Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

   
Zurück zur Übersicht: "Jüdische Friedhöfe in der Region"
Zurück zur Übersicht: "Jüdische Friedhöfe in Sachsen-Anhalt"     
    

Coswig (Anhalt) (Kreis Wittenberg) 
Jüdischer Friedhof / Jüdische Geschichte
mit einigen Texten aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts zur jüdischen Geschichte in Coswig
  

Übersicht:  

bullet Zur Geschichte des jüdischen Friedhofes in Coswig  
bulletLage des Friedhofes 
bulletFotos  
bullet Texte zur jüdischen Geschichte in Coswig in jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts 
-   Allgemeine Artikel  
-   Erinnerung an den Philosoph Hermann Cohen  
bullet Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
bulletLinks und Literatur     

    

Zur Geschichte des jüdischen Friedhofes in Coswig            
    
Fürst Friedrich August von Zerbst erlaubte im Jahre 1774 die Ansiedlung von Juden in den Städten Zerbst und Coswig und auch in dem Dorf Großmühlingen.
 
Der jüdische Friedhof in Coswig wurde im Jahr 1800 angelegt (vgl. Artikel von 1925). Entsprechend beginnt auch das erste Sterberegister mit einer Beisetzung im Jahr 1800. 1843 wurde eine Friedhofshalle (Taharahaus) erbaut.
   
Der Friedhof wurde in der NS-Zeit 1938 bis 1940 zerstört und eingeebnet. Die Grabsteine wurden an örtliche Steinmetzen verkauft. 
    
Nach 1945 wurde das Grundstück des Friedhofes als Gedenkort hergerichtet. Eine Hinweistafel ist seit DDR-Zeiten vorhanden (siehe Foto unten). Das Grundstück wird von der Stadt gepflegt. Der Friedhof steht unter Denkmalschutz. Es sind nur noch drei Grabsteine erhalten, zwei davon für Mitglieder der Familien Steinthal und Blumenthal.     
      
      
     
Lage des Friedhofes    
        
 
Der Friedhof liegt östlich der Stadt beim städtischen Friedhof (Heidestraße/Wittenberger Straße), an der Heidestraße (Heidestraße 20/22).            

   

Lage des (jüdischen) Friedhofes in Coswig auf dem dortigen Stadtplan: links anklicken 
und über das Verzeichnis der "Behörden und öffentl. Einrichtungen" zu "Friedhof, Coswig". 

Link zu den Google-Maps:  
  
    
   

    
Fotos
 
(Fotos: Stefan Haas, Aufnahmen vom November 2025; vgl. https://www.blitzlichtkabinett.de/friedhöfe/friedhöfe-in-sachsen-anhalt/)   

     
 Eingangstor  Davidstern des Eingangstores  Blick über den in der NS-Zeit zerstörten Friedhof
     
     
Die erhaltenen Grabsteine mit der Hinweistafel (links unten): "Jüdischer Friedhof Coswig. Durch Naziterror zerstört.
Von der Deutschen Demokratischen Republik wieder würdig hergestellt."  
     
       
 Hinweistafel
mit Text (s.o.)
 Grabstein für "Eduard Steinthal, Herzoglicher Commissionsrath, geb. 10. Dezember 1824, gest. 20. Juli 1897, und Emma Steinthal geb. Rosenberg, geb. 5. November 1836, gest. 4. April 1898" 
     
     
   Hebräische Inschrift des Grabsteines Steinthal für "Jechiel ben Israel" und "Ester bat Elieser" (religiöse Namen des Ehepaares Steinthal)  

   
  
Texte zur jüdischen Geschichte in Coswig aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts  
 
Allgemeine Artikel     
Über das jüdische Leben in Coswig als Heimat von Hermann Cohen (1918) 
 

