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Friedhöfe in der Region"
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Friedhöfe in Sachsen-Anhalt"
Coswig (Anhalt) (Kreis
Wittenberg)
Jüdischer Friedhof / Jüdische Geschichte
mit einigen
Texten
aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts zur jüdischen Geschichte in
Coswig
Übersicht:
Zur Geschichte des
jüdischen Friedhofes in Coswig
Fürst Friedrich August von Zerbst erlaubte im Jahre 1774 die Ansiedlung von
Juden in den Städten Zerbst und Coswig und auch in dem Dorf
Großmühlingen.
Der jüdische Friedhof in Coswig wurde im Jahr 1800
angelegt (vgl. Artikel
von 1925). Entsprechend beginnt auch das erste Sterberegister mit einer
Beisetzung im Jahr 1800. 1843 wurde eine
Friedhofshalle (Taharahaus) erbaut.
Der Friedhof wurde in der NS-Zeit 1938 bis 1940 zerstört und eingeebnet. Die
Grabsteine wurden an örtliche Steinmetzen verkauft.
Nach 1945 wurde das Grundstück des Friedhofes als Gedenkort hergerichtet.
Eine Hinweistafel ist
seit DDR-Zeiten vorhanden (siehe Foto unten). Das Grundstück wird von der Stadt gepflegt.
Der Friedhof steht unter Denkmalschutz. Es sind nur noch drei Grabsteine
erhalten, zwei davon für Mitglieder der Familien Steinthal und Blumenthal.
Lage des Friedhofes
Der Friedhof liegt östlich der Stadt beim städtischen Friedhof
(Heidestraße/Wittenberger Straße), an der Heidestraße (Heidestraße 20/22).
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Lage des (jüdischen) Friedhofes
in Coswig auf dem dortigen Stadtplan: links anklicken
und über das
Verzeichnis der "Behörden und öffentl. Einrichtungen" zu
"Friedhof, Coswig".
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Link zu den Google-Maps:
Fotos
(Fotos: Stefan Haas, Aufnahmen vom November 2025; vgl.
https://www.blitzlichtkabinett.de/friedhöfe/friedhöfe-in-sachsen-anhalt/)
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| Eingangstor |
Davidstern des
Eingangstores |
Blick über den in der
NS-Zeit zerstörten Friedhof |
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Die erhaltenen
Grabsteine mit der Hinweistafel (links unten): "Jüdischer Friedhof Coswig.
Durch Naziterror zerstört.
Von der Deutschen Demokratischen Republik wieder würdig hergestellt." |
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Hinweistafel
mit Text (s.o.) |
Grabstein
für "Eduard Steinthal, Herzoglicher Commissionsrath, geb. 10.
Dezember 1824, gest. 20. Juli 1897, und Emma Steinthal geb. Rosenberg,
geb. 5. November 1836, gest. 4. April 1898" |
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Hebräische Inschrift des
Grabsteines Steinthal für "Jechiel ben Israel" und "Ester bat Elieser"
(religiöse Namen des Ehepaares Steinthal) |
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Texte zur jüdischen Geschichte in Coswig aus jüdischen Periodika des
19./20. Jahrhunderts
Allgemeine Artikel
Über das jüdische Leben in Coswig als Heimat von Hermann
Cohen (1918)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Mai 1918: "Aus Hermann
Cohens Heimat.
