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Kreis Gießen"
Lich (Kreis
Gießen)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Neuerscheinung
zur jüdischen Geschichte
in Lich und Umgebung (2011) |
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Hanno Müller, Friedrich Damrath,
Monica Kingreen, Klaus Konrad-Leder: Juden in Lich, Birklar,
Langsdorf, Muschenheim und Ettingshausen.
Teil I: Familien Teil II: Grabsteine, Anhang, Register
Im Auftrag der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung herausgegeben von
Klaus Konrad-Leder. Lich 2010.
ISBN 978-3-9809778-6-9 zu beziehen über: Hanno Müller
Röntgenstraße 29 35463 Fernwald http://www.fambu-oberhessen.de/
E-Mail |
Zum Inhalt: Das Werk enthält auf ca. 720 Seiten im Format A 4 (2 Teile in einem Schuber, Fadenheftung, fester Einband, Inhalt) im
ersten Teil Aufsätze von Klaus-Konrad-Leder und Monica Kingreen sowie Familienbücher für die oben genannten Orte von Hanno Müller. Außerdem Informationen zu den Religionsgemeinden und ihren Synagogen und über 100 Abbildungen.
Im zweiten Teil sind enthalten Abbildungen der Grabsteine und die von Friedrich Damrath erstellten Abschriften und Übersetzungen ihrer Inschriften auf den jüdischen Friedhöfen in Lich, Muschenheim, Hungen (der Langsdorfer Juden), Gießen und Laubach (Licher und Ettingshäuser Juden). Außerdem auf ca. 200 Seiten Abschriften aus dem Besitz von Klaus Konrad-Leder, von Archivalien aus den Archiven Braunfels, Lich, Langsdorf und aus den Kirchenchroniken Langsdorf, Muschenheim und Inheiden, Zusammenstellungen vermögender Einwohner der bearbeiteten Orte und Erwähnungen der Juden dieser Orte in Adressbüchern des Zeitraums 1905 - 1941.
Beschlossen wird er von den Registern, Nachträgen zu den früher veröffentlichten "Judenfamilien in Hungen" und einer kompletten Neubearbeitung (anhand der zwischenzeitlich aufgefundenen Judenmatrikel) der "Judenfamilien in Nieder-Weisel".
Bezogen werden kann das Werk über H. Müller zum Preis von 20 Euro plus Versandkosten (Achtung, Paketsendung, 3,5 kg!). |
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Lich bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts
zurück. 1622 werden erstmals Juden in der Stadt genannt, 1628 wurden 26
jüdische Einwohner gezählt. Bis 1740 waren neun jüdische Familien ansässig
geworden, die vom Handel lebten.
Unter den im 18. Jahrhundert zugezogenen Familien war die aus Frankreich
stammende - nach Arnsberg zunächst auf der Ronneburg
lebende - Familie des Moses Löb, deren Nachkommen sich später nach ihrem Herkunftsort
Chambré (Ortsname Chambray) nannten (vgl. zur Geschichte der Familie
im Bericht über Ernst Ludwig
Chambré). Familie Chambré spielte im jüdischen Leben der Stadt in der
Folgezeit eine besondere Rolle: immer gehörte ein Mitglied der Familie dem
Gemeindevorstand an.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich im 19. Jahrhundert wie
folgt: 1818 15 jüdische Familien mit zusammen 60 Personen, 1828 71
jüdische Einwohner (3,3 % von insgesamt 2.143), 1861 57 (2,5 % von 2.297), 1880
63 (2,4 % von 2.577), 1900 69 (2,5 % von 2.396), 1910 61 (2,2 % von
2.749). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebten in der Umgebung von
Lich auch wenige Juden auf den Gemarkungen Kolnhausen, Hof Albach und
Mühlsachsen, die zur Gemeinde in Lich gehörten. Bekannte Namen jüdischer
Familien in Lich waren: Bing, Bamberger, Chambré, Goldschmdit, Isaak, Katz,
Lind, Oppenheimer, Sommer, Stiefel und Windecker.
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule,
ein rituelles Bad (zumindest noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts) und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde
war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
tätig war. Erstmals wird 1823 als Vorsänger Seligmann Behr genannt (gest.
1833). In den Zeiten, in denen die Gemeinde keinen eigenen Lehrer
angestellt hatte, übernahm den Unterricht ein auswärtiger Lehrer. Die Gemeinde
gehörte zum liberalen Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Gießen.
