Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Weinsberg (Kreis Heilbronn)
Jüdische Geschichte 

Übersicht:

Zur Geschichte jüdischer Einwohner  
Berichte zur jüdischen Geschichte in Weinsberg   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
          
In Weinsberg lebten einzelne Juden / jüdische Familien im Mittelalter und im 19./20. Jahrhundert.  
  
Im Mittelalter wird Weinsberg im Zusammenhang mit der "Rintfleisch"-Judenverfolgung 1298 genannt. Demnach wurden damals vermutlich Juden in der Stadt ermordet. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebten keine Juden in der Stadt. 1375 wird ein nach Weinsberg benannter Jude (Abraham von Weinsberg) in das Bürgerrecht der Stadt Rothenburg ob der Tauber aufgenommen. 1401 lebten nachweislich keine jüdischen Personen in Weinsberg. Erst 1418 lassen sich Juden in der Stadt wiederum nachweisen (genannt in der Steuerliste Konrads von Weinsberg). Damals sollten die Weinsberger Juden zusammen mit denen von Heilbronn 100 Gulden außerordentliche Reichssteuern bezahlen. 1434 werden zwei Juden in der Stadt genannt. 
  
Vom 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Niederlassung jüdischer Personen in Weinsberg nicht möglich.   
       
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: erste Nennung eines jüdischen Einwohners 1858, dann 1864 5, 1871 1, 1880 9, 1885 7, 1890 4, 1900 12, 1905 16, 1910 9. Unter den in Weinsberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jeweils ein Zeitlang wohnenden jüdischen Personen / Familien waren: der Oberamtswundarzt Dr. Ignatz Mainzer (seit 1855) und Justizassessor (später Amtsrichter) Dr. Leopold Löwenstein (seit 1878).  
  
1924 wurden 4, 1933 9 jüdische Einwohner gezählt. Dabei handelte es sich um die beiden Familien Thalheimer, die ursprünglich aus Lehrensteinsfeld stammten und Ende des 19. Jahrhunderts nach Weinsberg gezogen waren: Familie Hirsch Thalheimer (Bahnhofstraße 28 oder 32 mit Viehhandlung; Frau Bertha (Bella) und Tochter Gertrud) und Familie Alfred Thalheimer (Kanalstraße 37). Familie Alfred Thalheimer konnte 1934 noch rechtzeitig über Frankreich (Lyon) in die USA emigrieren. Hirsch und Bertha Thalheimer mit der Tochter Gertrud wurden 1941 deportiert und ermordet.      
   
In der 1903 erbauten "Königlichen Heilanstalt" (später Heil- und Pflegeanstalt) auf dem Weißenhof, heute Psychiatrisches Landeskrankenhaus, wurden alsbald auch jüdische Patientinnen und Patienten aufgenommen. Es wurden gezählt: 1905 8 Patienten, 1910 22, 1925 18, 1933 16. Die seelsorgerliche Betreuung der jüdischen Patienten lag in den Händen des Bezirksrabbiners von Heilbronn, der mehrfach im Jahr in die Anstalt kam. Rabbiner Dr. Beermann hielt seit 1915 regelmäßige Andachten für die Patienten, die auch von nichtjüdischen Kranken "gerne besucht" wurden. 
   
Im Zuge der "Euthanasie"-Aktion der NS-Zeit wurden fast alle jüdischen Patientinnen und Patienten ermordet (überwiegend in Grafeneck).   
  
