Beerdigung von Frau Fanny Gut
statt. Mancher Leser des "Israelit" wird mit Wehmut ihrer
gedenken. Denn die Wohnstätte der Verblichenen wurde in ihrem früheren
Aufenthaltsorte St. Gallen von
gesetzestreuen Glaubensgenossen seinerzeit gerne aufgesucht, wo sie als
wahrhaft fromme Priesterin des Hauses waltete. Unbemittelten war zu jeder
Zeit diese gastfreundliche Stätte geöffnet. Manche haben daselbst Labung
für den Körper, Trost und Aufmunterung für die Seele gefunden. Für das
Wohl der Ihrigen war der Verstorbenen kein Opfer zu schwer und kein Mittel
zu groß. Mit recht konnte der Herr Rabbiner am Schlusse seiner Rede
sagen: 'Mit ihr wurde ein Stück echt jüdischen Lebens und Strebens zu
Grabe getragen.'" |
| Nach Friedhofsdokumentation Bamberger zu
Friedhof Gailingen Nd. II S. 188 Grab Nr. 281 ist Fanny Gut geb.
Rothschild am 18. April 1893 im Alter von 75 Jahren gestorben. Sie ist
geboren in Worblingen als Tochter des Handelsmannes Baruch
Rothschild und seiner Frau Rachel geb. Ochs. Sie war verheiratet mit
Daniel Gut. Ihr Grab in Gailingen ist erhalten. |
Hinweise zu weiteren Personen aus der jüdischen Gemeinde
Die Großmutter väterlicherseits (aus der Familie Rothschild) des Dichters
Jacob Picard stammt aus Worblingen.
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Sigmund Levi (1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Mai 1891: "Ein
älterer, alleinstehender Mann sucht ein braves Mädchen, gesetzten
Alters, gegen guten Lohn bis 1. Juni dieses Jahres.
Offerten an Sigmund Levi in Worblingen bei Radolfzell
(Baden)." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Seit 1775 bestand ein Betsaal
im Haus des Lämmle Guggenheim. Die jüdische Gemeinde hatte ihm 50 Gulden für
seine Teilentschuldung geben. Bedingung war, dass im obersten Stock seines
Hauses der Betsaal eingerichtet werden konnte. 1786 wird erstmals ein "Judenschulmeister"
am Ort genannt.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. November 1967:
"Die Synagoge zu Worblingen wurde gleichfalls im Sommer 1865
schön renoviert mit einem Aufwande von 1.000 Gulden, welcher der aus
freiwilligen Gaben gebildeten Synagogenkasse entnommen
wurden." |
Um 1880/90 wurde es immer schwieriger, die erforderliche
Zahl von zehn jüdischen Männern zum Gottesdienst zusammen zu bekommen. Immer
wieder halfen zur Erreichung der Zehnzahl nach der Überlieferung am Ort auch
christliche Männer aus.
Das Synagogengebäude wurde 1906 auf Abbruch an den
Zimmermann Nikolaus Rehm verkauft; an seiner Stelle wurde ein Wohnhaus erbaut.
Auch dieses Haus ist nicht mehr erhalten. Es befand sich in der Riedernstraße
auf dem heutigen freien Platz mit dem Brunnen gegenüber der Kirche (Parkplatz
des Gasthauses "Goldenes Rössle").
Fotos
Historische Fotos:
|
Historische Fotos sind nicht bekannt,
Hinweise bitte an den
Webmaster von "Alemannia Judaica",
E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
(Foto: Hahn, um 1985)
Tafel am
Rathaus "Den tapfern
Kriegern der Gemeinde Worblingen
1870-1871" |
 |
|
| |
Auf der Tafel findet sich auch
der
Name von Emanuel Rothschild |
|
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| April 2011:
Vortrag von Franz Hofmann zur jüdischen
Geschichte in Worblingen |
Artikel im "Südkurier" (Kreis Konstanz" vom 9. April 2011
(Artikel):
"Auf den Spuren jüdischer Kultur.
Einen faszinierenden Vortrag hielt der Historiker Franz Hofmann für den Bürger- und Museumsverein
Rielasingen-Worblingen – Von der jüdischen Kultur, die im 19. Jahrhundert nicht nur in Worblingen ihre Blüte erlebte, zeugen im Ort nur noch wenige Bauten wie das ehemalige Wohnhaus der Familie Rothschild in der Liebenfelsstrasse. Umso mehr faszinierten die Ausführungen des Historikers Franz Hofmann, der zur Hauptversammlung des Bürger- und Museumsvereins über
'Synagogen und jüdische Gebetsstätten im Hegau' referierte..."
|
| |
| |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 301-302. |
 | Emil Zinsmayer/Karl Wieland: Worblingen. Geschichte eines
ehemaligen Ritterdorfes des Kantons Hegau. 1952. |
 | Naftali Bar-Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof in Gailingen.
1994. |
 | Gertrud Streit: Geschichte des Dorfes Rielasingen.
Hegau-Bibliothek. Band 82. 1993. |
 | Ottokar
Graf/Hermann Timm: Jüdische Vergangenheit in Worblingen. In:
Berichte des Museumsvereins Worblingen (im Internet zugänglich: hier
anklicken). |
 | Hermann
Timm: "Ein verdienter Mitbürger aus Worblingen". Eingestellt
auf einer Seite im vile-netzwerk.de |

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|