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Mai 1918: "Aus Hermann Cohens Heimat.
Von Sanitätsrat Dr. Steinthal. Zwischen Wittenberg, der Wirkungsstätte Martin Luthers, und dem Geburtsort Moses Mendelssohns, Dessau, ungefähr gleich weit von beiden entfernt liegt an der Elbe Strand das Städtchen Coswig in Anhalt, in welchem Cohen am 4. Juli 1842 geboren wurde. Coswig gehörte bis zum Jahre 1863 zum Herzogtum Anhalt-Bernburg. Bis dahin gab es nämlich drei anhaltische Herzogtümer: Dessau, Cöthen, Bernburg. Die letzten beiden Linien waren ziemlich frühzeitig ausgestorben, nachdem die Fürsten von Zerbst, eine vierte Linie, aus welcher die berühmte Kaiserin Katharina von Rußland hervorgegangen war, schon viel früher aus Mangel an Nachkommenschaft der Vergessenheit anheimgefallen waren. Die letzten Sprossen dieser Zerbster Fürsten, zwei Prinzessinnen, bewohnten am Anfang des vorigen Jahrhunderts das Schloss zu Coswig und hielten mit den dortigen Juden gute Nachbarschaft. So ließen sie, als im Hause eines derselben eine Feuersbrunst ausgebrochen war, die Sabbatleuchter und andere wertvolle Dinge abholen, damit sie nicht verbrennen sollten. Diese Prinzessinnen bildeten in ihrer Judenfreundlichkeit keine Ausnahme unter den anhaltischen Fürstengeschlechtern. Im Gegenteil, alle Fürsten standen dort auf gutem Fuße mit ihren Juden, für die sie wie für die anderen Untertanen väterlich sorgten. So hat der Herzog Franz, der Schöpfer des weltberühmten Parkes Wörlitz, den man von Coswig aus in einer knappen Wegstunde erreicht, mitten im Park eine stilvolle Synagoge errichtet, die leider heute unbenutzt dasteht, weil auch die Juden in Wörlitz von der Landflucht gepackt wurden und in die großen Städte verzogen.
Diese fürstliche Freundlichkeit den Juden gegenüber war aber eine rein persönliche, keine sozusagen staatsrechtliche. Denn jede anhaltische Regierung der drei Herzogtümer wachte streng darüber, dass ihre 'Schutzjuden' nicht über die Grenze schielten. So war z.B. nicht erlaubt, dass ein Jude aus Gröbzig, das zu Anhalt-Cöthen gehörte, sich in Coswig (Anhalt-Bernburg) niederließ. Und als der Fall eintrat, dass ein junger Mann aus Gröbzig sich in die einzige Tochter eines Coswiger Juden verliebte und in dessen Geschäft hineinheiraten wollte, verweigerte die Bernburger Regierung lange die Genehmigung, die schließlich erst vom Herzog erteilt wurde, als der Coswiger Arzt ein Attest ausstellte, dass die verliebte Jungfrau E.H. gemütskrank werden würde, wenn sie den jungen J.St. aus Gröbzig nicht heiraten dürfte.
Von Wörlitz gelangt man in einer zweiten Wegstunde nach Oranienbaum, einem bescheidenen Residenzstädtchen der Dessauer Fürsten. Hier wurde Hermann Cohens Mutter geboren, hier amtierte sein Vater zehn Jahre als Lehrer, hier wurde das Ehebündnis zwischen beiden geschlossen, welches nach zwölfjährigem Bestehen durch die Geburt des einzig gebliebenen Kindes gesegnet wurde.
Der Vater war von Fraustadt nach Anhalt gekommen, hatte eine Jeschiwah besucht und war in profanen Wissenschaften ein Autodidakt. Er hatte diese aber so gründlich betrieben, dass er französischen Unterricht ebensogut erteilte wie hebräischen, und deutschen, dass er le guide des égarés ebenso flott las wie den More newuchi (Das Hauptwerk des Maimonides). Cohens Vater war geradezu ein pädagogisches Genie. Seine Schüler und Schülerinnen, welche zwei Generationen umfassten, liebten ihn und freuten sich von einer Unterrichtsstunde auf die andere. Sie schloss sich im Sommer, wo der Schulunterricht von 7 bis 11 Uhr dauerte, unmittelbar an diesen in dem Gemeindehause, das auch Cohens Geburtshaus war, an. Die Schüler waren nie zu müde, die Temperatur war nie zu hoch für eine fünfte Stunde. Dass hier alle etwas lernten, kann nicht Erstaunen erregen. Selbst die Unbegabten konnten, wenn sie mit vierzehn Jahren die Schule verließen, die wichtigsten Gebete übersetzen. Die anderen übersetzten den Pentateuch, einige andere biblische Bücher, einige bevorzugte Bibelerklärungen, Schulchan aruch usw. und der Schreiber dieser Zeilen durfte als Belohnung für besonderen Fleiß den Robinson Crusoe hebräisch lesen. Die Schülerinnen mussten die Offenbarungsgeschichte aus dem 2. Buch Mose übersetzen lernen. Alle ohne Ausnahme lernten hebräische Grammatik vom Anfang des Unterrichts an, was den Unterricht ganz besonders interessant gestaltete. Man lernte die unregelmäßigen Zeitwörter so selbstverständlich wie die französischen und später die griechischen. Der Lehrer legte das Hauptgewicht darauf, dass der Schüler in jedem Worte die Wurzel erkannte.
