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Rossdorf mit
Gundernhausen (Kreis
Darmstadt-Dieburg)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Rossdorf bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts
zurück. 1770 gab es drei jüdische Familien am Ort.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 40 jüdische Einwohner, 1861 49 (2,6 % von insgesamt 1.908
Einwohnern), 1880 48 (2,1 % von 2.313), 1900 62, 1910 61 (1,9 % von 3.199). Die
jüdischen Familienvorsteher verdienten den Lebensunterhalt als Kleinkaufleute,
Viehhändler und Metzger. Auch in Gundernhausen
lebte - zumindest im 19. Jahrhundert - zeitweise eine jüdische Familie (1830
mit fünf Personen).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
und ein rituelles Bad (vermutlich in einem Badhäuschen neben der Synagoge).
Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war
ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl.
die vorübergehende Einstellung eines polnischen Lehrers 1885 s.u., letzter
Lehrer war Raphael Scher). Die Gemeinde
gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.
Um 1924, als noch 49 Personen der jüdischen Gemeinde angehörten (1,5
% von insgesamt 3.289 Einwohnern),
waren die Vorsteher der Gemeinde Hermann Simon, Hermann Mai I und Hermann Mai
II. Als Lehrer der Gemeinde war der bereits genannte Raphael Scher angestellt. Er unterrichtete auch
die jüdischen Kinder in Ober-Ramstadt. 1932
war Vorsteher der Gemeinde weiterhin Hermann Simon. Raphael Scher wird weiterhin
als Lehrer, Kantor und Schochet genannt.
1933 lebten noch 45 jüdische Personen (in 15 Familien) in Roßdorf
(1,3 % von insgesamt 3.521 Einwohnern). In
den folgenden Jahren ist ein Großteil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Im Mai 1939 lebten noch
zwei jüdische Personen am Ort.
Von den in Rossdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Rosa Bamberger geb.
May (1901), Anita Flora Ehrlich
(1929), Frieda Ehrlich (1893), Hermann Ehrlich (1891), Kathinka Ehrlich (1888),
Nathan Ehrlich (1896), Werner Fleischhacker (1936), Rosalie Höxter geb.
Ehrlich (1853), Fanny Junker geb. Strauß (1868), Jenny Löwenstein geb. Marx
(1888), Ida Marx (1885), Recha Marx (1899), Flory May (1910), Hermann May
(1869), Hermann May (1871), Moses May (1864), Regina May geb. May (1873), Ernst
Hermann Mayer (1928), Johanna Mayer geb. Simon (1899), Ida Meyer geb. Strauss
(1871), Charlotte Moses geb. Marx (1891), Hermann Simon (1865), Hermann Simon
(1872), Selma Simon geb. Ehrlich (1899), Rosa Sternfeld geb. Simon (1871),
Gertrude Wolf geb. Simon (1874), Nathan Wolf (1886).
Hinweis: es gab auch in Roßdorf (heute Ortsteil von Amöneburg, Kreis
Marburg-Biedenkopf) wenige jüdische Familien, die zur jüdischen Gemeinde in
Mardorf gehörten. In der Liste des "Gedenkbuches" werden viele der
unter Roßdorf aufgeführten Personen dem oberfränkischen Ort "Roßdorf am
Forst" zugewiesen. Dort gab es jedoch keine jüdische
Gemeinde.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1885
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November
1885: "Die hiesige israelitische kleine Gemeinde sucht einen
tüchtigen Vorsänger, Schochet und Religionslehrer. Bevorzugt werden unverheiratete
Bewerber; jedoch sind gute Zeugnisse
erforderlich.
Meldungen nimmt entgegen der Vorsteher Z. Simon in Roßdorf bei
Darmstadt."