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 75 Personen gehörten, waren die
Vorsteher der Gemeinde Moses Chambré, Max Chambré und Hermann Goldschmidt. Als
Schochet war Bernhard Lind tätig. Die damals neun schulpflichtigen Kinder der
Gemeinde erhielten ihren Religionsunterricht durch Lehrer Grünebaum aus
Gießen. 1925 wurde der bis in Jesberg tätige Lehrer Jakob Höxter zum
neuen Lehrer, Vorbeter und Schochet in Lich gewählt (siehe Bericht unten). Ob
er die Stelle überhaupt angetreten oder nach kurzer Zeit Lich wieder verlassen
hat, ist unklar; jedenfalls trat er bereits 1926 in Heldenbergen die
Lehrerstelle an. 1932 waren die Gemeindevorsteher Emil Isaak (1.
Vors.) und Hermann Goldschmidt; dazu wurde in diesem Jahr der Getreidehändler
Siegmund Chambré in den Vorstand gewählt. Als Schochet war weiterhin Bernhard
Lind tätig. Im Schuljahr 1931/32 erhielten acht Kinder
Religionsunterricht.
1933 lebten 73 jüdische Personen in Lich. Sie waren bis dahin in der Stadt
vollkommen integriert und im Besitz einiger für das wirtschaftliche Leben der
Stadt wichtigen Gewerbebetriebe (mehrere Vieh- und Pferdehandlungen,
Getreidehandlungen, Textil-, Lebensmittel-, Altwaren- und Schuhgeschäfte). Bereits
in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1933 kam es zu einem Judenpogrom
in der Stadt, als die Licher SA die in der Unter- und Oberstadt wohnenden
jüdischen Familien in ihren Wohnungen überfielen und anschließend im
ehemaligen SA-Lokal "Frankfurter Hof" mehrere Personen auf das
Schlimmste misshandelten (vgl. unten im Bericht von Ernst-Ludwig Chambré). In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund dieser Vorkommnisse, der Folgen des
wirtschaftlichen Boykottes sowie der weiter zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bis zum Februar 1938 sind
52 der jüdischen Einwohner weggezogen (vor allem nach Frankfurt, Gießen oder
Kassel) oder ausgewandert (einige nach Südafrika und in die USA); im März 1938
gelang es vier weiteren, in die USA zu emigrieren. Beim Novemberpogrom 1938
wurde die Inneneinrichtung der Synagoge völlig zerstört (s.u.). Auch wurden
wiederum die Wohnungen und Geschäften der noch in Lich verbliebenen jüdischen
Personen überfallen, geplündert und zerstört. Mehrere jüdische Männer kamen
in das KZ Buchenwald, wo Bernhard Lind am 4. Dezember 1938 umgekommen ist. Seine
Frau Bertha Lind geb. Oppenheimer nahm sich am 20. Oktober 1941 aus Verzweiflung
in Frankfurt das Leben. Die letzten fünf jüdischen Einwohner Lichs wurden am 4.
August 1942 nach Auschwitz deportiert.
Von den in Lich geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ludwig Bamberger
(1902), Rosa Bamberger geb. Borngässer (1868), Ida Behrens geb. Baum (1888),
Simon Bing (1879), Johanna Bock geb. Bock (1858), Max Chambre (1879), Sophie
Cohn geb. Windecker (1890), Wilhelm Eckstein (1884), Else Goldschmidt geb.
Gruner (1906), Ruth Betty Goldschmidt (1933), Henriette Hahn geb. Chambre
(1907), Mathilde Hartog (1865), Siegfried Hirsch (1898), Emil Isaak (1887)
Mathilde Isaak (1888), Sabine Isaak geb. Flörsheim (1917), Sitta Karbe (1876),
Rosalie Kaufmann geb. Sichel (1858), Paula Klestadt geb. Isaac (1882), Bernhard
Lind (1877), Bertha Lind geb. Oppenheimer (1879), Henny Loeb geb. Stiefel
(1908), Louis Mendelsohn (1876), Louis Mendelsohn (1888), Frieda Simon (1895),
Bertel Sommer (1926), Ludwig Sommer (1896), Toni Sommer geb. Bing (1887), Berta
Wetterhahn geb. Isaak (1883), Eduard Windecker (1888), Gertrud Windecker (1922),
Gustav Windecker (1885), Helene Windecker (1894), Selma Windecker geb.