Gerson Cohen, der Vater des großen Philosophen, lehrte aber nicht nur fleißig, sondern er 'lernte' noch viel mehr. Wenn man ihn nicht in einem großen Folianten vertieft fand, so war er mit einem deutschen Klassiker oder einem natur­
wissenschaftlichen Buche 'beschäftigt. Er war in politischer Beziehung Demokrat, las die 'Berliner Volkszeitung', die 'Waage' von Guido Weiß. Er war aber auch Sozialist: Sein Dienstmädchen musste am Familientische die Mahlzeiten mit einnehmen. Endlich war er Patriot. Im Jahre 1870 ging er trotz seiner großen Frömmigkeit an dem bei Beginn des Krieges abgehaltenen Bettag in die evangelische Kirche, da für die nur noch wenigen jüdischen Familien in der Synagoge kein Gottesdienst abgehalten werden konnte. Er war in der Stadt hoch angesehen, wurde von den christlichen Lehrern und Geistlichen als Kollege angesprochen und war wegen seines tiefen Wissens von ihnen sehr geschätzt. Als er 1876 zum Sohne nach Marburg zog, wollten ihn die Stadtverordneten zum Ehrenbürger ernennen; ein einziges Mitglied der Versammlung stimmte dagegen, ein Mann, dessen Sohn beim Studium Schiffbruch gelitten hatte und der es nicht verwinden konnte, dass des anderen Sohn von Stufe zu Stufe stieg.
Als Vorbeter wirkte der alte Cohen ergreifend auf die Gemüter seiner Gemeinde, sein Gesang war ohne Schnörkel, seine Aussprache deutlich, er hetzte nicht beim Gottesdienst, jeder konnte folgen, er stand vor Gott wie ein wahrer 'Ab­gesandter der Gemeinde'.
Der regelmäßige Sabbatgottesdienst in der hübschen, im Jahre 1800 erbauten und 1843 erneuerten Synagoge zu Coswig hörte in der Mitte der sechziger Jahre auf, das Minjan war knapper und knapper geworden, war selbst bei Jahrzeiten nicht mehr zu beschaffen; zu den hohen Feiertagen mussten Minjanleute von auswärts verschrieben werden. Da brachte der Deutsch-Französische Krieg noch einmal Leben in unser altes Gotteshaus. Am Bußsabbat des Jahres 1870 zogen von Wittenberg etwa 700 französische Gefangene in das schon längst nicht mehr bewohnte Schloss zu Coswig, das 1866 als Lazarett benutzt war, ein. Unter ihnen war eine ganze Anzahl Glaubensgenossen. Diesen wurde schon am bald folgenden Versöhnungstage gestattet, in Begleitung eines deutschen Unteroffiziers die Synagoge zu besuchen, und zum ersten Mal konnte nach langer Zeit wieder am Laubhüttenfeste Gottesdienst abgehalten werden. Die wenigen Gemeindemitglieder brauchten zur Jahrzeit nicht zu verreisen, um Kaddisch sagen zu können. Selbstverständlich wurde den Gefangenen zu den Feiertagen auch koscheres Essen nach dem Schloss geschickt. Später durften sie allein ausgehen und Einladungen zu Tisch annehmen. Die zwanzig französischen gefangenen Offiziere, die mitgekommen waren, hatten sich in der Stadt möblierte Zimmer gemietet und waren in ihrer Bewegung vollkommen unbehindert. Wie weit sind wir doch in der Kultur zurückgekommen!
Nach dem Kriege siedelten sich wieder in Wittenberg Juden an, wo es ihnen jahrhundertelang verboten war zu wohnen. Sie kamen regelmäßig vor den beiden Hauptfesten zur Teilnahme am Gottesdienst nach Coswig, sodass die kleine Synagoge wieder gut besucht war.
Hermann Cohens Vater war inzwischen ins Greisenalter eingetreten, hatte einige sehr schwere Krankheiten Überstunden und bedurfte der Schonung. Da trat der Sohn zu seiner Unterstützung ein; zuerst übernahm er nur das Mussaf-Gebet, zuletzt auch das Neilah-Gebet. Schachariß und Mincha hatte von jeher ein anderer vorgebetet. Es wird wohl in der ganzen Welt keine jüdische Gemeinde geben, die sich rühmen kann, diese herrlichsten aller Gebete von einem ordentlichen Professor der Philosophie haben vortragen zu hören. Hermann Cohen besaß neben seiner schönen Stimme und seinem angeborenen, aber im Hause seiner Schwiegereltern noch verfeinerten musikalischen Gefühl eine tiefe Religiosität. Er erlebte selbst die Versöhnung und ließ sie durch seinen Vortrag seine Zuhörer miterleben.
Als ordentlicher Professor hat er freilich nur einmal dieses heilige Amt verrichtet. Denn bald, nachdem er sein höchstes Ziel erreicht hatte, ließ er den Vater zu sich nach Marburg übersiedeln. Die Würde des letzten hatte keiner treffender charakterisiert als der bekannte Marburger Kliniker, der Cohen befreundete Professor Mannkopf. Er sagte einmal: 'Wenn man von Ihrem Vater gegrüßt wird, so ist das ein Gefühl, als ob man gesegnet wird.'
So mögen auch wir gesegnet sein, indem wir die Manen des Mannes noch einmal grüßen, welchen Ludwig Geiger 'die Seele und das Gewissen des Judentums' genannt hat."  

