Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ober-Klingen (Gemeinde Otzberg, Kreis Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Ober-Klingen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht mindestens in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 38 jüdische Einwohner, 1837 zehn jüdische Familien, 1861 62 jüdische Einwohner (9,1 % von insgesamt 681 Einwohnern), 1880 60 (8,8 % von 683), 1900 44 (7,5 % von 587). 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Dieburg beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Als die Gemeindegliederzahl zurück ging, kamen auswärtige Lehrer in die Gemeinde. Die jüdische Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II. 
 
Um 1924, als noch 28 jüdische Personen in Ober-Klingen lebten (4 % von insgesamt etwa 700 Einwohnern) waren die Gemeindevorsteher Willi Wolf, Adolf Wolf und Samuel Wolf. Als Lehrer und Schochet kam Hermann Kahn aus Höchst im Odenwald regelmäßig in die Gemeinde. Er hatte freilich nur noch einem jüdischen Kind den Religionsunterricht zu erteilen. Als Rechner der Gemeinde war Ferdinand Wolf tätig. 1932 ist als erster Vorsitzender der Gemeinde weiterhin Willy Wolf eingetragen.
  
1933 lebten noch 26 jüdische Personen am Ort (4,6 % von insgesamt 570 Einwohnern).
In den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (1939 ist mindestens eine Person in die USA ausgewandert). 1939 waren noch 12, Anfang Februar 1942 noch neun jüdische Personen in Ober-Klingen, die wenig später von hier deportiert wurden. 
   
Von den in Ober-Klingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Selma Bacharach geb. Wolf (1895), Rolf Gottlieb (1933), Max Marx Joseph (1903), Emma Lehmann geb. Wolf (1895), Rosa Levi geb. Wolf (1885), Ida Lorch geb. Wolf (1892), Sophie Marx geb. Wolf (1894), Clothilde Neu (1873), Hermann Neu (1891), Johanna Seidel geb. Neu (1888), Emma Weisbecker geb. Wolf (1887), Adelheid Wolf geb. Marx (1891), Adolf Wolf (1877), Albert Wolf (1898), Emil Wolf (1900), Erich Wolf (1921), Ernst Wolf (1922), Hannchen Wolf geb. Dalerbruch (1872), Herbert Wolf (1932), Hermann Wolf (1880), Hermann Wolf (1884), Hilde Wolf (1923), Isidor Wolf (1898), Katharina Wolf geb. Wolf (1878), Klara Wolf (1867), Leopold Wolf (1896), Leopold Wolf (1902), Manfred Wolf (1924), Marianne Wolf (1934), Martha Wolf geb. Herz (1906), Paula Wolf geb. Adler (1891), Ruth Wolf (1928), Saly (Zacharias) Wolf (1886), Samuel Wolf (1871), Siegmund Wolf (1902), Willi Wolf (1892), Wolf Wolf (1872).
     
Seit dem 9. November 1988 erinnert an der Otzbergschule in Lengfeld ein Mahnmal an die Ermordung der früheren jüdischen Einwohner der Teilorte von Otzberg. Das Denkmal stellt eine aus einer mit Eisenplatten und Steinen gestaltete Trümmerlandschaft dar, verbunden mit einer Glasplatte, auf der der Text der Todesfuge von Paul Celan steht. Die Inschrift lautet: "Den Juden, die in Lengfeld, Habitzheim und Ober-Klingen mit uns verfolgt und der Vernichtung preisgegeben wurden, zum Gedächtnis - uns selber und künftigen Generationen zur Mahnung. Die Liebe besiegt den Haß! Otzberg, am 50. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht."  
       
    
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 

Zum Tod von Rieckchen Wolf aus Oberklingen (1926)

