Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
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In Gambach bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Doch lebten bereits zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert einzelne
jüdische Personen/Familien am Ort. Eine jüdische Gemeinde soll bereits um 1600
entstanden sein. 1701 werden mehrere jüdische Familien am Ort genannt.
Namentlich werden u.a. in den damaligen Gerichtsakten der Gemeinde Abraham der
Alte, Mosches Tochter, der alte Socher, Baysig Jud, die Frau des Juden Schnus,
Jud Juda aufgeführt. Die Familien lebten in äußerst armseligen
Verhältnissen. Ein Teil oder alle Familien wohnte in einem als "Judenhof"
bezeichneten Anwesen, vermutlich ein von ihnen gemieteter
Bauernhof.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie
folgt: 1836 45 jüdische Einwohner, 1861 70 (4,9 % von insgesamt 1.428 Einwohnern),
1880 69 (4,7 % von 1.471), 1895 60 (4,2 % von 1.408), 1905 78 (5,4 % von 1.448),
1910 66 (4,5 % von 1.456). Die jüdischen Familienvorstände waren als Händler
und Kaufleute tätig, insbesondere im Vieh-, Getreide und Landesproduktenhandel
sowie als Metzger. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffneten
mehrere von ihnen offene Läden und Handlungen am Ort.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule,
ein rituelles Bad und ein Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer
angestellt, der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. Teilweise wurden
diese Aufgaben auch durch auswärtige Lehrer (Religionsunterricht) oder
ehrenamtlich versehen (Vorbeterdienst und Schechita). Die Gemeinde gehörte zum
liberalen Provinzialrabbinat in Gießen.
Aus dem Jahr 1905 wird berichtet, dass ein Trupp von etwa 20 jüdischen
Männern durch den Ort kamen, die bei den Kischinewer Pogromen (Rumänien)
geflüchtet waren und in Gambach durch den Kaufmann Moses Schlesinger verpflegt
wurden.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Leopold Cohnen
(geb. 30.12.1885 in Frechen, gef. 28.8.1914), Sally Rosenbaum (geb. 4.8.1884 in
Gambach, gef. 28.8.1914) und Alfred Seewald (geb. 7.6.1896 in Gambach, gef.
4.4.1917).
Um 1924, als zur Gemeinde 58 Personen gehörten (3,7 % von insgesamt 1.555
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Moses Kaufmann, Moses Schlesinger und
Julius Mayer. Die Repräsentanz bildeten Viktor Löwenstein, Julius Mayer,
Herbert Mayer. Moses Schlesinger war ehrenamtlich als Vorbeter und als Schochet;
in der bürgerlichen Gemeinde war er von 1918 bis 1932 als Schreibhilfe beim
Bürgermeister tätig. Die damals
drei schulpflichtigen Kinder der Gemeinde wurden durch Lehrer Max Goldschmidt
aus Nieder-Weisel unterrichtet. 1932
waren die Gemeindevorsteher Moses Kaufmann (1. Vors.) und Moses Seewald (2. Vors.
und Schatzmeister). Im Schuljahr 1931/32 hatte es wieder sechs schulpflichtige
Kinder in der Gemeinde, die weiterhin durch Lehrer Max Goldschmidt aus
Nieder-Weisel unterricht worden.
1933 lebten noch 56 jüdische Personen in Gambach (3,5 % von insgesamt 1.607
Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Innerhalb Deutschlands
verzogen 15 Personen (vor allem nach Frankfurt); ausgewandert sind mindestens 12
Personen (Argentinien, Paraguay, England, Südafrika). 1939 wurden noch 41
jüdische Einwohner gezählt, zum 31. Dezember 1940 noch 23. Die letzten 18
jüdischen Einwohner wurden im Frühjahr 1942 deportiert (davon 7 in das Ghetto
Theresienstadt, 11 in Vernichtungslager in Polen).
Von den in Gambach geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna Altheimer geb.
Mayer (1891), Regina Bamberger geb. Schlachter (1880), Pauline Benjamin geb.
Grünebaum (1863), Joseph Grünebaum (1861), Louis Grünebaum (1894), Rosa
Israel geb. Kaufmann (1880), Alexander (Alex) Ernst Kallmann (1922), Paula
Kallmann geb. Seewald (1900), Moses Kaufmann (1859), Max Moritz Lehrberger
(1879), Rosalie Lehrberger geb. Kaufmann (1889), Recha Levy geb. Kaufmann
(1891), Johanna (Hannchen) Mayer geb. Lichtenstein (1868), Hugo Mayer (1893),
Louis Levi Mayer (1864), Paula Mayer (1933), Bruno Meier (1928), Else Meier geb.
Meyer (1903), Renate Edith Meier (1931), Julius Meyer (1870), Arthur Rosenbaum
(1894), Erna Rosenbaum geb. Wertheim (1907), Ruth Rosenbaum (1937), Albert
Seewald (1874), Albert Heinz Seewald (1931), Alfred Seewald (1898), Arnold
Seewald (1925), Arthur Seewald (1899), August Seewald (1872), Bernhard Seewald
(1931), Emilie Melitta Seewald geb. Grünebaum (1900), Gertrude Seewald geb.
Treidel (1903), Hans Robert Seewald (1931), Jettchen Seewald geb. Wetzstein
(1875), Kätchen Seewald geb. Meier (1878), Käte Seewald geb. Spies (1864),
Leopold Seewald (1867), Manfred Seewald (1938), Martin Seewald (1900), Moses
Seewald (1869), Selma Seewald geb. Löb (1900), Siegbert Seewald (1934), Alfred
Segal (1896), Regina Strauß geb. Seewald (1888).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde