Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jöhlingen (Gemeinde Walzbachtal, Kreis Karlsruhe) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)  

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Speyerer Domkapitel (Hochstift Speyer) gehörenden Jöhlingen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Erstmals wurden vermutlich um 1650 Juden aufgenommen. Der 1726 in Karlsruhe aufgenommene 52-jährige Nathan Benedict gibt als Geburtsort Jöhlingen an, wo er um 1674 geboren ist (Juden in Karlsruhe 1988 S. 516).    
   
1732 lebten 14 jüdische Einwohner am Ort.  

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 85 jüdische Einwohner (4,1 % von insgesamt 2.074 Einwohnern), höchste Zahl um 1871 bis 1875 mit jeweils 99 Personen (4,4 % von 1875 insgesamt 2.241 Einwohnern), 1900 66 (2,8 % von 2.366), 1910 46 (1,8 % von 2.509). Die jüdischen Familien lebten ursprünglich vor allem vom Viehhandel.   
 
Zu schweren Ausschreibungen kam es während der 1848er-Revolution von Seiten durch katholischen gegen die jüdischen Einwohner. 
     
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine Religionsschule (im Gebäude der Synagoge), ein rituelles Bad (im Gebäude der Synagoge) und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Bis 1858 war Lehrer Scherer einige Jahre in Jöhlingen tätig; Ende des 19. Jahrhunderts wird Lehrer Kahn genannt (siehe Berichte unten, vielleicht identisch mit dem noch 1924/1927 genannten Lehrer Isidor Kahn). Die Gemeinde wurde 1827 dem Rabbinatsbezirk Bretten zugeteilt.  
 
Um 1924, als noch 19 jüdische Einwohner gezählt wurden (in neun Familien, 0,8 % von etwa 2.500 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Adolf Wagner, Lehrer Isidor Kahn, Louis Metzger, Seligmann Klein. 1932 waren die Gemeindevorsteher weiterhin Adolf Wagner (1. Vors.), Ludwig Metzger (2. Vors.), Seligmann Klein (3. Vors.).     

Bis nach 1933 waren im Besitz jüdischer Familien die folgenden Handelsbetriebe: Lebensmittelgeschäft und Bettfedernverkauf Johanna und Sara Fried (Hauptstraße 83), Viehhandlung und Metzgerei Seligmann Klein (Hauptstraße 187), Stoff- und Möbelgeschäft Ludwig Klein (Anschrift nicht bekannt), Viehhandlung Ludwig Metzger (Bahnhofstraße 2), Handelsmann Adolf Wagner (Hauptstraße 96).    

1933 lebten noch 15 jüdischen Personen in Jöhlingen. Auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien sowie der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verließen in den folgenden Jahren mehrere von ihnen den Ort oder wanderten aus. Zwei der jüdischen Geschäfte konnten sich bis 1938 halten. Beim Novemberpogrom 1938 wurde diese allerdings von auswärtigen SA-Leuten demoliert; das Synagogengebäude wurde zerstört (siehe unten). Die letzten sieben jüdischen Bewohner Jöhlingens wurde Ende Oktober 1940 nach Gurs deportiert.     
 
Von den in Jöhlingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Johanna (Hannchen) Fried (1874), Berthold Friedrich Herbst (1888), Gertrud Herbst (1902), Blanka (Bianka) Hess geb. Simon (1885), Rosalie (Rosa) Interstein (1894), Josef Klein (1873), Max Klein (1899), Jakob Löwe (1862), Johannette Metzger geb. Selig (1856), Lazarus Ludwig Metzger (1850).           
  
Am 6. November 2008 wurden in Jöhlingen sechs "Stolpersteine" zur Erinnerung an die folgenden Personen verlegt: Bahnhofstraße 2 (Berthold Friedrich Herbst, Johannette Metzger geb. Selig, Lazarus Ludwig Metzger), Jöhlinger Straße 65 (Max Klein), Jöhlinger Straße 83 (Johanna Fried), 90 (Gertrud Herbst).
Siehe Seite "Stolpersteine Jöhlingen" im StadtWiki Karlsruhe          
  
    
  
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  

Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1872   

Joehlingen Israelit 04121872.jpg (53378 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Dezember 1872: "Bruchsal, 24. November (1872). Die Religionsschul-, Vorbeter- und Schächterstelle zu Jöhlingen, Synagogenbezirks Bretten, wird andurch mit einem Fixum von 400 Gulden, freier Wohnung und den auf 200 Gulden sich belaufenden Gefällen ausgekündigt. Geeignete Bewerber - ledigen Standes - haben in Monatsfrist ihre mit beglaubigten Zeugnisabschriften belegten Meldungen 'an die Verwaltung des Bezirks-Rabbinats Bretten in Bruchsal' franco einzusehen. L. Schleßinger, Rabbiner."   