Ziegelstein (1888).
Zur Erinnerung an die aus Lich ermordeten jüdischen Einwohner wurde 1988
vor der Marienstiftskirche ein Mahnmal aufgestellt (siehe Fotos unten).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod des Gemeindevorstehers Kaufmann Chambré 1925 und
Neubesetzung der Lehrerstelle
Artikel
in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 16. Oktober 1925: "Lich
(Oberhessen). (Tod eines Gemeindevorstehers). Der zweite Vorsteher
unserer Gemeinde, Kaufmann Chambré, ist nach einem arbeitsreichen Leben
im 74. Jahre aus dem Kreise seiner Angehörigen geschieden. Die Gemeinde
betrauerte in dem Verstorbenen einen treuen Sachwalter ihrer Interessen,
dem sie über das Grab hinaus ein treues Gedenken bewahren wird. - Seit
vielen Jahren ist die hiesige Gemeinde ohne Lehrer und Kultusbeamten
gewesen, zum Leidwesen aller derjenigen, die an religiöser Erziehung und
Erhaltung der Gemeindeinstitutionen ein lebhaftes Interesse hatten. Umso
freudiger ist es zu begrüßen, dass die Wiederbesetzung der erledigten
Stelle bald in Aussicht steht, nachdem die auf etwa 30 Familien
angewachsene Gemeinde den Beschluss gefasst hat, Lehrer Jakob Höxter,
früher an der israelitischen Volksschule in Jesberg tätig, mit den
Funktionen eines Kultusbeamten zu betrauen. Der Gewählte wegen der
bestehenden Wohnungsnot noch nicht hierher übersiedeln könnte, hat an
den hohen Feiertagen und auch am Sukkausfeste (Laubhüttenfest) bereits
zur Zufriedenheit der Gemeinde den Gottesdienst geleitet. Es ist daher
auch der dringende Wunsch aller Beteiligten, dass er bald dauernd hier
seinen Wohnsitz nehmen möchte." |
Die Geschichte von Ernst-Ludwig Chambré und seiner
Familie
(Quelle - auch des Fotos - : Artikel
der Arbeitsstelle Holocaustliteratur)
Ernst-Ludwig Chambré wurde am 4. November 1909 in Lich geboren. Er stammt aus einer jüdischen Familie, die seit dem achtzehnten Jahrhundert in Lich ansässig war. Urgroßvater Löb Chambré kam 1781 in Lich zur Welt. Großvater Karl kaufte im Jahr 1872 das Anwesen in der Unterstadt 7 und gründete ein Manufakturwaren- und Bankgeschäft, das 1919 von Ernstens Vater, Max Chambré, übernommen und weitergeführt wird. Ernstens Mutter, Emilie Chambré, kommt aus Gedern und ist an der Führung der Geschäfte beteiligt.
Ernst hat eine 1907 geborene ältere Schwester, Henriette, 1918 wird seine jüngere Schwester Anne-Marie geboren. Ernst besucht die Volksschule in Lich, besteht 1929 das Abitur am renommierten humanistischen Gymnasium in Gießen und studiert anschließend Jura in Gießen, Frankfurt und Berlin.