    
125-jähriges Bestehen der Synagoge in Coswig (1925
)   
Anmerkung: am Standort der ehemaligen, 1939 abgerissenen Synagoge gibt es seit 2001 eine Gedenktafel (Foto siehe unten)             

Artikel im "Israelitischen Familienblatt" vom 19. November 1925: "Coswig. (125jähriges Bestehen der Synagoge.) Vor 125 Jahren im November weihten die Juden in Coswig ihre im Jahre 1800 in der Domstraße daselbst erbaute Synagoge ein. Bis dahin hatten sie ihre Feste in Wörlitz in dem 1787 durch den Fürsten Franz erbauten, dicht am See gelegenen Tempel in Gemeinschaft mit den Wörlitzer und Oranienbaumer Glaubensgenossen gefeiert. In der Domstraße befand sich bis zum Jahre 1876 auch eine jüdische Schule, deren Leiter in den Jahren 1845 bis 1876 der Vater des berühmten Kantforschers Professor Hermann Cohen in Marburg (gest. 1918) war. Seit dem Jahre 1800 haben die Juden, die seit 1777 in Coswig ansässig sind, auch ihren besonderen Begräbnisplatz. 1788 zählte die israelitische Gemeinde 34 Köpfe, in den Jahren 1830 bis 1860 60 bis 70. 1905 nur noch 12 Köpfe. Im Laufe der letzten 50 Jahre waren langjährige Vorstandsmitglieder der Gemeinde der Tuchfabrikant Theodor Tobias, der Bankier Bernhard Blumenthal und der Kaufmann Eduard Steinthal."
 