  Zum Tod von Lehrer Scherer (1884; Lehrer in Jöhlingen bis 1858)   

Wiesloch Israelit 01121884.jpg (189746 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1884: "Wiesloch. Schon wieder ist ein guter Jehudi von hinnen gegangen. Am vergangenen Schabbat Kodesch Paraschat Toledot (= am Heiligen Schabbat mit der Toralesung Toledot, d.i. 1. Mose 25,19 - 28,9, das war am 22. November 1884( hauchte unser geliebtes Gemeindemitglied Herr Kaufmann Scherer nach achtwöchentlichem, schweren Leiden im 50. Lebensjahr seine edle Seele aus. Ein Leichenbegängnis, wie die hiesige Stadt noch selten ein solches gesehen, lieferte den Beweis, in welch hoher Achtung und Beliebtheit der Verstorbene stand, sowohl bei seinen Glaubensgenossen von hier und der Umgegend, als auch bei der politischen Gemeinde; denn seinem Sarge folgten alle Konfessionen, alle Stände hiesiger Stadt waren vertreten und von auswärts kamen Viele, um ihrem Freunde die letzte Ehre zu erweisen. Am Grabe wusste Herr Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher aus Bruchsal, gestützt auf die ersten Verse der Sidra Wajeze (sc. Wajeze war die Toralesung am Schabbat, 29. November 1884), in meisterhafter Rede das Leben des Dahingeschiedenen zu schildern und den Hinterbliebenen Worte des Trostes zu spenden.    

 
Lehrer Kahn reicht eine Arbeit zur Besprechung auf der Lehrerkonferenz der Israelitischen Religionslehrer im Bezirk in Bretten ein (1897)  

Bretten Israelit 16091897.gif (69065 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1897: "Aus dem Bezirksrabbinate Bretten. Unter dem Vorsitze des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Schleßinger fand am verflossenen Sonntag die amtliche Konferenz der Religionslehrer des Rabbinats in Bretten statt. Nachdem der Vorsitzende die Anwesenden in passenden Worten begrüßt hatte und die Herren Eichstetter in Eppingen und Geismar in Gemmingen zu Sekretären ernannt worden waren, ging man zur Verhandlung der Tagesordnung 'Unterricht im Gebetübersetzen der oberen Schuljahre' über. Die Reihenfolge der Besprechung der vier eingelaufenen Arbeiten der Herren Liberles - Grötzingen, Kahn - Jöhlingen, Eichstetter - Eppingen und Rothschild - Bretten wurde durch das Los bestimmt. Diese ausführlichen Arbeiten, welche den Stoff (bis im günstigsten Falle die Durchnahme des ganzen Gebetbuches) und die verschiedenen Methoden des Unterrichts behandelten, wurden als gut anerkannt. Die wenigen Einsprachen einer vom Vortrage abweichenden Methode wurde durch gegenseitige Auseinandersetzungen gehoben. Eine längere Verhandlung nahm die Sache in Anspruch, ob vor oder nach dem Übersetzen eine sachliche Erklärung des Stückes vorzunehmen sei. Die Mehrzahl entschied sich für das Erstere. Während der Konferenz zeigte sich wieder neuerdings, wie sehr Herr Rabbiner Schleßinger mit pädagogischem und didaktischem Wissen gebildet ist. Gemeindevorsteher und Synodalmitglied Herr Herzberger, welcher den Verhandlungen von Anfand bis Ende beigewohnt hat, bat die Lehrer, schon bei den Kindern auf Handhabung der so notwendigen Synagogenordnung hinzusehen, damit die Jugend schon daran gewöhnt werde. Zum Schlusse legte der Bibliothekar, Herr Eichstetter - Eppingen Rechenschaftsbericht über die gegründete Lehrerbibliothek ab. Man schied mit dem Bewusststein, durch den kollegialischen Gedankenaustausch wieder Vieles gelernt zu haben."    

   
Lehrer Isidor Kahn wird Ehrenmitglied in der örtlichen Feuerwehr (1927)  

Joehlingen CV Ztg 09091927.jpg (21060 Byte)Mitteilung in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 9. September 1927: "Die Freiwillige Feuerwehr in Jöhlingen (Baden) hat unser Mitglied, den Lehrer und Kantor Isidor Kahn zum Ehrenmitglied ernannt."  

   
    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Unteroffizier Louis Kahn erhält das Eiserne Kreuz (1916)    

Joehlingen FrfIsrFambl 26051916.jpg (11524 Byte)Mitteilung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Mai 1916: "Jöhlingen (Baden). Unteroffizier Louis Kahn, Sohn des Religionslehrers Isidor Kahn, erhielt das Eiserne Kreuz."  