Von Sanitätsrat Dr. Steinthal. Zwischen Wittenberg, der Wirkungsstätte
Martin Luthers, und dem Geburtsort Moses Mendelssohns, Dessau, ungefähr
gleich weit von beiden entfernt liegt an der Elbe Strand das Städtchen
Coswig in Anhalt, in welchem Cohen am 4. Juli 1842 geboren wurde. Coswig
gehörte bis zum Jahre 1863 zum Herzogtum Anhalt-Bernburg. Bis dahin gab es
nämlich drei anhaltische Herzogtümer: Dessau, Cöthen, Bernburg. Die letzten
beiden Linien waren ziemlich frühzeitig ausgestorben, nachdem die Fürsten
von Zerbst, eine vierte Linie, aus welcher die berühmte Kaiserin Katharina
von Rußland hervorgegangen war, schon viel früher aus Mangel an
Nachkommenschaft der Vergessenheit anheimgefallen waren. Die letzten
Sprossen dieser Zerbster Fürsten, zwei Prinzessinnen, bewohnten am Anfang
des vorigen Jahrhunderts das Schloss zu Coswig und hielten mit den dortigen
Juden gute Nachbarschaft. So ließen sie, als im Hause eines derselben eine
Feuersbrunst ausgebrochen war, die Sabbatleuchter und andere wertvolle Dinge
abholen, damit sie nicht verbrennen sollten. Diese Prinzessinnen bildeten in
ihrer Judenfreundlichkeit keine Ausnahme unter den anhaltischen
Fürstengeschlechtern. Im Gegenteil, alle Fürsten standen dort auf gutem Fuße
mit ihren Juden, für die sie wie für die anderen Untertanen väterlich
sorgten. So hat der Herzog Franz, der Schöpfer des weltberühmten Parkes
Wörlitz, den man von Coswig aus in einer knappen Wegstunde erreicht, mitten
im Park eine stilvolle Synagoge errichtet, die leider heute unbenutzt
dasteht, weil auch die Juden in Wörlitz von der Landflucht gepackt wurden
und in die großen Städte verzogen.
Diese fürstliche Freundlichkeit den Juden gegenüber war aber eine rein
persönliche, keine sozusagen staatsrechtliche. Denn jede anhaltische
Regierung der drei Herzogtümer wachte streng darüber, dass ihre
'Schutzjuden' nicht über die Grenze schielten. So war z.B. nicht erlaubt,
dass ein Jude aus Gröbzig, das zu Anhalt-Cöthen gehörte, sich in Coswig (Anhalt-Bernburg)
niederließ. Und als der Fall eintrat, dass ein junger Mann aus Gröbzig sich
in die einzige Tochter eines Coswiger Juden verliebte und in dessen Geschäft
hineinheiraten wollte, verweigerte die Bernburger Regierung lange die
Genehmigung, die schließlich erst vom Herzog erteilt wurde, als der Coswiger
Arzt ein Attest ausstellte, dass die verliebte Jungfrau E.H. gemütskrank
werden würde, wenn sie den jungen J.St. aus Gröbzig nicht heiraten dürfte.
Von Wörlitz gelangt man in einer zweiten Wegstunde nach Oranienbaum, einem
bescheidenen Residenzstädtchen der Dessauer Fürsten. Hier wurde Hermann
Cohens Mutter geboren, hier amtierte sein Vater zehn Jahre als Lehrer, hier
wurde das Ehebündnis zwischen beiden geschlossen, welches nach zwölfjährigem
Bestehen durch die Geburt des einzig gebliebenen Kindes gesegnet wurde.
Der Vater war von Fraustadt nach Anhalt gekommen, hatte eine Jeschiwah
besucht und war in profanen Wissenschaften ein Autodidakt. Er hatte diese
aber so gründlich betrieben, dass er französischen Unterricht ebensogut
erteilte wie hebräischen, und deutschen, dass er le guide des égarés ebenso
flott las wie den More newuchi (Das Hauptwerk des Maimonides). Cohens Vater
war geradezu ein pädagogisches Genie. Seine Schüler und Schülerinnen, welche
zwei Generationen umfassten, liebten ihn und freuten sich von einer
Unterrichtsstunde auf die andere. Sie schloss sich im Sommer, wo der
Schulunterricht von 7 bis 11 Uhr dauerte, unmittelbar an diesen in dem
Gemeindehause, das auch Cohens Geburtshaus war, an. Die Schüler waren nie zu
müde, die Temperatur war nie zu hoch für eine fünfte Stunde. Dass hier alle
etwas lernten, kann nicht Erstaunen erregen. Selbst die Unbegabten konnten,
wenn sie mit vierzehn Jahren die Schule verließen, die wichtigsten Gebete
übersetzen. Die anderen übersetzten den Pentateuch, einige andere biblische
Bücher, einige bevorzugte Bibelerklärungen, Schulchan aruch usw. und der
Schreiber dieser Zeilen durfte als Belohnung für besonderen Fleiß den
Robinson Crusoe hebräisch lesen. Die Schülerinnen mussten die
Offenbarungsgeschichte aus dem 2. Buch Mose übersetzen lernen. Alle ohne
Ausnahme lernten hebräische Grammatik vom Anfang des Unterrichts an, was den
Unterricht ganz besonders interessant gestaltete. Man lernte die
unregelmäßigen Zeitwörter so selbstverständlich wie die französischen und
später die griechischen. Der Lehrer legte das Hauptgewicht darauf, dass der
Schüler in jedem Worte die Wurzel erkannte.