Gedenktafel am Synagogenstandort (seit 2001; Foto aus Wikimedia commons) 
Aus dem Beitrag von Bernd G. Ulbrich: Die Zerstörung der Synagogen in Anhalt, November 1938: "Die Synagoge in Coswig, ein schlichter Fachwerkbau mit Walmdach, wurde im Jahre 1800 in der Domstraße errichtet. Bei einem Umbau wurden 1904 zwei der Außenwände in Massivbauweise ersetzt und ein Vorraum angefügt. Im Innenraum gab es im Westteil eine von zwei Säulen getragene Frauenempore. Die Bima befand sich zentral in der Mitte des Raumes, was auf die orthodoxe Ausrichtung der Gemeinde hinwies. Hier wirkte als Kantor Gerson Cohen, der wegen seiner Beliebtheit auch unter den nicht-jüdischen Einwohnern fast Ehrenbürger der Stadt geworden wäre. Sein Sohn Hermann Cohen (1842-1918), einer der großen deutsch-jüdischen Philosophen seiner Epoche, vertrat den Vater gelegentlich beim Lesen der Tora. Die jüdische Gemeinde bestand nur aus wenigen Familien – 1824 werden 11 Familien erwähnt -, maximal aus 60 bis 70 Personen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Gemeindemitglieder beständig ab. 1933 lebten, der anhaltischen Volkszählung vom 16. Juni d. J. zufolge, nur noch neun Juden in der Stadt.
Im Novemberpogrom wurde in Coswig das Warenhaus von Max Maerker in der Friederikenstraße, nachdem ein Jugendlicher das Schaufenster mit einer Eisenstange eingeschlagen hatte, vollständig geplündert. Max Maerker soll noch im gleichen Jahr verstorben, seine seitdem die Öffentlichkeit ängstlich meidende Schwester soll 1939/40
verhaftet worden sein. Die Witwe Herta Heimann verzog aus Coswig, fand in Berlin Unterschlupf und überlebte die NS-Zeit. Der wegen 'Rassenschande' inhaftierte Heinz Rheinhold, Direktor der Coswiger Kieselgurwerke, wurde 1942 deportiert und umgebracht.
Der jüdische Friedhof des Ortes wurde 1938-1940 fast vollständig zerstört; die Grabsteine wurden zerschlagen oder von ortsansässigen Steinmetzen entwendet. Die bis etwa 1928 für Gottesdienste genutzte Synagoge wurde im Pogrom verwüstet. Jugendliche versuchten, im Gebäude Heu und Stroh anzuzünden, was jedoch nicht gelang. Die Eingangspforte zum Grundstück wurde daraufhin mit einer Kette verschlossen. Das Gebäude wurde 1939 abgetragen, nachdem die Coswiger Stadtverwaltung, nach Verhandlungen mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Dessau, das Grundstück übernommen hatte. 1950 wechselte das Grundstück, gemäß Befehl 82/1948 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, in den Besitz des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt. Seit dem 4. Juli 2001, Hermann Cohens Geburtstag, befindet sich an dieser Stelle eine Gedenktafel.
"  

    
    
Erinnerungen an den Philosoph Hermann Cohen 
Vermächtnis von
Hermann Cohen an seine Geburtsstadt (1918)              

Mitteilung in der Zeitschrift "Der Gemeindebote" vom 30. August 1918: "Aus Coswig wird geschrieben: Der im Frühjahr verstorbene Geh. Rat Professor Dr. Cohen, der hier in einem Hause der Domstraße geboren ist und in Coswig die Elementarschule besucht hat, hat der Stadt ein nach dem Tode seiner Gattin auszuzahlendes Legat von 10.000 Mark ausgesetzt, dessen Zinsen als Stipendien an studierende Kinder von Arbeitern oder Lehrern gezahlt werden sollen."


Am Geburtshaus von Hermann Cohen wird eine Gedenkinschrift angebracht (1929)              

Artikel in der Zeitschrift "Aus alter und neuer Zeit" vom 14. Februar 1929: "AUS ALLER WELT. Ehrung des Andenkens Hermann Cohens.
Das kleine anhaltinische Städtchen Coswig hat das Andenken seines großen Sohnes Hermann Cohen dadurch geehrt, dass es an seinem Geburtshause eine Gedenkinschrift anbringen ließ. Hermann Cohen, der große jüdische Philosoph, der, fast 76 Jahre alt, 1918 starb, war bekanntlich der Begründer des Neukantianismus, der sog. 'Marburger Schule'. Im Alter verfasste er ein Bekenntniswerk: 'Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.'
Foto: Das Geburtshaus Hermann Cohens in Coswig mit der jüngst angebrachten Gedenkinschrift.
"
 