    
 Anzeigen des Manufakturwarengeschäftes von Julius Löwe (1897 / 1900)    

Joehlingen Israelit 30121897.jpg (53153 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Dezember 1897: "Für mein am Sabbat und Feiertage geschlossenes Manufakturwaren-Geschäft Detail suche per sofort eine jüngere Ladnerin. Nur solche Bewerberin, die eine schöne Handschrift hat und der einfachen Buchführung mächtig ist, wird berücksichtigt. 
Offerten mit Salair-Angabe bei freier Station. 
Julius Löwe
, Jöhlingen (Baden)."   
    
Joehlingen Israelit 12111900.jpg (49820 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1900: "Für mein Manufakturwaren-Geschäft Detail suche per sofort einen jüngeren Commis zu engagieren. Branchekundige Bewerber, welche auf eine dauernde Stellung reflektieren, belieben Offerten mit Angabe der seitherigen Tätigkeit und Salairansprüche bei freier Station zu richten an Julius Löwe, Jöhlingen, Baden."  

   
   
  

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Im 18./19. Jahrhundert (vor 1802) wurde eine Synagoge erbaut. Leider konnten bis heute noch keine Quellen zur Baugeschichte der Synagoge aufgefunden werden. 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine Synagogenordnung erarbeitet. 1855 wurde sie von den Behörden genehmigt. Die Einhaltung der Bestimmungen sollte die "Feierlichkeit während des Gottesdienstes" gewährleisten. Die fünf darin formulierten Vorschriften lassen auf gewisse Schwierigkeiten mit einzelnen Gemeindegliedern schließen: 1. Jeder verheiratete Mann muss zu den Gottesdiensten "anständig gekleidet mit keiner anderen Kopfbedeckung als mit Hut" erscheinen. 2. Die Gemeinde darf sowohl an Wochen- als auch an Schabbat- und Festtagen "nur leise mitbeten". 3. "Es darf niemand, selbst kein Unverheirateter mit einer Kappe zur Tora aufgerufen werden". 4. Während der Vorlesung der Tora "soll niemand außer bejahrten Leuten das Hinausgehen aus der Synagoge gestattet sein". 5. "Das Küssen der Tora, insofern man es nicht unverrückt von seinem Platz aus tun kann, ist untersagt". Die Jöhlinger Synagogenordnung wurde vom damaligen Rabbinatsverwalter Moses Dreyfus in Bretten bestätigt.   
       
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von einem von auswärts kommenden Rollkommando demoliert. Das Gebäude wurde in den 1950er Jahren abgebrochen, das Grundstück verkauft. Das Anwesen ist mit einem Geschäfts- und Wohnhaus neu bebaut (Grundstück Friedrichstraße 4; die Friedrichstraße hieß noch 1933 "Synagogenstraße", 1933-45 "Stürmerstraße"). Eine Gedenktafel gegenüber dem Synagogengrundstück erinnert an die Geschichte des Gotteshauses.  
   

  
Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite


Fotos nach 1945/Gegenwart:   

Die Ruine der Synagoge vor der Beseitigung in den 1950er-Jahren
(Foto: privat, Jöhlingen)
Joehlingen Synagoge 140.jpg (85081 Byte)   
       
        
Foto um 1965
(Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart)
Joehlingen Synagoge 100.jpg (66965 Byte)  
  Das leerstehende Synagogengrundstück  
       
Fotos um 1985:
(Foto: Hahn)
Joehlingen Synagoge 010.jpg (74934 Byte)   
Das Synagogengrundstück ist inzwischen mit einem Wohn- und Geschäftshaus überbaut - es sind keine Spuren mehr vorhanden
   
Fotos 2003/04:
(Foto der Gedenktafel: M. Fischer; andere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 9.5.2004) 
 
Joehlingen Synagoge 009.jpg (63823 Byte) Joehlingen Synagoge 281.jpg (43462 Byte) Joehlingen Synagoge 280.jpg (49861 Byte)
Gedenktafel für die ehemalige Synagoge gegenüber dem Standort  Die im Bereich des Synagogengrundstückes erbauten Häuser: Friedrichstraße 4 (links), Friedrichstraße 2 (rechts)
   

   
     

Links und Literatur

Links:

Website der Gemeinde Walzbachtal

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 142-143.
Jürgen Stude: Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe. 1990.
Jürgen Protz: Die jüdische Gemeinde von Jöhlingen, unveröffentlichtes Manuskript o.J. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 358-359.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
  

  

    
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Joehlingen Baden.  The first Jewish settlers arrived in the first half of the 18th century. Jewish homes were attacked in the rioting during the 1848 revolutions. The Jewish population reached a peak of 99 (total 2,241) in 1875, then dropped rapidly, numbering 12 in 1933. Four emigrated to the U.S. and one to France in 1933-39. On Kristallnacht (9-10 November 1938) the synagogue was vandalized and on 22 October 1940 the last six Jews were deported to the Gurs concentration camp, where all perished.   
    

   

                   
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Stand: 08. Dezember 2011