Bereits in den zwanziger Jahren gehören Max und Ernst Chambré dem sozialdemokratischen "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" an und versuchen, gegen den erstarkenden Antisemitismus der Nationalsozialisten anzugehen. Dadurch wird die Familie Chambré zur ‚besonderen’ Zielscheibe nationalsozialistischer Agitation. Nur eine Woche nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 führt die Licher SA einen wilden Pogrom gegen die in Ober- und Unterstadt lebenden jüdischen Familien durch. Jüdische Kaufleute werden in das berüchtigte SA-Lokal "Frankfurter Hof" geschleppt und dort misshandelt, sie sollen ‚Rechnungen quittieren’. Max Chambré trifft es besonders schlimm: SA-Männer zertrümmern ihm beide Kniescheiben und fügen ihm schwerste Kopfverletzungen zu, von denen er sich nie wieder erholen wird. Die Geschäftsbücher des Bankgeschäftes werden gestohlen. Ernst Chambré hält sich in dieser Nacht in Gießen auf – am kommenden Tag ist für ihn Examenstermin. An diesem Morgen erhält er die Nachricht von dem Pogrom, verbunden mit der Warnung, nicht nach Lich zu kommen, da er dort aufgehängt werden würde. Ernst Chambré flieht daraufhin nach Belgien. Auch die Familie bleibt nicht in Lich. Sobald Max Chambré transportfähig ist, flieht die Familie zunächst nach Kassel, dann zu Tochter Henriette, die seit 1930 verheiratet ist und in Berlin lebt. Von dort aus gehen Emilie, Max und Anne-Marie Chambré nach Belgien. Zusammen mit Ernst leben sie in Morlanwelz. Von dort aus müssen sie hilflos mitansehen, wie ihr Licher Vermögen in einem dubiosen Konkursverfahren verschleudert wird. Nach dem Novemberpogrom 1938 flieht auch Henriette mit Ehemann und beiden Töchtern nach Belgien. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Jahr 1940 kann Ernst nach Frankreich entkommen und wird dort interniert. Ihm gelingt die Flucht nach Spanien. Auch aus der dortigen Internierung kann er entkommen, er schlägt sich nach Portugal und danach nach Palästina durch. Von dort aus kann er 1947 mit seiner Ehefrau – er hat zwischenzeitlich geheiratet – in die USA auswandern.
1948 erhält er Gewissheit über das Schicksal seiner Familie: Max, Emilie und Anne-Marie Chambré sind 1942 ebenso wie Henriette und ihre beiden Töchter nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet worden. Seit 1951 hat Ernst-Ludwig Chambré vergeblich versucht, Wiedergutmachungsleistungen für das Licher Vermögen seiner Eltern zu erhalten. |
Sonstiges
Stiftspfarrer Schorlemmer in Lich zählt zu den Verehrern von Samson Raphael
Hirsch (1925)
Anmerkung: es handelt sich um den damaligen Pfarrer an der Marienstiftskirche
in Lich Paul Schorlemmer. Gemeinsam mit Friedrich Heiler war Paul Schorlemmer
Herausgeber der Zeitschrift "Hochkirche".
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Oktober 1925: "Ein
Pfarrer als Hirsch-Verehrer. In Nr. 9 der 'Hochkirche' (Monatsschrift
einer evangelischen orthodoxen Vereinigung) veröffentlicht Stiftspfarrer
Schorlemmer, Lich (Oberhessen) einen sehr beachtenswerten Aufsatz, in
dem er im Rahmen einer Besprechung der Hermann Cohenschen 'Jüdischen
Schriften' von der unantastbaren Heiligkeit der sog. 'Zeremonien' in jeder
Religion in ebenso schönen wie warmen Worten spricht. Herr Pfarrer
Schorlemmer übersendet uns das Heft mit einem Begleitschreiben, aus dem
hier einiges wiedergegeben sei: 'Ich beschäftige mich seit Jahren mit
jüdischen Studien, aber weniger mit rein historischen Problemen als
vielmehr mit dem religiösen Leben und besonders dem kultisch rituellen
Leben des Judentums der Gegenwart, einem Gebiet, das auch den
Orientalisten unter uns christlichen Theologen fast gänzlich unbekannt
ist. Da haben besonders Samson Raphael Hirsch und neuerdings Dr. N.
Birnbaum meine Liebe gewonnen. Bei ihnen, in so manchen anderen Schriften,
in der Zeitschrift 'Jeschurun' und in so manchen Ausführungen Ihres
geschätzten Blattes lese ich Ausführungen, wie das toratreue Judentum
der Gegenwart nicht nur für den Gottesglauben im allgemeinen kämpft
gegen das Heidentum, die Irreligiosität der Gegenwart, sondern im
besonderen sich an die der Offenbarung entflossenen Weisungen der Thora
bindet und Leib, Seele und Geist durchdringen lässt von der 'Heiligkeit'
und dies besonders auch im Kultus darstellt. Da sage ich als
offenbarungsgläubiger Theologe, obwohl ich mir der unüberbrückbaren inhaltlichen
Gegensätze zwischen Judentum und Christentum bewusst bleibe und sie nicht
ideenhaft verwischen will, dennoch: 'Dieses Mal ist es Gebein von
meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch' (1. Mose 2,23).