Foto links aus Wikimedia Commons: Gedenktafel in der Domstraße an das Haus von Familie Cohen mit der Inschrift: "Hermann COHEN, jüdischer Philosoph, wurde hier am 4. Juli 1842 geboren. Seine Mutter war Friederike geb. Salomon, sein Vater Gerson Cohen, Lehrer und Vorsänder der jüdischen Gemeinde in Coswig. Das Geburtshaus Cohens wurde 1982 abgerissen. Die Coswiger Synagoge stand ebenfalls hier in der Domstraße, dort wo heute die Gedenktafel zu sehen ist. Sie wurde 1939 abgerissen. 
Prof. Dr. Hermann Cohen lehrte an der Universität Marburg und gilt als herausragender Vertreter des Neu-Kantianismus und des Ethischen Sozialismus und damit als Begründer der 'Marburger Schule'.
"

 
I
m Rathaussaal in Coswig wird mit einer Gedenktafel an Hermann Cohen erinnert (1930)              

Artikel in der Zeitschrift "Aus alter und neuer Zeit" vom 4. März 1930: "AUS ALLER WELT.
Eine Hermann-Cohen-Plakette hat die Stadt Coswig im Anhalt schaffen und im Sitzungssaal ihres Rathauses anbringen lassen. Das in Bronze ausgeführte Kopfbild ist ein Werk des in Coswig lebenden Bildhauers Otto Illemann. Die Plakette darf als ein Symbol dafür aufgefasst werden, dass der überragende jüdische Philosoph auch mit seinen jüdischen Werken Menschheitswerte geschaffen hat, auf welche die Welt seiner weiteren und engeren nichtjüdischen Heimat stolz ist.
Foto: Hermann Cohen-Plakette mit Text: Hermann Cohen - Erneuerer der Idee im Sinne Platons und Kants. Professor der Philosophie an der Universität Marburg 1872-1912. Geb. 4.7.1842 in Coswig - Gest. 4.4.1918 in Berlin.
"
 
Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins" vom 11. Oktober 1929: "Eine Ehrung für Hermann Cohen
Das kleine Anhalt hat dem deutschen Judentum einige seiner größten Söhne geschenkt. Kaum sind die Feiern, die der Freistaat Anhalt und die Vaterstadt Dessau Moses Mendelssohn bereiteten, verklungen, da kommt wieder aus Anhalt die Kunde von einer eindrucksvollen Feier, durch welche die Elbestadt Coswig das Gedächtnis ihres Sohnes Hermann Cohen ehrte.
Hermann Cohen, der bekannte Kant-Forscher und Begründer der Marburger Philosophenschule, wurde am 4. Juli 1842 in Coswig geboren. An seinem Geburtshaus in der Domstraße hat die Stadt eine Inschrift anbringen lassen und jetzt auch eine Gedenktafel im Rathaus eingeweiht. Die Enthüllung würde von einer kleinen Gedächtnisfeier begleitet, in der Bürgermeister Liethschmidt der Verdienste Hermann Cohens gedachte und besonders daran erinnerte, dass er der Stadt Coswig ein Vermächtnis hinterlassen hatte, aus dessen Erträgnis Zuwendungen an Arbeiter- und Lehrerkinder ohne Unterschied der Konfession zu Studienzwecken erfolgen sollen. Weiter sprachen Professor Lewandowski (Berlin), Professor Lewin als Mitglied der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die Cohens Bedeutung als Forscher und Philosoph würdigten. Die stimmungsvolle Feier, an der außer dem Magistrat und der Mehrzahl der Stadtverordneten ein großer Teil der nichtjüdischen und jüdischen Bevölkerung teilgenommen hatten, endete mit einem Dank des Bürgermeisters an alle Mitwirkenden und der Übernahme der Gedenktafel in Obhut und Schutz der Stadt Coswig." 

