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Friedhöfe"
Sievershausen (Stadt
Dassel, Landkreis Northeim)
Jüdische Geschichte /
Jüdische Friedhöfe
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In Sievershausen bestand im Zeitraum 18. bis Anfang
20. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, zu der zeitweise auch die
jüdischen Einwohner der Umgebung gehörten. Letztere wohnten in Amelsen,
Hilwartshausen (1830) und Markoldendorf (1843). 1928 wurde die jüdische Gemeinde
Sievershausen aufgelöst und an die Synagogengemeinde Dassel angeschlossen.
Die Geschichte der Gemeinde geht in das 18. Jahrhundert zurück. Etwa 1709 konnte
sich Heinemann Abraham mit seiner Familie aus dem westfälischen Albaxen in
Sievershausen niederlassen. 1758 kam eine weitere jüdische Familie nach
Sievershausen, seit 1763 waren drei jüdische Haushalte am Ort, nach 1786 nur
einer, 1788 wieder drei. 1797 gab es sogar acht jüdische Familien inklusive
eines Lehrers ("Schulmeisters"). Von diesen hatten allerdings drei keine
Schutzbriefe und mussten wieder wegziehen. Es blieb zunächst bei vier bzw. fünf
Haushaltungen am Ort.
Zu den Zahlen jüdischer Einwohner am Ort liegen folgende Angaben vor: 1797 35
jüdische Einwohner (von ca. 900 Einwohnern), 1800 23 (in vier bzw. fünf
Haushaltungen), um 1848/49 65 jüdische Einwohner in Sievershausen (und den
umliegenden Orten wie Marktoldendorf), 1871 22 (von 1.279), 1885 sechs (von
1.242), 1895 acht (von 1.185), 1925 zwei (von 1.066). So lag der Höhepunkt der
Zahl jüdischer Einwohner in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Danach ging die Zahl
durch Abwanderung in die Städte und Auswanderung schnell zurück.
An Einrichtungen hatte die Gemeinde einen Betraum (Synagoge), einen Raum
für den Unterricht der Kinder (bis 1845 in der Wohnstube eines jüdischen
Hauses), ein rituelles Bad (Mikwe) und einen Friedhof. Zeitweise - bereits 1797
und wieder zwischen ca. 1840 und Mitte der 1850er-Jahre - war jeweils ein
jüdischer Lehrer am Ort. Die Gemeinde gehörte zum Landrabbinat Hildesheim.
Die jüdischen Familienväter waren als Händler (Textilien, landwirtschaftliche
Produkte, Vieh) bzw. als Kaufleute tätig. Es gab zeitweise einen Schlachter,
einen "Tabakspinner" und zwei Buchbinder. Insgesamt war die Gemeinde
jedoch nicht wohlhabend, sondern im Gegenteil eine der ärmsten im Landrabbinat
Hildesheim.
Von den jüdischen Familiennamen sind u.a. Blumenberg, Friede, Herzberg,
Hirschberg, Rathheim, Rosenheim und Rosenstein bekannt. Einige Personen aus diesen
Familien waren (Quelle Gedenkbuch Bundesarchiv Berlin und Familiendatenbank
"Juden im Deutschen Reich"), sechs von ihnen sind nach den Deportationen der
NS-Zeit umgekommen bzw. wurden ermordet:
- Johanna Blumenberg (geb. 17. September 1875 in Sievershausen als
Tochter von August Blumenberg und Emma geb. Steinberg, hatte zwei jüngere Brüder
Selmar s.u. und Ernst s.u.), war verheiratet mit Max Hohenstein (geb.
1875 in Tuchel). Die beiden lebten zunächst in Witten (Herren- und
Knabenkleidergeschäft), wo 1903 der Sohn Ernst geboren wurde), dann in Schwelm,
wo 1908 die Tochter Irma geboren ist, schließlich in Düsseldorf. Juli 1942
wurden Max und Johanna Hohenstein in das Ghetto Theresienstadt deportiert,
September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, dort wurden beide ermordet
(https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de940139;
ausführliche Biographien
https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/hohenstein-johanna/ und
https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/hohenstein-max-mayer/).
- Dr. Ernst Blumenberg (geb. 26. Februar 1888 in Einbeck;
Bruder von Johanna Blumenberg, auf Grund des Umzuges der Eltern von
Sievershausen nach Einbeck ist er in Einbeck geboren), war Arzt in Bad Nenndorf,
wo heute ein Platz nach ihm benannt ist, siehe
https://www.badnenndorf.de/poi/dr-ernst-blumenberg-platz, lebte 1939
zuletzt in Düsseldorf, emigrierte nach Schanghai, wo er bis 1949 als Arzt
arbeitet. Dann in die USA emigriert, wo er am 26. August 1873 gestorben ist,
Grab siehe
https://de.findagrave.com/memorial/66471196/ernst-moritz-blumenberg.