Gerson Cohen, der Vater des großen Philosophen, lehrte aber nicht nur
fleißig, sondern er 'lernte' noch viel mehr. Wenn man ihn nicht in einem
großen Folianten vertieft fand, so war er mit einem deutschen Klassiker oder
einem natur |
wissenschaftlichen
Buche 'beschäftigt. Er war in politischer Beziehung Demokrat, las die
'Berliner Volkszeitung', die 'Waage' von Guido Weiß. Er war aber auch
Sozialist: Sein Dienstmädchen musste am Familientische die Mahlzeiten mit
einnehmen. Endlich war er Patriot. Im Jahre 1870 ging er trotz seiner großen
Frömmigkeit an dem bei Beginn des Krieges abgehaltenen Bettag in die
evangelische Kirche, da für die nur noch wenigen jüdischen Familien in der
Synagoge kein Gottesdienst abgehalten werden konnte. Er war in der Stadt
hoch angesehen, wurde von den christlichen Lehrern und Geistlichen als
Kollege angesprochen und war wegen seines tiefen Wissens von ihnen sehr
geschätzt. Als er 1876 zum Sohne nach Marburg zog, wollten ihn die
Stadtverordneten zum Ehrenbürger ernennen; ein einziges Mitglied der
Versammlung stimmte dagegen, ein Mann, dessen Sohn beim Studium Schiffbruch
gelitten hatte und der es nicht verwinden konnte, dass des anderen Sohn von
Stufe zu Stufe stieg.
Als Vorbeter wirkte der alte Cohen ergreifend auf die Gemüter seiner
Gemeinde, sein Gesang war ohne Schnörkel, seine Aussprache deutlich, er
hetzte nicht beim Gottesdienst, jeder konnte folgen, er stand vor Gott wie
ein wahrer 'Abgesandter der Gemeinde'.
Der regelmäßige Sabbatgottesdienst in der hübschen, im Jahre 1800 erbauten
und 1843 erneuerten Synagoge zu Coswig hörte in der Mitte der
sechziger Jahre auf, das Minjan war knapper und knapper geworden, war selbst
bei Jahrzeiten nicht mehr zu beschaffen; zu den hohen Feiertagen mussten
Minjanleute von auswärts verschrieben werden. Da brachte der
Deutsch-Französische Krieg noch einmal Leben in unser altes Gotteshaus. Am
Bußsabbat des Jahres 1870 zogen von Wittenberg etwa 700 französische
Gefangene in das schon längst nicht mehr bewohnte Schloss zu Coswig, das
1866 als Lazarett benutzt war, ein. Unter ihnen war eine ganze Anzahl
Glaubensgenossen. Diesen wurde schon am bald folgenden Versöhnungstage
gestattet, in Begleitung eines deutschen Unteroffiziers die Synagoge zu
besuchen, und zum ersten Mal konnte nach langer Zeit wieder am
Laubhüttenfeste Gottesdienst abgehalten werden. Die wenigen
Gemeindemitglieder brauchten zur Jahrzeit nicht zu verreisen, um Kaddisch
sagen zu können. Selbstverständlich wurde den Gefangenen zu den Feiertagen
auch koscheres Essen nach dem Schloss geschickt. Später durften sie allein
ausgehen und Einladungen zu Tisch annehmen. Die zwanzig französischen
gefangenen Offiziere, die mitgekommen waren, hatten sich in der Stadt
möblierte Zimmer gemietet und waren in ihrer Bewegung vollkommen
unbehindert. Wie weit sind wir doch in der Kultur zurückgekommen!