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

Dezember 2013: Verlegung von Stolpersteinen in Coswig, Berliner Straße 4 vor dem letzten Wohnort der Familie Rheinhold   
Bericht über die Stolperstein-Initiative in Coswig in https://www.coswigonline.de/de/coswiger-koepfe/stolpersteine-in-der-berliner-str-4-familie-rheinhold.html:  
"Stolpersteine in der Berliner Str. 4, Familie Rheinhold - Zur Erinnerung an die jüdische Familie Rheinhold in der Stadt Coswig (Anhalt)

Im Jahr 2012 erforschte eine Schülergruppe der Klasse 11c des Lucas-Cranach-Gymnasiums der Lutherstadt-Wittenberg unter der Leitung der Lehrerin, Frau Ruhmer das Leben der Juden in Coswig. Mit einem Vortrag und einer Ausstellung wurden die Ergebnisse der Arbeit präsentiert, später dann auch im Coswiger Museum und im Simonettihaus. Die Jugendlichen haben im Ergebnis ihrer Forschungen dem Stadtrat vorgeschlagen, Stolpersteine für die Familie Rheinhold in der Berliner Straße 4 zu verlegen. Der Stadtrat stimmte dem zu, und die Stadtverwaltung nahm Kontakt auf zum Konzeptkünstler, Gunter Demnig. Dieser ist der Urheber des Projektes Stolpersteine, die als Mahnzeichen zu verstehen sind, mit denen an das Schicksal der Menschen erinnert wird, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, deportiert oder vertrieben wurden.
Am 3. Dezember 2013 wurde für die in der Nazizeit aus Coswig vertriebene Familie Rheinhold fünf Stolpersteine verlegt - vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort in der Berliner Str. 4.
Hier die Texte auf den Steinen: 
Hier wohnte Heinz Rheinhold geb. 1894   1938 verhaftet und in des Coswiger Zuchthaus eingeliefert 1942 – deportiert Richtung Osten und ermordet
Hier wohnte Eva Reinhold (geb. Rüdenberg)  nach Verhaftung des Gatten nach England geflohen  1978 verstorben
Hier wohnte Peter Rheinhold geb. 1924  nach Verhaftung des Vaters nach England geflohen  – weiteres Schicksal unbekannt
Hier wohnte Marianne Rheinhold geb. 1926  nach Verhaftung des Vaters nach England geflohen – weiteres Schicksal unbekannt
Hier wohnte Werner Rheinhold geb. 1935 nach Verhaftung des Vaters nach England geflohen – weiteres Schicksal unbekannt

Der Künstler, Gunter Demnig hat in Coswig persönlich das Verlegen der Stolpersteine vorgenommen. Dies wurde von der Bürgermeisterin, Frau Berlin, und den Schülern der Klasse 11c des Lucas-Cranach-Gymnasiums auch inhaltlich begleitet. Mit Kurzbiografien, Rezitationen und einer musikalischen Begleitung umrahmen die Schüler diesen Festakt als Höhepunkt ihrer Forschungsarbeit zur Geschichte der Zeit des Nationalsozialismus in Coswig (Anhalt).
Familie Rheinhold: Heinz Rheinhold, geboren am 5. Juni 1894 in Celle, übernahm nach einer Ausbildung zum Kaufmann das Korksteinwerk seiner Familie in Coswig. Am 2. Februar 1938 wurde Rheinhold vom Landgericht Dessau zu fünf Jahren Zuchthaus wegen 'Rassenschande' verurteilt und einen Monat später in das Coswiger Zuchthaus eingeliefert. Im Juli 1942 wurde Rheinhold der Gestapoleitstelle Magdeburg zugeführt, danach verliert sich seine Spur. Er wurde später für tot erklärt. Den drei Kindern und ihre Mutter, Eva Reinhold, gelang die Flucht aus Coswig. Sie kamen mit einem Kindertransport nach England.
Die Schülergruppe von 2012: Die Initiative ist von Coswiger Jugendlichen ausgegangen, die das Gymnasium in Wittenberg besuchten. Sieben Mädchen und Jungen aus Coswig haben - ausgehend von Informationen aus dem Stadtarchiv und von Grabsteininschriften auf dem jüdischen Friedhof - Nachforschungen über jüdische Bürger und weitere Coswiger angestellt, die während des Zweiten Weltkrieges Opfer des Nationalsozialismus wurden. Bei ihren Recherchen stießen sie auf den ehemaligen Besitzer des Korksteinwerkes, Heinz Rheinhold, und stellten den Antrag auf einen Stolperstein beim Stadtrat.
In Anhalt gibt es Stolpersteine in Ballenstedt, Bernburg, Köthen, Dessau, Zerbst und Coswig, nachzulesen im Buch 'Jüdisches Leben in Anhalt', 3.Auflage 2024"   
 
