Zur jüdischen Geschichte des
Ortes
In Reichenborn lebten seit dem 18. Jahrhundert wenige jüdische
Familien, wahrscheinlich nur jeweils zwei bis drei Familien. Gemeinsam mit den
in Mengerskirchen und in Waldernbach
und Neunkirchen lebenden jüdischen
Familien wurde zeitweise eine kleine jüdische Gemeinde gebildet, die im
"Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung" von 1924/25 (und auch
noch 1932) als selbständige Gemeinde im Rabbinatsbezirk Weilburg aufgeführt
ist (unter der Bezeichnung "S.G." = Synagogengemeinde).
An Einrichtungen bestand seit der Zeit um 1900 ein jüdischer Friedhof.
Ein eigener Betraum war vermutlich in einem der jüdischen Häuser vorhanden,
sonst wäre die Anerkennung als selbständige Gemeinde nicht möglich gewesen.
Ansonsten wurden die Gottesdienste in
Ellar besucht, da es mit dem Minjan in Reichenborn regelmäßig
Schwierigkeiten gegeben haben dürfte. Reichenborn gehörte mit den
jüdischen Gemeinden der Umgebung bis 1924 zum Rabbinat Weilburg, danach zum
Rabbinat Bad Ems-Weilburg.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1843 16 jüdische Einwohner, 1905 17. Unter den jüdischen
Familiennamen kamen vor allem vor: Henoch, Kaiser und Seligmann.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus den jüdischen Familien der am 1. März 1890
in Reichenborn geborene Nathan Seligmann. Er ist am 28. August 1914 als Soldat
in einem Infanterieregiment gefallen. Sein Name steht auf dem
Gefallenendenkmal beim Friedhof der
Gemeinde.
In den 1920er-Jahren lebten noch drei jüdische Familien am Ort. Die
Männer betrieben Viehhandel und hatten etwas Landwirtschaft. Um 1924 waren die
Gemeindevorsteher Siegfried Kaiser und Josef Seligmann. Zu den damals 13 bis 15
jüdischen Einwohnern am Ort kamen die in Mengerskirchen lebenden 10 jüdischen
Personen, sodass die Gemeinde Reichenborn-Neunkirchen damals etwa 25 Personen
umfasste.
1933 lebten noch acht jüdische Personen am Ort, von denen vermutlich
mehrere in den folgenden Jahren auf Grund
der zunehmenden Repressalien der NS-Zeit weggezogen beziehungsweise ausgewandert.
Von der vor 1933 nach Gießen verzogenen Familie Henoch kamen andererseits
einige Personen nach Reichenborn zurück: Anfang 1940 lebten in Reichenborn
Klara Henoch geb. Isselbächer (geb. 1862 in Isselbach), Brigitte Henoch (geb.
1936 in Gießen) und Betty Henoch geb. Mayer (Verkäuferin, geb. 1903 in
Echzell). Alle drei sind 1941/42 von Frankfurt aus deportiert worden und im
Ghetto Kowno beziehungsweise im Ghetto Theresienstadt
umgekommen.
Von den in Reichenborn geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Henriette Frank geb.
Seligmann (1887), Betty Henoch geb. Mayer (1903), Brigitte Henoch (1936),
Heinrich Henoch (1901), Klara Henoch geb. Isselbächer (1862), Flora Kaiser geb.
Henoch (1869), Karoline Neumann (1867), Ottilie Salomon geb. Kaiser
(1901).
Aus Waldernbach sind umgekommen: in den genannten Gedenkbüchern werden
keine Personen aus Waldernbach genannt.
Berichte zur jüdischen
Geschichte
In jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts wurden noch
keine Berichte zu Reichenborn gefunden.
Fotos
(Quelle: Hahn, Aufnahmedatum 23.08.2009)