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Der polnische Lehrer muss ausgewiesen werden (1885)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Dezember
1885: "Darmstadt, 14. Dezember (1885). Über die von uns in
der Beilage zu dieser Nummer gebrachte Meldung, nach welcher ein Pole aus
Hessen ausgewiesen worden sei, erhalten die 'N.H.B.' seitens des hiesigen
Kreisamtes eine Berichtigung, die auch wir zur Kenntnis unserer Leser
bringen wollen. Sie lautet:
'Der betreffende Lehrer wirkte nicht seit etwa sechs Monaten in der Nähe
von Darmstadt, sondern war erst im Monat November dieses Jahres von der
israelitischen Religionsgemeinde Roßdorf, vorbehaltlich unserer
Genehmigung, zum Religionslehrer bestellt worden. Derselbe ist nicht von
uns ausgewiesen worden, vielmehr wurde ihm, weil er nicht im Besitz von
genügenden Papieren war, aufgegeben, einen Reisepass oder eine sonstige,
seine Person legitimierende und seine Staatsangehörigkeit nachweisende
Urkunde von seiner russisch-polnischen Heimatbehörde beizubringen, und
ihm hierzu am 2. laufenden Monats eine Frist von 8 Wochen gewährt. Dieser
Nachweis musste, abgesehen davon, dass wir eine nicht gehörig
legitimierte Persönlichkeit nicht als Religionslehrer einer
israelitischen Religionsgemeinde bestätigen können, deshalb verlangt
werden, weil der Betreffende bei seiner möglicherweise demnächst
eintretenden Hilfsbedürftigkeit, Mangels eines Nachweises über seine
Zuständigkeit, unserem Landarmenverband dauernd zur Last gefallen sein
würde. Großherzogliches Kreisamt Darmstadt. v.
Marquard." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Die jüdischen Familien sind von Einquartierungen an Jom
Kippur befreit (1884)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Oktober
1884: "Roßdorf bei Darmstadt. Einen Akt der Toleranz kann ich
Ihnen von unserem hiesigen Bürgermeister mitteilen. Die Einquartierung
kam nämlich gerade zu Jom Kippur in unser Städtchen und ordnete
deshalb unser Herr Bürgermeister an, dass sämtliche hiesigen Juden
Einquartierung nicht zuzuteilen sein." |
Antisemitisches Vorkommnis (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Januar
1901: "Marburg, 22. Januar (1901). Eine antisemitische
Rohheit, die durch die merkwürdige Person des Täters besonderes
Interesse beansprucht, fand am 15. dieses Monats vor der hiesigen
Strafkammer ihre wohlverdiente Strafe. Die Anklage lautete gegen einen
Bauernknecht aus Roßdorf wegen gefährlicher Körperverletzung,
begangen an dem jüdischen Viehhändler Ehrlich von dort. Es dürfte
dieser Bauernknecht aber wohl ein Unikum sein, denn er besitzt
tatsächlich akademische Bildung. Sein Name ist Ludwig Hof. Er hatte das
Gymnasium zu Fulda absolviert und auch bereits vier Semester Universität
hinter sich, worauf er sein Einjähriges in hiesiger Garnison abdienen
wollte. Wegen angeblich schlechter Behandlung wurde er jedoch bald
fahnenflüchtig, stellte sich dann aber wieder, verbüß0te, nachdem er zu
Ende gedient, ein halbes Jahr Festung und suchte und fand hierauf in
seinem Heimatorte Roßdorf Anstellung als 'Bauernknecht.' Hier
glaubte er seine höhere Intelligenz im Oktober vorigen Jahres dadurch
dokumentieren zu müssen, dass er den Viehhändler Ehrlich zu nächtlicher
Stunde durch Klopfen am Fenster auf die Straße lockte und ihn hier mit
einem Mistgabelstiel niederschlug. Ehrlich trug eine Gehirnerschütterung
davon, die ihn dem Tode nahe brachte und an deren Folgen er noch heute
leiden muss. Der Gerichtshof diktierte dem rohen Patron eine
Gefängnisstraße von 22 Monaten. Frankfurter Zeitung." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Goldene Hochzeit von Mordechai May und Jettchen geb.
Lippmann (1902)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1902:
"Aus Hessen. In Roßdorf feierten am Mittwoch, 17.
Dezember (1902), Herr Mordechai May und dessen Ehefrau Jettchen
geb. Lippmann aus Bauschheim,
im engsten Familienkreise das seltene Fest der goldenen Hochzeit, eine
Feier, welche in hundert Jahren hier nicht vorgekommen ist. Möge es dem
Jubelpaare, das sich noch bester Gesundheit und Rüstigkeit erfreut,
beschieden sein, auch das diamantene Jubiläum zu feiern. - N. -" |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Witwe von Marx May II. (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juni 1901:
"Suche per sofort einen Lehrjungen für meine Metzgerei. Schabbat
und Feiertag streng geschlossen.
Marx May II. Witwe,
Roßdorf bei Darmstadt." |
Anzeige des Metzgermeisters W. Flehinger (1921)
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 19. Mai 1921: "Kräftiger Lehrjunge
für meine Metzgerei (Samstags und israelitische Feiertage geschlossen) gesucht.