November 2017: Gedenken auf dem jüdischen Friedhof   
Artikel von Ilka Hilger in der "Mitteldeutschen Zeitung" vom 10. November 1917: "Gedenken in Coswig: An jüdische Familien wird erinnert
Coswig - 'Dieses Gedenken muss fürs uns Demokraten eine bleibende Verantwortung bleiben', sagte Coswigs Bürgermeister Axel Clauß am Donnerstagnachmittag auf dem jüdischen Friedhof der Stadt. Hier, wie auch am Mahnmal an der Wittenberger Stadtkirche und an der Gedenkstätte am Jüdischen Friedhof in Wörlitz fanden Gedenkveranstaltungen in Erinnerung an die Pogromnacht vor 79 Jahren statt. Am 9. November 1938 wurden unter Federführung der Nationalsozialisten deutschlandweit Juden getötet, verletzt und verschleppt, Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und Einrichtungen verwüstet.
Der jüdische Friedhof in Coswig selbst weist in der Heidestraße nur noch drei verwitterte Grabsteine auf. Entziffern lassen sich die Inschriften Blumenthal und Steinthal. Die Familiengeschichten hinter diesen Namen haben bereits vor einigen Jahren Schüler des Piesteritzer Lucas-Cranach-Gymnasiums recherchiert. Im Konzentrationslager Auschwitz wurde am 13. April 1943 Ernst Blumenthal ermordet.
Heinz Reinhold, Besitzer des Korksteinwerkes, wurde wegen Rassenschande ins Zuchthaus gesperrt, und 1942 der Gestapo überstellt. Danach verlor sich seine Spur. Zu jüdischen Bürgern, die einst in Coswig lebten, gehörte auch die Familie des Textilhändlers Friedländer und von Max Märker, der ein Bekleidungsgeschäft in der Friedrikenstraße 17 führte. Das Geschäft wurde in der Pogromnacht geplündert und zerstört. Das Projekt der Gymnasiasten war Ausgangspunkt für die Verlegung von Coswigs einzigen innerstädtischen Stolpersteinen 2013 in der Berliner Straße 4. Dort befand sich das Wohnhaus der Familie Rheinhold. Mit den Stolpersteinen wird in ganz Deutschland unter anderem an die Vertreibung und Vernichtung von Juden erinnert."   
Link zum Artikel  
 
Hinweis: zu weiteren Gedenkstunden der vergangenen Jahre finden sich Artikel in Ausgaben des Amtsblattes der Stadt Coswig (Anhalt; "Elbe-Fläming-Kurier), zugänglich über die Website der Stadt (s.u.) 

  

Links und Literatur   

Links:  

bulletWebsite der Stadt Coswig/Anhalt mit Seiten u.a. zu Hermann Cohen https://www.coswigonline.de/de/coswiger-koepfe/hermann-cohen-2.html  Stolpersteine https://www.coswigonline.de/de/coswiger-koepfe/stolpersteine-in-der-berliner-str-4-familie-rheinhold.html und über Suchfunktion zu Gedenkveranstaltungen usw.   
bulletWikipedia-Artikel  https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdischer_Friedhof_Coswig_(Anhalt)      
bulletSeite zum Friedhof in der Website des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt K.d.ö.R. https://lv-sachsen-anhalt.de/coswig-anhalt/ 
bulletHinweis: Im Jüdischen Museum Frankfurt am Main gibt es Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Mitteldeutschland, darunter 
PSR B029 Coswig, Sachsen-Anhalt (Kreis Zerbst)  Sterberegister von etwa 1800-1870  52 Aufnahmen
PSR B030 Coswig, Sachsen-Anhalt (Kreis Zerbst)  Geborene 1828-1868  Copulierte 1831-1865  Gestorbene 1828-1868  39 Aufnahmen 

Literatur:  

bulletZeugnisse jüdischer Kultur S. 170-171. 
bullet Brocke/Ruthenberg/Schulenburg S. 285-286. 
  
   

                   
vorheriger Friedhof     zum ersten Friedhof    nächster Friedhof
diese Links sind noch nicht aktiviert  

            

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 06. Oktober 2024