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im Kreis Offenbach"
Urberach mit
Ober-Roden (Gemeinde
Rödermark, Kreis Offenbach)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis 1816 zur Ysenburgischen Herrschaft gehörenden
Urberach bestand eine kleine jüdische
Gemeinde bis um 1935/38. Ihre Entstehung geht in die Zeit Ende des 18.
Jahrhunderts zurück, als 1797 erstmals ein "Schutzjude" Jonas
Abraham genannt wird.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1828 40 jüdische Einwohner, 1861 43 (2,8 % von
insgesamt 1.518 Einwohnern), 1880 44 (2,8 % von 1.564), 1895 40. Bis 1905 ging die Zahl auf
28 zurück, 1910 auf 24 (1,1 % von 2.112).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), vermutlich auch ein
Unterrichtsraum für die jüdischen Kinder. Ob ein rituelles Bad vorhanden war,
ist nicht bekannt. Gleichfalls ist nicht bekannt, ob zeitweise ein eigener
jüdischer Religionslehrer (zugleich Vorsänger und Schächter) angestellt war.
Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Dieburg
beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zunächst zum orthodoxen Bezirksrabbinat
Darmstadt II, 1928 erfolgte der Übertritt zum liberalen Bezirksrabbinat
Darmstadt I.
Um 1924, als noch vier jüdische Familien mit zusammen 18 Personen am Ort
waren (0,7 % von 2.449), gehörten zur jüdischen
Gemeinde auch die im benachbarten Ober-Roden lebenden 18 jüdischen
Einwohner (hier war mindestens schon seit den 1880er-Jahren eine Familie
Hirschmann anwesend).
Den Religionsunterricht der Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Kaufmann aus Sprendlingen. Gemeindevorsteher bis um 1933 war Max Strauß.
Nach 1933 sind die
meisten bis dahin am Ort wohnhaften jüdischen Gemeindeglieder (1933: 11 Personen) auf Grund der
Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Die Gemeinde löste sich
bereits vor oder spätestens um 1938 vor. Beim Novemberpogrom 1938 wurden
die Kaufleute Julius Adler (1883), Artur Katz (1901) und der Metzger Max Strauß
(1878) verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt.
Von den in Urberach geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emilie Adler (1914),
Hermann Adler (1870), Julius Adler (1883), Johanna Bacharach geb. Adler (1889),
Arthur Katz (1901), Klara Katz geb. Strauß (1903), Herrmann Kulp (1870), Mina
Marx geb. Adler (1874), Aron Strauss (1863), Herz Max Strauss (1870), Moritz
Strauss (1863).
Von den in Ober-Roden geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Berta Hecht geb. Kahn
(1899), Rosa Hecht (1925), Ella Emma Tobias geb. Hirschmann
(1884).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte
zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Versuchter Mord an Handelsmann J. Hirschmann in
Ober-Roden aus antisemitischen Gründen (1890)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September
1890: "Man meldet aus Ober-Roden (Hessen): Ein Arbeiter,
namens Grimm, beschimpfte den Handelsmann J. Hirschmann
seiner Religion wegen, und als dieser sich die Rohheiten in ruhigem Tone
verbat, zog Grimm ein Messer und stach auf Hirschmann los. Ein Stich drang
in die Brust und verursachte eine schwere Verletzung; der Blutverlust war
bedeutend; glücklicherweise war rasch ärztliche Hilfe zur Hand. Der
Attentäter hätte vielleicht sein Opfer getötet, wenn nicht ein
kräftiger Mann schleunigst zur Hilfe geeilt wäre. Nach heftiger
Gegenwehr wurde der Wüterich durch die Gendarmen in das Ortsgefängnis
gebracht. Obgleich die Verwundung des Herrn Hirschmann sehr gefährlich
ist, hofft man denselben doch am Leben zu
erhalten." |
Zum Tod des Vorstehers der Gemeinde Leser Adler
(1908)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Januar
1908: "Urberach bei Darmstadt. Herr Leser Adler, seit Jahrzehnten
verdienstvoller Vorsteher unserer Gemeinde und seit 40 Jahren ehrenamtlich
unser Vertreter, ist uns entrissen worden. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner
Dr. Marx - Darmstadt gab am Grab ein anschauliches Bild des Verstorbenen
und betonte den unersetzlichen Verlust, den unsere Gemeinde mit seinem
Hinscheiden erlitten hat." |
Familienanzeigen
Hochzeitsanzeige von Hermann Adler und Johanna geb.
Schuster (1922)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1922:
"Hermann Adler - Johanna Adler geb. Schuster. Vermählte.
Chicago (Urberach) - Chicago (Frankfurt a.M.) Waldschmidtstr.