- Markus Blumenberg (geb. 10. April 1849 in Sievershausen als Sohn von
Burghardt Blumenberg und der Hanne geb. Markus), war seit 1876 (in
Barsinghausen) verheiratet mit Emma Nanne geb. Lehmann (geb. 1846 in Hattendorf),
mit der er in Hannover lebte. Die beiden hatten einen Sohn Berthold Blumenberg
(geb. 1882 in Hannover). Markus und Emma Blumenberg starben vor dem 31. August
1936.
- Moses Blumenberg, Kaufmann in Einbeck, war eines der letzten
jüdischen Gemeindeglieder in Sievershausen, behielt sich von Einbeck aus immer
die Möglichkeit offen, wieder nach Sievershausen zurückzuziehen, weswegen die
jüdische Gemeinde nicht schon vor 1900, sondern erst 1928 aufgelöst wurde.
- Selmar Blumenberg (geb. 21. November 1882 in Sievershausen,
Bruder von Johanna), war seit Januar 1920 verheiratet mit Hildegard geb.
Steinberg (geb. 1898 in Dassel). Die beiden letzten zuletzt in Leipzig. Selmar
Blumenberg wurde im September 1942 von Weimar aus in das Ghetto Theresienstadt
deportiert, im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz und ermordet;
Hildegard Blumenberg ist am 20. August 1944 im KZ Stutthof umgekommen (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de844546).
- Julie Friede* (geb. 23. Februar 1862 in Sievershausen, Tochter
von Lehmann Friede*, langjähriger Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde
Sievershausen, gest. 1912 und seiner Frau, sie 1914 starb), wohnte später in
Wilhelmshaven und Hamburg, wurde im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt
deportiert, im September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka, ermordet (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de869964).
- Hedwig Herzberg (geb. 22. April 1882 in Sievershausen)
verheiratete Kölling, wohnhaft später in Schwerte, 1934 in die
Niederlande emigriert, dort verhaftet und 1944 in das Vernichtungslager
Auschwitz deportiert, in Juli 1944 dort ermordet (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de2033766)
.
- Hermann Hirschberg (geb. ca. 1845 in Sievershausen als Sohn von
Itzig Hirschberg und der Jeanette geb. Horn), war lange Jahre (mindestens von
1876 bis 1908) als Kaufmann in Burgdorf tätig. Er war verheiratet mit Bertha
geb. Steinberg (geb. 1846 in Mackensen), mit der er drei in Burgdorf geborene
Kinder hatte (Henny, geb. 1873, Ella, geb. 1876, gest. 1908 und Johanna geb.
1881, umgekommen 1942 im Ghetto Theresienstadt, "Stolperstein" für sie in
Barsinghausen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Barsinghausen).
Bertha Hirschberg geb. Steinberg starb am 8. Juni 1937 in Barsinghausen, er ist
bereits am 9. Februar 1914 in Burgdorf gestorben.
- Meta Hirschberg (geb. 18. Januar 1881 in Sievershausen), war
verheiratet mit Ludwig Louis Mosbach (geb. 1874 in Hohenlimburg), mit dem
sie einen Sohn Erwin (geb. 1905 in Schwerte) hatte. Meta wohnte zuletzt in
Hannover, von wo sie am 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert und ermordet
wurde ("für tot erklärt",
https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de932253).
- Sophie Rathheim (geb. 17. Dezember 1854 in Sievershausen als
Tochter von Abraham Rathheim und Röschen geb. Blumenberg), 1877 in Erwitte
verheiratet mit Salomon Buchheim (geb. 1849 in Lichtenau).
- Louis Levi Rosenstein (geb. 8. Februar 1850 in Sievershausen) wohnte
später in Osterode am Harz und seit Oktober 1935 in Danzig. Wurde in das Ghetto
Warschau deportiert, wo er 1943 umgekommen ist (https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1470164).
* zu Familie Friede siehe die ausführliche Zusammenstellung von
Wolfgang Lustrie
Ende der jüdischen Gemeinde Sievershausen im 20. Jahrhundert: Die
Auflösung der Gemeinde und der Anschluss an die Gemeinde Dassel war bereits Ende
des 19. Jahrhunderts behördlicherseits angeregt worden, doch erst 1928 vollzogen
worden. 1912 war Lehmann Friede gestorben, zwei Jahre später seine Frau,
worauf nur noch die beiden Töchter Johanna Lehmann geb. Friede und Julie Friede
in Sievershausen lebten. Die beiden betrieben einen Lebensmittelladen am Ort.
Johanne starb am 25. Januar 1935 und wurde im jüdischen Friedhof beigesetzt
(Grab erhalten), die Tochter Julie Friede lebte zuletzt in Hamburg, von wo sie
über das Ghetto Theresienstadt im September 1942 in das Vernichtungslager
Treblinka deportiert und ermordet wurde (siehe oben).