Von den in Weinsberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", einschließlich der - kursiv gesetzten - Insassen der Heil- und Pflegeanstalt)Julius Falk (1882, ermordet in Grafeneck 1940), Alfred Gundelfinger (), Jutta Haarburger (1875, ermordet in Grafeneck 1940), Irma Heilbrunn geb. Oppenheimer (1871, ermordet in Grafeneck), Dr. Robert Herzfeld (), Rahel Kaufmann geb. Smus (1899, ermordet in Grafeneck 1940), Max Kochertaler (1894, ermordet, "Euthansie"), Kläre Krakauer geb. Thalheimer (geb. 1903 in Weinsberg, später in Hannover), Kurt Krakauer (1936), Paul Landauer (), Paul Levi (1904), Julius Löwengart (), Berta Mändle (1867, ermordet in Grafeneck 1940), Robert Mainzer (geb. 1864 in Weinsberg, Sohn des Oberamtsarztes Dr. Mainzer, 1942 nach Theresienstadt verbracht, s.u.), Berta Michaels (1893), Martha Neustädter (1888, ermordet, "Euthanasie"), Ludwig Öttinger (), Ilse Pick geb. Cohn (1902), Hedwig Stern (), Bertha Thalheimer (1876 in Lehrensteinsfeld), Gertrud Thalheimer geb. Hirschheimer (geb. 1899 in Weinsberg), Hirsch Thalheimer (1867 in Lehrensteinsfeld), Paula Wallenberger (1888, ermordet in Grafeneck 1940).    
   
     
     

Berichte zur jüdischen Geschichte in Weinsberg 
   
Dr. Ignatz Mainzer wird Oberamtswundarzt in Weinsberg (1855)  
Anmerkung: es handelt sich um Dr. med. Ignatz Mainzer (geb. 7. September 1831, Rabbinersohn aus Weikersheim), der nach seiner Zeit in Weinsberg als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer in Stuttgart tätig war (wohnt 1886 Stuttgart, Marienstraße 38). Er starb am 18. September 1903 und wurde im Israelitischen Teil des Pragfriedhofes in Stuttgart beigesetzt. Er war verheiratet mit Beate geb. Kaiser. 

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Februar 1855: "In Weinsberg, der Heimat des Justinus Kerner, ist ein jüdischer Arzt, Dr. Mainzer, Sohn des Rabbinen in Weikersheim, in Folge seiner trefflichen Zeugnisse, von der Amtsversammlung zum Oberamtswundarzt gewählt und von der königlichen Regierung bestätigt worden. Es ist dieser der zweite Israelit in Württemberg, der mit solchem Amte betraut worden."   

   
Dr. Leopold Löwenstein wird Justizassessor in Weinsberg (1878) 
 
Anmerkung: es handelt sich um Dr. Leopold Löwenstein II (geb. 19. Februar 1851), der nach seiner Zeit in Weinsberg in Stuttgart Rechtsanwalt und Amtsrichter wurde (wohnt 1886 Stuttgart, Werastraße 3). Er starb sehr früh am 13. November 1891 und wurde im Israelitischen Teil des Pragfriedhofes in Stuttgart beigesetzt. Er war verheiratet mit Emilie geb. Mainzer (zwei Söhne: Ernst und Fritz). 

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. April 1878: "Stuttgart, 21. März (1878). Ein besonderes Interesse erweckt, wie die "Neue Stuttgarter Zeitung" schreibt, die heutige Liste der amtlichen Ernennungen, wonach der bisherige Justizassessoratsverweser Dr. Löwenstein in Tübingen zum Justizassessor in Weinsberg ernannt worden ist. Es ist dies der erste Fall einer definitiven Anstellung eines Israeliten als juristischen Staatsbeamten in Württemberg. Nachdem schon das Gesetz vom 31. Dezember 1871 jedem Württemberger ein Recht zu einer solchen Anstellung verliehen hat, so konstatieren wir heute die endliche erstmalige Realisierung jenes gesetzlichen und wohlbegründeten Rechts und können dem Staat zu einem so talentvollen und gewissenhaften Beamten wie dem oben genannten nur alles Glück wünschen."   

