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Ober-Gleen (Stadt
Kirtorf, Vogelsbergkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Obergleen bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1828 47 jüdische Einwohner, 1861 55 (7,9 % von insgesamt 699
Einwohnern), 1880 58 (8,2 % von 708), 1900 39 (5,6 % von 691), 1910 39 (5,6 %
von 691). Die jüdischen Familienvorsteher waren als Kaufleute und Viehhändler
tätig.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule
und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Angenrod beigesetzt. Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 1842 wird der aus Bayern
stammende Lehrer Meier Cahn in
Ober-Gleen genannt, der damals vorübergehend auch die Israelitische
Elementarschule in Kirtorf mitbetreute.
Lehrer Cahn blieb bis mindestens 1871. Um 1900/1904 wurde
noch mehrmals die
Stelle eines Religionslehrers gemeinsam für Ober-Gleen und Kirtorf
ausgeschrieben (siehe Ausschreibungen unten). Wenig später unterrichtete, nachdem die Zahl der
Gemeindeglieder und der jüdischen Kinder in Ober-Gleen und Kirtorf weiter
zurückging, der jüdische Lehrer aus Alsfeld in beiden Orten.
Um 1924, als zur Gemeinde noch 31 Personen gehörten (4,8 % von insgesamt
649 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Joseph Lamm II, Hirsch Lamm und
David Lamm. Damals war - durch Lehrer Leopold Kahn aus Alsfeld
- nur noch einem jüdischen Kind in der Gemeinde der Religionsunterricht zu
erteilen.
1933 lebten noch 23 jüdische Personen in Ober-Gleen (in sechs Familien; 3,8
% von insgesamt 609 Einwohnern). In
den folgenden Jahren sind alle von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Acht Personen sind in die
USA emigriert, eine Familie (zusammen fünf Personen) nach Palästina/Israel.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört
(s.u.). Am
19. September 1939 gab es keine jüdischen Bewohner mehr in Ober-Gleen. Mehrere
wurden jedoch über Frankfurt am Main deportiert.
Von den in Ober-Gleen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Betty Bär geb. Sondheim
(1892), Johanna Katzenstein geb. Lamm (1874), Bertha Lamm geb. Baum (1899),
David Lamm (1866), Johanna (Hannchen) Lamm geb. Andorn (1875), Joseph Lamm I
(1870), Joseph Lamm II (1870), Karl Lamm (1903), Minna Lamm (1868), Siegmund Lamm
(1872), Willi Lamm (1902), Berta Rothschild (1878), Hermann Sondheim (1883),
Auguste Stern (1878), Feist Stern (1876), Rosa Weinberg geb. Lamm
(1897).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1900 / 1901 / 1904 - gemeinsam mit Kirtorf
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1900: "Die
Religionslehrer-, Chasen- und Schochetstelle in den Gemeinden Kirtorf
Ober-Gleen ist bis 1. April, eventuell auch früher zu besetzen.
Gehalt 7-800 Mark und ziemliches Nebeneinkommen. Bewerber, ledig
bevorzugt, wollen sich unter Angabe ihrer seitherigen Tätigkeit bei dem Vorstand
der israelitischen Gemeinde Kirtorf, Oberhessen, melden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1901:
"Die Stelle als Religionslehrer, Vorbeter und Schochet für
die Gemeinden Kirtorf - Ober-Gleen ist per 1. September dieses Jahres zu
besetzen. Gehalt 700-750 Mark, freie Wohnung und Nebeneinkommen. Bewerber
(ledig bevorzugt), wollen ihre Offerten nebst Zeugnisse und Photographie
einsehen den den Vorstand der israelitischen Gemeinde Kirtorf,
Oberhessen". |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 12. Dezember 1901: "Lehrer-Gesuch.
Die beiden Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf
suchen gemeinschaftlich einen Religionslehrer, der auch
gleichzeitig die Schechita in Kirtorf
auszuüben hat. Wohnsitz ist in Ober-Gleen zu nehmen.
Bewerbungen sind zu richten an den Vorsteher der israelitischen Gemeinde Herrn
Lazarus Lamm in Ober-Gleen (Hessen)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1904:
"Die Gemeinden Ober-Gleen und Kirtorf suchen einen Religionslehrer
und Vorbeter zum alsbaldigen Eintritt bei einem Gehalt von 800 Mark
sowie Nebeneinkommen und freie Wohnung (Unverheiratet, seminaristisch
gebildet). Bewerber wollen sich bei dem Vorstand der Israelitischen
Gemeinde Ober-Gleen melden, unter Beifügung von Zeugnissen und
Photographie." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst war ein Betraum (Synagoge) in einem jüdischen
Privathaus vorhanden. 1846 empfahl der großherzogliche Landrabbiner Levy
bei einem Besuch in Ober-Gleen die Erweiterung der Synagoge. Ob diese damals
vorgenommen wurde, ist nicht bekannt. Für einen Neubau waren damals keine
ausreichenden Mittel vorhanden. Immerhin wurde im Oktober 1846 ein Fonds für
einen Synagogen-Neubau angelegt.
