Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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 Sievershausen (Stadt Dassel, Landkreis Northeim) 
Jüdische Geschichte / Jüdische Friedhöfe 
     

 Übersicht: 

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde 
bullet Einzelne Informationen aus jüdischen Periodika   
bulletZur Geschichte der Friedhöfe  
Lage der Friedhöfe 
bulletFotos und Abbildungen  
bulletLinks und Literatur   

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde      
   
In Sievershausen bestand im Zeitraum 18. bis Anfang 20. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, zu der zeitweise auch die jüdischen Einwohner der Umgebung gehörten. Letztere wohnten in Amelsen, Hilwartshausen (1830) und Markoldendorf (1843). 1928 wurde die jüdische Gemeinde Sievershausen aufgelöst und an die Synagogengemeinde Dassel angeschlossen.  
  
Die Geschichte der Gemeinde geht in das 18. Jahrhundert zurück. Etwa 1709 konnte sich Heinemann Abraham mit seiner Familie aus dem westfälischen Albaxen in Sievershausen niederlassen. 1758 kam eine weitere jüdische Familie nach Sievershausen, seit 1763 waren drei jüdische Haushalte am Ort, nach 1786 nur einer, 1788 wieder drei. 1797 gab es sogar acht jüdische Familien inklusive eines Lehrers ("Schulmeisters"). Von diesen hatten allerdings drei keine Schutzbriefe und mussten wieder wegziehen. Es blieb zunächst bei vier bzw. fünf Haushaltungen am Ort.
  
Zu den Zahlen jüdischer Einwohner am Ort liegen folgende Angaben vor: 1797 35 jüdische Einwohner (von ca. 900 Einwohnern), 1800 23 (in vier bzw. fünf Haushaltungen), um 1848/49 65 jüdische Einwohner in Sievershausen (und den umliegenden Orten wie Marktoldendorf), 1871 22 (von 1.279), 1885 sechs (von 1.242), 1895 acht (von 1.185), 1925 zwei (von 1.066). So lag der Höhepunkt der Zahl jüdischer Einwohner in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Danach ging die Zahl durch Abwanderung in die Städte und Auswanderung schnell zurück.
 
An Einrichtungen hatte die Gemeinde einen Betraum (Synagoge), einen Raum für den Unterricht der Kinder (bis 1845 in der Wohnstube eines jüdischen Hauses), ein rituelles Bad (Mikwe) und einen Friedhof. Zeitweise - bereits 1797 und wieder zwischen ca. 1840 und Mitte der 1850er-Jahre - war jeweils ein jüdischer Lehrer am Ort. Die Gemeinde gehörte zum Landrabbinat Hildesheim.
 
Die jüdischen Familienväter waren als Händler (Textilien, landwirtschaftliche Produkte, Vieh) bzw. als Kaufleute tätig. Es gab zeitweise einen Schlachter, einen "Tabakspinner" und zwei Buchbinder. Insgesamt war die Gemeinde jedoch nicht wohlhabend, sondern im Gegenteil eine der ärmsten im Landrabbinat Hildesheim. 
 
Von den jüdischen Familiennamen sind u.a. Blumenberg, Friede, Herzberg, Hirschberg, Rathheim, Rosenheim und Rosenstein bekannt. Einige Personen aus diesen Familien waren (Quelle Gedenkbuch Bundesarchiv Berlin und Familiendatenbank "Juden im Deutschen Reich"), sechs von ihnen sind nach den Deportationen der NS-Zeit umgekommen bzw. wurden ermordet:
  