123". |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war eine ältere Synagoge vorhanden, in
der bis zur Einweihung einer neuen Synagoge am 18. August 1882
Gottesdienste gefeierte wurden. Bei dieser Einweihung der neuen Synagoge durch
Bezirksrabbiner Dr. Marx aus Darmstadt wurden die Torarollen aus der alten
Synagoge in einer festlichen Prozession durch den Ort zur neuen Synagoge
gebracht. Über die Feierlichkeiten liegt der folgende Bericht vor:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. September 1882: "Urberach.
Am 18. und 19. August, Erew Schabbat Kodesch, Paraschat Schofetim
(Schabbat mit der Toralesung Schofetim, d.h. 5. Mose 16,18-21,9) feierte
die hiesige israelitische Gemeinde die Einweihung ihrer neuen Synagoge.
Die ungeheure Menschenmenge, die von allen Seiten aus der Umgegend herbeigeströmt
war, das herrliche Wetter, das diese religiöse Weihe begünstigte und die
Kräfte, welche bei der Feier mitwirkten, das Alles trug dazu bei, dem
Ganzen einen glänzenden Verlauf zu geben.
Nachdem Freitag Nachmittag in der seitherigen Synagoge der
Schlussgottesdienst durch das Minchagebet abgehalten worden war,
sprach Herr Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt einige Abschiedsworte in so
rührender Weise, dass sich die Anwesenden der Tränen nicht enthalten
konnten. Mit der Aufmunterung, mit demselben frommen Geiste wie seither
auch fernerhin das neue Gotteshaus zu betreten und in ebenso innige Weise
das Gebet zu Gott zu senden, schloss der Herr Rabbiner seine Rede, worauf
bei Herausnahme der heiligen Gesetzesrollen aus dem Aron HaKodesch
(Toraschrein) der Chorverein der israelitischen Religionsgesellschaft aus
Darmstadt das "Wajehi..." anstimmte. Gerührt verließ
man das Gotteshaus und nun begann der wohlgeordnete Zug von der alten
Synagoge durch die beflaggten Straßen unseres Dorfes nach dem neuen
Gotteshause unter Begleitung der Musik. Der Zug bot einen prächtigen und
zugleich ergreifenden Anblick, der dadurch, dass auch die christliche
Gemeinde an demselben sich beteiligte, ein allgemeiner Festzug wurde. Nach
den üblichen Umzügen in der neuen Synagoge hielt Herr Dr. Marx die
Festpredigt. Er suchte in einstündiger Rede unter Zugrundelegung des
Verses "Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit..." den
Zweck des jüdischen Gotteshauses dazulegen. Er wusste die Gefühle aller
Anwesenden zu erregen, die in lautloser Stille mit Begeisterung dem
Vortrage lauschten. Am Schabbat-Morgen ward uns nochmals das Vergnügen
zuteil, eine tiefernste Predigt über "Schofetim uSoterim..."
(Beginn des Toraabschnittes "Richter und Beamte...") von Herrn
Dr. Marx zu vernehmen, in welcher er die Aufgabe der jüdischen Gemeinde auseinander setzte.
Belehrt und ermahnt wurde die zahlreiche Zuhörerschaft, festzustehen und
in der Zeit religiösen Zerfalls mit besonderer Innigkeit dem Gottesgesetz
anzuhängen und zu wachen, dass nicht das Wort der falschen Propheten
Eingang finde.
Möge unser Gotteshaus stets solch eine andächtige Schar begeisterter
Gottesverehrer in sich fassen, wie es an diesen Tagen der Fall war. - Eine
gemütliche, gesellige Vereinigung hielt die Festgenossen am
Schabbatausgang bis zur früheren Stunde in heiterster, ungetrübtester
Stimmung beisammen." |
Bei der 1882 eingeweihten Synagoge
handelte es sich um einen Massivbau mit Satteldach. Der Zugang war unmittelbar
von der Straße am westlichen Giebel. Die Fenster waren als Rundbogenfenster
(West- und Nordseite) beziehungsweise als Rundbogenfenster (zwei am Ostgiebel)
gestaltet.
Bei der Auflösung der jüdischen Gemeinde - vor den Ereignissen in der
Pogromnacht - wurde die Synagoge verkauft und später zu einem Wohnhaus
umgebaut. Beim Umbau wurden die Fensterbogen begradigt, die Öffnungen
verkleinert, eine Zwischendecke eingezogen und im Osten eine Terrasse im
Obergeschoss ausgebaut.
Adresse/Standort der Synagoge: Bahnhofstraße 39
Fotos
(Quelle: Thea Altaras: Synagogen in Hessen S. 175; neuere
Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 3.8.2008)
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Die ehemalige Synagoge - als
Wohnhaus (1982) |
Die ehemalige
Synagoge im Sommer 2008 |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II, S. 316-317. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 175. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 284. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 60-61.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Urberach
Hesse. Numbering 44 (3 % of the total) in 1880, the small community disbanded
before Kristallnacht (9-10 November 1938). No Jews remained in
1939.

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