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Wehen mit
Bleidenstadt und Hahn (Stadt Taunusstein, Rheingau-Taunus-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Wehen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. Bereits im Mittelalter werden einige Juden hier gelebt haben.
Nachdem Wehen seit 1323 Stadtrechte hatte, bekam wenig später Graf
Gerlach I. von Nassau-Weilburg auch das Recht, Juden in Wehen ansiedeln zu
dürfen. Auf mittelalterliche Zeiten geht der jüdische Friedhof
in Wehen zurück.
Erst im 18. Jahrhundert lassen sich jüdische Bewohner wieder in der
Stadt nachweisen. 1713 stellte Fürst Georg August dem Nathan, Jude zu Wehen,
einen Schutzbrief aus. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten mehrere jüdische
Familien in Wehen. Einige Aufregung bereitete 1753 die Taufe von drei jüdischen
Personen aus Niedernhausen in Wehen (Jakob, Gumbel, Sarah isaak). Die Taufe der
Jüdin Rebekka aus Dotzheim wurde 1756 allerdings durch die jüdischen Einwohner
in Wehen verhindert.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1843 26 jüdische Einwohner, 1871 43 (4,2 % von insgesamt 1.018
Einwohnern), 1885 26 (2,7 % von 956), 1895 33 (3,4 % von 967), 1905 22 (2,0 %
von 1.100). Zur Gemeinde Wehen gehörten auch die in Hahn
im Taunus (1924 8) und Bleidenstadt
(1843: 17, 1905: 5, 1924 5) lebenden jüdischen Personen.
1841 gab es nach Annahme fester jüdischer Familiennamen in Wehen die
Familien Menko Simon, Moses Nassauer, Levi Simon, Bernhardt Simon und Jüdle
David.
In Bleidenstadt war bereits seit dem 16. Jahrhundert eine Familie Kahn
ansässig. 1841 werden bei der Annahme fester Familiennamen genannt: Friedrike
Kahn, Burmann Kahn, Abraham Kahn und Moses Kahn.
Die jüdischen Familien lebten insbesondere vom Viehhandel; einige hatten auch
Landwirtschaft.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Schule
(Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war - zumindest zeitweise in der 2. Hälfte des 19.
Jahrhunderts - ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
tätig war (siehe unten Ausschreibung der Stelle von 1885). Die Gemeinde
gehörte zum Rabbinatsbezirk in Wiesbaden.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Julius Nassauer
(geb. 11.6.1884 in Wehen, gest. 29.7.1918 in Gefangenschaft) und Moritz Nassauer
(geb. 14.10.1885 in Wehen, gef. 4.10.1916), beide Söhne von Simon Nassauer. Ein weiterer Sohn von
Simon Nassauer ist gefallen: Salli Nassauer (geb. 31.7.1889 in Wehen, vor 1914
in Hann. Münden wohnhaft, gef. 21.3.1918). Als Simon Nassauer vom Tod des
dritten Sohnes erfuhr (Moritz), nahm er sich das Leben.
Um 1924, als noch 12 jüdische Personen in Wehen lebten (1,1 % von insgesamt
1.115 Einwohnern), war Vorsteher der Gemeinde Moritz Simon. Die Kinder der
jüdischen Gemeinde wurden durch Lehrer Levy Spier aus Langenschwalbach
(Bad Schwalbach) unterrichtet. 1932 waren die Gemeindevorsteher Moritz
Simon (1. Vors.) und Siegfried Nassauer. Im Schuljahr 1931/32 erhielten zwei
Kinder der Gemeinde Religionsunterricht.
1933 lebten noch 19 jüdische Personen in Wehen (drei Familien in
Wehen, Familie Kahn in Bleidenstadt). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die Familie Kahn in
Bleidenstadt gab 1935 (siehe Artikel unten) Haus, Hof und die Äcker am Ort
auf, um mit einer geschlossenen Gruppe von insgesamt 20 jüdischen Landwirten
nach Argentinien auszuwandern und dort eine JCA-Siedlung aufzubauen. Der
Präsident dieser Auswanderergruppe war Salli Kahn. Beim Novemberpogrom 1938
wurde die Synagoge zerstört (s.u.); auch die Wohnung und der Laden einer
jüdischen Familie wurden zertrümmert.