   
"Poetischer Streit": "Liebermann und Weibertreu" (1892)     
Anmerkung: Eingetragen hatte sich mit dem Gedicht in das Fremdenbuch der antisemitische Reichstagsabgeordnete Max Liebermann von Sonnenberg (1848-1911). Sein Gedicht ist als Ansage des Sieges der Antisemiten über Juden (für die nach Liebermanns Gedicht das 'Goldene Kalb' steht) zu deuten. 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1892: "Liebermann und Weibertreu. 
Man schreibt der "Fr.Ztg." (Frankfurter Zeitung?) aus Heilbronn vom 22. dieses Monats. Sie haben im vorigen Herbste einige Verse abgedruckt, die Herr Liebermann von Sonnenberg in das Fremdenbuch der sagenreichen Burg Weibertreu geschrieben hat: 'Bald reiten in mächtiger Schar wir an, 
Wir dulden nicht Laues, nichts Halbes, 
Erlösen die Herzen von hartem Bann, 
Vom Dienste des goldenen Kalbes!'  
Nun hat sich an jenem idyllischem Ort ein poetischer Streit entwickelt, dessen Kämpfer die Reiterschar des Herrn Liebermann nicht zu fürchten scheinen. Wir lesen neben seiner schrecklichen Drohung: 
'Wie oft riefst Du selber, o Liebermann - 
Oder hast Du es ganz vergessen? - 
Die Priester des goldenen Kalbes an, 
Wenn Du in der Patsche gesessen? 
So wenig wie sie, die mächtige Schar, 
Ihr Geld wird je wieder kriegen, 
So wenig wirst Du - 's hat keine Gefahr - 
In dem Kampf gegen Windmühlen siegen!  
Eine deutsche Frau, die Dich aber nicht von der Weibertreu heruntergetragen hätte!'  
Darunter ein halbes Dutzend 'Ich auch nicht' von ebenso vielen Mathilden, Paulinen usf."   

   
Rabbiner Dr. Beermann (Heilbronn) hält Volkshochschulkurse in Weinsberg (1924)      

Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 20. März 1924: "Trotz einer national-sozialen Strömung haben die Volkshochschulkurse über Philosophie und Literatur des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Beermann aus Heilbronn in Weinsberg (Württemberg) einen großen Zuhörerkreis gefunden und hier wie anderwärts zur Versöhnung und zum Ausgleich beigetragen".    


Über den in Weinsberg geborenen Rechtsanwalt Dr. Robert Mainzer (1864-1943) und seine Familie  

Aus dem Buch "Lebenszeichen" - Juden aus Württemberg nach 1933, hrsg. von ,Walter Strauss Gerlingen 1982 S. 184: "Dr. Robert Mainzer, geboren (als Sohn des Oberamtswundarztes Dr. Ignatz Mainzer s.o.) in Weinsberg, ließ sich, nachdem er die beiden Examen mit sehr guten Noten bestanden hatte, Ende 1891 in Stuttgart nieder. Schon 1886 erhielt er einen Pres der juristischen Fakultääöt der Universität Leipzig. Das Notariat, das er 1923 bekommen hatte, wurde ihm 1933 genommen. Von 1912 bis 1933 war er Mitglied des Vorstandes der württembergischen Anwaltskammer, von 1929 bis 1931 deren stellvertretender Vorsitzender und von 1931bis 1933 ihr Vorsitzender. Auf 30. November 1938 wurde ihm auch die Anwalts-Zulassung entzogen. 
Seine beiden Kinder konnten noch auswandern. Er und seine Frau Helene, geb. Heilmann wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, beide starben dort 1943."      

  
Über "Die israelitische Seelsorge in der königlichen Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg (1905-1918) - von Dr. Franz Andritsch (Beitrag von 1984)  

Weinsberg HSt 0010.jpg (398505 Byte)Artikel in der Beilage der "Heilbronner Stimme" - "Schwaben und Franken" vom 25. Februar 1984: 
zum Lesen bitte Textabbildung anklicken    

  
    
          

Fotos   

Zur jüdischen Geschichte in Weinsberg sind keine Fotos oder Abbildungen vorhanden.

      
      

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Weinsberg  

Literatur:  

Germania Judaica II,2 S. 871-872; III,2 S. 1565-1566.    

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 95-100.  

Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. 1963. S. 37.   

Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 237-238.  

    

            

   

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 21. April 2012