Die inhaltlichen Gegensätze will ich hier nicht formulieren und
diskutieren. Was uns beiden gemeinsam ist, ist dies: Nicht, dass wir uns
Gedanken über Gott machen, ist das Entscheidende, wie es der
rationalistische Liberalismus tut, sondern dass wir die Wege, die Gott uns
offenbart und bestimmt hat, gehen unbeirrt durch irgendwelchen
'Zeitgeist'. Und das gilt besonders auch für Kultus und Ritus. Die
heutige Zeit scheint ja dafür wieder mehr Verständnis zu haben als die
nun vergangene Epoche.' |
Zur Geschichte der Synagoge
Bereits im 18. Jahrhundert war ein Betraum beziehungsweise
eine Synagoge vorhanden. Nach Angaben bei Arnsberg waren 1781 Ritualien von der Ronneburg
in die Synagoge nach Lich gebracht worden (möglicherweise brachte solche die
Familie des Moses Löb [Chambré] von der Ronneburg mit).
1854 wurde eine Synagoge in einem zweigeschossigen Haus im heutigen
Gebäude
Charlottenburg 7 (bis zur NS-Zeit hieß die Charlottenburg Synagogenstraße) eingerichtet.
1921 erwarb die jüdische Gemeinde ein seit 1879/80 bestehendes Wohnhaus
mit Gastwirtschaft (großer Saal) in der Amtsgerichtsstraße und baute den
Saalbau zu einer großen und kleinen Synagoge um. Die Finanzierung des Umbaus war ein in der beginnenden Inflationszeit extrem schwieriges Unternehmen, da die
eingegangenen Spenden bereits nach kurzer Zeit nur noch einen Teil ihres Wertes
hatten, was auch aus dem "Aufruf" in der Zeitschrift "Der
Israelit" hervorgeht, der im Dezember 1921 erschien:
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1921:
"Aufruf! Allen gütigen Gebern, die einen Baustein zum Neubau unseres
Gotteshauses beigetragen haben herzlichen Dank. Trotzdem schon ansehnliche
Mittel eingegangen sind, reichen solche bei der jetzigen Marktentwertung
bei weitem nicht aus, das Gotteshaus beginnen zu können. Wir richten
deshalb nochmals an alle Edeldenkende die Bitte uns zu unterstützen,
damit wir das in Aussicht genommene Werk beginnen können. Der Vorstand
der israelitischen Gemeinde Lich in Oberhessen. Freundliche Spenden
erbitten auf das Postscheckkonto der Firma Carl Chambré, Lich,
Postscheckamt Frankfurt am Main 17932." |
Nach Angaben bei Altaras s.Lit. konnte
die Synagoge in Juni 1922 eingeweiht werden (ein Bericht zur
Einweihung konnte in den jüdischen Periodika noch nicht gefunden werden).
Bei dem nun zur Synagoge umgebauten Saalbau handelt es sich um einen
anderthalbgeschossigen Massivbau von quadratischem Grundriss aus gebranntem
Ziegelmauerwerk mit halbseitigem Walmdach und Schiefereindeckung. Im Inneren
wurde ein erhöhter Frauenbereich eingebaut, zu dem einige Stufen aus dem
Synagogenvorraum führten (vgl. Plan unten). Die Decke wurde traditionell blau
gestrichen und mit goldenen Sternen und einem bunten Abschluss verziert. Im
Betsaal der Männer gab es 92 Sitzplätze, im Frauenbereich 51 Sitzplätze. Im
Süden des Synagogensaals wurde ein kleinerer Saal angebaut, dessen Obergeschoss
als
Wintersynagoge verwendet wurde, da das Heizen der großen Synagoge zu
umständlich und zu teuer wurde.