1939 wurden noch acht jüdische Einwohner in Wehen gezählt. Von ihnen
wurden 1941 Jakob, Siegfried und Rosa Nassauer sowie das Ehepaar Karl und Gerda
Simon mit ihrem Kind deportiert. Die nichtjüdisch verheiratete Clothilde
Schrank geb. Simon starb am 24. März 1943 an Suizid, um der Deportation zu
entgehen.
Von den in Wehen geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Linda Abrahamsohn geb.
Wilechberg (1916), Clothilde Adler geb. Nassauer (1882), Rosa Liebenthal geb.
Simon (1873), Ferdinand Nassauer (1872), Isidor Nassauer (1884), Jakob Nassauer
(1895), Josefine Nassauer geb. Simon (1857), Rosa Nassauer (1884), Siegfried
Nassauer (1885), Emma Schönberg geb. Nassauer (1891), Clothilde Schrank geb.
Simon (1872), Amalie Emma Simon (1889), Gerda Simon (), Karl Simon (1896), Karl
Simon (1942), Max Simon (1874).
Aus Bleidenstadt ist umgekommen: Jenny Wolf geb. Kahn
(1882).
Vor dem Wehener Schloss befindet sich seit 1983 eine Bronze-Gedenktafel
mit der Inschrift: "Stadt Taunusstein. Zum Gedenken an unsere während der
nationalsozialistischen Herrschaft ermordeten und vertriebenen Mitbürger. Zur
täglichen Mahnung uns alle 1933 1945 1983."
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1885
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1885: "Die
israelitische Gemeinde Wehen sucht zum September dieses Jahres
einen Religionslehrer und Vorbeter. Gehalt 600 Mark und freie Wohnung. Nur
seminaristisch gebildete, unverheiratete Bewerber wollen sich unter
Mitteilung beglaubigter Abschriften ihrer Zeugnisse melden bei
Dr. M. Silberstein, Bezirksrabbiner in
Wiesbaden." |
Aus dem jüdischen
Gemeindeleben
Über die Familie Kahn in Bleidenstadt sowie Wehen und der
jüdische Friedhof (Artikel von 1936)
Artikel
im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt" vom
Juli 1936: "Bleidenstadt. Schon zur Zeit Karls des Großen
Benediktinerkloster, von dem noch der alte Kirchturm blieb. Seit dem 16.
Jahrhundert wohnte hier eine und dieselbe Judenfamilie Kahn, deren heutige
Sprossen voriges Jahr (1935) Haus, Hof und Acker aufgaben, um mit der
ersten geschlossenen Gruppe von 20 jüdischen Landwirten aus Deutschland
eine Siedlung der JCA in Argentinien zu gründen. Deren gewählter
Präsident ist Sally Kahn aus Bleidenstadt, dessen Namen als den eines
Pioniers jüdischer Landwirte aus Deutschland vielleicht einmal die
jüdische Geschichte aufbewahren wird. - Durch Hahn hindurch
in 1 Stunde zu dem zwischen Hahn und Wehen links vom Wege auf hoher
Waldhalde gelegenen 300 Jahre alten Friedhof. Von dort wieder auf die
Straße zurück und durch Wehen (kleine [sc. jüdische] Gemeinde), Neuhof
und Eschenhahn (links - westlich - das berühmte Römerkastelle Zugmantel,
465 m hoch), den Limes überschreitend, in 2 1/2 Stunden nach dem
besonders sehenswerten Luftkurort (Idstein)." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über die jüdische Familie Nassauer
| Arnsberg s. Lit. Bd. II S. 347: "Seit
1848 kommt der Name Nassauer in Wehen vor; um 1882-1883 war unter den 9
Steuerpflichtigen Elias Nassauer, von 1884-1886 waren unter den 9
Steuerpflichtigen allein vier mit dem Namen Nassauer; Gemeinderechner war
Simon Nassauer, und zwar schon im Jahre 1874. Eine andere Familie Nassauer
kam von Breithardt (vgl. Holzhausen über der Aar); dieser Familie
entstammte Siegfried Nassauer, geboren 1868 in Würzburg, der bei der
Frankfurter Zeitung tätig war (verheiratet mit Ida Sonnemann, einer
Kusine des Begründers der Zeitung Leopold Sonnemann). Der Vater von
Siegfried Nassauer hieß Jean (Jesaias Nassauer; sein Bruder Salomon
Nassauer lebte bis zu seinem Tode in Breithardt)." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst gab es vermutlich einen Betraum in einem der
jüdischen Häuser. Eine Synagoge wurde in Wehen um 1800 errichtet; der
Betraum hatte 24 Plätze für Männer und 16 für Frauen. Bei der Synagoge
handelte es sich um ein zweigeschossiges, schlichtes
Gebäude.