Nach dem Kriege siedelten sich wieder in Wittenberg Juden an, wo es ihnen
jahrhundertelang verboten war zu wohnen. Sie kamen regelmäßig vor den beiden
Hauptfesten zur Teilnahme am Gottesdienst nach Coswig, sodass die kleine
Synagoge wieder gut besucht war.
Hermann Cohens Vater war inzwischen ins Greisenalter eingetreten, hatte
einige sehr schwere Krankheiten Überstunden und bedurfte der Schonung. Da
trat der Sohn zu seiner Unterstützung ein; zuerst übernahm er nur das
Mussaf-Gebet, zuletzt auch das Neilah-Gebet. Schachariß und Mincha hatte von
jeher ein anderer vorgebetet. Es wird wohl in der ganzen Welt keine jüdische
Gemeinde geben, die sich rühmen kann, diese herrlichsten aller Gebete von
einem ordentlichen Professor der Philosophie haben vortragen zu hören.
Hermann Cohen besaß neben seiner schönen Stimme und seinem angeborenen, aber
im Hause seiner Schwiegereltern noch verfeinerten musikalischen Gefühl eine
tiefe Religiosität. Er erlebte selbst die Versöhnung und ließ sie durch
seinen Vortrag seine Zuhörer miterleben.
Als ordentlicher Professor hat er freilich nur einmal dieses heilige Amt
verrichtet. Denn bald, nachdem er sein höchstes Ziel erreicht hatte, ließ er
den Vater zu sich nach Marburg übersiedeln. Die Würde des letzten hatte
keiner treffender charakterisiert als der bekannte Marburger Kliniker, der
Cohen befreundete Professor Mannkopf. Er sagte einmal: 'Wenn man von Ihrem
Vater gegrüßt wird, so ist das ein Gefühl, als ob man gesegnet wird.'
So mögen auch wir gesegnet sein, indem wir die Manen des Mannes noch
einmal grüßen, welchen Ludwig Geiger 'die Seele und das Gewissen des
Judentums' genannt hat." |
125-jähriges Bestehen der Synagoge in
Coswig (1925)
Anmerkung: am Standort der ehemaligen, 1939 abgerissenen Synagoge gibt es
seit 2001 eine Gedenktafel (Foto siehe unten)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 19. November 1925: "Coswig. (125jähriges
Bestehen der Synagoge.) Vor 125 Jahren im November weihten die Juden in
Coswig ihre im Jahre 1800 in der Domstraße daselbst erbaute Synagoge ein.
Bis dahin hatten sie ihre Feste in Wörlitz in dem 1787 durch den Fürsten
Franz erbauten, dicht am See gelegenen Tempel in Gemeinschaft mit den
Wörlitzer und Oranienbaumer Glaubensgenossen gefeiert. In der Domstraße
befand sich bis zum Jahre 1876 auch eine jüdische Schule, deren Leiter in
den Jahren 1845 bis 1876 der Vater des berühmten Kantforschers Professor
Hermann Cohen in Marburg (gest. 1918) war. Seit dem Jahre 1800 haben die
Juden, die seit 1777 in Coswig ansässig sind, auch ihren besonderen
Begräbnisplatz. 1788 zählte die israelitische Gemeinde 34 Köpfe, in den
Jahren 1830 bis 1860 60 bis 70. 1905 nur noch 12 Köpfe. Im Laufe der letzten
50 Jahre waren langjährige Vorstandsmitglieder der Gemeinde der
Tuchfabrikant Theodor Tobias, der Bankier Bernhard Blumenthal und der
Kaufmann Eduard Steinthal." |
Gedenktafel am Synagogenstandort (seit 2001; Foto aus Wikimedia commons)
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Aus dem Beitrag von Bernd G. Ulbrich: Die
Zerstörung der Synagogen in Anhalt, November 1938: "Die Synagoge in
Coswig, ein schlichter Fachwerkbau mit Walmdach, wurde im Jahre 1800 in der
Domstraße errichtet. Bei einem Umbau wurden 1904 zwei der Außenwände in
Massivbauweise ersetzt und ein Vorraum angefügt. Im Innenraum gab es im
Westteil eine von zwei Säulen getragene Frauenempore. Die Bima befand sich
zentral in der Mitte des Raumes, was auf die orthodoxe Ausrichtung der
Gemeinde hinwies. Hier wirkte als Kantor Gerson Cohen, der wegen seiner
Beliebtheit auch unter den nicht-jüdischen Einwohnern fast Ehrenbürger der
Stadt geworden wäre. Sein Sohn Hermann Cohen (1842-1918), einer der großen
deutsch-jüdischen Philosophen seiner Epoche, vertrat den Vater gelegentlich
beim Lesen der Tora. Die jüdische Gemeinde bestand nur aus wenigen Familien
– 1824 werden 11 Familien erwähnt -, maximal aus 60 bis 70 Personen. Zum
Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Gemeindemitglieder beständig ab.