W. Flehinger, Rossdorf bei Darmstadt." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst (Mitte des 18. Jahrhunderts) war vermutlich ein Betraum in einem der jüdischen
Häuser vorhanden. Eine Synagoge wurde 1874 (oder 1877) erbaut, möglicherweise an
Stelle des bisherigen Hauses mit dem Betraum. 1920 wurde die Synagoge gründlich
renoviert. Das Gebäude war etwa 7 mal 10 m groß. Über
das Aussehen der ehemaligen Synagoge liegen jedoch keine genauen Informationen
vor. Ein historisches Foto wurde noch nicht gefunden (Rekonstruktionszeichnung
siehe unten).
Nach 1933 ging die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder stark zurück, wodurch
kein Minjan mehr zustande gekommen ist (notwendige Zehnzahl der jüdischen
Männer zum Gottesdienst). 1937 wurde die Synagoge an eine nichtjüdische Familie
verkauft. Der Verkauf war erforderlich, da die Evangelische Kirchengemeinde
ihren Kredit kündigte, den sie der Gemeinde 1879 gewährt hatte.
Beim Novemberpogrom 1938 wollten ortsansässige Nationalsozialisten
das Gebäude dennoch in Brand setzen; schließlich beschränkten sie sich auf
das Einwerfen der Fensterscheiben und Zerstörung von Teilen des Daches. Auch
die am First befindlichen Gebotstafeln wurden heruntergerissen und in Stücke
geschlagen. Das Gebäude wurde später zu einem Wohnhaus umgebaut. Durch den Umbau wurde das rechteckige
Gebäude zum einem fast quadratförmigen umgebaut (vgl. Plan unten). Auch das
Grundstück das Badhäuschens ist überbaut worden.
Adresse/Standort der Synagoge: Grundstück
Darmstädter Straße 1
Fotos
(Quelle: Plan und Foto von 1987: Altaras 1988 und 2007²
s.Lit.; Rekonstruktionszeichnung in einem Gemeindebrief der Evangelischen
Kirchengemeinde in Rossdorf zum Gedenken an die Pogromnacht im November 2008, pdf-Datei)
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Historische Fotos sind noch nicht vorhanden; über Hinweise oder Zusendungen
freut sich der Webmaster der "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
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Plan des
Synagogengrundstückes
und seiner Umgebung und Rekonstruktionszeichnung |
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Der Plan zeigt
(dunkel schraffiert) die
Gebäude der israelitischen Gemeinde 1888
sowie
die Bebauung
nach Stand 1986 |
Rekonstruktionszeichnung der
ehemaligen
Synagoge in Rossdorf; beim Novemberpogrom
1938 wurden die
Gebotstafeln am First
heruntergerissen und zerschlagen |
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Die ehemalige Synagoge
(Gebäude 1987) |
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Das
ehemalige Synagogengebäude wurde zu einem Wohnhaus umgebaut und
dabei
vergrößert (vgl. Plan oben) |
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Geschichtstafel
zur Geschichte von Rossdorf
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum: 17.3.2009) |
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Blick auf das Rathaus
der
Gemeinde |
Die Geschichtstafel |
Auf der Tafel zum 20.
Jahrhundert wird an
"24 Opfer der Judenverfolgung" erinnert |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 233-234. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 133-137 und dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 115 (keine weiteren
Informationen) sowie dies., Neubearbeitung der beiden Bände 2007² S.
197-198. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 47. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 298-299. |
 | Horst Wilhelm: Roßdorf - Die Opfer der
nationalsozialistischen Judenverfolgung - Ein Gedenkbuch. Hg. vom
Historischen Verein Rossdorf und Gunrdernhausen e.V. Roßdorf 1988. |
 | Armin Hepp: Roßdorf vor der Rhön - Häuser und
Geschlechter. Achern 1994. |
 | Thomas Lange: 'L'chajim' - Die Geschichte der Juden
im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Hg. Landkreis Darmstadt-Dieburg. Reinheim
1997. S. 100-101 und S. 227. |
Hinweis auf ein familiengeschichtliches Werk
Nathan M. Reiss
Some Jewish Families
of Hesse and Galicia
Second edition 2005
http://mysite.verizon.net/vzeskyb6/ |
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In diesem Werk
eine Darstellung zur Geschichte der jüdischen Familien May in Roßdorf,
Gräfenhausen und Ober-Ramstadt
("The MAY Families of Roßdorf, Gräfenhausen and Ober-Ramstadt", S.
269-282) (Nachkommen bis ca. 2000) mit Abbildungen
u.a.m. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Rossdorf Hesse. The
community numbered 62 (2 % of the total) in 1900 and 47 in 1933 but dispersed in
1938. Most Jews emigrated to the United States before Kristallnacht (9-10
November 1938).

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