Bereits einige Jahre vor 1938 wurden auf Grund der zurückgegangenen Zahl der
jüdischen Gemeindeglieder keine oder kaum noch Gottesdienste in der Synagoge in
Wehen abgehalten.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch einen Trupp
auswärtiger SA-Angehöriger geplündert und zerstört.
Adresse/Standort der Synagoge: Weiherstraße
15
Fotos
| Historische Fotos |
Fotos zur
jüdischen Geschichte und zur ehemaligen Synagoge in Wehen liegen noch
nicht vor; über Hinweise oder Zusendungen freut sich der Webmaster der
"Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
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Zu Familie Kahn in Bleidenstadt
(Quelle: www.alt-bleidenstadt.de) |
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Untere Stiftstraße mit der
Metzgerei Salli Kahn |
Schule Bleidenstadt -
Geburtsjahrgänge
1920-1922. Gretel Kahn auf Foto Nr. 3
hintere Reihe,
stehend |
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Ein aktuelles Foto
des Gedenksteines vor dem Schloss wird noch erstellt. |
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne
Berichte
| September 2008:
Führung über den jüdischen Friedhof / Informationen zur jüdischen
Geschichte |
Artikel von Christin Lilge vom 16. September 2008 im "Aar-Bote"
(Main-Rheiner, Artikel)
Führung über jüdischen Friedhof - Am Tag des offenen Denkmals eine Reise in das damalige Leben.
WEHEN Seit mehr als vier Jahren organisiert das Museum im Wehener Schloss jeweils am Tag des offenen Denkmals eine Führung über den jüdischen Friedhof am Halberg. Museumsleiter Harald Lubasch vermittelte Einblicke in die Geschichte der früheren jüdischen Gemeinde.
Das Areal des nach Osten und somit nach Jerusalem ausgerichteten jüdischen Friedhofs (dem einzigen verbliebenen Zeugnis jüdischer Geschichte in Taunusstein) fügt sich beinahe unscheinbar in den bewaldeten Hang des Halbergs ein. Es gibt dort keine Trauerhalle, einige der circa 55 noch existierenden Grabsteine sind verfallen oder zumindest verwittert, ein paar einzelne sind noch erhalten. Der älteste Stein wurde am 11. Adar im Jahr 5454 nach dem hebräischen Kalender (8. März 1694) aufgestellt. Während die älteren Grabsteine aus meist hellrotem bis ockerfarbenem Sandstein bestehen, sind die jüngeren aus Granit. Viele haben eine einfache oder doppelt gerundete Oberkante, die der Überlieferung nach der von Moses auf dem Berg Sinai in Empfang genommenen Gesetzestafeln entspricht..."
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 346-348. |
 | Keine Artikel bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 307. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 460-461. |
 | Juden in Taunusstein - Eine Sonderausstellung des
Heimatmuseums Taunusstein (Wehener Schloss), 1983/84. |
 | Magistrat der Stadt Taunusstein (Hg.): Der jüdische
Friedhof am Halberg - Die jüdische Cultusgemeinde Wehen. Taunusstein
2003.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Wehen (now part
of Taunusstein) Hesse-Nassau. Founded in the 18th century, the community built a
synagogue in 1800 and numbered 43 (4 % of the total) in 1871, dwindling to 12 in
1925. In 1937 a member of the community led a group of 20 German-Jewish farmers
who emigrated to Argentina. Only one family remained when the synagogue was
destroyed on Kristallnacht (9-10 November 1938).

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