1874
konnte in der Obergasse eine neue Synagoge fertiggestellt werden, ein
zweigeschossiger Fachwerkbau, zu dem auch ein Gemeindehaus gehörte. Bis dahin
hatte man die Gottesdienste unentgeltlich in der oben genannten Privatsynagoge
abgehalten. Die Synagoge hatte - trotz der räumlich kleinen Verhältnisse ein
würdiges Aussehen mit den sie prägenden Rundbogenfenstern. Der Zugang zur
Frauenempore erfolgte durch das angebaute Gemeindehaus (der Zugang ist noch
erkennbar, das Gemeindehaus ist abgebrochen).
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die
Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute völlig zerstört. Das bei den
Aktionen beschädigte Gebäude wurde an einen Schmied verkauft, die die
ehemalige Synagoge als Schmiede beziehungsweise als Maschinen- und
Autoreparaturwerkstatt verwendete und dazu entsprechend umbaute. Seit Jahren
wird das Gebäude als Abstellraum verwendet.
Die Sanierung des Gebäudes der ehemaligen Synagoge ist im Rahmen der
Dorferneuerung derzeit geplant (vgl. pdf-Datei
vom April 2008 der Stadt Kirtorf: Dorferneuerung Ober-Gleen). Das Gebäude
soll als Kulturstätte mit Ausstellungsbereich genutzt werden, in Federführung
des Heimatvereins Kirtorf.
Adresse/Standort der Synagoge: Obergasse
48
Fotos
(Quelle: sw-Fotos: Altaras s.Lit.)
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| Blick auf das
ehemalige Synagogengebäude von Westen beziehungsweise Nordwesten; zu
sehen ist der Eingang zur Frauenempore, der vom angebauten und schon
länger abgebrochenen ehemaligen jüdischen Gemeindehaus her
erfolgt. |
Blick in die ehemalige
Synagoge im
September 1985, die als Lagerraum
verwendet wurde. |
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| Aktuelle Fotos
werden noch erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster der
"Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite. |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Oktober 2010:
Vortrag über die Geschichte des Landjudentums
und der Ober-Gleener Juden |
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 28. Oktober 2010 (Artikel):
"Geschichte der Ober-Gleener Juden in prosaischer Form erzählt
OBER-GLEEN. Vortrag von Kathrin Jacob spannte einen Bogen über die Geschichte des Landjudentums.
(la). Ehemals jüdische Mitbewohner Ober-Gleens erhielten jetzt, neben der Einweihung der Gedenkstätte auf dem alten Friedhof, auch mit einem von Kathrin Jacob (Lauterbach) ausgearbeiteten Vortrag wieder Name und Gesicht. Der Vortrag im Dorfgemeinschaftshaus, getitelt
'Meier, der Bayer: Lehre Meier Cohn und das Leben in Ober-Gleen' spannte in prosaischer Form einen weiten Bogen über die Geschichte des Landjudentums der Region. Der Vortrag am Sonntagnachmittag, für die beruflich verhinderte Autorin gelesen von Ernst A. Bloemers, brachte den gut 20 Besuchern in bewegten, zugleich aber auch historisch-fundierten, Ausführungen die ehemalige Zeit Ober-Gleener Bürger christlicher und israelitischer Konfession nahe: vor der NS-Zeit eine Ära der selbstverständlichen Gemeinsamkeit der beiden Bürgergruppen. Der Vortrag basierte auf wochenlanger Erarbeitung Jacobs zusammen mit Bloemers, im Ortsarchiv. Jacob habe dabei
'sehr viel Interessantes aus der jüdischen Zeit Ober-Gleens' gefunden, allerdings nicht aus den dreißiger Jahren:
'Da ist so gut wie nichts zu finden.'..." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 150. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 111. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 102 (keine weiteren
Informationen) |
 | dies.: Neubearbeitung der beiden Bände in einem Band.
2007² S. 262-263. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S.
196-197. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 44.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Ober-Gleen
Hesse. The community numbered 58 (8 % of the total) in 1880. All the Jews left
by October 1939, seven emigrating.

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