1933 lebten, der anhaltischen Volkszählung vom 16. Juni d. J. zufolge, nur
noch neun Juden in der Stadt.
Im Novemberpogrom wurde in Coswig das Warenhaus von Max Maerker in der
Friederikenstraße, nachdem ein Jugendlicher das Schaufenster mit einer
Eisenstange eingeschlagen hatte, vollständig geplündert. Max Maerker soll
noch im gleichen Jahr verstorben, seine seitdem die Öffentlichkeit ängstlich
meidende Schwester soll 1939/40
verhaftet worden sein. Die Witwe Herta Heimann verzog aus Coswig, fand in
Berlin Unterschlupf und überlebte die NS-Zeit. Der wegen 'Rassenschande'
inhaftierte Heinz Rheinhold, Direktor der Coswiger Kieselgurwerke, wurde
1942 deportiert und umgebracht.
Der jüdische Friedhof des Ortes wurde 1938-1940 fast vollständig
zerstört; die Grabsteine wurden zerschlagen oder von ortsansässigen
Steinmetzen entwendet. Die bis etwa 1928 für Gottesdienste genutzte Synagoge
wurde im Pogrom verwüstet. Jugendliche versuchten, im Gebäude Heu und Stroh
anzuzünden, was jedoch nicht gelang. Die Eingangspforte zum Grundstück wurde
daraufhin mit einer Kette verschlossen. Das Gebäude wurde 1939 abgetragen,
nachdem die Coswiger Stadtverwaltung, nach Verhandlungen mit der
Israelitischen Kultusgemeinde in Dessau, das Grundstück übernommen hatte.
1950 wechselte das Grundstück, gemäß Befehl 82/1948 der Sowjetischen
Militäradministration in Deutschland, in den Besitz des Landesverbandes
jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt. Seit dem 4. Juli 2001, Hermann Cohens
Geburtstag, befindet sich an dieser Stelle eine Gedenktafel."
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Erinnerungen an den Philosoph Hermann Cohen
Vermächtnis von
Hermann Cohen an seine Geburtsstadt (1918)
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Gemeindebote" vom 30. August 1918: "Aus Coswig
wird geschrieben: Der im Frühjahr verstorbene Geh. Rat Professor Dr. Cohen,
der hier in einem Hause der Domstraße geboren ist und in Coswig die
Elementarschule besucht hat, hat der Stadt ein nach dem Tode seiner Gattin
auszuzahlendes Legat von 10.000 Mark ausgesetzt, dessen Zinsen als
Stipendien an studierende Kinder von Arbeitern oder Lehrern gezahlt werden
sollen." |
Am Geburtshaus von Hermann
Cohen wird eine Gedenkinschrift angebracht (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Aus alter und neuer Zeit" vom 14. Februar 1929: "AUS
ALLER WELT. Ehrung des Andenkens Hermann Cohens.