Hoechst iO Israelit 02091926.jpg (132638 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1926: "Höchst im Odenwald, 23. August (1926). Am Schabbat Paraschat Reeh (Schabbat mit der Toralesung Reeh = 5. Mose 11,26 - 16,17, das war Samstag, 7. August 1926). verstarb im Haues ihres Schwiegersohnes in Dieburg Frau Rieckchen Wolf aus Oberklingen, eine Frau, die es verdient, in diesen Blättern gewürdigt zu werden. Gehörte sie doch noch zu den immer seltener werdenden Frauen, die in der Ausübung wahrhaft jüdischer Pflichten, in der gewissenhaften Führung des Haushaltes nach den Vorschriften der Weisen, in der sorgfältigen Erziehung ihrer Kinder über den Segnungen der Tora die Hauptaufgabe ihres Lebens erblicken. Wohnung in einer kleinen Landgemeinde, fern von den Zentren jüdischen Lebens und Handelns, verstand sie es, auch dort die Fahne des Judentums aufzupflanzen und sie bis zu ihrem Todestage mutig gegen mancherlei Angriffe zu verteidigen. Selbst Mutter einer zahlreichen Kinderschar, übernahm sie weitere Mutterpflichten gegen elternlose Neffen, die in ihrem Hause eine zweite Heimat fanden in einer Weise, dass ihnen der Verlust der Eltern niemals zum Bewusstsein kam. Kein Wunder, dass die gesamten Angehörigen mit großer Liebe und Verehrung zur nun Verewigten emporblickten und ihr langes Schmerzenslager mit größter Betrübnis mitempfanden. Bei der unter großer Beteiligung auch seitens der christlichen Bevölkerung Oberklingens auf dem altehrwürdigen Friedhofe in Dieburg stattgehabten Beerdigung brachte Herr Rabbiner Wassermann - Darmstadt die Gefühle der Liebe und Verehrung, die man allerseits der Verstorbenen entgegenbrachte, in zu Herzen gehenden Worten zum Ausdruck. Möge Gott den Trauernden seinen Trost senden. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

  
Zum Tod von Löb Neu (1928) 
     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1928: "Oberklingen im Odenwald, 26. Juli (1928). Kurz vor Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres ist Herr Löb Neu, der in der letzten Zeit im Hause seiner Tochter in Reichelsheim im Odenwald wohnte, nach kurzem Krankenlager zur ewigen Ruhe eingegangen. Mit ihm ist ein wackerer, überzeugungstreuer Jehudi nach arbeitsreichem Erdenwallen von uns geschieden. Die hiesige Gemeinde verliert in dem von allen hochgeachteten Manne den langjährigen Vorsteher, der mehr als vier Jahrzehnte auch als ehrenamtlicher Vorbeter mit größtem Eifer und selbstloser Hingabe gewissenhaft seines Amtes waltete. Aufrichtigkeit und Freundlichkeit gegen jedermann haben dem Entschlafenen bei allen Ortseingesessenen und den Bewohnern der weiteren Umgebung Ansehen und Achtung verschafft. Bis in die letzten Tage seines Lebens hat der Heimgegangene treu und unverdrossen seinem Berufe obgelegen. Ein großes Trauergefolge geleitete die sterbliche Hülle des Entschlafenen zum Friedhof (Beth Olam) in Dieburg, wo Rabbiner Dr. Merzbach aus Darmstadt in zu Herzen gehenden Worten die vornehmen Charaktereigenschaften des Heimgegangenen schilderte. Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen."     

    
    
     
     
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war möglicherweise schon ein Betsaal vorhanden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in einem älteren - als Wirtschaftsgebäude erstellten Haus - eine Synagoge eingerichtet. Es ist nicht bekannt, wie lange (noch nach 1933?) hier Gottesdienste der jüdischen Gemeinde abgehalten wurden. Es ist gleichfalls nicht bekannt, wann das Gebäude in den Besitz einer nichtjüdischen Familie gekommen ist.  

Das Gebäude der Synagoge überstand den Krieg. 1978 wurde es allerdings gegen den Willen der Denkmalschutzbehörde abgebrochen. Es ist nur noch der Unterbau des Gebäudes erhalten geblieben und wird als Abstellraum verwendet.
  
  
Adresse/Standort der Synagoge auf einem Bauernhof in Ober-Klingen an der Wilhelm-Leuschner-Straße           

Fotos
(Quelle: Altaras s.Lit. 1988 S. 132).

   Ober-Klingen Synagoge 111.jpg (62919 Byte) Ober-Klingen Synagoge 110.jpg (84564 Byte)
   Abbruch der Synagoge 1978  Unterbau der ehemaligen Synagoge 
(Aufnahme Mai 1986)
  


   
Links und Literatur   

Links:  

Website der Gemeinde Otzberg 
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Ober-Klingen   

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 151.  
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 132.  
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 113.  
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 42-43.  
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 46.  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Ober-Klingen  Hesse. The community, numbering 62 (9 % of the total) in 1861, dispersed after Kristallnacht (9-10 November 1938), 14 Jews being deported to Nazi camps in 1942. 
   

   

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 18. November 2011