- Johanna Blumenberg (geb. 17. September 1875 in Sievershausen als Tochter von August Blumenberg und Emma geb. Steinberg, hatte zwei jüngere Brüder Selmar s.u. und Ernst s.u.), war verheiratet mit Max Hohenstein (geb. 1875 in Tuchel). Die beiden lebten zunächst in Witten (Herren- und Knabenkleidergeschäft), wo 1903 der Sohn Ernst geboren wurde), dann in Schwelm, wo 1908 die Tochter Irma geboren ist, schließlich in Düsseldorf. Juli 1942 wurden Max und Johanna Hohenstein in das Ghetto Theresienstadt deportiert, September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, dort wurden beide ermordet (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de940139; ausführliche Biographien https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/hohenstein-johanna/ und  https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/hohenstein-max-mayer/).
- Dr. Ernst Blumenberg  (geb. 26. Februar 1888 in Einbeck; Bruder von Johanna Blumenberg, auf Grund des Umzuges der Eltern von Sievershausen nach Einbeck ist er in Einbeck geboren), war Arzt in Bad Nenndorf, wo heute ein Platz nach ihm benannt ist, siehe https://www.badnenndorf.de/poi/dr-ernst-blumenberg-platz, lebte 1939 zuletzt in Düsseldorf, emigrierte nach Schanghai, wo er bis 1949 als Arzt arbeitet. Dann in die USA emigriert, wo er am 26. August 1873 gestorben ist, Grab siehe  https://de.findagrave.com/memorial/66471196/ernst-moritz-blumenberg.
- Markus Blumenberg (geb. 10. April 1849 in Sievershausen als Sohn von Burghardt Blumenberg und der Hanne geb. Markus), war seit 1876 (in Barsinghausen) verheiratet mit Emma Nanne geb. Lehmann (geb. 1846 in Hattendorf), mit der er in Hannover lebte. Die beiden hatten einen Sohn Berthold Blumenberg (geb. 1882 in Hannover). Markus und Emma Blumenberg starben vor dem 31. August 1936.
Moses Blumenberg, Kaufmann in Einbeck, war eines der letzten jüdischen Gemeindeglieder in Sievershausen, behielt sich von Einbeck aus immer die Möglichkeit offen, wieder nach Sievershausen zurückzuziehen, weswegen die jüdische Gemeinde nicht schon vor 1900, sondern erst 1928 aufgelöst wurde.
Selmar Blumenberg (geb. 21. November 1882 in Sievershausen, Bruder von Johanna), war seit Januar 1920 verheiratet mit Hildegard geb. Steinberg (geb. 1898 in Dassel). Die beiden letzten zuletzt in Leipzig. Selmar Blumenberg wurde im September 1942 von Weimar aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert, im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz und ermordet; Hildegard Blumenberg ist am 20. August 1944 im KZ Stutthof umgekommen (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de844546).
Julie Friede* (geb. 23. Februar 1862 in Sievershausen, Tochter von Lehmann Friede*, langjähriger Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde Sievershausen, gest. 1912 und seiner Frau, sie 1914 starb), wohnte später in Wilhelmshaven und Hamburg, wurde im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, im September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, ermordet (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de869964). 
Hedwig Herzberg (geb. 22. April 1882 in Sievershausen) verheiratete Kölling, wohnhaft später in Schwerte, 1934 in die Niederlande emigriert, dort verhaftet und 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, in Juli 1944 dort ermordet (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de2033766) .
Hermann Hirschberg (geb. ca. 1845 in Sievershausen als Sohn von Itzig Hirschberg und der Jeanette geb. Horn), war lange Jahre (mindestens von 1876 bis 1908) als Kaufmann in Burgdorf tätig. Er war verheiratet mit Bertha geb. Steinberg (geb. 1846 in Mackensen), mit der er drei in Burgdorf geborene Kinder hatte (Henny, geb. 1873, Ella, geb. 1876, gest. 1908 und Johanna geb. 1881, umgekommen 1942 im Ghetto Theresienstadt, "Stolperstein" für sie in Barsinghausen: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Barsinghausen). Bertha Hirschberg geb. Steinberg starb am 8. Juni 1937 in Barsinghausen, er ist bereits am 9. Februar 1914 in Burgdorf gestorben.
- Meta Hirschberg (geb. 18. Januar 1881 in Sievershausen), war verheiratet mit Ludwig Louis Mosbach (geb. 1874 in Hohenlimburg), mit dem sie einen Sohn Erwin (geb. 1905 in Schwerte) hatte. Meta wohnte zuletzt in Hannover, von wo sie am 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert und ermordet wurde ("für tot erklärt", https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de932253).
Sophie Rathheim (geb. 17. Dezember 1854 in Sievershausen als Tochter von Abraham Rathheim und Röschen geb. Blumenberg), 1877 in Erwitte verheiratet mit Salomon Buchheim (geb. 1849 in Lichtenau).
- Louis Levi Rosenstein (geb. 8. Februar 1850 in Sievershausen) wohnte später in Osterode am Harz und seit Oktober 1935 in Danzig. Wurde in das Ghetto Warschau deportiert, wo er 1943 umgekommen ist  (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1470164).
   
* zu Familie Friede siehe die ausführliche Zusammenstellung von Wolfgang Lustrie     
   
Ende der jüdischen Gemeinde Sievershausen im 20. Jahrhundert: Die Auflösung der Gemeinde und der Anschluss an die Gemeinde Dassel war bereits Ende des 19. Jahrhunderts behördlicherseits angeregt worden, doch erst 1928 vollzogen worden. 1912 war Lehmann Friede gestorben, zwei Jahre später seine Frau, worauf nur noch die beiden Töchter Johanna Lehmann geb. Friede und Julie Friede in Sievershausen lebten. Die beiden betrieben einen Lebensmittelladen am Ort. Johanne starb am 25. Januar 1935 und wurde im jüdischen Friedhof beigesetzt (Grab erhalten), die Tochter Julie Friede lebte zuletzt in Hamburg, von wo sie über das Ghetto Theresienstadt im September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet wurde (siehe oben). 
  