Das kleine anhaltinische Städtchen Coswig hat das Andenken seines großen
Sohnes Hermann Cohen dadurch geehrt, dass es an seinem Geburtshause
eine Gedenkinschrift anbringen ließ. Hermann Cohen, der große jüdische
Philosoph, der, fast 76 Jahre alt, 1918 starb, war bekanntlich der Begründer
des Neukantianismus, der sog. 'Marburger Schule'. Im Alter verfasste er ein
Bekenntniswerk: 'Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.'
Foto: Das Geburtshaus Hermann Cohens in Coswig mit der jüngst angebrachten
Gedenkinschrift." |
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Foto links aus Wikimedia Commons: Gedenktafel in der Domstraße an das Haus
von Familie Cohen mit der Inschrift: "Hermann COHEN, jüdischer Philosoph,
wurde hier am 4. Juli 1842 geboren. Seine Mutter war Friederike geb.
Salomon, sein Vater Gerson Cohen, Lehrer und Vorsänder der jüdischen
Gemeinde in Coswig. Das Geburtshaus Cohens wurde 1982 abgerissen. Die
Coswiger Synagoge stand ebenfalls hier in der Domstraße, dort wo heute die
Gedenktafel zu sehen ist. Sie wurde 1939 abgerissen.
Prof. Dr. Hermann Cohen lehrte an der Universität Marburg und gilt als
herausragender Vertreter des Neu-Kantianismus und des Ethischen Sozialismus
und damit als Begründer der 'Marburger Schule'." |
Im
Rathaussaal in Coswig wird mit einer Gedenktafel an Hermann Cohen erinnert
(1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Aus alter und neuer Zeit" vom 4. März 1930: "AUS
ALLER WELT.
Eine Hermann-Cohen-Plakette hat die Stadt Coswig im Anhalt schaffen und im
Sitzungssaal ihres Rathauses anbringen lassen. Das in Bronze ausgeführte
Kopfbild ist ein Werk des in Coswig lebenden Bildhauers Otto Illemann. Die
Plakette darf als ein Symbol dafür aufgefasst werden, dass der überragende
jüdische Philosoph auch mit seinen jüdischen Werken Menschheitswerte
geschaffen hat, auf welche die Welt seiner weiteren und engeren
nichtjüdischen Heimat stolz ist.
Foto: Hermann Cohen-Plakette mit Text: Hermann Cohen - Erneuerer der Idee im
Sinne Platons und Kants. Professor der Philosophie an der Universität
Marburg 1872-1912. Geb. 4.7.1842 in Coswig - Gest. 4.4.1918 in Berlin." |
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Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins" vom 11. Oktober 1929:
"Eine Ehrung für Hermann Cohen.
Das kleine Anhalt hat dem deutschen Judentum einige seiner größten Söhne
geschenkt. Kaum sind die Feiern, die der Freistaat Anhalt und die Vaterstadt
Dessau Moses Mendelssohn bereiteten, verklungen, da kommt wieder aus Anhalt
die Kunde von einer eindrucksvollen Feier, durch welche die Elbestadt Coswig
das Gedächtnis ihres Sohnes Hermann Cohen ehrte.