Nur 16 Jahre war die Synagoge in der Amtsgerichtsstraße Mittelpunkt des
jüdischen Gemeindelebens.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von
Lichter Nationalsozialisten, insbesondere von SA-Leuten geschändet und die Einrichtungsgegenstände
zerstört. Zahlreiche Schaulustige waren zugegen, als im nahe gelegenen
Ihringschen Garten auf einem Scheiterhaufen das Mobiliar, Vorhänge, Bücher
usw. verbrannt wurden. 1940 kam die politische Gemeinde in den Besitz des Gebäudes, danach
wurde sie verschiedentlich verwendet, auch azur Unterbringung einer Flak-Einheit
und als Gefangenenlager. 1948 wurden im ehemaligen Synagogensaal
Leichtwände und Zwischendecken aus Holz eingebaut, um einige Räume für die
Stadtverwaltung zu schaffen. Die Stadtverwaltung blieb bis 1955 in dem Gebäude,
danach war es zunächst leerstehend. 1967 wurden in den Räumen des Saalbaus
eine Altentagesstätte eingerichtet. Die Räume zum Hof hin wurden 1962 bis 1983
vom Schützenverein für das Luftgewehrschießen verwendet, danach (seit 1984)
der Musikschule Lich zur Verfügung gestellt. Neue Umbaumaßnahmen standen 1986
an, in die sich das Landesdenkmalamt einschaltete. Dies führte schließlich zum
Beschluss des Gemeinderates, den ehemaligen Synagogenraum wieder herzustellen
und in als Raum für kulturelle Veranstaltungen herzurichten. Die Ausführung
dieses Planes zog sich freilich längere Zeit hin.
1995 wurde die Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung ins Leben gerufen. Ein
wichtiges Anliegen des Stifters war, die ehemalige Synagoge wieder in einen würdigen
Zustand zu bringen. Mit Hilfe der von der Stiftung gesammelten Gelder und einem
Beitrag der Stadt Lich konnte das Gebäude restauriert und am 29. Januar 2006
der Öffentlichkeit als Ort des Gedenkens, der Begegnung und der Kultur
übergeben werden. In der ehemaligen Synagoge hat die Ernst-Ludwig
Chambré-Stiftung ihren Sitz (Büro mit regelmäßigen Öffnungszeiten).
Die Geschichte der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung
(Quelle: aus einem Artikel
der Arbeitsstelle Holocaustliteratur)
| 1987 beginnen Schülerinnen und Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich damit, die Nazi-Zeit in ihrer Heimatstadt zu recherchieren. Es bleibt nicht aus, dass sie auf den Namen Ernst Chambré stoßen, ein ehemaliges Dienstmädchen der Familie Chambré erzählt Einzelheiten und vermittelt die Adresse: erste Briefe werden gewechselt, Kontakte entstehen und festigen sich, Ernst Chambré berichtet ausführlich über die Geschichte seiner Familie. Mit großem Interesse verfolgt er die Versuche, neue Wege bei der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu gehen: lokal- und regionalgeschichtliche Zugänge, Seminare in den Gedenkstätten Auschwitz und Buchenwald finden das Interesse der Jugendlichen. 1995 entschließt sich Ernst-Ludwig Chambré dazu, eine nach ihm benannte Stiftung ins Leben zu rufen, die diese Lernwege dauerhaft unterstützen soll: Der von Deutschen durchgeführte Genozid am jüdischen Volk darf nicht vergessen werden.
Die Aufgaben der Stiftung liegen vorwiegend in den Bereichen Politischer Bildung, Forschung und Publikation: Sie möchte damit einen Beitrag dazu leisten, die Erinnerung an das oberhessische Judentum, seine Geschichte, seine Vertreibung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten aufrechtzuerhalten und überdies das Erforschen der Entstehungsbedingungen und Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rassismus voranzutreiben.