Einzelne
Informationen aus jüdischen Periodika
| - Im Bericht über die Jacobsohn-Schule,
Realschule mit (Reform-)Realprogymnasium in Seesen am Harz Jahrgang
1888-1889 S. 17 wird in der Liste der Abiturienten Ostern 1889 genannt:
Julius Blumenberg (geb. 20. Juli 1872 in Sievershausen), Sohn eines
Kaufmannes in Sievershausen, hat selbst als Berufsziel Kaufmann.
|
| - In den "Mitteilungen des Gesamtarchivs der
Deutschen Juden" 2 1910 S. 65-136 findet sich eine "Übersicht über den
jüdisch-geschichtlichen Inhalt des Königlichen Staatsarchivs zu Hannover".
Von M. Zuckermann (Hannover). Hier S. 91 in den Akten des Amtes Einbeck:
"Gesuch der israelitischen Gemeinde zu Sievershausen um Erlaubnis zum Bau
einer Synagoge (1841)" sowie S. 92: "Feststellung des Repartitionsfusses
in den Gemeinden Mackensen und Sievershausen für die Kosten des Synagogen-
und Schulwesens (1844-1867)." |
| - in der Zeitschrift "Jüdische
Familienforschung" Jahrgang 3 1927 Heft 10 S. 238 und 242 werden in einem
Beitrag als Subskribenten auf "Die Fünf Bücher Moses" von S.E. Blogg -
Hannover aus Sievershausen im Jahr 1842 genannt: Religionslehrer L.
Adam in Sievershausen sowie aus Sievershausen die Herren Isaac Hirschberg,
Lehmann Blumenberg, L. Rosenbaum, Z. Rosenstein, L. Blumenberg (Buchbinder). |
Zur Geschichte der Friedhöfe
(erstellt mit Angaben von Wolfgang Justrie s.Lit./eingestellte
pdf-Datei)
Ein erster, inzwischen verschwundener Friedhof lag im historischen
Flurstück "Am Hegebusch" (nicht identisch mit der heutigen Straße "Im Hegebusch"!)
an einem Abhang im nördlichen Paralleltal zum Dorfbach, nahe der Höhenzahl 45,2.
Er war ca. 2,18 ar groß und um 1820 voll belegt. Im Zusammenhang mit dem
Novemberpogrom 1938 wurde er zerstört und später eingeebnet. Bis in die
1960er-Jahre war der Friedhof noch als Wiesengrundstück zu lokalisieren.
Inzwischen wird es das Areal als Acker genutzt und ist im Gelände nicht mehr
sichtbar.
Ein neuer Friedhof wurde 1820/22 angelegt. Dieser Friedhof liegt in der
Flur "Im Hai". Der 10,11 ar große Friedhof wurde mit einer Mauer umgeben. Er
wurde von 1824 bis 1935 belegt. Dieser Friedhof ist bis heute mit noch 28
Grabsteinen aus den Jahren 1850 bis 1935 erhalten und befindet sich im Eigentum
des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen. 1979, 1994 und
1995 kam es zu Schändungen des Friedhofes. 1998 wurde das Gelände instand
gesetzt. Der Friedhof ist erreichbar über den Hubertusweg und liegt westlich des
Ortes in der Nähe eines Neubaugebietes (siehe Karte unten).
Lage der Friedhöfe
Vgl. Beschreibungen oben.
Die Lage des Alten Friedhofes (nichts
erhalten)
(eingetragen in Karte aus Googlemaps) |
Die Lage des Neuen Friedhofes
(Link zu den Googlemaps)
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Fotos und Abbildungen
Hinweis: Einige Fotos und Abbildungen finden sich in
dem Beitrag von Wolfgang Justrie (siehe
pdf-Datei).
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Eike Dietert / Rüdiger Kröger: Abschnitt zu
Sievershausen in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in
Niedersachsen und Bremen. Band II S. 1383-1386 (mit Quellen- und
Literaturangaben). |
 | Rüdiger Kröger / Theodor Müller: Die
jüdische Bevölkerung in Dassel und in den umliegenden Ortschaften vom 16.
Jahrhundert bis 1942. Zeitspuren aus Dassel. Band 13. Dassel 2014.
|
 | Wolfgang Justrie: Aufgewachsen auf dem Pumpe in
Sievershausen im Solling. Eine Chronik der Nachkriegszeit, der Familie und
des Dorfes.
Darin Abschnitt 8.4: Lehmanns Julchen, die Freundin meiner Großmutter, Huhns
Markus und das jüdische Bethaus sowie ein verschwundener Friedhof.
Dieser Abschnitt 8.4 ist als pdf-Datei eingestellt. |

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