  
Einzelne Informationen aus jüdischen Periodika 

- Im Bericht über die Jacobsohn-Schule, Realschule mit (Reform-)Realprogymnasium in Seesen am Harz Jahrgang 1888-1889 S. 17 wird in der Liste der Abiturienten Ostern 1889 genannt: Julius Blumenberg (geb. 20. Juli 1872 in Sievershausen), Sohn eines Kaufmannes in Sievershausen, hat selbst als Berufsziel Kaufmann. 
- In den "Mitteilungen des Gesamtarchivs der Deutschen Juden" 2 1910 S. 65-136 findet sich eine "Übersicht über den jüdisch-geschichtlichen Inhalt des Königlichen Staatsarchivs zu Hannover". Von M. Zuckermann (Hannover). Hier S. 91 in den Akten des Amtes Einbeck: "Gesuch der israelitischen Gemeinde zu Sievershausen um Erlaubnis zum Bau einer Synagoge (1841)" sowie S. 92: "Feststellung des Repartitionsfusses in den Gemeinden Mackensen und Sievershausen für die Kosten des Synagogen- und Schulwesens (1844-1867)."
- in der Zeitschrift "Jüdische Familienforschung" Jahrgang 3 1927 Heft 10 S. 238 und 242 werden in einem Beitrag als Subskribenten auf "Die Fünf Bücher Moses" von S.E. Blogg - Hannover aus Sievershausen im Jahr 1842 genannt: Religionslehrer L. Adam in Sievershausen sowie aus Sievershausen die Herren Isaac Hirschberg, Lehmann Blumenberg, L. Rosenbaum, Z. Rosenstein, L. Blumenberg (Buchbinder).   

    
    
Zur Geschichte der Friedhöfe   
(erstellt mit Angaben von Wolfgang Justrie s.Lit./eingestellte pdf-Datei
  
Ein erster, inzwischen verschwundener Friedhof lag im historischen Flurstück "Am Hegebusch" (nicht identisch mit der heutigen Straße "Im Hegebusch"!) an einem Abhang im nördlichen Paralleltal zum Dorfbach, nahe der Höhenzahl 45,2. Er war ca. 2,18 ar groß und um 1820 voll belegt. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurde er zerstört und später eingeebnet. Bis in die 1960er-Jahre war der Friedhof noch als Wiesengrundstück zu lokalisieren. Inzwischen wird es das Areal als Acker genutzt und ist im Gelände nicht mehr sichtbar.
 
Ein neuer Friedhof wurde 1820/22 angelegt. Dieser Friedhof liegt in der Flur "Im Hai". Der 10,11 ar große Friedhof wurde mit einer Mauer umgeben. Er wurde von 1824 bis 1935 belegt. Dieser Friedhof ist bis heute mit noch 28 Grabsteinen aus den Jahren 1850 bis 1935 erhalten und befindet sich im Eigentum des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. 1979, 1994 und 1995 kam es zu Schändungen des Friedhofes. 1998 wurde das Gelände instand gesetzt. Der Friedhof ist erreichbar über den Hubertusweg und liegt westlich des Ortes in der Nähe eines Neubaugebietes (siehe Karte unten).  
   
  
Lage der Friedhöfe         
Vgl. Beschreibungen oben.   

Die Lage des Alten Friedhofes (nichts erhalten)
(eingetragen in Karte aus Googlemaps)   
Die Lage des Neuen Friedhofes  
(Link zu den Googlemaps) 
   

   
   

Fotos und Abbildungen   
 
Hinweis: Einige Fotos und Abbildungen finden sich in dem Beitrag von Wolfgang Justrie (siehe pdf-Datei).  

 

    
    

Links und Literatur 

Links: 

bulletWebsite der Stadt Dassel https://www.stadt-dassel.de/ mit Seite zu Sievershausen  https://www.stadt-dassel.de/sievershausen  
bulletWikipedia-Artikel  https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Friedhof_(Sievershausen) - Artikel zum neuen Friedhof    
bulletHinweis auf eine Dokumentation des Friedhofes von 1988: https://zentralarchiv-juden.de/sammlungen/friedhofsdokumentation/niedersachsen/juedische-friedhoefe#c16250   
bulletFotos des Friedhofes von Markus W. Lambrecht: https://www.markus-lambrecht.de/J%C3%BCdische_Friedh%C3%B6fe/Niedersachsen/Landkreis_Northeim/Sievershausen_(Dassel)/  
bulletJüdische Geschichte in Sievershausen bei jüdische-gemeinden.de https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1245-mackensen-niedersachsen  

Literatur:   

bulletEike Dietert / Rüdiger Kröger: Abschnitt zu Sievershausen in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Band II S. 1383-1386 (mit Quellen- und Literaturangaben). 
bulletRüdiger Kröger / Theodor Müller: Die jüdische Bevölkerung in Dassel und in den umliegenden Ortschaften vom 16. Jahrhundert bis 1942. Zeitspuren aus Dassel. Band 13. Dassel 2014.
bulletWolfgang Justrie: Aufgewachsen auf dem Pumpe in Sievershausen im Solling. Eine Chronik der Nachkriegszeit, der Familie und des Dorfes.
Darin Abschnitt 8.4: Lehmanns Julchen, die Freundin meiner Großmutter, Huhns Markus und das jüdische Bethaus sowie ein verschwundener Friedhof. Dieser Abschnitt 8.4 ist als pdf-Datei eingestellt.

   

   

                   
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Stand: 31. Januar 2026