Demzufolge fördert die Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung gezielt solche Unternehmungen, die der Auseinandersetzung von Jugendlichen mit der Zeit des Nationalsozialismus dienen. Ebenso gefördert und unterstützt werden kulturelle Veranstaltungen und Forschungsvorhaben, die dem Stiftungszweck dienen. |
Adresse/Standort der Synagoge: Synagoge
von 1854-1922: Charlottenburg 7; Synagoge 1922: Amtsgerichtsstraße
4
Fotos
(neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 28.3.2008)
| Die "neue"
Synagoge von 1922 |
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Rekonstruktionspläne
(Quelle: Altaras s.Lit. 1988 S. 85) |
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Grundriss des Erdgeschosses
der großen
und kleinen Synagoge sowie des ehemaligen Wohngebäudes mit
Gastwirtschaft |
Querschnitt (von Nord nach
Süd)
durch ehemalige große und
kleine Synagoge |
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Das 1879 als Wohnhaus mit
Gastwirtschaft erbaute Gebäude |
Blick auf den Saalbau, 1922
zur
Synagoge umgebaut |
Zwei Segmentbogenfenster auf
der
Westseite des Gebäudes |
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Hinweistafel auf das
"Kulturzentrum
Bezalel-Synagoge", die "Ernst-Ludwig
Chambré-Stiftung" und die das Gebäude gleichfalls nutzende
"Musikschule Lich e.V." |
Das Eingangstor |
Hinweistafel
(seit Mai 1984) mit dem
Text: "Dieses Gebäude war die Synagoge
der jüdischen Kultusgemeinde
Lich
von 1922-1938". |
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| Innenaufnahme aus www.kultur.lich.de
(Weitere Innenaufnahmen werden bei Gelegenheit eingestellt) |
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| Denkmal vor der
Marienstiftskirche |
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Das Mahnmal wurde
1988 zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms aufgestellt |
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"So spricht der Herr:
Israel ist mein
erstgeborener Sohn!" mit Davidstern |
"Wir trauern um die
jüdischen Familien
aus Lich, die während der
nationalsozialistischen
Herrschaft
vertrieben, verfolgt und ermordet wurden." |
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Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
Hinweis: im Kulturzentrum
Bezalel-Synagoge und auch sonst in der Stadt Lich finden jährlich zahlreiche
Veranstaltungen im weiten Rahmen der "Erinnerungsarbeit vor Ort"
statt.
| November 2008:
Erinnerungsgang zu jüdischen Stätten |
Artikel vom 17.11.2008 in der "Gießener Allgemeinen" - www.giessener-allgemeine.de
(Artikel)
Seit 1933 war für Juden in Lich kein gutes Leben möglich"
Lich (vh). Manche sagen zu Doris Nusko, sie solle endlich die Vergangenheit ruhen lassen. Die frühere Lehrerin an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule und Vorsitzende der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung spricht unbequeme Wahrheiten aus. Es liegt ihr viel daran zu informieren, dass judenfeindliche Stimmung in Lich nicht etwa als Auswirkung der Pogromnacht vom 9. November 1938 wie ein Blitz vom Himmel gefallen sei...". |
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| November 2009:
Lesung von Moritz Neumann, Vorsitzender der
jüdischen Gemeinde in Hessen, in der ehemaligen Synagoge |
Artikel im "Gießener Anzeiger" vom 1. Dezember 2009 (Artikel):
"Lich. Lesung in ehemaliger Synagoge beeindruckt Schüler. Autor Moritz Neumann stellte Leben seines Vaters vor - Aktiver Widerstandskämpfer - Bis zu seinem Tode für jüdische Gemeinde in Fulda engagiert.
(mpa). "Eigentlich wäre es ein Drehbuch für einen Film", meinte Dr. Klaus Konrad-Leder, Geschäftsführer der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung in seiner Begrüßungsrede zur Lesung des Autors Moritz Neumann aus dessen Buch "Im Zweifel nach Deutschland".
Der in Darmstadt lebende Journalist und Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Hessen war in das Licher Kulturzentrum Belazel-Synagoge gekommen, um Schülern aus Hungen, Hüttenberg und Wetzlar von dem Leben seines Vaters Hans Neumann zu berichten. Dies war geprägt von geradezu unglaublichen Geschichten..."
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| November 2011:
Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Gedenken
an die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 |
Artikel im "Gießener Anzeiger"
vom 26. Oktober 2011: "Vielseitiges Programm zum 9. November 1938
vorgestellt - Zusammenarbeit mit Schulen.
Lich (uhg). Die kleine Stadt Lich schafft es, jedes Jahr zwei große
Kulturprogramme auf die Beine zu stellen. Nachdem im Frühjahr wieder mit
viel Erfolg die Licher Kulturtage über die Bühne gingen, steht nun
wieder die Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938. Das engagierte und
vielseitige Programm rund um die sogenannte Reichspogromnacht stellten die
Initiatoren im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge vor..."
Link
zum Artikel |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 486-489. |
 | Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit
1945? 1988 S. 84-86. |
 | dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in
Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 70 (keine weiteren
Informationen). |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen II Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 43-45. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 320-232
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Lich
Hesse. Jews are mentioned from 1622 and numbered 71 (3 % of the total) in
1828. The Jewish population changed little up to 1933. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), the synagogue's interior was destroyed, but the building
survived. Most of the Jews had already left, with 29 emigrating; ten others were
deported in 1942.

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