Hermann Cohen, der bekannte Kant-Forscher und Begründer der Marburger
Philosophenschule, wurde am 4. Juli 1842 in Coswig geboren. An seinem
Geburtshaus in der Domstraße hat die Stadt eine Inschrift anbringen lassen
und jetzt auch eine Gedenktafel im Rathaus eingeweiht. Die Enthüllung würde
von einer kleinen Gedächtnisfeier begleitet, in der Bürgermeister
Liethschmidt der Verdienste Hermann Cohens gedachte und besonders daran
erinnerte, dass er der Stadt Coswig ein Vermächtnis hinterlassen hatte, aus
dessen Erträgnis Zuwendungen an Arbeiter- und Lehrerkinder ohne Unterschied
der Konfession zu Studienzwecken erfolgen sollen. Weiter sprachen Professor
Lewandowski (Berlin), Professor Lewin als Mitglied der
Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die Cohens Bedeutung als
Forscher und Philosoph würdigten. Die stimmungsvolle Feier, an der außer dem
Magistrat und der Mehrzahl der Stadtverordneten ein großer Teil der
nichtjüdischen und jüdischen Bevölkerung teilgenommen hatten, endete mit
einem Dank des Bürgermeisters an alle Mitwirkenden und der Übernahme der
Gedenktafel in Obhut und Schutz der Stadt Coswig." |
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
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Dezember 2013:
Verlegung von Stolpersteinen in Coswig, Berliner Straße 4 vor dem letzten
Wohnort der Familie Rheinhold |
Bericht über die Stolperstein-Initiative in
Coswig in
https://www.coswigonline.de/de/coswiger-koepfe/stolpersteine-in-der-berliner-str-4-familie-rheinhold.html:
"Stolpersteine in der Berliner Str. 4, Familie Rheinhold - Zur Erinnerung an
die jüdische Familie Rheinhold in der Stadt Coswig (Anhalt)
Im Jahr 2012 erforschte eine Schülergruppe der Klasse 11c des
Lucas-Cranach-Gymnasiums der Lutherstadt-Wittenberg unter der Leitung der
Lehrerin, Frau Ruhmer das Leben der Juden in Coswig. Mit einem Vortrag und
einer Ausstellung wurden die Ergebnisse der Arbeit präsentiert, später dann
auch im Coswiger Museum und im Simonettihaus. Die Jugendlichen haben im
Ergebnis ihrer Forschungen dem Stadtrat vorgeschlagen, Stolpersteine für die
Familie Rheinhold in der Berliner Straße 4 zu verlegen. Der Stadtrat stimmte
dem zu, und die Stadtverwaltung nahm Kontakt auf zum Konzeptkünstler, Gunter
Demnig. Dieser ist der Urheber des Projektes Stolpersteine, die als
Mahnzeichen zu verstehen sind, mit denen an das Schicksal der Menschen
erinnert wird, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet, deportiert
oder vertrieben wurden.
Am 3. Dezember 2013 wurde für die in der Nazizeit aus Coswig vertriebene
Familie Rheinhold fünf Stolpersteine verlegt - vor ihrem letzten frei
gewählten Wohnort in der Berliner Str. 4.
Hier die Texte auf den Steinen:
Hier wohnte Heinz Rheinhold geb. 1894 1938 verhaftet und in
des Coswiger Zuchthaus eingeliefert 1942 – deportiert Richtung Osten und
ermordet
Hier wohnte Eva Reinhold (geb. Rüdenberg) nach Verhaftung des Gatten
nach England geflohen 1978 verstorben
Hier wohnte Peter Rheinhold geb. 1924 nach Verhaftung des Vaters nach
England geflohen – weiteres Schicksal unbekannt
Hier wohnte Marianne Rheinhold geb. 1926 nach Verhaftung des Vaters
nach England geflohen – weiteres Schicksal unbekannt
Hier wohnte Werner Rheinhold geb. 1935 nach Verhaftung des Vaters nach
England geflohen – weiteres Schicksal unbekannt
Der Künstler, Gunter Demnig hat in Coswig persönlich das Verlegen der
Stolpersteine vorgenommen. Dies wurde von der Bürgermeisterin, Frau Berlin,
und den Schülern der Klasse 11c des Lucas-Cranach-Gymnasiums auch inhaltlich
begleitet. Mit Kurzbiografien, Rezitationen und einer musikalischen
Begleitung umrahmen die Schüler diesen Festakt als Höhepunkt ihrer
Forschungsarbeit zur Geschichte der Zeit des Nationalsozialismus in Coswig
(Anhalt).
Familie Rheinhold: Heinz Rheinhold, geboren am 5. Juni 1894 in Celle,
übernahm nach einer Ausbildung zum Kaufmann das Korksteinwerk seiner Familie
in Coswig. Am 2. Februar 1938 wurde Rheinhold vom Landgericht Dessau zu fünf
Jahren Zuchthaus wegen 'Rassenschande' verurteilt und einen Monat später in
das Coswiger Zuchthaus eingeliefert. Im Juli 1942 wurde Rheinhold der
Gestapoleitstelle Magdeburg zugeführt, danach verliert sich seine Spur. Er
wurde später für tot erklärt. Den drei Kindern und ihre Mutter, Eva
Reinhold, gelang die Flucht aus Coswig. Sie kamen mit einem Kindertransport
nach England.
Die Schülergruppe von 2012: Die Initiative ist von Coswiger
Jugendlichen ausgegangen, die das Gymnasium in Wittenberg besuchten. Sieben
Mädchen und Jungen aus Coswig haben - ausgehend von Informationen aus dem
Stadtarchiv und von Grabsteininschriften auf dem jüdischen Friedhof -
Nachforschungen über jüdische Bürger und weitere Coswiger angestellt, die
während des Zweiten Weltkrieges Opfer des Nationalsozialismus wurden. Bei
ihren Recherchen stießen sie auf den ehemaligen Besitzer des
Korksteinwerkes, Heinz Rheinhold, und stellten den Antrag auf einen
Stolperstein beim Stadtrat.
In Anhalt gibt es Stolpersteine in Ballenstedt, Bernburg, Köthen, Dessau,
Zerbst und Coswig, nachzulesen im Buch 'Jüdisches Leben in Anhalt',
3.Auflage 2024" |
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November 2017:
Gedenken auf dem jüdischen
Friedhof |
Artikel von Ilka Hilger in der
"Mitteldeutschen Zeitung" vom 10. November 1917: "Gedenken in Coswig: An
jüdische Familien wird erinnert
Coswig - 'Dieses Gedenken muss fürs uns Demokraten eine bleibende
Verantwortung bleiben', sagte Coswigs Bürgermeister Axel Clauß am
Donnerstagnachmittag auf dem jüdischen Friedhof der Stadt. Hier, wie auch am
Mahnmal an der Wittenberger Stadtkirche und an der Gedenkstätte am Jüdischen
Friedhof in Wörlitz fanden Gedenkveranstaltungen in Erinnerung an die
Pogromnacht vor 79 Jahren statt. Am 9. November 1938 wurden unter
Federführung der Nationalsozialisten deutschlandweit Juden getötet, verletzt
und verschleppt, Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte und
Einrichtungen verwüstet.
Der jüdische Friedhof in Coswig selbst weist in der Heidestraße nur noch
drei verwitterte Grabsteine auf. Entziffern lassen sich die Inschriften
Blumenthal und Steinthal. Die Familiengeschichten hinter diesen Namen haben
bereits vor einigen Jahren Schüler des Piesteritzer Lucas-Cranach-Gymnasiums
recherchiert. Im Konzentrationslager Auschwitz wurde am 13. April 1943 Ernst
Blumenthal ermordet.
Heinz Reinhold, Besitzer des Korksteinwerkes, wurde wegen Rassenschande ins
Zuchthaus gesperrt, und 1942 der Gestapo überstellt. Danach verlor sich
seine Spur. Zu jüdischen Bürgern, die einst in Coswig lebten, gehörte auch
die Familie des Textilhändlers Friedländer und von Max Märker, der ein
Bekleidungsgeschäft in der Friedrikenstraße 17 führte. Das Geschäft wurde in
der Pogromnacht geplündert und zerstört. Das Projekt der Gymnasiasten war
Ausgangspunkt für die Verlegung von Coswigs einzigen innerstädtischen
Stolpersteinen 2013 in der Berliner Straße 4. Dort befand sich das Wohnhaus
der Familie Rheinhold. Mit den Stolpersteinen wird in ganz Deutschland unter
anderem an die Vertreibung und Vernichtung von Juden erinnert."
Link zum Artikel |
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| Hinweis: zu weiteren Gedenkstunden
der vergangenen Jahre finden sich Artikel in Ausgaben des Amtsblattes der
Stadt Coswig (Anhalt; "Elbe-Fläming-Kurier), zugänglich über die Website der
Stadt (s.u.) |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Zeugnisse jüdischer Kultur S. 170-171.
|
 | Brocke/Ruthenberg/Schulenburg
S. 285-286.
|

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